S. Reichardt: Faschistische Kampfbünde

Cover
Titel
Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA


Autor(en)
Reichardt, Sven
Erschienen
Umfang
814 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Tacke, Europäisches Hochschulinstitut

Sven Reichardt setzt sich ein hohes Ziel: Mit der Beantwortung der Frage, wie es in zwei so unterschiedlichen Ländern wie dem industriell entwickelten Kriegsverlierer Deutschland und dem agrarisch geprägten, aber siegreichen Italien zur Herausbildung ähnlicher faschistischer Kampfbünde wie der SA und dem Squadrismus kommen konnte, soll ein neues heuristisches Modell des Faschismus, ein neuer Begriff der faschistischen Bewegung entstehen. Sven Reichardt hält also am Faschismus als analytischer Kategorie (zumindest für die Bewegungsphase) fest, geht aber in seinen theoretischen Reflexionen und seinem methodischen Zugriff weit über die zumeist sozio-ökonomisch argumentierenden und allzu oft empirielosen früheren Faschismustheorien hinaus, indem er ihnen ein kulturgeschichtlich und –soziologisch argumentierendes Modell entgegensetzt.

Der Analyse einer faschistischen Ideologie setzt er die eines faschistischen Lebensstils entgegen; die sozialgeschichtlich argumentierende Frage nach den Trägerschichten erweitert er durch die Analyse der Wahrnehmung von Aufstiegshoffnungen und Abstiegsängsten bei den Mitglieder der faschistischen Bewegungen; die Frage nach den sozialen Ursachen von Gewalt verbindet er mit einer Phänomenologie der Gewalt, die sich mit der Form, Wahrnehmung, Funktion und dem Sinn von Gewalt auseinandersetzt. Kurz: Sven Reichardt strebt eine "praxeologische Analyse" an, die die Gemeinsamkeiten faschistischer Bewegungen an spezifisch politisch-kulturellen Verhaltens- und Handlungsmustern sowie mentalen Dispositionen festmacht. Im Zentrum steht die Frage nach der Rolle der Gewalt im aufsteigenden Faschismus. Gewalt wird dabei nicht als Mittel zum Zweck der Machtergreifung beschrieben, sondern als Inhalt des faschistischen Lebensstils selbst: Sie wird ästhetisiert und überhöht und zum lebensstilprägenden Selbstzweck faschistischer Bewegungen.

Systematisch vergleicht Sven Reichardt die Gewalt von Squadristen und SA in vier großen Kapiteln. Es würde zu weit führen, die einzelnen Ergebnisse des Vergleichs hier auszuführen, zumal Sven Reichardt ein ganzes Panorama von Analysen und Vergleichen entfaltet. Er beschäftigt sich, um nur einige Aspekte herauszugreifen, ebenso mit Gewaltstatistiken in beiden Ländern wie mit einer dichten Beschreibung der Gewaltpraktiken, konfrontiert sozialstatistische Analysen der Mitglieder der faschistischen Bewegungen mit generationellen Erfahrung junger Männer in der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft, verbindet die Analyse der polykratischen Beziehung zwischen Partei und Kampfbünden mit der Beschreibung des Alltagslebens in der Kampfgruppe; analysiert politische Haltungen und Einstellungen (Nationalismus, Feindbilder, Männlichkeitsbilder) auf dem Hintergrund des politischen Stils gewaltsamer Rituale, Symbole und Aktionsformen.

Neben Unterschieden in beiden Ländern, die sich vor allem auf die soziale, konfessionelle und räumliche Rekrutierung der Mitglieder sowie die Häufigkeit, Effizienz und die Opfer der Gewalt beziehen, stellt Reichardt fünf Merkmale heraus, die alle faschistischen Bewegungen gemeinsam und gleichzeitig aufzuweisen haben.

1. Wenn auch die Verherrlichung von Gewalt, die Vorstellung von Gewalt als erwünschte und legitime Art und Weise innerstaatlicher Politikführung nicht als alleinige Domäne faschistischer Kampfbünde beschrieben werden kann, so erscheint das Massenphänomen des alltäglichen und freiwilligen Lebens in der Gewalt als typisch faschistisch. 2. Faschistische Bewegungen entwickelten darüber hinaus keine stabilen bürokratischen Parteistrukturen, sondern waren geprägt durch eine nichtformalisierte, hochpersonalistische und bündische Organisationsform. 3. Sie beanspruchten das Monopol auf die männliche Jugend sowohl in ihrer Rekrutierungspraxis als auch in der Ästhetisierung von Dynamik, Energie und Männlichkeit als Ausdruck der Zukunftsträchtigkeit der Bewegung. 4. Die charismatische Form der Politik stand im direkten Zusammenhang mit einem ästhetische Formen betonenden und sakralisierten Politikstil. 5. Eindeutige programmatische Zielsetzungen wurden ebenso vermieden wie strikt durchgehaltene politische Strategien. Geeint wurden die Bewegungen vielmehr durch eine bestimmte politische Praxis, einem Kult des Willens und der Gewalt. "Gewalt als polyvalente Erscheinung faschistischer Bewegungen verlieh beiden Bewegungen ihr unverwechselbares Gepräge: inhaltlich in den politischen Haltungen, symbolisch im Propagandastil und der Parteiästhetik (etwa im Totenkult), organisatorisch in den paramilitärischen Kampfbünden, physisch bei den Parteiveranstaltungen und der alltäglichen ,Parteiarbeit' auf der Straße."

Die besondere Stärke dieser Studie liegt in ihrer konsequenten Anwendung des historischen Vergleichs. Erstens ist es Sven Reichardt gelungen, die Analyse der deutschen SA und der italienischen Squadristen einem systematischen Vergleich zu unterziehen. Schon allein das verdient angesichts der empirielosen und vergleichsarmen Faschismustheorien der letzten Jahrzehnte hervorgehoben zu werden: deutsch-italienische Faschismusvergleiche sind nach wie vor sehr selten. Zweitens hat er eine, wenn auch durch sozialgeschichtliche Analysen gestützte, durch und durch kulturgeschichtlich und -soziologisch argumentierende Perspektive eingenommen - das wiederum ist innerhalb der vergleichenden Geschichtsschreibung ein noch wenig beschrittener Pfad. Er widerlegt eindeutig die u.a. von seinem ,Doktorvater Jürgen Kocka formulierten Vorbehalte gegen einen kulturhistorisch argumentierenden Vergleich. Drittens ist es ihm gelungen, den "nationalen“ Vergleich auf unterschiedlichsten Ebenen anzusetzen und eine mikrohistorische Analyse von Bologneser Squadristen und eines Berliner SA-Sturmes durch den systematischen Bezug auf andere - teilweise auf Sekundärliteratur, teilweise auf eigene Recherchen gestützte – punktuelle Vergleiche zu generalisieren bzw. als lokale Besonderheit zu charakterisieren und damit vergleichbar zu machen. Viertens hat er die von ihm herausgearbeiteten Ähnlichkeiten zwischen den beiden von ihm untersuchten Kampfverbänden in Deutschland und Italien durch den kontrastierenden Vergleich zu kommunistischen und anderen nationalistischen Kampfverbänden, aber auch zu Jugendgangs, herausgearbeitet und damit das besondere der von ihm untersuchten Bewegungen aufgezeigt.

RezensentInnen müssen auch meckern, so daß zwei methodisch-theoretische Einwände erlaubt seien. Sven Reichardt folgt mit seinem Ansatz einer grundsätzlichen Unterscheidung, die Marc Bloch für die vergleichende Geschichtsschreibung formuliert hat. Der Vergleich könne entweder die Unterschiede und Ähnlichkeiten zweier Fälle herausarbeiten, die keinerlei Wechselbeziehungen unterlägen, oder aber die Wechselbeziehungen zwischen zwei in Kontakt zueinander stehenden Ländern analysieren. Sven Reichardt folgt dieser Unterscheidung, indem er feststellt, er müsse die Möglichkeit des Transfers zwischen den beiden Ländern grundsätzlich ausschließen können, um vergleichend arbeiten zu können. "Wenn die SA nämlich entscheidend durch den Squadrismus geprägt worden wäre, wäre ein systematischer Vergleich hinfällig." Er stellt zwar informelle Kontakte zwischen beiden Kampfbünden fest und betont den grundsätzlichen Vorbildcharakter des italienischen Faschismus für den Nationalsozialismus, schließt aber aufgrund der erst späten (formalen) Kontakte zwischen beiden Organisationen einen Einfluß Italiens auf Aufbau und Charakter der SA-Organisation aus. Abgesehen davon, daß Marc Bloch die empirischen Beispiele für seine Unterscheidung aus der Vormoderne entnommen hat und für das 20. Jahrhundert eine solch strikte Trennung noch weniger als für die Vormoderne zu rechtfertigen ist, argumentiert Sven Reichardt hier zu formal, geht es ihm doch gerade nicht nur um formale Organisationsformen, sondern um Einstellungen, Mentalitäten, symbolische Formen und Praktiken. Angesichts des - in seiner Studie selbst häufig zitierten - Blicks der Zeitgenossen auf das andere Land, hätte man sich eine stärkere Berücksichtigung von Wechselbeziehungen zwischen den beiden faschistischen Bewegungen, weniger im Sinne eines "Italia docet", sondern einer Beobachtung von Praktiken und symbolischen Formen aufgrund der großen Ausstrahlungskraft und Faszination auf die Zeitgenossen, gewünscht. Daß diese Forderung methodisch nicht einfach umzusetzen ist, sei zugegeben, aber die apriorische Feststellung der Ausschließlichkeit der beiden Verfahren - des Vergleichs im engeren Sinne und des Kulturtransfers - geht an der Wirkung einer symbolischen Sprache vorbei, die bereits vor dem 1. Weltkrieg europaweit rezipiert, gegenseitig beobachtet und übernommen worden ist. Es gibt keinen plausiblen Grund, warum die beiden von Bloch als unterschiedliche methodische Zugriffsweisen beschriebenen Formen des Vergleichs nicht miteinander kombiniert werden sollten, sondern es spricht viel für das Gegenteil. Erstens kann man den Einfluß eines Landes auf das andere, zumal wenn es sich um einen diachronen Vergleich wie in diesem Fall handelt, nicht wie in Laborbedingungen einfach ausschalten und zweitens ist anzunehmen, daß kein kultureller Transfer in der reinen Übernahme fremder kultureller Güter besteht, sondern immer mit einer spezifischen Adaption an bestehende Verhältnisse verbunden ist, somit die Herausarbeitung von Ähnlichkeiten und Unterschieden nach wie vor Sinn macht.

Der zweite Einwand berührt ein bereits häufig im Hinblick auf übergreifende Faschismustheorien diskutiertes Problem, daß dadurch jedoch nicht weniger brennend geworden ist. Es geht um die Rolle des Antisemitismus in der faschistischen Bewegung. Zwar hat es im italienischen Faschismus auch ein autochtones Potential des Antisemitismus und einen sich gegen die slawischen Minderheiten und die Kolonialbevölkerung gerichteter genuin italienischen Rassismus gegeben (und das heutige Wissen um den italienischen Rassismus verdanken wir sicherlich zu einem Großteil faschismustheoretisch argumentierenden Ansätzen), jedoch ist der deutsche Einfluß auf die spätere Judenverfolgung in Italien nicht wegzudenken. Sven Reichardt geht diesem Problem keineswegs aus dem Weg; er formuliert deutlich die Unterschiede zwischen der deutschen und der italienischen faschistischen Bewegung im Hinblick auf die antisemitische Grundeinstellung der deutschen SA-Mitglieder, für die der Antisemitismus ein für den inneren Zusammenhalt wesentlicher Faktor war, während es im Squadrismus zwar rassistische Ressentiments und Übergriffe gab, die jedoch weitgehend auf die nordöstlichen Grenzgebiete und gegen die slawische Minderheit begrenzt waren. So formuliert er im Anschluß an ein Kapitel, daß sich mit diesem Unterschied beschäftigt, daß es jeder faschismustheoretischen Interpretation des Nationalsozialismus schwer falle, den nationalsozialistischen Antisemitismus in angemessener Art und Weise in den Interpretationsrahmen einzuarbeiten, "denn der Antisemitismus setzt den Ähnlichkeiten zum Squadrismus eine klare Grenze". Wenn Sven Reichardt jedoch die fünf von ihm als typisch für faschistische Bewegungen herausgearbeiteten Merkmale diskutiert, wird zwar im Vorgriff noch einmal der Unterschied benannt ("Drittens fehlte dem Squadrismus der antisemitische Grundton der SA"), ansonsten die selbst formulierten Bedenken jedoch stillschweigend übergangen. In seinem Merkmalkatalog faschistischer Bewegungen kommen Rassismus und Antisemitismus nicht mehr vor. Als Gegner erscheint nur noch der (zugegebenermaßen in dieser Phase dominierende) politische Gegner. Auch wenn Sven Reichardt den Anspruch, übergreifende Merkmale faschistischer Bewegungen formulieren zu können, auf die Bewegungsphase begrenzt, bleibt die alte Frage bestehen, inwieweit allgemeine Faschismustheorien, die immer besonders die Ähnlichkeiten zwischen den Bewegungen hervorheben, dem spezifisch deutschen Phänomen des Antisemitismus gerecht werden können. Gerade im Hinblick auf eine kulturhistorisch argumentierende Studie, der es in besonderem Maße um Einstellungen, Mentalitäten und Handlungsweisen geht, wird diese Frage noch brennender. Dieser Einwand spricht nicht gegen einen Vergleich, vielleicht aber gegen die Formulierung übergreifender Faschismustheorien, die vor allem auf die Ähnlichkeiten zwischen den faschistischen Bewegungen abheben.

Die formulierten Einwände sollen jedoch in keiner Weise den Verdienst dieser Studie verringern, der vor allem in einem ausgesprochen breiten und facettenreichen, kulturhistorisch argumentierenden Vergleich zwischen Deutschland und Italien liegt. Der Zugriff, den Vergleich auf die Ebene von Handlungen und symbolischen Ausdrucksformen zu verlagern, wird hoffentlich weitere empirische Vergleiche mit anderen ,faschistischen' Bewegungen in Europa der Zwischenkriegszeit anregen. Trotz des Umfangs von über 800 Seiten - es handelt sich um eine gekürzte Dissertation - wird konzis und dicht argumentiert. Die Lektüre des Buches lohnt sich nicht nur für diejenigen, die sich für eine kulturgeschichtlich argumentierende Analyse von Faschismus und Nationalsozialismus interessieren, sondern vor allem auch für diejenigen, die neue methodische Wege für den Vergleich suchen. Sven Reichardt hat den "Königsweg" souverän beschritten. Complimenti!

Zitation
Charlotte Tacke: Rezension zu: Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. Köln 2002 , in: H-Soz-Kult, 19.11.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1416>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.11.2002
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Region
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation