H.-J. Rupieper (Hg.): Beiträge zur Gesch. der Martin-Luther-Universität

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Titel
Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität 1502-2002.


Hrsg. v.
Rupieper, Hermann-J.
Erschienen
Umfang
696 S.
Preis
€ 27,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Rasche, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Was wäre die Universitätsgeschichtsforschung ohne die Jubiläen? Rechnete man all das im Zuge von Universitätsfesten und Jubiläen entstandene Schrifttum ab, dann stünde so manche Universität ohne übergreifende Gesamtdarstellung da, so manche Edition wäre unterblieben und ein guter Teil der Forschung niemals finanziert worden. Nun hat freilich die Jubiläumsliteratur so ihre Tücken, muss sie doch den Spagat zwischen erinnernder und leicht zu Verklärung neigender Sinnstiftung auf der einen und ganz der Sache verpflichteter wissenschaftlicher Forschung auf der anderen Seite bewältigen, deren nüchterne Resultate bisweilen wenig Anlass zum Feiern geben.[1] Beispiele dafür, dass das eine das andere zugedeckt hat, gibt es zuhauf, und die erste Anmerkung zu dem hier zu besprechenden Sammelband muss deshalb sein, dass die Beiträger dieser Gefahr nicht erlegen sind. Das Jubiläum hat hier nur Anlass und äußere Voraussetzungen für einen Aufriss aktueller Forschungen zur Wittenberger bzw. Hallenser Universitätsgeschichte geschaffen, von denen ein Teil wohl überhaupt nur wegen des Jubiläums möglich gewesen ist. Insofern handelt es sich also um Jubiläumsliteratur im denkbar besten Sinne - jedenfalls wenn man diese aus dem Blickwinkel der Forschung betrachtet, und das ist ja wohl für eine solche Rezension zunächst der einzig mögliche.

Ein mittelschweres Unbehagen regt sich freilich doch. Seinem Gesamtkonzept nach zollt nämlich auch der vorliegende Band der verklärenden Tendenz der Jubiläumsliteratur ihren Tribut, denn eine fünfhundertjährige Geschichte der „Martin-Luther-Universität 1502-2002“ – wie es der Buchtitel verheißt - gibt es gar nicht. Die Universität Halle, die seit 1933 jenen Namen trägt, ist eine 1694 inaugurierte brandenburgisch-kurfürstliche Universität. Wittenberg ist 1502 von Friedrich dem Weisen gegründet worden, war zunächst ernestinische und nach 1547 neben Leipzig albertinische Landesuniversität des Kurfürstentums Sachsen. Bis die Wittenberger Universität nach dem Wiener Kongress preußisch wurde und 1817 mit Teilen ihres Besitzes und ihres Personals der preußischen Universität in Halle zugeschlagen wurde [2], die dann bis 1930 unter dem Namen „Vereinigte Friedrichs-Universität zu Halle“ firmierte, bestanden beide Universitäten vollkommen unabhängig voneinander. Bis 1817 gibt es also keine gemeinsame Geschichte, sondern nur eine Geschichte der sächsischen Universität Wittenberg (1502-1815) und eine Geschichte der brandenburgischen bzw. preußischen Universität Halle (1694-1817). Dies auseinander zu halten fiel schon dem 19. Jahrhundert schwer, jedenfalls wenn es ans Feiern ging.[3] Allzu verlockend war es und ist es in Halle anscheinend heute noch, der an sich schon illustren Galerie Hallenser Geistesgrößen auch noch Luther und Melanchthon einzureihen, die Hallenser Universitätsgeschichte um rund 200 Jahre zu verlängern und so die Wittenberger Geschichte für die eigene Identitätspflege zu vereinnahmen. Die große Landesaustellung „Emporium“ in Halle 2002 hat die Fiktion von „500 Jahre Universität Halle-Wittenberg“ noch einmal nachhaltig dem öffentlichen Gedächtnis eingeschärft. Die Zusammenlegung der beiden Universitäten im Jahr 1817 habe – so der Rektor im Vorwort des prächtigen Ausstellungskatalogs - „eine neue, gemeinsame akademische Tradition begründet“ und „die Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich der Gründung der Leucorea“ seien „zum festen Bestandteil der universitären Erinnerungskultur“ geworden.[4]

Seinem Inhalt nach tut sich der Sammelband, den sinnigerweise Friedrich der Weise und Wittenberger Lutherdenkmal auf dem Buchdeckel zieren, freilich schwer damit, diesem traditionellen Hallenser Jubiläumskonstrukt gerecht zu werden. Von den insgesamt 30 Beiträgen sind unter der ersten Abschnittsüberschrift „Die Universität Wittenberg“ ganze drei Beiträge dieser bedeutendsten deutschen Universität des 16. und 17. Jahrhunderts gewidmet, an der Verfassung und Bildungsprogramm der protestantischen Universität entwickelt wurden. [5] Nicht nur jubilierendes, sondern auch forschendes Erinnern ist eben für gewöhnlich dem Bestehenden verpflichtet, und die Wittenberger Universität besteht nun einmal nicht mehr. In dem zweiten Abschnitt „Institute“ (acht Beiträge) und in dem dritten Abschnitt „Wissenschaftsentwicklung“ (fünf Beiträge) kommt Wittenberg in zwei Aufsätzen wenigstens noch am Rande vor, während in „IV. Studentenschaft“ mit drei Beiträgen zum 19. und 20. Jahrhundert die Existenz einer Wittenberger Studentenschaft schlichtweg unterschlagen wird. Man darf hier vielleicht daran erinnern, dass Wittenberg nach der an den Studentenzahlen orientierten Rangliste der deutschen Universitäten [6] von 1502 bis zur Gründung Halles 1694 mit rund 78510 Immatrikulationen nach Leipzig (92114 Immatrikulationen) den zweiten Platz einnahm. Im 16. Jahrhundert war Wittenberg sogar die größte deutsche Universität (42079 Immatrikulationen; Leipzig 1502-1600 = 36605 Immatrikulationen). Halle selbst hat im 18. Jahrhundert die Führungsposition innegehabt.[7] Aber auch das erfährt man in diesem Band nicht, der sonst noch mit den logischerweise ganz auf Halle beschränkten Abschnitten „V. Weimarer Republik/Nationalsozialismus“ (fünf Beiträge) und „VI. SBZ/DDR“ (sechs Beiträge) aufwartet.

Nun ist es natürlich ziemlich ungerecht, einem solchen Sammelband fehlende Ausgewogenheit vorzuwerfen. Die Studentengeschichte ist dafür vielleicht bloß das schlagendste Beispiel. Die „Rektoratskommission für das Universitätsjubiläum“ und der für den Band federführende Herausgeber hatten aber vermutlich nur begrenzt die Möglichkeit, die Forschungsaktivitäten im Vorfeld so zu koordinieren, dass am Ende in Form von Einzelbeiträgen ein ausgewogenes Gesamtbild über 500 Jahre Universitätsgeschichte (die Geschichte zweier Universitäten!) entstehen konnte. Dass man sich dafür entschieden hat, den Realitäten ins Auge zu schauen und statt einer neuen Gesamtdarstellung fundierten Fallstudien den Vorzug zu geben, ist unter diesen Umständen verständlich und richtig. Es liegt kein Nutzen darin, wenn bestehende Lücken durch eine seichte Aufbereitung von überholten, aber eben noch nicht ersetzten älteren Ansichten kaschiert werden. Auch dafür gibt es ja Beispiele zuhauf. Wie oft bei dergleichen Sammelbänden musste also wohl genommen werden, was da ist, und das kann sich durchaus sehen lassen.

Hier zunächst ein stichwortartiger Inhaltsüberblick: Melanchthon und die akademische Medizin (J. Helm) - Johann August von Ponickau (1718-1802) und seine Bibliothek (W. Müller) - Vereinigung von Halle und Wittenberg 1815-1817 (H. Kathe) - Gründung philologischer Seminare 1875 (M. Meumann) – Staats- und Wirtschaftswissenschaften ca. 1850-1940 (P. Hertner) – Leichenversorgung des Anatomischen Instituts im 19./20. Jahrhundert (M. Viebig) – Germanistik 1502-1945 (M. Lemmer) – Institut für Zeitungswesen 1926-1945 (P. Groos) – Institut für Sportwissenschaften (T. Austermühle) – Alte Geschichte im 20. Jahrhundert (B. Meißner) – Chemie im ausgehenden 18. Jahrhundert (M. Seils) – Halle im Spiegel der Korrespondenz von Leonhard Euler (1707-1783) (A. Kleinert) – Johann Joachim Winckelmann in Halle (H. Dilly) – Mittelalterliche Geschichte vom 16. bis 20. Jahrhundert (W. Zöllner) – Leopold Zunz und die Wissenschaft des Judentums (G. Veltri) – Corps im Kaiserreich (T. Lehmann) – Hallenser „Neuborussia“, studentisches Fechten und staatliches Mensurverbot 1849-1936 (J. Kloosterhuis) – Russische Studenten, „Klinikerstreit“ und „akademische Ausländerfrage“ vor dem 1. Weltkrieg (H. R. Peter, A. de Boor, M. Klotzsche) – Reichsgründungsfeiern an der Universität in der Weimarer Republik (J. Gerber) – Hans Herzfeld als Historiker in Halle 1920-1938 (H.-J. Rupieper) – Ehrenmitglieder und Ehrensenatoren 1920-1945 (H.-D. Zimmermann) – Johannes Weigelt (1890-1948) als „Führerrektor“ (H. Eberle) – Mitwirkung hallescher Mediziner an der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1939-1945 (F. Hirschinger) – Entnazifizierung und Elitenaustausch 1945-1948 (D. Bohse, H. Eberle) – Entnazifizierung an der theologischen Fakultät 1945-1950 (F. Stengel) – 17. Juni 1753 (H.-P. Löhn) – Verfolgung von Günter Mühlpfordt durch das Ulbricht-Regime (V. Erdmann) – „Politisch-operative Absicherung“ durch das Ministerium für Staatssicherheit (S. Reichert) – Naturwissenschaftliche Forschung in der politisch- operativen Sicherung durch das Ministerium für Staatssicherheit in den achtziger Jahren (E. Schrödter).

Ohne das übrige abzustufen, sei weniges resümierend herausgehoben. Nachhaltigeren Eindruck beim Rezensenten hinterließ etwa Heinz Kathes sorgfältige Untersuchung der Zusammenlegung von Wittenberg und Halle 1815-1817, die nicht nur grundlegend für die angemessene Beurteilung Hallenser Universitätsidentität ist, sondern eben auch einen wichtigen Baustein für das Verständnis der epochalen Umbrüche in der deutschen Universitätslandschaft um 1800 liefert. Der Aufsatz von Markus Meumann über die Gründung der vier historisch-philologischen Seminare in Halle 1875 (Germanistik, Romanistik, Anglistik, Geschichte) demonstriert beispielhaft, wie fruchtbar und notwendig die vergleichende Betrachtung ist. Vielleicht lässt sich im Umkehrschluss sogar sagen, dass solche Untersuchungen zum Modernisierungsprozess der deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert wohl scheitern würden, wenn nicht der Bezug zu preußischer Universitätspolitik hergestellt wurde. Jürgen Kloosterhuis gelingt es in seiner Studie über die Rolle der Mensur am Beispiel der Hallenser Neuborussia 1849-1936, die für korporationsgeschichtliche Untersuchungen oft dominante und meistens folkloristisch verbrämte Innensicht zu überwinden und anhand des zentralen Phänomens des studentischen Fechtens Korporationsgeschichte im Kontext des politisch-gesellschaftlichen Wandels zu schreiben. Die Vorzüge dieser unverzichtbaren Verschränkung fallen besonders auf im Vergleich zu den Ausführungen von Torsten Lehmann über Hallenser Corps im Kaiserreich, denen – obschon lesenswert und kenntnisreich verfasst – ein wenig die distanzierte Draufsicht fehlt. Frank Hirschingers zu Recht sachlich gehaltener, gleichwohl Betroffenheit auslösender Report über die aktive und freiwillige Beteiligung Hallescher Mediziner an der systematischen Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1939-1945 führt in die allerdunkelsten Kapitel der Universitätsgeschichte. Drei in Halle geborene und dort ausgebildeten Mediziner „trugen die Verantwortung für die eigenhändige oder unter ihrer Leitung ausgeführte Ermordung von über 30 000 Menschen“ (S. 488). Einer von ihnen starb erst 1983 in Frankfurt am Main, „ohne für seine Massenmorde rechtskräftig verurteilt worden zu sein“ (S. 497). Mit Betroffenheit, aber noch mehr mit Bewunderung für den Protagonisten liest man den Bericht Volker Erdmanns über das Schicksal des aufrechten Hallenser Historikers Günter Mühlpfordt (geb. 1921), der allen zu DDR-Zeiten erlittenen Widrigkeiten zum Trotz heute noch im hohen Alter die Energie besitzt, der mitteldeutschen Bildungsgeschichte kräftige Impulse zu verleihen. Neben manch anderer einschlägigen Studie prägt diesen Band auch die akribische und ganz auf den Akten beruhende Aufarbeitung der Entnazifizierung durch Daniel Bohse, Henrik Eberle und Friedemann Stengel, wie man überhaupt betonen muss, dass die meisten Beiträge aus einer profunden Quellen- und Aktenkenntnis heraus geschrieben sind und dadurch die Hallenser Universitätsgeschichte punktuell bis abschnittsweise auf eine solidere Grundlage stellen. Alles in allem ein reichhaltiges Angebot, das hier auf rund 700 Seiten (zu einem wirklich günstigen Preis!) dargeboten wird, und es bleibt zu wünschen, dass nicht nur an der Hallenser Universitätsgeschichte Interessierte ausgiebig Gebrauch davon machen.

Darüber hinaus lädt der Sammelband freilich zu Überlegungen ganz anderer Art ein. Wenn dreißig Universitätshistoriker bzw. Vertreter einzelner Disziplinen sich zu einem gemeinsamen Projekt vereinigen, ergibt sich nämlich immer auch die Gelegenheit zu fragen, wohin denn die deutsche Universitätsgeschichtsforschung insgesamt steuert. Wo liegen also heutzutage die zeitlichen und thematischen Interessenschwerpunkte, wenn 500 Jahre Universitätsgeschichte zur Disposition stehen? Die Inhaltsübersicht verschafft hier zwar schon einen gewissen Eindruck, aber es lohnt sich doch, der Sache genauer nachzugehen. Zu diesem Zweck ist jeder Beitrag erstens nach den darin behandelten Jahrhunderten und zweitens nach seiner thematischen Ausrichtung bewertet worden. Pro Jahrhundert bzw. pro Themenkomplex ist dabei jeweils ein Bewertungspunkt vergeben worden, wobei natürlich Beiträge, die mehr als ein Jahrhundert oder mehr als einen Themenbereich behandeln, entsprechend mehr Punkte erhielten.

1. Zeitliche Schwerpunkte (41 Bewertungspunkte)

- 16. Jahrhundert = 2 (5%)

- 17. Jahrhundert = 1 (2%)

- 18. Jahrhundert = 5 (12%)
-
19. Jahrhundert = 11 (27%)

- 20. Jahrhundert = 22 (54%)

Die Vernachlässigung Wittenberger Universitätsgeschichte wirkt sich zwangsläufig auch auf die zeitliche Schwerpunktsetzung aus. Lediglich 7% des Forschungsinteresses fällen auf das 16. und 17. Jahrhundert. Aber auch die Blütezeit der Hallenser Universität im 18. Jahrhundert steht nicht hoch im Kurs. Insgesamt zielen gerade einmal 19% der Forschungen auf die Frühe Neuzeit. Diese drei Jahrhunderte finden bloß zwei Drittel der Aufmerksamkeit, die dem 19. Jahrhundert (27%) geschenkt wird. Bei differenzierter Auszählung würde sich zeigen, dass das Hauptinteresse für dieses Jahrhundert seiner zweiter Hälfte gilt. Das 20. Jahrhundert beherrscht diesen Band zu mehr als der Hälfte (54%). Auf dieses Jahrhundert wird 22 Mal soviel Wert gelegt wie auf das 16., 54 Mal soviel wie auf das 17., 4,5 Mal soviel wie auf das 18. und 2 Mal soviel wie auf das 19. Jahrhundert.

2. Thematische Schwerpunkte (40 Bewertungspunkte)

- Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte = 4 (10%)

- Wirtschafts- und Sozialgeschichte = 5 (13%)

- Wissenschafts- und Gelehrtengeschichte = 15 (38%)

- Politische Universitätsgeschichte = 16 (40%)

Verfassungs-, Verwaltungs-, Wirtschafts- sowie Sozialgeschichte spielen in diesem Band nur eine sehr bescheidene Nebenrolle (23%). Das Hauptaugenmerk (78%) gilt etwa zu gleichen Teilen der Wissenschafts- und Gelehrtengeschichte (38%) sowie der politisch beeinflussten Universität (40%). Während allerdings die Wissenschafts- und Gelehrtengeschichte als die traditionelle universitätsgeschichtliche Disziplin ihre gute Position auch durch Bewertungen in den eher schwächer vertretenen Jahrhunderten erzielt, gründet sich die Spitzenstellung der politischen Universitätsgeschichte auf die Dominanz des 20. Jahrhunderts bei der zeitlichen Schwerpunktsetzung. Genaueres würde eine Untersuchung der Verteilung der Themenschwerpunkte auf die Jahrhunderte ergeben, aber damit wäre des Guten vielleicht dann doch zuviel getan.

So oder so ist die Tendenz unverkennbar: 500 Jahre Universitätsgeschichte schmelzen in diesem Band im Grunde zu Wissenschaftsgeschichte und politisch beeinflusster Universitätsgeschichte des letzten Jahrhunderts zusammen. Dass der Herausgeber Zeithistoriker ist (der freilich 500 Jahre Universitätsgeschichte vertreten will), muss man berücksichtigen, wenn man diesen Befund deuten will. Gleichwohl spiegelt sich darin aber eben auch das aktuelle Forschungsinteresse an der deutschen Universitätsgeschichte. Nun darf man natürlich der Wissenschaft nicht vorschreiben, was sie zu erforschen hat, und es ist auch verständlich, dass die Aufarbeitung der jüngeren Universitätsgeschichte – gerade in den alten Bundesländern – eine gewisse Priorität genießt. Angesichts des dargelegten Befundes steht allerdings zu befürchten, dass sich traditionelle wie aktuelle Prioritäten auch dort durchsetzen, wo ganzheitliche Sicht und Gesamtkonzepte gefragt sind. Solche Konzepte für eine mehrdimensionale ganzheitliche Universitätsgeschichte, die individuell angepasst und weiterentwickelt werden müssen, liegen seit gut zwanzig Jahren vor.[8] Die Chancen, sie umzusetzen, sind nie besser gewesen als heute. Denn wir befinden uns – wie kaum jemals zuvor – in einem Jahrzehnt der großen Jubiläen, in dem Wittenberg ja nur den Auftakt gemacht hat: Duisburg 2005 (350 Jahre), Frankfurt an der Oder 2006 (500 Jahre) Greifswald 2006 (550 Jahre), Gießen 2007 (400 Jahre), Jena 2008 (450 Jahre), Leipzig 2009 (600 Jahre), Berlin 2010 (200 Jahre) sind die Stationen dieses Jubiläumsjahrzehnts. Diese Jubiläen werden das Bedürfnis nach universitätsgeschichtlicher Orientierung weiter verstärken. Sie werden vor allem Mittel freisetzen, und diese Mittel sollten tunlichst nicht allein dem aktuellen Forschungstrend geopfert werden. Alle diese Universitäten sind nämlich älter als hundert Jahre. Sie sind nicht nur Stätten nationalsozialistischer Willkürherrschaft oder Opfer stalinistischer Bespitzelung und Repressalien gewesen, und zu keiner Zeit haben sie sich ausschließlich nach den Erfordernissen rationaler Wissenschaftsvermittlung oder gar im Geiste einer Forschung „in Einsamkeit und Freiheit“ organisiert.[9] Ihre institutionelle, wirtschaftliche sowie soziale Verfasstheit und andere Phänomene von längerer Dauer mögen zwar gegenwärtig wenig Konjunktur haben. Nichtsdestotrotz haben sie aber tiefe Spuren in das kollektive akademische Gedächtnis gegraben, und wer den Universitäten ein historisches Profil verschaffen will, wird daran nicht vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hammerstein, Notker, Jubiläumsschrift und Alltagsarbeit. Tendenzen bildungsgeschichtlicher Literatur, in: Historische Zeitschrift 236 (1983), S. 601-633; Müller, Winfried, Erinnerung an die Gründung. Universitätsjubiläen, Universitätsgeschichte und die Entstehung der Jubiläumskultur in der Frühen Neuzeit, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 21 (1998), S. 79-102, hier S. 90 ff.
[2] Vgl. dazu Kathe, Heinz, Die Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg 1815-1817, in diesem Band (S. 46-67). 1818 stammten lediglich ein Fünftel der Professoren in Halle aus Wittenberg (7 von 32), siehe ebd. S. 62 sowie Schrader, Wilhelm, Geschichte der Friedrichs-Universität zu Halle, 2. Teil, Berlin 1894, S. 49-54.
[3] Andeutungsweise wenigstens geht dies aus dem Vorwort des Herausgebers hervor (S. 9-17). Vgl. demnächst auch dessen Beitrag über „Jubiläen der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg 1502-2002" in dem von Gerald Wiemers und Jens Blecher herausgegebenen Sammelband über die Tagung der Universitäts- und Hochschularchivare Deutschlands vom 18. – 20. 3. 2003 in Leipzig.
[4] Emporium. 500 Jahre Universität Halle Wittenberg. Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2002, Halle 2002, S. 5.
[5] Asche, Matthias, Frequenzeinbrüche und Reformen – Die deutschen Universitäten in den 1520er und 1560er Jahren zwischen Reformation und humanistischem Neuanfang, in: Walther Ludwig (Hg.), Die Musen im Reformationszeitalter, Leipzig 2001, S. 53-96.
[6] Die folgenden Zahlen sind errechnet nach der Tabelle Eulenburg, Franz, Die Entwicklung der Universität Leipzig in den letzten hundert Jahren (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 13) Leipzig 1909 (Nachdruck Stuttgart 1995), S. 287-292.
[7] Vgl. Rasche, Ulrich, Umbrüche – Zur Frequenz der Universität Jena im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: Müller, Gerhard; Ries, Klaus; Ziche Paul (Hgg.), Die Universität Jena. Tradition und Innovation um 1800 (Pallas Athene 2), Stuttgart 2001, S. 79-134, hier S. 95-97.
[8] Vor allem: Moraw, Peter, Aspekte und Dimensionen älterer deutscher Universitätsgeschichte, in: ders.; Press, Volker (Hgg.), Academia Gissensis. Beiträge zur älteren Gießener Universitätsgeschichte (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 45), Marburg 1982, S. 1-43.
[9] Vgl. für die ältere Universitätsgeschichte etwa: Moraw, Peter, Über gelehrte Juristen im deutschen Spätmittelalter, in: Petersohn Jürgen (Hg.), Mediaevalia Augiensia. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters (Vorträge und Forschungen 54), Stuttgart 2001, S. 125-147; Schwinges, Rainer Christoph, Genossenschaft und Herrschaft in der Universität der Vormoderne vom 12. bis 15. Jahrhundert, in: Entwicklung und Realisierung des Genossenschaftsgedankens vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Schriftenreihe zur Genossenschaftsgeschichte 2), München 2000, S. 78-94. Für die neuere Universitätsgeschichte: Paletschek, Sylvia, Die permanente Erfindung einer Tradition. Die Universität Tübingen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Contubernium 53), Stuttgart 2001; dies., Verbreitete sich ein ‚Humboldt’sches Modell’ an den deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert?, in: Schwinges, Rainer Christoph, Humboldt International. Der Export des deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts– und Wissenschaftsgeschichte 3), Basel 2001, S. 105-130, sowie zuletzt ebenfalls mit richtungsweisenden Überlegungen: Huttner, Markus, Humboldt in Leipzig? Die ‚Alma Mater Lipsiensis’ und das Modell der preußischen Reformuniversität im frühen 19. Jahrhundert, in: Hettling, Manfred; Schirmer, Uwe; Schötz, Susanne (Hgg.), Figuren und Strukturen. FS Hartmut Zwahr, München 2002, S. 529-561.

Zitation
Ulrich Rasche: Rezension zu: Rupieper, Hermann-J. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität 1502-2002. Halle 2002 , in: H-Soz-Kult, 18.09.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1467>.
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18.09.2003
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