A. Mattioli u.a. (Hrsg.): Für den Faschismus bauen

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Titel
Für den Faschismus bauen. Architektur und Städtebau im Italien Mussolinis


Autor(en)
Mattioli, Aram; Steinacher, Gerald
Erschienen
Zürich 2009: Orell Füssli Verlag
Umfang
405 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Schmidt, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg

Der Sammelband vereinigt Beiträge einer Tagung der Universität Luzern, welche die – zumindest in Deutschland – wenig beachtete Geschichte von Architektur und Städtebau im italienischen Faschismus in den Blick nahm. Italien als „ein reich bestücktes Freilichtmuseum faschistischer Urbanistik und Architektur“ (Aram Mattioli, S. 14) wird nicht isoliert betrachtet, sondern es scheinen in verschiedenen Beiträgen Bezüge und Konkurrenzen zur Architektur im nationalsozialistischen Deutschland und in der Sowjetunion auf. Besondere Beachtung erfahren die Grenzprovinzen (Bozen, Südtirol) sowie die Überseeterritorien (Asmara und andere).

Der Historiker Aram Mattioli lotet einleitend die Funktion von Architektur und Städtebau in einem totalitären Gesellschaftprojekt wie dem italienischen Faschismus aus. Die besondere Rolle, die Benito Mussolini dem Bauen zumaß, erzeugte einen beispiellosen Bauboom auf fast allen Gebieten. Hierbei entstand zunächst ein Wettlauf der eher avantgardistisch orientierten Schule der Rationalisten mit den eher traditionell orientierten Architekten. Der Konflikt blieb lange unentschieden und wurde von dem Architekten Marcello Piacentini in kontrollierten Bahnen gehalten. Unabhängig von der stilistischen Orientierung wurden für megalomane Neuentwürfe auch ganze Stadtviertel zerstört und Landstriche umgepflügt. Das Ideal einer bäuerlichen Lebensweise und der Besiedlung von Grenz- und Überseegebieten führte zur Anlage von Kleinstädten in den pontinischen Sümpfen, zu großangelegten Verkehrs- und Siedlungsprojekten in den von Italien eroberten Gebieten Äthiopiens und zu rein italienischen, mit den Vierteln der bisherigen Bewohner konkurrierenden Stadtneuplanungen in Bozen. Architektur verfolgte damit einerseits ganz konkret bevölkerungspolitische, innenpolitische und machtpolitische Ziele, war andererseits aber ein wichtiger Teil der nonverbalen Kommunikation zur Selbstdarstellung des Regimes.

Die Besonderheiten Italiens gegenüber Deutschland und der Sowjetunion arbeitet der Berliner Architektursoziologe Harald Bodenschatz heraus. Der Faschismus Italiens hatte im Vergleich die längste Zeitspanne für sein Bauprogramm zur Verfügung, legte mit der Neugestaltung Roms die erste Planung des europäischen diktatorischen Städtebaus in einer Metropole vor und betrieb unter dem Primat des Städtebaus eine repräsentative Umgestaltung von Stadtzentren samt Vertreibung von Unterschichten an den Stadtrand durch Abriss von Wohnraum. Fehlende Sonderrechte und mangelnde Institutionalisierung im Städtebau wurden bei den Planungen durch Improvisation ausgeglichen. Im Unterschied zu Deutschland hatte der führende Architekt Italiens, Marcello Piacentini, keine formal und institutionell dominante Rolle, wie sie Albert Speer ausfüllte. In Italien gab es auch keine Stigmatisierung von moderner Architektur, sondern eher einen Mix von Tradition und Moderne. Maßstabslose Monumentalität war nicht das alleinige Kennzeichen diktatorischer Städteplanung, sondern kennzeichnet auch Visionen moderner Architekten in demokratischen Staaten. Eher bezeichnend sind für die Architektur in Diktaturen dagegen die Produktionsverhältnisse, unter denen Planungen entstehen. Allerdings sind, trotz der umfassenden Ansprüche, in Italien, Deutschland und der Sowjetunion radikale Neuplanungen für ganze Städte gescheitert, was im Nationalsozialismus am Ende zu einer Art Geheimstädtebau führte, „dessen Rigorosität und Radikalität der Öffentlichkeit der letzten Jahre vorenthalten wurde“ (S. 53).

Das zentrale Projekt des Umbaus Roms zur Metropole des Faschismus stellt der Historiker Wolfgang Schieder vor. Mussolini ließ um das Kapitol in Rom Aufmarschachsen schlagen und inszenierte so sein Regime als Nachfolger des römischen Reiches. Diese „invented tradition“ (Erich Hobsbawn) wurde durch Stadterweiterungen ergänzt und mündete in (von vorneherein unrealistische) stadtutopische Projekte wie die Errichtung einer über hundert Meter hohen Statue des Faschismus oder der Bau einer riesenhaften Parteizentrale. Trotz des Scheiterns solcher Planungen hat der Faschismus – so Schieder – Rom in seiner Stadtstruktur nachhaltig und dauerhaft verändert.

Der Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani behandelt in seinem Beitrag anhand der zentralen Bauprojekte des Universitätsareals in Rom, des Ausstellungsprojekts „Mostra d’Oltremare“ in Neapel und der Weltausstellung E42 (EUR) die flexible, an den jeweiligen Bedürfnissen verschiedener Akteure, vor allem aber am Willen des Duce ausgerichteten städtebaulichen Strategien im italienischen Faschismus. Deutlich wird vor allem, wie die verschiedenen, teilweise in offenem Widerstreit befindlichen Architekturschulen durch Aufträge, Druck von oben und politisches Geschick Marcello Piacentinis in einen Konsens eingebunden wurden. So konnte man die überwiegende Mehrheit der Architekten für Bauprojekte des neuen Staates gewinnen.

Einzelstudien zu den Städten in den Pontinischen Sümpfen (Daniela Spiegel), den Autobahnen (Silvia Hess), dem „rationalistischen“ Bahnhof in Florenz (Jonas Birner), zur Sanierung historischer Altstädte (Klaus Tragbar), zu den Denkmalsanlagen des politischen Gefallenenkults (Alexander de Ahsbahs /Gerald Steinacher) und zur „citta nuova“ in Bozen (Harald Dunajtschik /Aram Mattioli) stellen den Bauboom des italienischen Faschismus auch in seiner Widersprüchlichkeit und Differenziertheit dar. Drei weitere Beiträge erweitern unsere Kenntnis faschistischer Architektur durch den Blick auf das außeritalienische Bauen in Libyen (Robert Pergher), auf den Dodekanes (Eliana Perotti) und in Asmara (Aram Mattioli). Abschließend bietet Christoph Cornelißen Betrachtungen zur Rezeption italienischer Architektur im „Dritten Reich“.

Nach Lektüre der rund 400 inhaltsschweren Seiten bleibt der Eindruck eines bemerkenswert vielgestaltigen, keineswegs einheitlichen, sondern auch stilistisch widersprüchlichen Baugeschehens im italienischen Faschismus. Insofern gibt es die eine faschistische Architektur nicht, sondern auch hier eine Entwicklung mit Widersprüchen, die schließlich in eine eigenartige Kombination aus Moderne und monumentalem Klassizismus mündete. Besonders die Unterschiede zum nationalsozialistischen Deutschland fallen auf – unter anderem auch hinsichtlich der viel kontroverseren und offeneren Diskussion in Italien. Manchmal ergeben sich zwischen den Beiträgen einige Überschneidungen und Wiederholungen – etwa hinsichtlich der Funktion und Rolle des Architekten Marcello Piacentini. Nicht ganz eindeutig beantwortet wird die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung der Rezeption faschistischer Architektur im nationalsozialistischen Deutschland. Diese kleinen Einschränkungen sollen jedoch den Wert des Bandes in keiner Weise schmälern. Insgesamt betrachtet haben die Herausgeber und Autoren ein wichtiges, hoch interessantes und grundlegendes Buch vorgelegt, welches auch dem fachlich vorgebildeten Leser viel Neues bringt und zu weiteren Nachfragen anregt. Man wird nach der Lektüre vielleicht manche (zu) einfache Bewertung von Architektur faschistischer Regime etwas revidieren und vor allem misstrauischer durch italienische Städte gehen.

Zitation
Alexander Schmidt: Rezension zu: Mattioli, Aram; Steinacher, Gerald: Für den Faschismus bauen. Architektur und Städtebau im Italien Mussolinis. Zürich 2009 , in: H-Soz-Kult, 21.10.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14686>.
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Veröffentlicht am
21.10.2010
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