N. Ächtler u.a. (Hrsg.): Ikonographie des Terrors?

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Titel
Ikonographie des Terrors?. Formen ästhetischer Erinnerung an den Terrorismus in der Bundesrepublik 1978–2008


Hrsg. v.
Ächtler, Norman; Gansel, Carsten
Erschienen
Umfang
427 S., 31 Abb.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Tacke, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin

Gut 30 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“ stehen wir noch keineswegs am Ende der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Erforschung ihrer Geschichte. Die Medien greifen dieses Thema bekanntlich immer wieder auf. Gerade die jüngeren Diskussionen um die vorzeitige Haftentlassung der Ex-Terroristin Brigitte Mohnhaupt, um die mögliche, aber dann nicht gewährte Begnadigung von Christian Klar sowie um die Täterschaft im Mordfall Buback können dafür als Indizien gelten. Sie zeigen, wie sehr uns das „RAF-Gespenst“ (Klaus Theweleit) mit erneuter Vehemenz heimsucht und wie nötig in diesem Zusammenhang eine wissenschaftlich-kühle Auseinandersetzung ist. Während die Medien nicht selten die längst bekannte „Ikonographie des Terrors“ reproduzieren, ist in den letzten Jahren eine Flut neuer Dokumentationen, fiktionaler Texte, Dokumentar- und Spielfilme erschienen, die Idealisierungen oder Dämonisierungen zu vermeiden suchen und stattdessen um eine Re- oder De-Konstruktion bemüht sind.

Interessant ist, dass sowohl von der „68er“-Bewegung geprägte Autoren wie Volker Schlöndorff, Reinhard Hauff, Christoph Hein und Peter Schneider als auch jüngere Schriftsteller und Filmemacher wie Rainald Goetz, Ulrich Peltzer, Leander Scholz und Christoph Roth sich mit dem Thema Terrorismus beschäftigen. Der von Norman Ächtler und Carsten Gansel herausgegebene Sammelband „Ikonographie des Terrors?“ widmet sich solchen literarischen und filmischen Repräsentationen. Dabei fällt auf, wie es in der konzisen Einleitung heißt, dass insbesondere der Zugriff der zweiten Generation „auf die nicht mehr selbst erlebte Vergangenheit [...] sich heute zunehmend im Diskurs über die medial überlieferte Ikonographie einer Epoche“ vollzieht (S. 11).

Neben den literarisch-filmischen Auseinandersetzungen sind im Umfeld des 30. Jahrestags des „Deutschen Herbsts“ 2007 auch etliche wissenschaftliche Publikationen zum Thema erschienen[1], unter denen das von Wolfgang Kraushaar herausgegebene Werk „Die RAF und der linke Terrorismus“ wohl eines der ambitioniertesten und wichtigsten Projekte darstellt.[2] Der Schwerpunkt liegt dort auf politologischen und soziologischen Fragestellungen.

Mit dem Band „Ikonographie des Terrors?“ liegt nun ein weiteres beachtliches Standardwerk vor; es wirft neue Schlaglichter auf die unterschiedlichen Formen der Erinnerung an den Terrorismus in Literatur und Film.[3] Besonders erfreulich ist, dass die im Untertitel gesetzte Beschränkung auf die „Formen ästhetischer Erinnerung an den Terrorismus in der Bundesrepublik 1978–2008“ im Band selbst nicht strikt befolgt wird, sondern dass auch „blinde Flecke“ wie zum Beispiel die RAF und die DDR ausgeleuchtet werden. Anhand von Ulrich Woelks Roman „Die letzte Vorstellung“ (2002), Ulrich Plenzdorfs Fernsehspiel „Vater, Mutter, Mörderkind“ (1993/94) und Volker Schlöndorffs Film „Die Stille nach dem Schuss“ (2000), der das Untertauchen und die spätere Enttarnung Inge Vietts in der DDR erzählt, versucht Sylvia Henze die dominante westdeutsche Perspektive um ostdeutsche Facetten zu bereichern. Sie kommt dabei zu dem schlichten Fazit, dass Woelk, Plenzdorf und Schlöndorff „eine Neuperspektivierung der Ikonographie des RAF-Terrors vornehmen“ (S. 196), indem sie unter anderem die ‚RAF-Stasi-Connection‘ zum Thema machen.

Neben überzeugenden Neubetrachtungen von älteren Produktionen wie dem Film „Deutschland im Herbst“ (1978) oder auch Gerhard Richters RAF-Zyklus liegt ein Schwerpunkt des Bandes auf popliterarischen Auseinandersetzungen mit der RAF. Selbst wenn sich die Beiträge von Cordia Baumann, Sandra Beck und Jan Henschen zum Teil überschneiden und dadurch einige Redundanzen im Band entstehen, ist die Fokussierung auf das Phänomen „Prada-Meinhof“ sehr gewinnbringend. Taten Matteo Galli und Heinz-Peter Preußer dieses Phänomen noch als ein wahlloses Shoppen „mit dem Einkaufswagen durch den Geschichts-Supermarkt“ ab[4], legen die Autorinnen und Autoren des neuen Sammelbands vielmehr die De-Kontextualisierungsstrategien offen und entwirren die semantischen Neu-Codierungen der jüngeren Autoren und Filmemacher. Besonders luzide gelingt dies Sandra Beck in ihrem Beitrag zu Leander Scholz’ „Rosenfest“ von 2001, indem sie die Debatten um diesen Roman ebenso präzise analysiert wie die Struktur des Romans selbst sowie Scholz’ Interviewstatements und theoretische Reflexionen.

Eher enttäuschend sind die Beiträge zu den neueren Fernseh- und Spielfilmproduktionen. Zwar werden die Authentifizierungsstrategien von Filmen wie „Der Baader Meinhof Komplex“ von Bernd Eichinger und „Mogadischu“ von Roland Suso Richter (beide 2008) als problematisch offengelegt, aber welche neuen, gesamtdeutschen Narrative durch diese Produktionen letztendlich ver- oder befestigt werden sollen, wird häufig nicht ausreichend reflektiert. Eine Ausnahme stellt dabei der außergewöhnliche Beitrag „Soundscape Stammheim“ von Svea Bräunert dar.[5] Mit ihrem besonderen Blick auf die „Soundscapes“ (Raymond Murray Schafer) gelingt es Bräunert, die zweiteilige Fernsehdokumentation „Die RAF“ von Stefan Aust neu und anders zu betrachten. Darüber hinaus eröffnet die Autorin ganz neue Perspektiven auf die RAF insgesamt, indem sie über das Verhältnis von Ton und Erinnerung, Stille und Schweigen nachdenkt. Als markante Beispiele dafür, dass „die Erinnerungen an den westdeutschen Terrorismus nicht nur an Bilder, sondern auch an Töne gebunden sind“ (S. 221), dienen ihr neben Austs Fernsehdokumentation von 2007 Romuald Karmakars und Dirk Laabs’ Hörspiel „Na... hören Sie doch mal auf zu grinsen. Fragmente des Stammheim-Prozesses“ (2008), Reinhard Hauffs Spielfilm „Stammheim“ (1985) und die Rauminstallation „camera silens“ (1994) der Künstler Rob Moonen und Olaf Arndt. Eindrücklich plädiert Bräunert dafür, „aufmerksam zuzuhören – und uns damit letztendlich auch zu Zuhörer/innen unserer selbst“ zu machen (S. 221).

Besonders lesenswert ist der Band schließlich auch deshalb, weil im letzten Teil ausführliche Interviews der beiden Herausgeber mit Peter Schneider, Margarethe von Trotta, Reinhard Hauff, Leander Scholz und Christopher Roth abgedruckt sind. „Zugehört“ haben Norman Ächtler und Carsten Gansel erfreulicherweise nicht nur der „68er“-Generation, die einen Blick auf ihre Jugendzeit zurückwirft, sondern auch der jüngeren Generation, die ihre eigenen Zugänge zur RAF sucht.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Auswahlbibliographie und die Rezensionsnachweise unter <http://www.zeitgeschichte-online.de/portal/alias__rainbow/lang__de/tabID__40208488/DesktopDefault.aspx> (15.11.2010).
[2] Vgl. die Rezension von Annette Vowinckel, 24.10.2007: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-070> (15.11.2010).
[3] Siehe zuvor unter anderem bereits folgende Sammelbände: Matteo Galli / Heinz-Peter Preußer (Hrsg.), Mythos Terrorismus. Vom Deutschen Herbst zum 11. September – Fakten, Fakes und Fiktionen, Heidelberg 2006; Inge Stephan / Alexandra Tacke (Hrsg.), NachBilder der RAF, Köln 2008.
[4] Matteo Galli, „Mit dem Einkaufswagen durch den Geschichts-Supermarkt“? Zu einigen Bestandteilen des so genannten Mythos RAF in den Künsten: Entstehung, Entwicklung und Neukontextualisierung, in: ders. / Preußer, Mythos Terrorismus, S. 101-116.
[5] Der Text ist auch online verfügbar: <http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/Braeunert_Soundscape_Stammheim.pdf> (15.11.2010).

Zitation
Alexandra Tacke: Rezension zu: Ächtler, Norman; Gansel, Carsten (Hrsg.): Ikonographie des Terrors?. Formen ästhetischer Erinnerung an den Terrorismus in der Bundesrepublik 1978–2008. Heidelberg 2010 , in: H-Soz-Kult, 16.11.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14995>.