Titel
Mittelstadt. Urbanes Leben jenseits der Metropole


Hrsg. v.
Schmidt-Lauber, Brigitta
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Umfang
304 S.
Preis
€ 32,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Sirko Möge, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Stadtforschung sieht ihren Forschungsgegenstand vorrangig in der Großstadt. Diese, heute kritisch betrachtete Einschränkung der Perspektive ist das Resultat einer Vorstellung, nach der Entstehung wie Entwicklung des modernen Lebens in den städtischen Zentren stattfanden. Als urbaner Mikrokosmos der (spät)modernen Gesellschaft verstanden, konnten und können demnach viele makrostrukturelle Prozesse bzw. Phänomene gerade hier dokumentiert, analysiert und repräsentiert werden. Obwohl heute ein Großteil des urbanen Lebens in Europa außerhalb dieser Großstädte und Metropolen – sowohl in Mittel- und Kleinstädten als auch im suburbanen Raum (S. 12) – stattfindet, vernachlässigte insbesondere die kulturwissenschaftliche Stadtforschung lange Zeit Formen mittlerer Urbanität. Dieses Forschungsdesiderat griff Brigitta Schmidt-Lauber (Wien) im letzten Jahr mit einer Tagung auf, deren Ergebnisse nun in Buchform vorliegen.

Schon in ihrem Einführungstext versucht die Herausgeberin, die Mittelstadt als angemessenes Untersuchungsfeld für gegenwärtige Urbanität vorzustellen. Die Mittelstadt avanciert dabei zu einer Forschungskategorie: Aus vielen Mittelstädten kann ein spezifischer Urbanitätstypus herausgestellt werden (S. 11), der zwischen groß- und kleinstädtischem Leben oszilliert (S. 24) und sich, kurz gesagt, durch soziale und räumliche Überschaubarkeit auszeichnet (S. 20 f.).

Vor diesem Hintergrund sind die Beiträge in drei thematische Schwerpunkte eingeteilt (Konstruktionen/Inszenierungen, Strukturwandel, Alltag). Zwei kontroverse Zugangsweisen, die schon in den theoretischen Stellungnahmen der Herausgeberin und des renommierten Stadtforschers Rolf Lindner (Berlin) problematisiert werden, treten dabei deutlich hervor: Während Brigitta Schmidt-Lauber versucht, gemeinsame kulturelle Merkmale des Mittelstädtischen zu identifizieren und somit das Mittelstädtische in seiner Generalisierbarkeit beschrieben und verstanden wissen will (S. 17 f.), sensibilisiert Rolf Lindner für die Normativität wissenschaftlicher Hypothesenbildung und plädiert für eine singuläre, die lokalen Spezifika stark berücksichtigende Erklärungsweise, die nach der „Sinnesart“ der jeweiligen Mittelstädte fragt (S. 46).

Dieser Gegensatz zieht sich auch durch die Artikel der Schwerpunkte „Konstruktionen der Mittelstadt“ und „Inszenierungen von Stadtbildern“. Marcus Termeer versucht anhand des Wiederaufbaus der Münsteraner Innenstadt, die „Mittelstadt als Ideologie“ verständlich zu machen. Getragen von der politisch-architektonischen Auffassung eines vorindustriellen Konservatismus und der Restauration städtischer Hierarchie spricht Marcus Termeer ein, für viele deutsche Mittelstädte gültiges (Alt)Stadtbild an: die „Idylle“ (S. 54) einer homogenen Altstadt, deren „architektonische Inszenierung keineswegs mittelalterlich“ ist, sondern die „eine bestimmte Auffassung von etwas ‚ewig Gültigem‘“ vertritt (S. 54). Die mittelstädtischen Stadtzentren müssen dahingehend als zeitgenössische Entwürfe einer kohärenten Stadt und beschaulichen Heimat verstanden werden (S. 68). Diesen Anzeichen der „invented tradition“ [1] gehen auch andere Autoren nach, um wahrnehmungs- und handlungsleitende Prämissen mittelstädtischer Repräsentationskultur aufzudecken. Insbesondere die wirkmächtigen, lokalen Identifikationsbedürfnisse geraten dabei in den Blick, welche an Aspekten rekonstruktiven Wiederaufbaus (Georg Wagner-Kyora, Berlin, S. 71-88) und der Abgrenzung gegenüber dem Großstädtischem (Marcus Stippack, Darmstadt, S. 121-137) aufgezeigt werden.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Marita Metz-Becker (Marburg). Sie weist anschaulich auf den milieuspezifischen Bezug dominanter Stadtbildkonstruktionen hin, wenn sie das Bild Göttingens als Universitätsstadt anhand der Gedenktafeltopografie untersucht. Gerade durch die bildungsbürgerliche Inszenierungspraxis, Gedächtnisorte im Stadtraum zu schaffen, wird die Etablierung eines selektiven kulturellen Gedächtnisses vorangetrieben (S. 114). Als „kulturelles Kapital“ [2] bietet es Anschlussmöglichkeiten für, nunmehr zeitgenössische, Inszenierungsmotive. Zwar rekurriert auch Holger Leimbrock (Dresden) in seinem Artikel zur Großstadtorientierung von Mittelstädten letztlich auf die heilend wirkende Bedeutung des Maßvollen. Empirisch aber verdeutlicht er eine gänzlich andere Seite mittelstädtischer Ideologie, nämlich jene, die durch das „Streben nach traditionellen Großprojekten mit Wachstumsbezug und Großstadtorientierung“ (S. 101) geleitet wird.

Bei allen Autoren und Autorinnen mit dem Schwerpunkt Konstruktionen/Inszenierungen wird die historisch-genetische Kraft des bildungsbürgerlichen Geistes deutlich. Die vorherrschenden Realitäten mittelstädtischen Lebens werden dabei als Handlungsakte akteursspezifischen Gestaltungswillens entlarvt: Der Wille zur einheitlichen „Überschaubarkeit“ (Marcus Termeer, S. 68) oder zur Kultivierung einer maßvollen Moderne (Marcus Stippack, S. 168) sind dabei tragende Mittelstadt-Konnotationen, die sich zu strukturellen Parametern in Architektur, politischer Willensbildung und im Planungshandeln materialisierten.

Der zweite thematische Aspekt verhandelt die Auswirkungen des Strukturwandels auf städtisches Leben in Deutschland. Durch den demografischen Wandel und ökonomische Umwälzungsprozesse in den vergangenen 20 Jahren veränderten sich die Ansprüche an Urbanität. Kritisch verdeutlicht Norbert Fischer (Hamburg) die starre Unangepasstheit des fordistischen Raummodells für die „partikularisierten Lebenswelten“ der heutigen Spätmoderne (S. 169) am Beispiel der „Satellitenstadt“ Bad Oldesloe in der wachsenden Metropolregion Hamburg (S. 165) und befürwortet damit auch indirekt die von Daniel Habit (München) konstatierte struktur- und kulturpolitische Revitalisierung des Modells „Europäische Stadt“ (S. 142).

Gerade bei der Analyse des Strukturwandels wird deutlich, wie eng der mittelstädtische Erfahrungshorizont und entsprechende Zukunftsvisionen an ein Fortschritts- bzw. Wachstumsmodell gekoppelt sind. Die Entwicklung hin zur Großstadt wird permanent antizipiert, einerseits durch Großstadt imitierende Strukturmaßnahmen und „Eventisierungen“ (Ueli Gyr, S. 276) oder andererseits durch Großstadt alternierende Kulturraummodelle wie „europäische Stadt“ oder „Altstadt-Idylle“. Inwiefern dadurch die Ausbildung städtischen Selbstverständnisses eingeschränkt wird, demonstrieren Ina Dietzsch und Dominik Scholl (Durham/Berlin) anhand der Analyse von Lebenswelten in einer Stadt, die sich im ökonomischen Niedergang und baustruktureller Auflösung befindet. Sie zeigen auf, wie sich diese etablierten Stadt- und Stadtkulturvorstellungen entkräften und zu einer vollkommen offenen Sinnsuche nach Stadtidentität und -soziabilität herausfordern (S. 179). Bedauernswerterweise ist der Buchteil über den Strukturwandel sehr kurz gehalten, lassen sich doch anhand solcher Umbruchssituationen die Erschütterungen von städtischen Selbstverständlichkeiten und Erfahrungshorizonten überzeugend aufzeigen.

Schließlich werden im dritten Teil die kulturellen Praktiken des Alltags auf ihre mittelstädtische Prägung hin untersucht. Die von Brigitta Schmidt-Lauber angeführten Strukturmerkmale der kurzen Wege und beschränkten Öffentlichkeit werden von Sebastian Haumann (Darmstadt) in seiner Studie über die Akteurskonstellation innerhalb der Hausbesetzungen in Hilden untermauert. Die persönliche Nähe der Akteure und Akteurinnen verhinderten Anonymität und damit radikalisierende stereotypische Zuschreibungen. Vielmehr ermöglichten sie Kontaktbereitschaft und Kontaktkontinuität, auch trotz bzw. während sich zuspitzender Konfliktsituationen. Diese spezifische Form der Soziabilität ist nach Sebastian Haumanns Meinung in Großstädten nicht zu finden (S. 220). Weitaus differenzierter betrachtet Gesa Kather (Liverpool) die lokalspezifischen Modi urbaner Raumaneignungspraktiken von jugendlichen Randgruppen in zwei englischen Mittelstädten, die unterschiedlicher nicht sein können (S. 242). Hierbei wird anschaulich expliziert, welche lokalen Faktoren jene Alltagspraxen formen. Dazu gehören stadtprägende Sektoren der Ökonomie (Industriestadt versus Konsumentenstadt), die kulturelle Diversität (Integration versus Segregation) sowie die politische Kultur (bürgerliches Milieu versus proletarisches Milieu (S. 236f.).

Insgesamt vermittelt der Sammelband einen variantenreichen, aber dennoch gut strukturierten Einblick in das Thema Mittelstadt, das Eingang in verschiedene Fachrichtungen gefunden hat. Wie schon aus dem Titel hervorgeht, bleibt die Forschung jedoch weitestgehend an den Großstadtbezug gebunden. Leitend erscheint dabei vor allem ein defensives Weniger-als (siehe Gertraud Koch im Band, S. 223-234), um die Beobachtungen aus den Mittelstädten zu operationalisieren. Dabei wäre die eigenständige, aber etwas aus der Mode gekommene Tradition der Gemeindeforschung durchaus anschlussfähig, um mittelstädtisches Leben jenseits metropolitaner Bezugsgrößen zu konzeptionalisieren.[3] Besonderen Wert erhält das Buch durch die materialreichen und anschaulichen Kulturanalysen urbaner Lebenswelten, insbesondere jener, welche sich im strukturellen Wandel befinden. Gerade diese Studien zeigen den Prozesscharakter der äußeren und „inneren Urbanisierung“ [4] und machen dessen Abhängigkeit von räumlichen wie auch zeitlichen Gegebenheiten sichtbar.

Aus dieser Lektüre bleibt als Fazit zu ziehen, dass die Kulturanalyse der spezifischen Mittelstadt der Typologisierung des Mittelstädtischen vorzuziehen ist. Nur so lässt sich dieser Urbanitätstypus – und das gilt für alles Urbane – nicht als Immobilie begreifen, sondern als wandelbare, wenn auch mentalitätsgeschichtlich gesprochen, träge „eigene Mikrokultur mit eigener Individualität“.[5]

Anmerkungen:
[1] Eric Hobsbawm / Terence Ranger (Hrsg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1992.
[2] Vgl. Pierre Bourdieu, Ortseffekte, in: Volker Kirchberg / Albrecht Göschel (Hrsg.), Kultur in der Stadt. Stadtsoziologische Analysen zur Kultur, Opladen 1998, S. 17-26.
[3] Hierzu grundlegend: Ina-Maria Greverus, Menschen und Räume. Vom interpretativen Umgang mit einem kulturökologischen Raumorientierungsmodell, in: Dies. (Hrsg.), Kulturtexte. 20 Jahre Institut für Kulturanthropologie u. Europäische Ethnologie, Frankfurt am Main 1994, S. 87-111; Johannes Moser, Gemeindeforschung in der Spätmoderne, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde (98) 2002, S. 295-315.
[4] Gottfried Korff, Mentalität und Kommunikation in der Großstadt. Berliner Notizen zur ‚inneren Urbanisierung‘, in: Hermann Bausinger / Theodor Kohlmann (Hrsg.), Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung, Berlin 1985, S. 343-361.
[5] René König, Einleitung, in: KZfSS (Sonderheft 1. Soziologie der Gemeinde), Opladen 1956, S. 7.

Zitation
Sirko Möge: Rezension zu: Schmidt-Lauber, Brigitta (Hrsg.): Mittelstadt. Urbanes Leben jenseits der Metropole. Frankfurt am Main 2010 , in: H-Soz-Kult, 18.10.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15012>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.10.2010
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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