D. Krebs u.a. (Hgg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen

Titel
Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933.


Hrsg. v.
Kerbs, Diethart; Reulecke, Jürgen
Erschienen
Wuppertal 1998: Peter Hammer Verlag
Umfang
624 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Petra Weckel

Nachdem 1991 das "Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte" (hrsg. von C. Berg) und 1996 das "Handbuch zur 'völkischen Bewegung' 1871-1918" (hrsg. von U. Puschner, W. Schmitz und J. H. Ulbricht) erschienen sind und es seit kurzem eine Loseblattsammlung als "Handbuch der Religionen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Deutschland" (hrsgg. von M. Klöcker und U. Tworuschka) gibt, füllt das hier besprochene vierte "Handbuch der deutschen Reformbewegungen" eine Lücke in der Betrachtung von im weiteren Sinne gesellschaftlich wirksamen Bewegungen in Deutschland. Es füllt aber nicht nur eine Lücke, sondern es gibt, wie die Herausgeber bemerken, auch einige Überschneidungen, die sich u.a. durch übereinstimmende Autoren dokumentiert. Dennoch nimmt das vorliegende Handbuch eine andere Perspektive ein. Es greift bisher nicht berücksichtigte Strömungen auf, stellt andere in den speziellen Kontext der Reformbewegungen.

Ganz zu Beginn wird der Nutzer des Handbuchs auf die definitorische Begrenzung des Begriffs "Reformbewegungen" hingewiesen. Die Herausgeber verstehen darunter Strömungen, die "nicht im strengen Sinn politische oder sozialpolitische Aufbruchsbestrebungen sind. (...) Statt dessen stehen die gewissermaßen "aus dem Schosse der Gesellschaft" entstandenen Bewegungen im Mittelpunkt, Bewegungen, die sich in je spezifischer Weise auf die Reformierung des individuellen Lebens bzw. des Lebensstils der Menschen konzentrierten, die die "Veredelung", "Emanzipation" und "Höherentwicklung" der Individuen anstrebten und Vereinigungen bzw. Einrichtungen im wesentlichen zu diesem Zweck schaffen wollten. (...) "Bewegung" heißt hier, daß neben dem Aufbruchs- und Erneuerungscharakter der Gruppierungen auch ein gewisses Maß an Organisation vorausgesetzt wird und somit das u.U. zwar spektakuläre, aber isoliert bleibende Auftreten einzelner "Propheten" ausgeblendet bleibt." (11) (Muck-Lamberty wird immerhin durch eine Abbildung gewürdigt).

Entstanden ist die Idee zu diesem Buch Anfang der 90er Jahre auf Burg Ludwigstein und im Arbeitskreis für Historische Jugendforschung; Institutionen, die sich seit langem der Erforschung des reformerischen Potentials jugendlicher Gruppierungen widmen.[1] Die lange Vorbereitungszeit hat sich gelohnt, denn es ist ein ausgesprochen homogen wirkendes, handfestes Nachschlagewerk entstanden, daß umfassend über die Reformbewegungen zwischen 1880 und 1933 berichtet.

Die Abhandlungen sind in sieben thematische Blöcke gegliedert. Allein die Zuordnung der verschiedenen Bewegungen zu einem dieser Blöcke muß schon eine schwere Entscheidungsleistung gewesen sein, denn sehr oft verfolgten diese Gruppierungen nicht ein klar zu bestimmendes Ziel, sondern richteten ihre reformerischen Bemühungen auf mehrere, die gesamte Lebensweise betreffenden Aspekte.

Die Kapitel werden mit einem einleitenden Beitrag eröffnet und von jeweils fünf bis acht Aufsätzen, die einzelne Themen schwerpunktmäßig behandeln, unterfüttert. Die einzelnen Beiträge sind inhaltlich ausgesprochen diszipliniert gestaltet, so daß der Leser sehr schnell einen fundierten Überblick gewinnen kann: "Nach einer Darstellung der Entstehungszusammenhänge, Zielsetzungen und Organisationsformen, der Anhängerschaft, der führenden Personen und der Wirkungsgeschichte der einzelnen Reformbewegungen folgen jeweils Hinweise zum aktuellen Forschungsstand und zur Archivlage sowie einige wenige ausgewählte Literaturangaben für den, der sich genauer informieren möchte." (8) Obwohl die Herausgeber betonen, daß die Darstellungen nur bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten reichen, stellen viele Beiträge auch ihre weitere Geschichte wenigstens in Grundzügen dar.

Das erste Kapitel, "Umwelt und Heimat", leitet ein Aufsatz von Edeltraud Klüting ein und umfaßt Gruppierungen zu Landschafts- und Naturschutz, Tierschutz und Antivivisektion, Heimatschutz, Denkmalpflege und Heimatbaukunst. In dieser Kategorie finden wir recht traditionell verfaßte Vereine, die sich für den konkreten Erhalt ihrer sie umgebenden Umwelt einsetzten. Interessant ist hier, wie bei vielen anderen Gruppierungen auch, wieviel vom Nationalsozialismus übernommen, gelegentlich auch verfremdet und instrumentalisiert wurde, und welche Wirkungen diese frühen Idealisten noch heute entfalten: "Die amtliche Kulturpflege, der Naturschutz und die Landschaftspflege sowie die Bau- und Denkmalpflege verdanken den bürgerlichen Reformbewegungen vielfältige Anregungen (...)" (20).

Wolfgang Krabbe eröffnet den Bereich "Lebensreform/Selbstreform", der die Naturheilbewegung, die Kleidungsreform, Freikörperkultur, Ernährungsreform, Vegetarismus und die Antialkoholbewegung umfaßt. Er stellt sehr deutlich heraus, daß diesen frühen Reformbewegungen weniger eine, wie es heute der Fall ist, medizinisch und körperästhetisch begründete Zielsetzung zugrunde lag, sondern ihre Motivation im Kern häufig einer "säkularisierte gnostisch-eschatologische Erlösungslehre" (74) entsprang.

Diethart Kerbs und Ulrich Linse leiten den Abschnitt "Gemeinschaft und Gesellschaft" ein. Das Kapitel beginnt mit einem Exkurs zum titelgebenden Begriffspaar von Ulrich Linse und fällt damit etwas aus dem allgemeinen Schema heraus. Die Ausführungen Linses bilden aber eine sehr wichtige Grundlage, die noch ausführlicher hätte ausfallen können. Die einzelnen Beiträge beschäftigen sich mit der Frauenbewegung, der Jugendbewegung, Rassen- und Sozialhygiene, Eugenik, Sexualreform und Sexualberatung, Siedlungs- und Landkommunebewegung.

Das Kapitel "Leben und Arbeiten/Wirtschaften und Wohnen" schließt direkt an den Beitrag "Siedlungs- und Landkommunebewegung" an und es wird nicht ganz deutlich, warum dieser nicht in diesen Abschnitt aufgenommen wurde. Er wird eingeleitet von Reinhard Farkas und umfaßt Genossenschaften, Bodenreform, Freiland - Freigeld, Gartenstadtbewegung und alternative Landwirtschaft/biologischer Landbau. Auch hier zeigt sich wieder, wie schwierig ein klare Trennlinie zu ziehen war, denn viele ökonomisch/landwirtschaftlich orientierte Gruppen waren gleichzeitig mit lebens- und gesellschaftsreformerischen Ideen angetreten. Und sie hatten oft konkrete Ideen zum Bereich "Erziehung und Bildung", dem der nächste Abschnitt gewidmet ist.

Das Kapitel "Erziehung und Bildung", eingeleitet von Diethart Kerbs, umfaßt reform- und sozialpädagogische Bewegungen, Arbeitslagerbewegung, Volksbildungs- und Volkshochschulbewegung, Kunsterziehungsbewegung, Jugendmusikbewegung, Landerziehungsheimbewegung und Freie Waldorfschulen. In diesem Bereich zeigt sich eine deutliche Wirkungsmacht hundert Jahre alter Ideen. Vieles wurde ausprobiert und als gut befunden, manches wurden von "mächtigen Beharrungskräften" (317) aber dennoch wieder verdrängt. Hier, wie auch an vielen anderen Stellen lohnt sich sicher ein Blick für den, der neue Anregungen sucht.

Ebenfalls von Diethart Kerbs eingeleitet ist der Abschnitt "Kunst und Kultur", der sich dem Kunstwart und Dürerbund, der Theaterreform und dem Laienspiel, dem Ausdruckstanz, der Kunstgewerbebewegung, der Heimatliteratur und Heimatkunstbewegung widmet. Eine neue prosperierende Schicht suchte nach neuen Ausdrucksformen, die sich von dem Eklektizismus der Gründerzeit abhob. Daraus entwickelten sich verschiedene Strömungen, die mehr und mehr auch die Gebrauchskunst ins Blickfeld des Interesses rückten.

Das letzte Kapitel, "Religiosität und Spiritualität", eröffnet Justus H. Ulbricht und es behandelt deutschchristliche und deutschgläubige Gruppierungen, "importierte" Religionen am Beispiel des Buddhismus, religiöse Sozialisten, freireligiöse und Feuerbestatter, jüdische Renaissance, Erneuerungsbewegungen im römischen Katholizismus und Protestantismus und die Anthroposophie. Es ist einigermaßen erstaunlich, hier diese Bewegungen anzutreffen. Wie oben bereits erwähnt, hatten viele Reformbewegungen eine ganzheitliche und häufig quasi religiöse oder auch säkularreligiöse Zielrichtung. Gruppen, die sich wirklich mit Religion, ob nun der traditionellen Art oder aus exotischen Breiten, beschäftigten, werden in diesem Zusammenhang nur selten erwähnt. Sie gehören aber genau in diesen Kontext, was man wiederum an vielen Überschneidungen zu anderen Richtungen, wie Vegetarismus oder Lebensreform feststellen kann.

Das Handbuch ist weniger ein Nachschlagewerk als ein wirklich spannendes Lesebuch. Die Geschlossenheit und Übersichtlichkeit der Beiträge wird sinnlich auf das Angenehmste durch das ansprechende, von Magdalene Krumbeck vollfertigte Layout unterstützt. Fast alle Beiträge sind mit zahlreichen Abbildungen ergänzt, die den Text anschaulich begleiten. Die einführenden Beiträge sind auf grauem Papier abgesetzt und gliedern das Buch im noch geschlossenen Zustand sichtbar in verschiedenen Bereiche. Die Buchgestaltung steht dem anspruchsvollen Inhalt in nichts nach, so daß man von einem kleinen Gesamtkunstwerk sprechen kann. Dies ist sicherlich der liebevollen Detailarbeit der Herausgeber zu verdanken. Zumindest Diethart Kerbs ist in seiner auch thematisch aus gleicher Quelle schöpfenden Dokumentation über Fidus, die vor kurzem wieder aufgelegt wurde, ganz ähnlichen Gestaltungsprinzipien gefolgt. [2] Und ihm als Fotographiehistoriker sind wohl auch die vielen exzellenten Abbildungen zu verdanken.

Das Buch sei nicht nur Historikerinnen und Historikern empfohlen, die sich thematisch an Reformbewegungen annähern möchten. Es kann auch all jenen nahegelegt werden, die heute wie vor hundert Jahren unter einer gewissen "transzendentalen Obdachlosigkeit" (Georg Lukacs) leiden und neue Anregungen für reformfreudige Kreise suchen. Die Auseinandersetzung mit diesen alten Ideen ist auch heute noch fruchtbar und sollte auf keinen Fall gescheut werden: "Auch wenn viele der Schlüsselworte und Kernbegriffe von damals jetzt nicht mehr geläufig bzw. nicht mehr benutzbar sind, weil sie in der Nazizeit entwertet, desavouiert oder mißbraucht worden sind: Manche der damaligen Inhalte, Zielsetzungen und Bedürfnislagen stehen - wenn auch in anderem Gewand - heute wieder in der Auseinandersetzung um die humane Weiterentwicklung unserer Gesellschaft (und der Weltgesellschaft) zur Debatte." (7)

Anmerkungen:
[1] Die nächste Jahrestagung des Arbeitskreises für Historische Jugendforschung zum Thema "Die Flakhelfer. Zur Geschichte einer Generation" wird im Herbst in Potsdam stattfinden.
[2] Janos Frecot, Johann Friedrich Geist, Diethart Kerbs (Hgg.): Fidus 1868-1948, Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Hamburg 1997, Erstausgabe München 1972.

Zitation
Petra Weckel: Rezension zu: Kerbs, Diethart; Reulecke, Jürgen (Hrsg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal 1998 , in: H-Soz-Kult, 02.09.1999, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-153>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.09.1999
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation