Cover
Titel
Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung


Autor(en)
Benicke, Jens
Erschienen
Freiburg 2010: ça ira
Umfang
260 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Platz, Köln

In dem kleinen Freiburger Verlag „ça ira“, der sich einer spezifischen Lesart der Kritischen Theorie verschrieben hat, ist eine ausgesprochen anregende Studie zur Rezeption der Frankfurter Schule in der Studierendenbewegung der 1960er-und 1970er-Jahre erschienen. Das Verhältnis zwischen der Frankfurter Schule und der Neuen Linken ist in den vergangenen Jahren bereits auf verschiedene Art und Weise thematisiert worden.[1] Während Günter C. Behrmann in einem Sammelband von 1999 über die „intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“ Rezeptionsströmungen in der Neuen Linken unter anderem an der Verbreitung populärer Raubdrucke festgemacht hat[2], legte Wolfgang Kraushaar 1998 eine Dokumentation über das Verhältnis zwischen Studierendenbewegung und Frankfurter Schule vor. Auf breiter Quellenbasis wies er vielfältige Verknüpfungen zwischen antiautoritärer Linker und Frankfurter Schule nach; dabei hob er die Konflikte um das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis hervor und verortete diese Geschichte im Rahmen hochschul- und allgemeinpolitischer Auseinandersetzungen.[3]

Jens Benicke hat in seiner Freiburger Dissertation einen anderen Ansatz gewählt. Er untersucht die Frankfurter Schule mit ideengeschichtlichen, rezeptionsanalytischen und parteiengeschichtlichen Zugängen und fördert damit ein vielschichtiges Bild zu Tage, das nicht nur die frühe antiautoritäre Phase der Studierendenbewegung umfasst, sondern zugleich die späteren Phasen einer orthodox-marxistisch gewendeten Studierendenbewegung. Er knüpft hier an jüngere Arbeiten zur Geschichte der so genannten K-Gruppen an. Zu Beginn der 1970er-Jahre umfassten diese Gruppen ein subkulturelles Milieu von konkurrierenden kommunistischen Parteien neoleninistischer, stalinistischer und maoistischer Ausprägung.[4] Den Gemeinplatz, dass die Studierendenbewegung der „68er Jahre“ von der Kritischen Theorie beeinflusst gewesen sei, kann Benicke mittels seines rezeptionsanalytischen Ansatzes erheblich differenzieren.

Für die erste, antiautoritäre Phase der Studierendenproteste lässt sich das bisherige Bild bestätigen, insofern die Rezeption eine gewisse Dichte und Intensität erreichte. Sie umfasste sowohl die Schriften der klassischen Phase der Frankfurter Schule zum deutschen Faschismus in den 1930er-Jahren, die sozialwissenschaftlichen Pionierstudien wie „Studies in Prejudice“, darunter die Arbeit „The Authoritarian Personality“, sowie die Nachkriegstheoriebildung, die sich mit den Kontinuitäten und dem Nachleben des Faschismus in der westdeutschen Demokratie befasste. Gegenstände des studentischen Interesses waren auch die Theoriebildung zum Zusammenhang zwischen Familienstrukturen, Erziehung und autoritärer Persönlichkeitsentwicklung, die Stellungnahmen zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in der Nachkriegszeit und sowie psychoanalytische Deutungsmuster. In dieser frühen Rezeptionsphase lässt sich eine Übereinstimmung zwischen den Positionierungen Adornos zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ und der studentischen Politik erkennen, etwa was die Organisation von Ausstellungen zum Nationalsozialismus durch die Studierenden oder die frühe Bewegung für Solidarität mit Israel betrifft. Doch schon während dieser Phase lassen sich Deutungskontroversen um den Nationalsozialismus beobachten, in denen ein orthodoxes Marxismusverständnis dem Frankfurter Rezeptionsstrang entgegengesetzt wurde und psychologisierende bzw. psychohistorische Ansätze verworfen wurden.

Diese Tendenzen verstärkten sich in der folgenden Phase, besonders aber seit dem Beginn der 1970er-Jahre mit den aufkommenden K-Gruppen. Benicke rekonstruiert die autoritäre und orthodoxe Variante der „Wirkung“ der Frankfurter Schule in der Protestbewegung. Die Abgrenzung der neoleninistischen, stalinistischen und maoistischen Parteikader, die ein intaktes subkulturelles Milieu mit Zeitschriften, Verlagen und Institutionen repräsentierten, von den einstigen Vordenkern der antiautoritären Revolte, als die die Protagonisten der Frankfurter Schule allemal betrachtet wurden, war umfassend. Benicke gelingt dabei der Nachweis, dass beim gegenwartsorientierten Rückbezug der K-Gruppen auf den Nationalsozialismus, der den Zweck hatte, die angebliche „Faschisierung der Bundesrepublik“ zu entlarven, jede kritische Substanz verloren ging und die positiven Akzente der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit auf voller Linie zurückgenommen wurden.

Die K-Gruppen beriefen sich auf die stalinistische Dimitroff-Formel der 1930er-Jahre, der Faschismus sei die „offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten […] Elemente des Finanzkapitals“ gewesen. Benicke zeigt aber auch die ideologischen Folgen dieser Kehrtwende auf – vornehmlich an Beispielen aus maoistischen Organisationen. Die neue Formel wurde hier mit nationalkommunistischen Deutungsmustern verwoben, und auf dieser Grundlage wurde die deutsche Bevölkerung im Nationalsozialismus umfassend entlastet. Heruntergespielt wurde zudem die Rolle und Funktion des Antisemitismus im Nationalsozialismus. So verwundert es nicht, dass die vormalige Israel-Solidarität im studentischen Milieu zugunsten einer fragwürdigen Palästina-Solidarität aufgegeben wurde, die auch vor der Befürwortung von Terror nicht zurückschreckte. Im Gegenteil: Dies schlug mitunter in einen sekundären Antisemitismus aus Schuldabwehr um, wie ihn die Frankfurter Schule bei Gruppenexperimenten während der 1950er-Jahre bereits in der deutschen Bevölkerung beobachtet hatte.

Benicke versteht es, die Befunde zu einer widersprüchlichen Geschichte der Rezeption der Frankfurter Schule zu verknüpfen. Ideell war die Frankfurter Schule in der frühen Bundesrepublik sicher ein wichtiger Stichwortgeber. Allerdings lehrt der Blick in die Verästelungen der Rezeptionsgeschichte auch, dass der Einfluss an seine deutlichen und auf merkwürdige Weise typisch deutschen Grenzen stieß, weswegen weniger von einer Rezeptions- als einer Konfliktgeschichte zu sprechen ist. Einmal mehr wird deutlich, dass die These einer „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ differenziert zu betrachten ist und in ihrer Allgemeinheit wohl nicht zutrifft. Raubdrucke der Werke aus der klassischen Phase der Kritischen Theorie markieren das Interesse des subkulturellen antiautoritären Milieus an dieser Theorierichtung; wenigstens für die orthodoxen kommunistischen Organisationen weist Benicke jedoch bündig nach, dass die Abwehr der Zumutungen einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit
überwog.[5]

Anmerkungen:
[1] Zum Beispiel in der jüngsten Neuerscheinung: Emil Walter-Busch, Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik, München 2010, insbesondere S. 218ff. Die Transformation der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule analysiert Alex Demirovic, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999.
[2] Clemens Albrecht u.a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999 (siehe dazu meine Rezension, 13.2.2005: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=6237> [19.05.2011]).
[3] Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946–1995, 3 Bde., Frankfurt am Main 1998 (siehe die Rezension der 2003 erschienenen, inhaltsgleichen CD-ROM-Ausgabe von Thomas Fischer, 3.5.2004: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-077> [19.05.2011]).
[4] Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Frankfurt am Main 2002 (rezensiert von Wolfgang Kraushaar: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-028>, und von Jan C. Behrends, beide 27.2.2002: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-029> [19.05.2011]; Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Frankfurt am Main 2005 (rezensiert von Thomas Dannenbaum, 4.1.2006: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-009> [19.05.2011]); Michael Steffen, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971 bis 1991, Berlin 2002 (rezensiert von Markus Mohr, 24.4.2003: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-049> [19.05.2011]); für die 1950er- und 1960er-Jahre heranzuziehen ist auch Gregor Kritidis, Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 2008 (rezensiert von Jens Becker, 24.11.2008: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-167> [19.05.2011]).
[5] Zur Konfliktgeschichte um die Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens der Frankfurter Schule vgl. meine demnächst erscheinende Studie: Johannes Platz, Die Praxis der Kritischen Theorie. Angewandte Sozialwissenschaften und Demokratie in der frühen Bundesrepublik 1950–1960, phil. Diss. Universität Trier 2008.

Zitation
Hannes Platz: Rezension zu: Benicke, Jens: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung. Freiburg 2010 , in: H-Soz-Kult, 03.06.2011, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15438>.
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Veröffentlicht am
03.06.2011
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