Titel
Joseph Goebbels. Biographie


Autor(en)
Longerich, Peter
Erschienen
München 2010: Siedler Verlag
Umfang
910 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Mühlenfeld, Institut für Geschichtswissenschaft, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Nachdem er 2008 bereits eine voluminöse Studie zu Reichsführer-SS Heinrich Himmler vorlegt hatte[1], widmet Peter Longerich mit Joseph Goebbels nun einem weiteren Protagonisten aus der engeren Führungsspitze des „Dritten Reiches“ eine umfangreiche Biographie.

Das Erscheinen dieses Bandes entbehrt nicht einer gewissen Folgerichtigkeit. Denn einerseits ist der Autor bereits mit einschlägigen Untersuchungen zur NS-Propaganda hervorgetreten.[2] Und andererseits hat die Person Joseph Goebbels als Untersuchungsgegenstand der NS-Forschung nach wie vor ungebrochen Konjunktur, was unstreitig auch mit dem unlängst erfolgten Abschluss der Edition seiner Tagebücher durch das Institut für Zeitgeschichte zu tun hat.[3]

Darüber hinaus erfährt Joseph Goebbels seit einiger Zeit vor allem deshalb verstärkte Aufmerksamkeit, weil angeregt durch medienwissenschaftliche und institutionsgeschichtliche Studien das von ihm selbst sorgsam gepflegte und von der (west-)deutschen Nachkriegsgesellschaft nur allzu bereitwillig übernommene Erzählmuster vom großen Propagandisten und medialen Verführer mehr und mehr infrage gestellt worden ist.[4]

Longerich nimmt beide Fäden auf: Ausgehend von der unstreitigen Feststellung, dass die „Goebbels-Propaganda“ bis heute eine zu einem Sprichwort geronnene Minimalerklärung für die Systemstabilität des NS-Regimes sei (S. 13), über die Forderung, die reichhaltigen Tagebücher gegen ihren Verfasser zu wenden, um dessen Selbstinszenierungen zu entlarven (S. 13), bis zur Zielsetzung, über den biographischen Zugang den Einstieg in eine Analyse der Organisation und Wirkungsweise des NS-Propagandaapparates zu erreichen (S. 14), reicht die lange Liste von Aufgaben, die der Autor sich abzuarbeiten vorgenommen hat.

Dazu ist der eigentliche Textkorpus von nicht ganz 700 Seiten in drei etwa gleichlange Abschnitte unterteilt. Während der erste Teil die umfangreiche Zeitspanne von Goebbels Kindheit bis zur Machtübernahme im Januar 1933 behandelt, umfassen die Teile zwei und drei jeweils die Jahre bis 1939 beziehungsweise die Kriegszeit bis zu Goebbels’ Selbstmord. Mit dieser quantitativ unterschiedlichen Gewichtung wird bereits erkennbar, dass der Schwerpunkt der Arbeit auf der politischen Tätigkeit Goebbels’ liegt.

Bei genauerem Hinsehen tritt diese Fokussierung noch sehr viel stärker zutage. Denn tatsächlich widmet Longerich der Zeit vor Goebbels’ Hinwendung zum Nationalsozialismus lediglich ein Kapitel von wenig mehr als zwanzig Seiten. Er begründet dies nicht zuletzt damit, dass die Kindheit und Jugend Goebbels’ mangels anderweitigen Quellenmaterials ohnehin nur über die autobiographische Selbstauskunft erschlossen werden könne, die Goebbels 1923 an den Anfang seines ersten Tagebuchbandes gestellt hatte (S. 23). Dabei analysiert Longerich die Jahre des Tagebuchschreibers als Heranwachsender gleichsam als Inkubationsphase einer narzisstischen Persönlichkeit, die sich mit der Zeit verfestigt habe und schließlich stilbildend für Goebbels’ weiteres Leben als Ehemann und Familienvater sowie als Politiker mit einem komplexen Hörigkeitsverhältnis zu seinem „Führer“ Adolf Hitler wurde.

Die Politik erschien dem promovierten Germanisten Goebbels als das Spielfeld, auf dem er die Zurücksetzungen durch sein soziales Umfeld aufgrund seiner körperlichen Behinderung sowie seiner kleinbürgerlichen Herkunft kompensieren zu können hoffte. Dabei sei er Zeit seines Lebens ein um Hitlers Anerkennung buhlender Zaungast im inneren NS-Führungskreis geblieben. Denn obwohl sich der junge Berliner Gauleiter selber seiner vermeintlich grandiosen Erfolge im „Kampf um Berlin“ rühmte, war die Reichshauptstadt lange Jahre keine Hochburg der NSDAP. Und nach der Machtübernahme durch die Regierung Hitler-Papen hatte der Chefpropagandist der NSDAP zunächst noch vergeblich auf eine Berufung ins Kabinett gewartet, obschon er sich aufgrund früherer Absprachen mit Hitler insgeheim bereits in Amt und Würden wähnte.

Auf der Grundlage der neuen Tagebuch-Edition schildert Longerich hier eindrücklich die Zurücksetzung, die Goebbels empfand, als er bei der Regierungsbildung zunächst unberücksichtigt geblieben war. Allerdings lässt er bei der Schilderung der Vorgeschichte der Gründung des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ (RMVP) jene Planspiele unerwähnt, in denen davon die Rede war, Goebbels’ neue Behörde zunächst als Reichskommissariat zu institutionalisieren. Diese Facette der Geschehnisse ist nicht zuletzt deshalb von einiger Bedeutung, weil sie exemplarisch verdeutlicht, wie vorsichtig der später (vermeintlich) unumschränkt herrschende „Führer“ in der Frühphase seiner Amtszeit mit Rücksicht auf die konservativen Partner in Kabinett und Koalition noch agieren zu müssen glaubte.

Und als schließlich mit Erlass vom 13. März 1933 das RMVP unter Goebbels’ Leitung ins Leben gerufen wurde, bedeutete dieser Gründungserlass keineswegs plein pouvoir für Hitlers und Goebbels’ Pläne, wie Longerich angibt (S. 227). Denn tatsächlich hatte das Kabinett der Gründung des neuen Ressorts mit Ausnahme Alfred Hugenbergs zwar zugestimmt, doch der verabschiedete Entwurf des Gründungserlasses war in einem kleinen, aber entscheidenden Punkt geändert worden: Statt dass die Regelung der Kompetenzen des RMVP durch Hitler im „Benehmen“ mit von Neuregelungen betroffenen Ressorts erfolgen konnten, war in der letztlich verabschiedeten Fassung nunmehr von nötigem „Einvernehmen“ die Rede.[5]

Die dadurch ermöglichten Interventionen anderer Ressorts lassen es verständlicher werden, wieso das RMVP gleichsam von Beginn an im Mittelpunkt eines dauerhaften Kompetenzkonfliktes mit diversen anderen Ressorts und Reichsbehörden stand.

Der Minister selber blieb indessen der besagte Zaungast des Führungszirkels des „Dritten Reiches“. So oft sein innig verehrter „Führer“ ihm privatissime auch seine Wertschätzung versichern mochte, so regelmäßig erwies sich Goebbels bei grundlegenden politischen und später auch militärischen Richtungsentscheidungen nur als bloßer Chronist der Geschehnisse. Seine Einbeziehung erfolgte gemeinhin post festum, so dass ihm für gewöhnlich nur sein Tagebuch blieb, um über die politische Entwicklung zu räsonieren. Dass es Goebbels in der unmittelbaren Phase des politischen wie militärischen Niedergangs dann schließlich doch noch gelang, in die unmittelbare Führungsspitze des „Dritten Reiches“ aufzurücken, wovon nicht zuletzt seine Bestellung zum Reichskanzler in Hitlers Testament zeugt, bedeutete dem ehrgeizigen Egomanen offenkundig mehr als der absehbare Untergang des NS-Regimes selbst.

Am Ende der Lektüre bleibt somit ein ambivalentes Gefühl zurück. Denn einerseits hat Longerich eine ganze Reihe wichtiger Fragen zu Leben, Wirken und Nachleben Goebbels’ aufgeworfen und benannt; andererseits werden jedoch nur wenige davon jenseits von Einleitung und Fazit tatsächlich angeschnitten. So formuliert Longerich hinsichtlich der Frage nach der Wirkungsmächtigkeit der NS-Propaganda hellsichtig, dass es für das Zusammenspiel von medialer Botschaft und Rezeption der Etablierung eines Normensystems für die öffentliche Interaktion bedurfte: „Die Menschen waren gehalten, durch ihr Verhalten in der Öffentlichkeit ihre Zustimmung zur Politik des Regimes zu bekunden.“ (S. 681) In der konkreten Darstellung selber reduzierte Longerich die augenscheinliche Stabilität des Systems jedoch wieder nur auf das „Trugbild“ der „Volksgemeinschaft“, die sich in den „angeordneten Jubelfeiern, Beflaggungsorgien und Massenaufmärsche[n]“ ausgedrückt habe; „abgestützt durch die alltäglichen Einschüchterungs- und Terrormaßnahmen des Regimes“ (S. 299). Am Ende war das „Dritte Reich“ also doch wieder nichts anderes als die altbekannte Mischung von „Verführung und Gewalt“[6], gegen die anzuschreiben Longerich nach eigenem Bekunden ursprünglich angetreten war.

Dies zeigt sich auch im Hinblick auf die Bewertung der Person Goebbels’. Denn anstatt eine intensive Auseinandersetzung mit dem in der Tat einzigartigen Quellenkorpus der Goebbels-Tagebücher zur Dekonstruktion seiner Selbstinszenierungen zu nutzen, werden diese vielmehr allzu oft reproduziert. Schon ein Blick in den Anmerkungsapparat offenbart, wie eng sich Longerich in seiner Darstellung letztlich am Tagebuch orientierte. Auch im Aufbau folgt die Darstellung den Vorgaben des Tagebuchs. Statt einer problemorientierten Analyse, bei der der Biograph die Schwerpunkte setzt, ergibt das eine Alliteration jener teilweise sprunghaft wechselnden Themen, über die sich der Propagandaminister zum Teil in erheblicher Breite ausließ und somit damit gleichsam dem Biographen die Hand führte. Dadurch aber erhält der Leser am Ende keine kritisch-reflektierte Biographie des Propagandaministers, die allen bis dato unternommenen Versuchen zum Trotz nach wie vor ein Desiderat der Forschung ist, sondern gewissermaßen ein Tagebuchkondensat, das irgendwo zwischen einer (Auto-)Biographie Goebbels’ und einer allgemeinen Geschichte des Nationalsozialismus „in Tagebuchblättern“ schwankt, ohne sich recht für das eine oder andere entscheiden zu können.

Dass es dabei in zentralen Punkten zu durchaus erheblichen perspektivischen Verzerrungen des tatsächlich Geschehenen kommt, ist am Beispiel der Schilderung der November-Pogrome 1938 unlängst bereits von Hans Mommsen dargelegt worden.[7] Im Ergebnis muss man daher zu dem Schluss kommen, dass Longerichs Studie gerade nicht die von ihm selber in Aussicht gestellte, definitive weil kritische und reflektierte Biographie des Reichspropagandaministers ist. Vielmehr zeigt der Band einmal mehr eindrücklich auf, welche Untiefen und Gefahren drohen, wenn man sich allen guten Vorsätzen zum Trotz allein vom schieren Umfang einer ebenso einzigartigen wie hochproblematischen Quelle überwältigen lässt.

Anmerkungen:
[1] Peter Longerich, Heinrich Himmler. Biographie, München 2008.
[2] Peter Longerich, Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop, München 1987.
[3] Vgl. etwa Toby Thacker, Joseph Goebbels. Life and Death, Basingstoke 2009; Jörg von Bilavsky, Joseph Goebbels, Reinbek bei Hamburg 2009; Peter Gathmann / Martina Paul, Narziss Goebbels. Eine psychohistorische Biografie, Wien 2009.
[4] Vgl. meinen Forschungsbericht: Daniel Mühlenfeld, Was heißt und zu welchem Ende studiert man NS-Propaganda? Neuere Forschungen zur Geschichte von Medien, Kommunikation und Kultur während des ›Dritten Reiches‹, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 527-559.
[5] Vgl. die handschriftliche Änderung im Erlassentwurf in den Handakten Hans-Heinrich Lammers’, in: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde R 43II/1149, Bl. 5-9.
[6] Hans-Ulrich Thamer, Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1986.
[7] Hans Mommsen, Rohstoff mit Tücken, in: Frankfurter Rundschau v. 3. Febr. 2011.

Zitation
Daniel Mühlenfeld: Rezension zu: Longerich, Peter: Joseph Goebbels. Biographie. München 2010 , in: H-Soz-Kult, 09.03.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15554>.
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09.03.2011
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