T. Raufeisen: Der Tag, an dem uns Vater erzählte

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Titel
Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei. Eine deutsche Tragödie


Autor(en)
Raufeisen, Thomas
Erschienen
Freiburg 2010: Herder Verlag
Umfang
196 S.
Preis
€ 14,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helmut Müller-Enbergs, Berlin

„Mein Vater nahm den Auftrag an, ohne daran zu denken, was diese gefährliche Arbeit für sein weiteres Leben, das seiner frisch angetrauten Frau und der später entstehenden Familie bedeuten würde." (S. 22) So notiert es sein heute 48jähriger Sohn Thomas Raufeisen, der von der nachrichtendienstlichen Arbeit seines Vaters erfuhr, als er 16 Jahre alt war. Kinder passen nicht in das Heldenepos über die „Kundschafter des Friedens", ihr Erleben gehört zu den Schattenseiten des romantisch aufgeblasenen und abenteuerlichen Images, das Spionage häufig anhaftet. Die Wirklichkeit ist anders. Thomas Raufeisens Vater Armin, Deckname „Hans Koch", fliegt auf, er flieht mit der Familie in die DDR. Mittelbarer Anlass ist Werner Stiller.

Auf einer sonnigen Terrasse in Saint Louis begann Oberleutnant a. D. Werner Stiller in den 1980er-Jahren mit dem Abfassen der Erinnerungen über sein Leben in der DDR, seine Arbeit für die DDR-Staatssicherheit und seinen Übertritt am 18. Januar 1979 von Ost- nach West-Berlin, vom MfS zum BND. In einem weiteren Erinnerungsband möchte er „von einem bewegten Leben" berichten, in dem sich "die Schicksalslinien der Geschichte wohl gleich mehrfach gekreuzt haben".[1] Seine Schicksalslinie ist bebildert mit Fotos von seiner Ausbildung als Pilot in den USA, seinem Aufenthalt im Ferienhaus mit Pool an der Côte d´Azur und als Freizeittaucher. Das Buch schließt mit den Worten „Das Abenteuer geht weiter".[2] Sein Abenteuer fand ohne Ehefrau und Tochter Edina statt – sie spielen in seinen Erinnerungen keine Rolle, sie verblieben in der DDR. Die Tochter: „Ich finde es eher verwerflich, was er so da mit seiner Familie abgezogen hat – davor, danach ..."[3]

Die Überraschung traf aber nicht allein Edina Stiller, sondern der Übertritt ihres Vaters zu seinem individuellen Glück bedeutete für andere Pech: Das betraf den 14jährigen Sohn und die 17jährige Tochter von Klaus Schmidt alias „Schneider", der als Hauptabteilungsleiter bei Interatom arbeitete, bis er in die DDR zurückgezogen wurde. Dies gilt auch für die zwölfjährige Tochter von Dr. Werner Unseld alias „Köhler", der vor seiner Flucht in die DDR als Abteilungsleiter bei Degussa tätig war, oder die siebenjährige Tochter und den elfjährigen Sohn von Erich Ziegenhain alias „Hainfels", der zuvor Referent im Sozialministerium in Hessen war. Dr. Hans-Sieghart Petras alias „Brocken" war Produktionsleiter bei Hoechst, bevor er sich mit seinen drei Kindern (vier, zwölf und 18 Jahre alt) in die DDR absetzte.[4] In der Regel wuchsen die Kinder zuvor in bürgerlichen Verhältnissen auf, die Väter meist in gut saturierten Berufen etabliert – und dann kamen die Errungenschaften des Sozialismus auf sie zu.

Nach den Agentenkindern Nicole Glocke[5] oder Pierre Guillaume[6] beschreibt nun Thomas Raufeisen die Tragödie, in die er wegen der Spionage seines Vaters und des Dienstwechsels von Werner Stiller geraten war. Am 22. Januar 1979 änderte sich das Leben der Familie Raufeisen grundsätzlich. Mit seinen beiden Söhnen, Thomas und dem 18jährigen Michael, reisen Charlotte und Armin Raufeisen in die DDR. Armin Raufeisen war im November 1955 von der Staatssicherheit in Karl-Marx-Stadt kontaktiert und ein halbes Jahr später zur Kooperation verpflichtet worden. Der Geophysiker siedelte 1957 in die Bundesrepublik über, war bald der für Erdölexploration zuständige Abteilungsleiter der Preussag AG in Hannover – und nachrichtendienstlich ambitioniert. Im Oktober 1967 verlieh ihm die Staatssicherheit den Dienstrang eines Leutnants, 1973 den eines Oberleutnants. Er war folglich Hauptamtlicher der Staatssicherheit. In den Jahren von 1969 bis 1979 war er mit über 169 operativ beschafften Informationen – monatlich etwa eine – tatsächlich denkbar produktiv. Und dann das: Zurück in die DDR. Die Söhne Michael und Thomas ahnten nichts, glaubten an einen Besuch bei den Großeltern in Ahlbeck. Erst in einem konspirativen Objekt der Staatssicherheit kam „der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei". Die Tragödie begann: „Wir vier waren wie Menschen, die aus der Zeit gefallen waren, aneinander gekettet durch ein besonderes, ein einmaliges Schicksal." (S. 39) Nur der volljährige Bundesbürger Michael schaffte im Dezember 1979 den legalen Ausstieg aus der DDR. Da waren es nur noch drei.

Der Vater erhielt Arbeit als Geologe, der Sohn wurde Schüler – und beide waren schnell ernüchtert: „Im Geologischen Institut musste er feststellen, dass die Informationen, die er vom Westen in die DDR geliefert hatte, in Schubladen verschwunden waren. Als er das gesehen hatte, kam er unglaublich frustriert nach Hause, schimpfte über Ignoranz und Borniertheit." (S. 70f.) Die Stimmung in der Familie kippte im Sommer 1979 um, zwischen dem jüngeren Sohn und dem Vater war sie bereits zerrissen: „Er hatte uns die Suppe eingebrockt, er wollte sie dann auch auslöffeln." (S. 71)

Die Familie versuchte zunächst den legalen Weg aus der DDR, doch aus der Ausreise nach Österreich wurde nichts (S. 85-92). Der Versuch, die erteilte DDR-Staatsbürgerschaft loszuwerden, scheiterte. Kontakte zu Auslandskorrespondenten, zur Ständigen Vertretung oder zur CIA versandeten. Die Familie bereitete ihre Flucht vor, dann greift das MfS am 12. September 1981 zu. Sie wird verhaftet und vernommen. Der Vater bilanziert in der Haft: „Ich war mit der Tatsache konfrontiert, schuld daran zu sein, meinen Kindern die Heimat genommen zu haben, schuld daran zu sein, ihre berufliche Entwicklung und ihre Vorstellung von Zukunft zerstört zu haben und nicht zuletzt auch schuld zu sein, an der unaufhaltsam beginnenden Auflösung der Familie nichts mehr ändern zu können." (S. 132) Das Urteil am 16. September 1981 lautet: Armin Raufeisen lebenslänglich, Charlotte Raufeisen sieben Jahre und Thomas Raufeisen drei Jahre Haft (S. 146f.). Der Vater verstarb im Gefängnis, Thomas Raufeisen kam im Oktober 1984 nach Untersuchungshaft in Hohenschönhausen und Haft in Bautzen II frei und in die Bundesrepublik und die Mutter erst im April 1989. „Was bleibt?", fragt Thomas Raufeisen im Rückblick: „Unsere Familie wurde […] Stück für Stück zerstört. Es begann mit dem schwersten Schlag, der Offenbarung meines Vaters, dass wir für seine Spionagetätigkeit mit lebenslänglich DDR würden büßen müssen. Die Familie hatte den ersten Knacks weg. […] Als meine Eltern und ich in Haft kamen, war die Zerstörung der Familie endgültig. Der Tod meines Vaters, die späte Entlassung meiner Mutter taten ihr Übriges." (S. 194).

Diese Lebensgeschichte sollte gelesen und nachgefühlt sein, wenn man sich an den auf sonniger Terrasse in Saint Louis 1982 oder im herrlichen Frühling 2010 in Budapest aufgeschriebenen Abenteuern des Werner Stiller ergötzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Werner Stiller, Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten, Berlin 2010, S. 7 und 9.
[2] Ebenda, S. 242.
[3] Verlorene Jugend, in: Deutschlandfunk v. 19.1.2004.
[4] Vgl. Stiller: Agent, S. 160–163.
[5] Nicole Glocke, deren Vater Karl-Heinz Glocke für die HV A unter dem Decknamen "Bronze" als Personalleiter in den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken tätig war, schrieb zusammen mit Edina Stiller das Buch: Nicole Glocke/Edina Stiller, Verratene Kinder. Zwei Lebensgeschichten aus Deutschland, Berlin 2004.
[6] Pierre Boom / Gerhard Haase-Hindenberg, Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich, Berlin 2004.

Zitation
Helmut Müller-Enbergs: Rezension zu: Raufeisen, Thomas: Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei. Eine deutsche Tragödie. Freiburg 2010 , in: H-Soz-Kult, 07.12.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15640>.
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Veröffentlicht am
07.12.2010
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