K. Lipp u.a. (Hrsg.): Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland

Cover
Titel
Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland 1892-1992. Ein Lesebuch


Hrsg. v.
Lipp, Karlheinz; Lütgemeier-Davin, Reinhold; Nehring, Holger
Erschienen
Essen 2010: Klartext Verlag
Umfang
430 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Andrew Oppenheimer, Department of History, Maastricht University

In einem großartig konzipierten Lesebuch verdeutlichen die Herausgeber Karlheinz Lipp, Reinhold Lütgemeier-Davin und Holger Nehring die Mehrdeutigkeit des Friedensbegriffs im Laufe der hundert Jahre zwischen 1892 und 1992, sowie den Wandel von Friedensideologien in ihrem historischen Kontext. Anhand einer Fülle von Material stellen die Autoren des Bandes verschiedene Friedenskonzepte in der deutschen politischen Kultur des 20. Jahrhundert vor. Die Leitfrage des Bandes lautet: Wie hat sich das Verhältnis von Frieden und Krieg in der deutschen politischen Kultur im 20. Jahrhundert gewandelt? Für die Herausgeber ist die Fragestellung nicht nur eine historische Aufgabe, sondern sie beleuchtet zudem die politischen und kulturellen Mechanismen, die den Krieg als Mittel der Politik rechtfertigen und das Soldatentum zum Leitbild für Staatsbürgerschaft und Männlichkeit machen. So spricht das Lesebuch eine zentrale Facette „der Problemgeschichte unserer Gegenwart“ (S. 11) an, nämlich den Status von Frieden und Friedensbewegung in der deutschen politischen Kultur. Dabei betonen die Herausgeber die Variabilität des Friedensbegriffs in seinen diversen Bedeutungen und Anwendungen im Spannungsfeld „der Gegenwart von Gewalt“ (S. 13). Allerdings charakterisieren sie keine dialogische Beziehung zwischen der Gewalt und dem Frieden, denn der Friedensgedanke habe die gesellschaftlichen Vorstellungen von Gewalt nicht grundsätzlich beeinflusst. Im Gegenteil, im 20. Jahrhundert hingen Vorstellungen vom „Frieden“ vielmehr von der Gewalt und deren Wahrnehmung ab.

Um den Leser zu leiten, bieten die Herausgeber eine breitgefächerte metahistorische Analyse, die dem seit Jahrhunderten wandelbaren Friedensverständnis folgt. Von einer Heilsordnung, die von einem gnädigen Gott gegeben sei, über die Regulierung zwischenstaatlicher Konflikte als Basis für eine Welt ohne Krieg, bis hin zu den Unsicherheiten, Ambivalenzen und kulturellen Missklängen der Moderne, wird Frieden als “Reflexionsbegriff” charakterisiert. Universalistische und normative Ansprüche an den Frieden verbergen allerdings häufig genau diese Pluralität von in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu verortenden Friedensvorstellungen. Anstatt sich aber genau auf diese bedeutendsten gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontexte zu beschränken, neigt die Einleitung zuweilen zu Umwegen, die fernab von den eigentlichen Wahrnehmungen der Gewalt und der Vielfalt historischer Reaktionen darauf liegen.

Sieben Kapitel sind in drei Abschnitte geteilt und nach Zeitspannen von 1892 bis 1918, 1918 bis 1945 und 1945 bis 1992 geordnet, für die jeweils einer der Herausgeber verantwortlich zeichnet. Doch die Logik der Periodisierung bleibt unklar. Einerseits hängt sie mit Anfang und Entwicklung der deutschen Friedensbewegungen zusammen; andererseits unterstreicht sie immer wieder die Staatspolitik. Manchmal ergänzen sich zwar die Logiken der Periodisierung, doch genauso oft widersprechen sie sich.

Das Lesebuch bietet ein dichtes Angebot von Materialien in Form von Bildern, Korrespondenzen, Programmen, stenographischen Berichten, Plakaten und anderem Propagandamaterial. Die Herausgeber offerieren eine Anzahl thematischer Wege durch das Material. Man könne sich auf begriffliche und symbolische Attribute konzentrieren, um die gesellschaftlichen Ordnungsmodelle des Friedens zu verstehen. Ohne Verweis auf seine Symbole und Darstellungen bleibe die Idee des Friedens indes „gesichtslos“ (S. 16). Weitere Zugriffe bieten sich anhand der Untersuchung des Gewaltbegriffs, der eine Erweiterung über die direkte physische Wirkung der Gewalt hinaus erfuhr. Ein weiterer Schwerpunkt gilt der sozialen und kulturellen Verankerung der Pazifisten und ihrer Ideen. Besonders hilfreich erscheint diese letzte von den Herausgebern vorgeschlagene Schneise. Dabei zeichnet sich ein Übergang ab von Friedensaktivismus, der Wert auf liberale Staatskunst legte, hin zu einer Sozialbewegung, die nach 1945 auf eine nicht eindeutig definierte gesellschaftliche Transformation abzielte.

Der erste Abschnitt konzentriert sich auf den Anfang des organisierten Pazifismus in Deutschland um die Jahrhundertwende. Im Zentrum stehen die 1892 gegründete Deutsche Friedensgesellschaft und namhafte Persönlichkeiten wie Bertha von Suttner, Alfred Fried, Ludwig Quidde und Friedrich Wilhelm Foerster. Das Material dokumentiert die verschiedenen Logiken und Vorstellungen vom Frieden, besonders den links-liberalen Impuls der Zeit, der auf internationale Verträge setzte und in empathischer Teilnahme seinen Ausdruck fand. Daneben steht, illustriert durch Textbeispiele, der sozialdemokratische Antimilitarismus, der Militarismus als Ausdruck kapitalistischer Interessen wahrnahm und diesem entgegentrat. Diese Texte lassen sich als alternative Stimmen im Wilhelminischen Deutschland mit seinem Militarismus, der Obrigkeitsmentalität, dem kolonialen Expansionismus und der Kriegstreiberei lesen.

Die Kapitel des zweiten Abschnittes zur Zwischenkriegszeit widmen sich zuvörderst Themen von nationaler politischer Bedeutung, also der Republiksgründung, der Kriegsschuldfrage als ihrem Geburtsmanko und der nationalsozialistischen Machtübernahme. Die Dokumente bezeugen die pazifistische Unterstützung für die neue Republik sowie ein Anschwellen des Friedensaktivismus, das in der sogenannten „Nie wieder Krieg!“-Bewegung seinen Ausdruck fand. Dabei wird deutlich, wie die Friedensbewegung ihre liberale bona fides verlor und sich in politische Sekten in einer sich radikalisierenden politischen Kultur zersplitterte. Die Dokumente demonstrieren wiederholt Groll und Spaltungen unter den Friedensaktivisten. Und das, obwohl deutsche Pazifisten international an Anerkennung gewannen – 1927 wurde Ludwig Quidde der Friedensnobelpreis verliehen. Doch führte eben diese Auszeichnung in Deutschland zu einer Zunahme der nationalsozialistischen Hetze gegen die Bewegung. Mit dem Jahr 1933 gerieten die deutschen Pazifisten rasch ins politische – wenn nicht ins soziale – Abseits. Vor dem Hintergrund des politischen Systems und seines Repressionsapparates gaben viele Friedensaktivisten ihre dogmatische Opposition gegen den Krieg auf und setzten auf die militärische Eindämmung des Nationalsozialismus.

Der dritte Abschnitt (1945-1992) thematisiert stärker als die vorhergehenden die zweite Worthälfte des Begriffes „Friedensbewegung“. Im Brennpunkt dieses Abschnittes stehen Massenproteste, die gegen Atomwaffen (Ostermärsche) und den NATO-Doppelbeschluss von 1979 mobilisierten. Dabei gehen die Herausgeber auch auf einzelne, oft miteinander unvereinbare Stimmen ein, die sich gegen die Bundeswehr, die Atombombe oder die „strukturelle Gewalt“ richteten. Das Manifest der Göttinger 18 oder die Schriften von Günther Anders stehen für das Spektrum von Persönlichkeiten, die sich im Kalten Krieg gegen die angenommene Bedrohung der Bundesrepublik und der Humanität aussprachen. Dagegen verblasst das Vereinsleben und -wesen, das die Friedensarbeit im 20. Jahrhundert – sowie das Auswahlprinzip der ersten Hälfte des Buches – strukturiert hat. So fehlen nun Verweise auf die Deutsche Friedensgesellschaft, die Internationale der Kriegsdienstgegner oder den Verband der Kriegsdienstgegner. Folglich wird der Friedensaktivismus nach 1945 als eine Reihe von Massenmobilisierungen geschildert, die auf spezifische Bedrohungen reagierten, ohne auf die strukturelle Rolle der Vereine gesondert einzugehen.

Besondere Einblicke bietet der Abschnitt zu den organisatorischen und kulturellen Wandlungen der Ostermarsch-Bewegung seit den 1960er-Jahren, und dem Aufstieg der antiautoritären Radikalen innerhalb der Studentenbewegung. Unter dem Eindruck der Notstandsgesetze und des Vietnamkriegs lehnten radikalisierte Aktivisten den Pazifismus zunehmend als spießbürgerlich und konterrevolutionär ab, und forderten zum Widerstand gegen die „strukturelle Gewalt“ auf, was in der Beteiligung einiger an terroristischen Aktionen mündete. Hier treten einige Probleme des Bandes in Erscheinung, da der antiautoritäre Radikalismus auf Kosten des Friedensaktivismus überbetont wird. Es ist bemerkenswert, daβ auch in einem Lesebuch, das sich dem Frieden und den Friedensbewegungen widmet, diese Phänomene verschwinden sobald ihre Geschichten vom Master Narrativ des politischen Dissenses divergieren.

Bei aller Kritik an mancher redaktioneller Entscheidung bietet der Band eine dichte und nützliche Sammlung von Materialien insbesondere zur Friedensbewegung der 1980er-Jahre. Der Band stellt engagiert die Frage nach der Relevanz des Friedensaktivismus in der deutschen politischen Kultur bis in die Gegenwart. Dabei demonstriert er eindrücklich, wie sich soziale Bewegungen analysieren lassen, und bietet somit deutlich mehr, als sich von einem Lesebuch erwarten ließe.

Zitation
Andrew Oppenheimer: Rezension zu: Lipp, Karlheinz; Lütgemeier-Davin, Reinhold; Nehring, Holger (Hrsg.): Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland 1892-1992. Ein Lesebuch. Essen 2010 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15818>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.11.2011
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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