Titel
9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen


Autor(en)
Greiner, Bernd
Erschienen
München 2011: C.H. Beck Verlag
Umfang
280 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Fischer, Zivildienstschule Ith

Die Nachricht kam für viele überraschend: In der Nacht zum 2. Mai 2011 wurde Osama bin Laden im Rahmen einer Aktion amerikanischer Spezialeinheiten in Pakistan erschossen. Al-Qaida, deren Kopf bin Laden bis dahin war, war schon lange geschwächt und nicht mehr vergleichbar mit der Organisation, die sie 2001 war. Mit dem Tod bin Ladens ging dann auch eine Ära zu Ende, die mit einer Zeitenwende, einer Zäsur, eingeleitet wurde: den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. am 11. September 2001 – ein Datum, welches unter der Chiffre „9/11“ in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist.

Unzählige Publikationen wurden zu dieser Zäsur und ihren Auswirkungen vorgelegt. Bernd Greiner hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, „eine erste Bilanz über die Folgen und Hintergründe“ (S. 9) des 11. Septembers in deutscher Sprache vorzulegen. Er nimmt dabei einmal das Ereignis selbst in den Blick, aber auch seine dramatischen Folgen für die USA und die Weltpolitik allgemein. Der Titel bringt die Struktur des Buches sehr gut auf den Punkt: Bernd Greiner geht es einmal um den Tag selbst, verstärkt um die Angst, die er auslöste, und letztendlich um die Folgen, die sich – doppelt gelesen – sowohl aus dem Tag selbst, aber auch aus der durch ihn ausgelösten Angst ergaben.

Seine Überlegungen fußen auf einem intensiven Studium eines breiten Quellenkorpus der zum 11. September, seiner Vor- und Nachgeschichte, heute bereits verfügbaren Quellen. Zurückgreifen konnte er auf die Arbeiten unzähliger investigativer Journalisten, von denen hier lediglich Seymour Hersh genannt sei. Den größten Fundus bot ihm allerdings das Internet – eine Quellensammlung zu 9/11, erarbeitet von den Historiker/inne/n des „National Security Archive“, die Bernd Greiner für Zeithistoriker als „unumgänglich“ (S. 10) bezeichnet. Sie erlaubte es ihm nicht nur, die Zusammenhänge des 11. Septembers 2001 zu rekonstruieren und dabei gleich einige der bekanntesten Verschwörungstheorien zu entkräften, sondern zudem lassen sich mit diesem Archiv „auch die ‚weißen Flecken‘ des 11. Septembers 2001 kartographieren, jene Bereiche also, die künftig für ein besseres Verständnis der Ereignisse bearbeitet werden sollten.“ (S. 10f.) Bernd Greiner positioniert seine Studie damit ganz klar: Sie will einmal die bis hierher bekannte Geschichte so genau wie möglich rekonstruieren; sie will dabei Gedankenanstöße geben, um das Geschehene zu verstehen, und sie will aufzeigen, wo in Zukunft noch weiterer Bedarf der Aufklärung bestehen wird. In allen drei Punkten – dies sei schon hier gesagt – ist das Buch ein wertvoller Beitrag für die Zeitgeschichte.

Die Geschichte, die Bernd Greiner erzählt, ist die Geschichte einer Anmaßung; es ist die Geschichte eines Verfalls, die mit einem Schock und einer ungläubigen Angst begann. Im ersten Kapitel lässt Greiner diesen einen Tag, mit dem das neue Jahrtausend wirklich begann, noch einmal vor unserem inneren Auge entstehen. Er erzählt von den Momenten, als Feuerwehrleute, die lediglich ein Gasleck finden wollten, zusahen, wie ein Flugzeug in das World Trade Center stürzte. Er erzählt, wie sich dieses sicherlich angstvolle Staunen in Panik verwandelte, als auch der zweite Turm von einem Flugzeug getroffen wurde. Viel können wir hier noch einmal von der Konfusion dieses Tages erfahren, die sämtlichen Verschwörungstheorien, wonach der 11. September ein geplanter Coup der USA selbst war, entgegenstehen. Geplant war er wohl, nur eben vor den Augen der Öffentlichkeit bis zum letzten, tragischen Moment verborgen. Verschwörungstheorien vermögen bisweilen plausibel erscheinen, da sich Umstände, Begebenheiten und scheinbare Hinweise in den Augen einiger zu einer anderen Geschichte zusammenfügen. Auch Bernd Greiner erzählt Geschichten von Hinweisen, allerdings von solchen, die sich nach den Ereignissen zu einem logischen Ganzen und damit zu einer Erklärung zusammensetzten. Denn auch der 11. September war ein ganz normaler Tag und damit ein Beweis für das Diktum Harald Welzers: In dem Moment, wo Geschichte geschieht, erleben die Menschen Gegenwart und vor allem Alltag.

Ohne Zweifel hat diese Gegenwart jedoch eine tiefe Wunde gerissen. Die Politik der Bush-Administration hatte sich unter dem Eindruck des 11. September tiefgreifend gewandelt. Im Zentrum der zukünftigen Innen- und vor allem Außenpolitik stand nun die Angst vor den Möglichkeiten, weniger vor den Wahrscheinlichkeiten. Der 11. September 2001 ist auch deswegen ein so tief einschneidender Tag gewesen, weil er mit einem Schlag vieles möglich erscheinen ließ, was dennoch nicht wahrscheinlich war. Seit diesem Tag lebte man mit einer permanenten Angst vor Terrorismus. Ein Beleg dafür war die kurz nach dem 11. September umhergehende Anthrax-Hysterie in den USA, die Philipp Sarasin in seinem Buch zu 9/11 analysiert hat.[1]

Die Regierung unter George W. Bush kanalisierte dieses Gefühl der Hilflosigkeit, wobei zwei wesentliche Gedanken eine verhängnisvolle Beziehung miteinander eingingen: Erstens wollte man um jeden Preis ein zweites 9/11 verhindern, und zweitens sollten die Schuldigen gefunden und ihrer „gerechten“ Strafe zugeführt werden. Die Bush-Administration – das waren George W. Bush und seine engsten Vertrauten, unter ihnen Donald Rumsfeld, Condolezza Rice, Paul Wolfowitz – wollte den Terroristen, wo immer sie auch waren, und auch dem Rest der Welt zeigen, dass die USA fähig sind, sich zu verteidigen. Afghanistan und der Irak waren zwei Schritte auf diesem Weg. Einwände gegen die Politik der Bush-Administration wurden meist beiseite gewischt. Bernd Greiner bezeichnet dies mit einem Begriff, den Arthur Schlesinger jr. bereits in den 1970er-Jahren geprägt hatte, nämlich dem der „imperialen Präsidentschaft“. Unter dem Eindruck der bedrohten nationalen Sicherheit höhlte die Bush-Administration ganz fundamentale Verfassungsrechte aus – die Selbstermächtigung der Exekutive ging dabei einher mit einer weitestgehenden Selbstentmachtung der Legislative und auch der Judikative. Ihren sichtbarsten und schrecklichsten Ausdruck fand diese Selbstermächtigung im System der Gefangenenlager und der breiten Anwendung der Folter. Aber auch in der Gesetzgebung nach dem 11. September fand sich die Paranoia wieder, vor allem im so genannten „Patriot Act“: Vor dem Hintergrund des Terrorismus ließ sich in den USA – wie in vielen Ländern Europas ebenfalls – fast alles rechtfertigen und politisch durchsetzen.

Bernd Greiner bilanziert hier auf eine spannend zu lesende Art und Weise Jahre der Arbeit aus dem Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“ am Hamburger Institut für Sozialforschung, wo zahlreiche Publikationen im Zusammenhang mit dem 11. September und der Veränderung der amerikanischen Politik in dessen Folge entstanden sind. Ergänzend zu seinen Ausführungen über die kriegerische Reaktion auf den 11. September ließe sich die neuste Studie von Stefan Bierling über den Irakkrieg nennen, der zu ähnlichen Schlüssen wie Greiner kommt. [2]

Drei Erkenntnisse der Lektüre sind erschreckend und wirken lange nach. Erstens, dass die Geschichte des 11. September tatsächlich ein Abgrund ist, der zur Reflektion über das eigene Verhalten auffordert. Denn alle Politik kann durch Widerstände über kurz oder lang auch hinterfragt werden. Greiner macht deutlich, dass die Verantwortung für die Politik nach 9/11 nicht nur bei der Bush-Administration liegt, sondern dass diese ihre Politik auch deswegen machen konnte, weil sie sich einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung erfreute (S. 216, 218). Zweitens scheint auch Barack Obama, dessen Präsidentschaft und ihrer Verstrickung in den Krieg gegen den Terror Greiner im letzten Kapitel breiten Raum widmet, nichts an den Zuständen ändern zu können: Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen und auch weitere Gefängnisse sind immer noch aktiv und arbeiten, so Greiner, fast genauso weiter wie unter Bush. Und auch die Umstände der Tötung Osama bin Ladens geben Anlass, über Obamas Rolle in diesem Krieg nachzudenken. Zuletzt macht Greiner deutlich, dass der Krieg gegen den Terror selbst das Problem ist. Diese Erkenntnis, wie viele andere auch, ist sicherlich nicht neu – Greiner bringt sie nur noch einmal auf den Punkt. Es ist die Stärke dieses Buches, die wesentlichen Ereignisse am und nach dem 11. September sowie die Politik der Regierungen der USA infolge dieses Ereignisses konzise zu durchdringen und die Probleme und Mängel aufzuzeigen. Dem Buch ist eine breite Leserschaft zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Philip Sarasin, »Anthrax«. Bioterror als Phantasma, Frankfurt am Main 2004; (siehe die Rezension von Stefan A. Keller, 9.11.2004 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-098>[18.08.2011])
[2] Stefan Bierling, Geschichte des Irakkriegs. Der Sturz Saddams und Amerikas Albtraum im Mittleren Osten, München 2010; (siehe die Rezension von mir, 3.12.2010 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-4-162>[18.08.2011])

Zitation
Erik Stiegmann: Rezension zu: Greiner, Bernd: 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen. München 2011 , in: H-Soz-Kult, 09.09.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16073>.
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09.09.2011
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