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Titel
Tashkent. Forging a Soviet City, 1930-1966


Autor(en)
Stronski, Paul
Erschienen
Umfang
350 S.
Preis
$ 27.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Bohn, Historisches Institut, Osteuropäische Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

Neue Impulse in der Sowjetunionforschung sind dann zu erwarten, wenn weniger auf den engen zeitlichen Rahmen des Stalinismus als vielmehr auf das epochale Leitmotiv der Urbanisierung fokussiert wird. Dieser Prämisse folgend und die Beweisführung am zentralasiatischen Beispiel vollziehend untersucht Paul Stronski die Geschichte Taschkents von der Erhebung zur Hauptstadt der Sowjetrepublik Usbekistan im Jahre 1930 bis zu den Verheerungen des Erdbebens von 1966. Er bezieht in die Darstellung – seinem synthetischen Anspruch entsprechend – aber auch historische Voraussetzungen und aktuelle Entwicklungen ein. Dabei geht es Stronski um das Projekt der Modernisierung und Zivilisierung der sowjetischen Peripherie. Er hat jedoch nicht die Willkür als mentale Disposition der herrschenden Klasse und den Terror als Mittel zur Durchsetzung ihrer Politik vor Augen, sondern die Ausgestaltung des städtischen Raums und die Ausformung einer urbanen Gesellschaft in der heute 2,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole. Einem eher deskriptiven Ansatz verpflichtet, versäumt es Stronski mitunter, seine weiterführenden Erkenntnisse mit provokativen Thesen zu präsentieren.

Reizvoll ist die auf russischen und usbekischen Archiven basierende Pionierstudie deshalb, weil die Geschichte der Urbanisierung in Zentralasien noch immer zu den „weißen Flecken“ der Forschung gehört, und weil Taschkent für die sowjetische Stadtgeschichte insgesamt ein interessantes Vergleichsobjekt darstellt. Denn als Bezugspunkt und Referenzgröße diente der Urbanisierungsforschung bis dato ausschließlich die „europäische Stadt“. Von diesem Typus, der sich durch die Entwicklung der Zivilgesellschaft und das Ausgreifen des urbanen Lebensstils auf das flache Land auszeichnete, wurde die „sozialistische Stadt“ unterschieden, die ihre Prägung durch einen rasanten phasenverschobenen Prozess der Urbanisierung und ein einheitliches städtebauliches Leitbild erfuhr.[1] Obgleich sich Stronski im Hinblick auf Taschkent explizit für die Transformation einer „orientalischen Stadt“ in eine „sowjetische Stadt“ interessiert, unterlässt er direkte Bezugnahmen auf die jüngste Debatte um die „europäische Stadt“, die sich pikanterweise auf das Gegenmodell der „amerikanischen Stadt“ konzentrierte. Allenfalls en passant taucht die Charakterisierung Taschkents als „das Los Angeles Zentralasiens“ auf. Stronski zufolge konnte sich der Moskauer Architekt S. Motoljanski diesen auf Klima und Geographie bezogenen Analogieschluss Anfang 1946 nur vor dem Hintergrund der allgemeinen Euphorie des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland erlauben (S. 146).

De facto unterlag Taschkent seit der russischen Eroberung im Jahre 1865 einem Prozess der „Europäisierung“, der sich unter zarischer Herrschaft in Residenzgebäuden und orthodoxen Kirchen sowie unter dem Regime der Bolschewiki in Elektrizitätswerken und Fabriken manifestierte. Von den 1930er- bis zu den 1960er-Jahren verwandelte sich Usbekistan, zumindest der sowjetischen Propaganda zufolge, von einem Agrarland in einen Industriestaat. Auf die Metamorphose, die die Hauptstadt Taschkent in diesem Zeitabschnitt baugeschichtlich und sozialhistorisch durchlief, zielt Stronskis Erkenntnisinteresse. Seine Befunde vermögen zu beeindrucken: Ihren dualen Charakter – das Miteinander von Kolonialbauten und traditionellen Wohnvierteln oder das Nebeneinander von sozialistischen Monumenten und Infrastrukturdefiziten – legte die Stadt erst nach dem Erdbeben von 1966 ab. In pragmatischer Weise nutzten die Planer diese Katastrophe, um die islamische Mahalla endgültig zu eliminieren und durch den sowjetischen Mikrorayon zu ersetzen. Wie in der gesamten Sowjetunion orientierten sich auch in Usbekistan die Debatten um die Stadtentwicklung an den Parametern „Fortschritt“ und „Rückständigkeit“ oder an der Polarisierung von „alt“ und „neu“. Während es im europäischen Teil der Sowjetunion diesbezüglich um die Beseitigung der kapitalistischen Relikte ging, kam es im asiatischen Teil auf die Überwindung der orientalischen Traditionen an. Im Hinblick auf die weißrussische Hauptstadt Minsk lässt sich schlussfolgern, dass die Geschichte Taschkents abgesehen von den Vorzeichen anderen „sozialistischen Städten“ in erstaunlicher Weise glich.[2]

Folgt man der sowjetischen Propaganda, dann sollte Taschkent in den dreißiger Jahren zu einer Musterstadt des Sozialismus ausgebaut werden und damit als Zentrum der Sowjetisierung Zentralasiens fungieren. Als Grundlage dienten die Prinzipien des Generalplans für die Stadt Moskau von 1936, der von der Axial-Ring-Struktur der Straßenführung ausging und eine zonale Gliederung der Bereiche von Arbeiten, Wohnen und Freizeit vorsah. Im Unterschied zu anderen sowjetischen Städten konnte sich die Architektur des Sozialistischen Realismus mit der vor allem von russischen Planern vertretenen Losung „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“ in Taschkent über die Zäsur des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hinweg entfalten. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte die im Hinterland gelegene Stadt einen ungeahnten Boom, der aus der Evakuierung von Personen und Anlagen aus den Frontgebieten sowie aus der Produktion von Rüstungsgütern resultierte. Ungeachtet dessen bedingten die generellen Versorgungsmängel und insbesondere die Lebensmittelfrage in der Bevölkerung einen Kampf ums Überleben, der von mannigfachen sozialen und ethnischen Konflikten gekennzeichnet war.[3] Erst nach Stalins Tod 1953 wurde von der Ausgestaltung des Zentrums abgerückt und stattdessen dem Massenwohnungsbau Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings erwies es sich als illusorisch, usbekische Großfamilien in die standardisierten Klein- und Kleinstwohnungen des Plattenbaus der Chruschtschow-Ära einzuquartieren. Nicht von ungefähr wies Taschkent unmittelbar nach Proklamation des Massenwohnungsbauprogramms von 1957 unter den sowjetischen Großstädten den größten Anteil an Privathäusern auf. Immerhin 86 Prozent aller Gebäude waren einstöckig.

Während die Stalinismusforschung bemüht war, Erklärungen für die Utopie der Gleichmacherei und das Phänomen der Gewalt zu liefern, strebt die Urbanisierungsforschung danach, ein Licht auf das Chaos des Alltags respektive auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der städtischen Lebenswelt zu werfen. Rückte im Zeichen der Totalitarismustheorie zunächst die Atomisierung der Gesellschaft in den Vordergrund, tritt in den Lokalstudien nun der Eigensinn der kleinen Leute zutage. Von „Speaking Bolshevik“ oder der Manipulation von Einstellungen und Verhaltensweisen durch den Parteijargon ist bei Stronski indes nicht die Rede.[4] Die Sowjetisierung Taschkents verlief seiner Auffassung zufolge nicht im Zeichen des Terrors und der Massenpsychose, sondern unter dem Etikett des Fortschritts und der Konzentration nationaler Ressourcen. Die „Normalisierung der Lebensverhältnisse“ habe im Rahmen der „Modernisierung“ nicht erst seit der Entstalinisierung auf dem Programm gestanden. Letzten Endes habe jenseits der politischen Diktatur eine Sphäre existiert, in der die Routinen des Alltags dominierten. Anknüpfend an Stronskis Appell, die Urbanisierung als Kontinuitätslinie der sowjetischen Geschichte zu begreifen (S. 13), lässt sich unter Bezugnahme auf ein Bonmot des vorrevolutionären Historikers Wassili O. Kljutschewski, demzufolge die Kolonisierung das Leitmotiv der russländischen Geschichte gebildet habe, folgende These vertreten: Die Geschichte der Sowjetunion ist die Geschichte eines Landes, das der Urbanisierung unterliegt.[5]

Was Stronski in diesem Zusammenhang auf der lokalen Ebene dokumentiert, ist die zentrale Rolle, die die unter russischer Ägide vollzogene Verstädterung bei der Auflösung kultureller Missverständnisse und der Überwindung ethnischer Differenzen spielte, zumindest im sowjetischen Diskurs. Insgesamt entspricht die Darstellung eher einer kulturwissenschaftlich motivierten dichten Beschreibung als einer sozialwissenschaftlich fundierten theoretischen Analyse. Statistische Angaben über die demographische Zusammensetzung der Stadt oder Zahlen zum Bevölkerungswachstum fehlen völlig. Immerhin regen die interessanten Einblicke in den Alltag an der sowjetischen Peripherie dazu an, neben dem Leitmotiv der Urbanisierung auch der Geschichtsregion Zentralasien zukünftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Insgesamt gesehen präsentiert Stronski das moderne Taschkent in beeindruckender Weise als ein sowjetisches Kunstprodukt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Manfred Hildermeier, Die russische Stadt – Subtyp europäischer Entwicklungen?, in: Friedrich Lenger / Klaus Tenfelde (Hrsg.), Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion, Köln 2006, S. 45-60; Thomas M. Bohn, „Sozialistische Stadt“ versus „Europäische Stadt“. Urbanisierung und Ruralisierung im östlichen Europa, in: Comparativ 18:2 (2008), S. 71-86.
[2] Vgl. Thomas M. Bohn, Minsk – Musterstadt des Sozialismus. Stadtplanung und Urbanisierung in der Sowjetunion nach 1945, Köln 2008.
[3] Vgl. Rebecca Manley, To the Tashkent Station. Evacuation and Survival in the Soviet Union at War, Ithaca 2009.
[4] Vgl. Stephen Kotkin, Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley 1995, S. 198-237.
[5] Vgl. Thomas M. Bohn, Die Abschottung der Städte im Jahre 1956. Sowjetische Geschichte als Urbanisierungsgeschichte, in: Matthias Stadelmann / Lilia Antipow (Hrsg.), Schlüsseljahre. Zentrale Konstellationen der mittel- und osteuropäischen Geschichte. Festschrift für Helmut Altrichter zum 65. Geburtstag, Stuttgart 2011, S. 413-422.

Zitation
Thomas Bohn: Rezension zu: Stronski, Paul: Tashkent. Forging a Soviet City, 1930-1966. Pittsburgh 2010 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16078>.