R. Grabolle: Die Burg auf dem Johannisberg

Titel
Die frühmittelalterliche Burg auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda im Kontext der Besiedlung des mittleren Saaletals.


Autor(en)
Grabolle, Roman
Erschienen
Langenweißbach 2008: Beier & Beran
Preis
€ 22,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hajnalka Herold, Vienna Institute of Archaeological Science, Universität Wien

Der vorliegende Band befasst sich mit der frühmittelalterlichen (9.–10. Jahrhundert) Befestigung auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda. Im ersten Teil des Buches (S. 11–44 sowie Tafel 1–32) werden alle vom Johannisberg verfügbaren frühmittelalterlichen archäologischen Funde und Befunde vorgelegt. Im zweiten Teil (S. 45–64) wird der Charakter und die Rolle des Gebietes der mittleren Saale im frühen Mittelalter unter Einbeziehung archäologischer und historischer Quellen diskutiert.

Die Ergebnisse der Arbeit werden anschließend in einer kurzen Zusammenfassung dargelegt (S. 65). Eine etwas ausführlichere Zusammenfassung des gesamten Buchinhaltes auf Englisch und auf Tschechisch (S. 67–70) erleichtert die Orientierung für nicht deutschkundige Leser. In einem Beitrag von Kerstin Pasda werden die Analyseergebnisse der Tier- und Menschenknochen vom Johannisberg veröffentlicht (S. 71–82). Anschließend finden sich Verzeichnisse und Anhänge zur Arbeit von Roman Grabolle, die neben einem Verzeichnis der früh- und hochmittelalterlichen Fundstellen im mittleren Saaletal (S. 105–106) auch den Katalog der frühmittelalterlichen Funde vom Johannisberg beinhalten (S. 107–125). Das Buch schließt mit dem bereits erwähnten Tafelteil (Tafel 1–32 und eine Beilage in Größe A3).

Neben der Veröffentlichung des Buches hat sich der Autor bemüht, seine Forschungsergebnisse auch über das Internet einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Sein umfangreicher und gut strukturierter Wikipedia-Beitrag [1] wurde aufgrund von Bewertungen von Lesern in die Liste der „exzellenten Artikel“ von Wikipedia aufgenommen.

Ausgrabungen wurden auf dem Johannisberg bereits im 19. Jahrhundert durchgeführt, die Lage der frühesten Grabungsschnitte kann freilich nicht genau rekonstruiert werden. Die bisher letzte (offizielle) Grabungstätigkeit am Fundort stellen die Untersuchungen vom Autor des besprochenen Bandes im Jahre 2003 dar – hierbei wurde ein Wallprofil der 1950er-Jahre erneut untersucht und genau dokumentiert. Da der Johannisberg einen markanten Punkt in der Landschaft darstellt und durch die Befestigungswälle gut als archäologische Fundstelle erkennbar ist, waren „Hobbyarchäologen“ am Fundort auch häufig tätig.

Die Fläche der lokalisierbaren Ausgrabungsschnitte auf dem Johannisberg beträgt etwa 270 Quadratmeter. Diese Fläche teilt sich allerdings auf 19 Grabungsschnitte auf, von denen nur wenige über eine Größe von mehr als 10 Quadratmeter verfügen (S. 13). Die meisten Grabungsschnitte wurden im Bereich des Befestigungswalles angelegt, vor allem auf dessen Innenseite. Nur wenige Grabungsschnitte bieten Angaben zur Wallkonstruktion oder zu Baubefunden (S. 36). Im Schnitt XV wurden in den 1950er-Jahren Befunde freigelegt, die möglicherweise als Teile einer Toranlage interpretiert werden können. Zur Innenbebauung der befestigten Fläche konnten durch die Ausgrabungen keine Anhaltspunkte gewonnen werden.

Durch die Nachgrabungen im Jahre 2003 wurde eine genauere Beschreibung der Wallkonstruktion möglich. Man kann hier von einer Holz-Erde-Stein-Konstruktion ausgehen, mit Blendmauer auf der Innen- wie auf der Außenseite. Die freigelegten Grabungsschnitte erlauben keine Schlüsse darüber, ob die gesamte Befestigung mit derselben Wallkonstruktion gebaut wurde oder ob mehrere verschiedene Konstruktionen Anwendung fanden. Organische Reste für eine naturwissenschaftliche Absolutdatierung – durch Dendrochronologie und/oder C14-Analyse – standen leider nicht zur Verfügung.

Das freigelegte Fundmaterial besteht vor allem aus Keramik; Kleinfunde konnten nur in sehr geringer Zahl geborgen werden und sind chronologisch wie funktional eher wenig aussagekräftig. Die frühmittelalterlichen Keramikfunde füllen 17 Tafeln und stellen die einzige näher datierbare Fundkategorie dar.

Die frühmittelalterliche Befestigung auf dem Johannisberg spielte in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren – historischen wie archäologischen – Arbeiten eine wichtige Rolle, wie es auch von Roman Grabolle in seiner Arbeit ausführlich dargestellt wird (S. 14–19). Diese Rolle steht in krassem Widerspruch zum Umfang der durchgeführten Ausgrabungen, die darüber hinaus bisher auch nur ansatzweise publiziert waren.

Den vorgelegten Untersuchungen zum Johannisberg lag nicht zuletzt die Frage zugrunde, ob die Befestigung auf dem Johannisberg von fränkischer oder slawischer Seite errichtet wurde, ob sie Teil des in historischen Quellen erwähnten ‚limes sorabicus‘ war, bzw. wie man sich den ‚limes sorabicus‘ im archäologischen Befund vorstellen könnte.

Ob solche Fragen sinnvoll bzw. anhand archäologischer Untersuchungen zu beantworten sind, wird in der Forschung zunehmend bezweifelt, wie dies auch der Autor des besprochenen Buches erwähnt (S. 65). Die Ausführungen des Autors gehen auch auf die eigentliche Komplexität der Frage ein, ob die Befestigung auf dem Johannisberg nun eine „fränkische“ oder eine „slawische“ Burg darstellt: Eine Frage ist, wer die (politische) Entscheidung fällt, dass eine Burg gebaut werden soll, eine andere Frage ist, wer die Burg (und nach wessen Planung) erbaut und nochmals eine andere Frage ist, wer in der fertigen Burg dann lebt und woher seine Gebrauchsgegenstände stammen, deren Überreste letztlich – zusammen mit der Wallkonstruktion und den Baubefunden – die archäologische Ausgrabung erfasst. Aus heutiger Sicht erscheint es tatsächlich so, dass hier der Archäologie Aussagen abverlangt werden, welche die historischen Quellen nicht zu geben vermögen (S. 65).

Die übergeordnete Fragestellung der direkten Nachweisbarkeit von historischen Ereignissen und Politikgeschichte im frühmittelalterlichen archäologischen Befund wird die Forschung noch länger beschäftigen. Auf jeden Fall kann aber eine Überprüfung der Nachweisbarkeit nur mittels Durchführung und umfassender Publikation großflächiger Ausgrabungen an mehreren Fundstellen einer Region erfolgen und nur durch anschließenden Vergleich mit Ergebnissen aus anderen Regionen hinreichend abgesichert werden. Die Arbeit von Roman Grabolle bedeutet für die Region des Johannisberges einen wichtigen ersten Schritt in diese Richtung.

Das besprochene Buch stellt die überarbeitete Fassung der Magisterarbeit des Autors dar, wie Leser dies aus dem Vorwort erfahren können. Das Werk geht aber eindeutig über die Dimension einer gewöhnlichen Magisterarbeit hinaus. Roman Grabolle hat die zur Verfügung stehenden archäologischen und historischen Quellen zum Fundort und zur Region zusammengestellt sowie eine umfassende Übersicht der Sekundärliteratur geboten. Somit sind zur frühmittelalterlichen Befestigung auf dem Johannisberg eine gründliche Quellenvorlage und eine kritische Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes gewährleistet. Man kann sich nur wünschen, dass diesem Beispiel zahlreiche künftige Arbeiten zu bisher unbearbeiteten Ausgrabungen ähnlicher Fundorte folgen werden.

Anmerkung:
[1] <http://de.wikipedia.org/wiki/Johannisberg(Jena-Lobeda)>, die als exzellent ausgezeichnete Artikelversion vom 21. November 2008 findet sich unter <http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johannisberg(Jena-Lobeda)&oldid=532372477247> (26.01.2011).

Zitation
Hajnalka Herold: Rezension zu: Grabolle, Roman: Die frühmittelalterliche Burg auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda im Kontext der Besiedlung des mittleren Saaletals. Langenweißbach 2008 , in: H-Soz-Kult, 14.02.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16153>.
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14.02.2011
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