D. Hormuth u.a. (Hrsg.): Norden und Nördlichkeit

Titel
Norden und Nördlichkeit. Darstellungen vom Eigenen und Fremden


Hrsg. v.
Hormuth, Dennis; Schmidt, Maike
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
219 S.
Preis
€ 42,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Mohnike, Département d'études scandinaves, Université de Strasbourg

Der vorliegende Sammelband übermittelt viele gute Neuigkeiten, und eine melancholische: Er stellt, so das Vorwort, den Abschluss der Arbeit des Kieler Graduiertenkollegs Imaginatio Borealis dar, dessen Förderung im Dezember 2009 nach 10 Jahren produktiver Arbeit, dokumentiert unter anderem in bisher 21 Bänden der gleichnamigen Buchreihe, eingestellt wurde, und eine solche Nachricht kann den am Norden und an Bildern des Nordens Interessierten nur bekümmern. Umso neugieriger ist man denn auf jenen „Einblick in seine alltägliche Arbeit“ und die „ansonsten nur intern besprochenen Gedanken und Interpretationen“, die hier „einer breiteren Diskussion“ anheimgestellt werden sollen, wie es die beiden Herausgeber im Vorwort formulieren (S. 7).

Wer sich jedoch eine Erprobung der in der Arbeit des Kollegs entwickelten systematisierenden Ansätze erhofft, wird enttäuscht. Die Herausgeber beschreiben nämlich das Ergebnis der Arbeit rückblickend so, dass es den einen Norden „nie gegeben“ habe, sondern dass dieser „stets neu erfunden, beschrieben und ausgehandelt“ (S. 7) wurde. Heißt dies aber, dass die vom Graduiertenkolleg entwickelten und auf dessen Website präsentierten vier Grundformen der Auseinandersetzung mit dem Norden – „abiectio“, „aemulatio“, „imitatio“ und „vindicatio“ – schließlich verworfen worden sind? Oder dass Lutz Rühlings Typologie der Bilder vom Norden aus dem Jahr 2004 ad acta gelegt wurde?[1] Dies bleibt ungewiss, letzterer wird immerhin von einem Beitrag zitiert. Man muss denn wohl die Stärke des Graduiertenkollegs und des vorliegenden Sammelbandes nicht im theoretisch-methodischen suchen, sondern eher im interdisziplinären Austausch von Quellen und von literatur-, kultur- und sozialhistorischem Detailwissen aus den beteiligten Fächern.

Der Band ist chronologisch gegliedert. Am Anfang stehen mehrere Analysen zur historischen Verortung Russlands im Norden. In seinem einleitenden Beitrag untersucht Ludwig Steindorff diesen Sachverhalt in altslawischen Texten. Dabei zeigt er, dass diese Texte zwar in der Tradition christlicher Historiographen und deren Gliederung der Welt nach dem Schema der so genannten T-O-Karten stehen[2], allerdings weiche etwa die so genannten Nestor-Chronik signifikant von seiner byzantischen Vorlage ab: Während dort nur die europäischen Teile des ehemaligen römischen Reichs beschrieben werden (S. 15), so erfasst die Nestor-Chronik den nordeuropäischen Raum und darin den Ort des Kiewer Reichs sehr viel genauer. Dadurch werde, so Steindorff, die biblische Dreiteilung der Welt von einer Vierteilung durch die Himmelsrichtungen überlagert (S. 17). Im abschließenden Teil seines Beitrags verfolgt er die Anpassung von Motiven aus der lateinisch-christlichen Tradition an die Natur des nördlichen Russlands in verschiedenen Heiligen-Viten.

Die Frage nach der Zugehörigkeit Russlands zum Norden verfolgt auch Andreas Fülberth mit seiner Untersuchung von Sigismund von Herbersteins „Rerum Moscoviticarum Commentarii“ und führt die Diskussion somit in die frühe Neuzeit. Er vergleicht dabei die Lateinische und die in vielem überarbeitete oberdeutsche Fassung. Fülberth weist darin darauf hin, dass Herberstein Himmelsrichtungen nur selten zur Verortung des ganzen Landes verwendet – wenn aber, dann wird Russland als Land im Norden charakterisiert. Deshalb, so Fülberth, müsse man Herbersteins Werk eher als Nord- denn als Osteuropakunde begreifen.

In ihrem aspektreichen und umfangreichen Beitrag zu Olaus Magnus berühmter „Carta Marina“, einer der ersten modernen Karten Nordeuropas, und seiner „Historia de gentibus septentrionalibus“ geht Maike Sach diesen Fragen genauer nach. Unter die Völker des Nordens, so Sach, rechnete Olaus Magnus auch die Russen. Im Gegensatz zu Skandinavien im engeren Sinne kannte Olaus allerdings die östlichen Teile Nordeuropas nicht aus eigener Anschauung. Entscheidend für sein Wissen um diese sei dabei sein Aufenthalt in Danzig gewesen, einem wichtigen Umschlagplatz des Wissens von Russlands (S. 47-50). Trotz ihrer Zugehörigkeit zum Norden werden Russen und Moskowiter, so Sach, stets als andersartig gekennzeichnet: So trage der Großfürst weder Schwert noch Krone, sondern Säbel und nach griechischer Art geschnittene Kleidung. Die Grenze zwischen Schweden und dem Großfürstentum ist in Karte und Buch durch kriegerische Auseinandersetzung gekennzeichnet, die Sach auf den konfessionellen Gegensatz zurückführt. Die Nördlichkeit der Russen ist demnach bei Olaus ambivalent.

Die „Carta Marina“ ist auch der Ausgangspunkt von Birthe Möllers Spurensuche nach ästhetischen Elementen zur Definition einer „nordischen Eigenart“ in der schwedischen Grafik der Frühen Neuzeit, ergänzt durch Lektüren von Erik Dahlberghs „Suecia antiqua et hodierna“. Möller stellt dabei insbesondere den Versuch heraus, eine nordische Antike im Dialog mit der Formensprache der kontinentalen Renaissance zu erschaffen.

Die Chronik die estländischen Landrats Otto Fabian von Wrangell zur Zeit des „Großen Nordischen Krieges“, in dem Estland aus schwedischer in russische Herrschaft überging, wird von Dennis Hormuth in Hinblick auf daraus resultierenden Veränderungen von Wrangells subjektiver „mental map“ interpretiert. Dabei stellt er drei wichtige Rahmen heraus: den lokal-kleinregionalen, den großregionalen innerhalb des Nordens und, leicht verquer zu diesen, die Verortung „im Rahmen der politischen Oberherrschaft“. Bestimmend ist für den Adligen zunächst nur der lokal-kleinregionale Rahmen. Dies ändert sich mit dem Nordischen Krieg, der vorübergehend die Großregion des Nordens wichtig werden lässt. Am Ende des Krieges tritt diese Verortung zurück, die Unterordnung unter den russischen Machtbereich gewinnt Gewicht.

Einen Umbruch auf ganz anderer Ebene verfolgt Maike Schmidt: In einer Analyse von Karl Ludwig Gieseckes „Mineralogischem Reisejournal“ über Grönland beschreibt sie die Entdeckung der Landschaft als Erhabenes – das heißt als nicht in erster Linie Furcht erregend, bedrohlich oder schön, sondern als ästhetischen Genuss. Sie stellt diesen Wandel in den Kontext zeitgenössischer ästhetischer Reflexion; ein wichtiges Element ist dabei der Bezug auf die etwa gleichzeitige Umwertung der Alpenlandschaft.

Schmidts Untersuchung ist der einzige Beitrag, der die für die Entstehung des Bildes vom Norden doch so zentrale Epoche des langen 19. Jahrhunderts in den Blick nimmt. Unvermittelt folgt darauf Nina Hinrichs Untersuchung zum „Nordischen“ in der nationalsozialistischen Landschaftsmalerei. Die von ihr hervorgehobenen Winterlandschaften, Bergsteiger und Posten im Niemandsland nehmen so ungewollt – aber vielleicht zu recht – Verbindung auf zu den Abbildungen Grönlands in Schmidts Untersuchung. Diesen Bezügen spürt Hinrichs nur ungenügend nach, es wird vielmehr gezeigt, dass das Konstrukt des Nordischen für die nationalsozialistische Kunst – im Gegensatz zu griechisch-klassischen – recht unwichtig war. Allerdings bezieht sie sich hinsichtlich der ästhetisch-rassistischen Theorien der Zeit hauptsächlich auf Adolf Hitlers Äußerungen, der denn doch nicht allein als repräsentativ für die nationalsozialistische Kunstauffassung zu verstehen ist.

Eine zweite Fallstudie zur nationalsozialistischen Ideologie bietet Steffen Werther; er führt zugleich in vorbildlicher Weise in die Komplexität der Interaktion von Ideologie und Politik ein. Die Besetzung Dänemarks durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg hatte nämlich in der dortigen deutschen Minderheit die Hoffnung gezeitigt, man würde die Grenze nach Deutschland revidieren und so den Anschluss an ein großdeutsches Reich erleben. Dem gegenüber stand die Idee der Berliner Führung, in Zusammenarbeit mit den dänischen Nationalsozialisten ein Großgermanisches Reich zu errichten; großdeutsche Ambitionen wären dem hinderlich gewesen. Entsprechend ambivalent war denn auch das Verhältnis der deutschen NSDAP zur Schwesterpartei der deutschen Minderheit in Dänemark.

In die Gegenwart führen uns die drei letzten Beiträge des Sammelbandes. Ole Petras untersucht in einem „close reading“ die Verwendung christlicher Denkfiguren in einem konkreten neonazistischen Popsong. Petras führt vor, wie hier in unmittelbarem Bezug auf christliche Motive auf eine mit Raymond Arons „säkulare Religion“ referiert wird. In dieser gerät der Norden, so Petras, „zu einer beliebig auffüllbaren Chiffre, deren unterstellte Alterität zum Initial der Abgrenzung wird“ (S. 172). Vielleicht hätte eine Analyse, die das gesamte Album sowie einschlägige Paratexte verbunden und genauer den ideen- und ideologiegeschichtlichen Kontext betrachtet hätte, weitergehende Ergebnisse produziert.

Ein im Forschungsfeld eher ungewöhnliches Korpus bearbeitet Gritje Stöver mit ihrer Analyse von Nördlichkeit in der Kinder- und Jugendliteratur, genauer in Boy Lornsens „Williwitt“-Geschichten. Sie greift als einzige Rühlings theoretisch-methodischen Vorschlag zur Systematisierung der Bilder des Nordens auf, der ja im Kontext des Kollegs entstanden war. Allerdings spielen sie für ihre dann sehr erhellenden und genauen Analysen, vielleicht aus gutem Grund, keine erkennbare Rolle mehr. Der Norden fungiert laut Stöver in den Geschichten als ein pseudo-authentischer Raum, der dem impliziten Leser fremd ist, aber über die Figuren angeeignet wird.

Der abschließende Beitrag von Frank Nagel führt den Leser am weitesten in den Süden. Nagel verfolgt die (De-)Konstruktionen des Nordens im Werk des spanischen Dichters Miguel Anxo Fernán Vello. Nach einer informativen Präsentation wichtiger Referenzpunkte für die Entstehung des Nordenbildes in Frankreich und Spanien liefert er eine genaue Lektüre von Fernán Vellos Gedicht „En dirección ao norte“ („Nach Norden“, 1998) und führt vor, wie der Dichter ein bestehendes Inventar von Vorstellungen des Nordens nutzt, um ein aus der französisch vermittelten Romantik stammendes „metaphysischen Erlebnisdispositiv“ (S. 209) aufzunehmen, es anschließend zu dynamisieren und in einen Ort permanenter Sinnunfestigkeit zu verwandeln.

Wie dieser Durchgang durch den Sammelband gezeigt hat, weist er als „Werkstattbericht“ vor allem eines nach: Das Graduiertenkolleg hat eine reiches, interdisziplinäres Forschungsfeld erkundet. Was dieses Forschungsfeld aber, außer einem steten Rekurs auf einen immer wieder anders gearteten Begriff des Nordens, strukturiert, harrt weiterhin der Beschreibung. Dies ist umso bedauerlicher, als zahlreiche Elemente (Typologisierung der Nord-Südkonstruktionen, Raumkonstruktionen in historischer Entfaltung und ideologischer Aufladung, die Entdeckung des Erhaben, der Dialog verschiedener Nordenkonstruktionen in verschiedenen Regionen und Medien) nach Ausweis des Sammelbandes schon bereit liegen. Der eigentliche Abschlussband des Graduiertenkollegs ist denn wohl noch zu schreiben.

Anmerkungen:
[1] Lutz Rühling, „Bilder vom Norden“. Imagines, Stereotype und ihre Funktionen, in: Astrid Arndt u.a. (Hrsg.), Imagologie des Nordens. Kulturelle Konstruktionen von Nördlichkeit in interdisziplinärer Perspektive, Frankfurt am Main u.a. 2004 (Imaginatio Borealis. Bilder des Nordens 7), S. 279-300.
[2] Mittelalterlicher Kartentyp, der die Fläche von Asien, Europa und Afrika als Kreis darstellt. Das Mittelmeer teilt das Kartenbild T-förmig, der Ozean umschließt es ringförmig.

Zitation
Thomas Mohnike: Rezension zu: Hormuth, Dennis; Schmidt, Maike (Hrsg.): Norden und Nördlichkeit. Darstellungen vom Eigenen und Fremden. Frankfurt am Main 2010 , in: H-Soz-Kult, 09.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16382>.
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09.11.2011
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