Titel
Byzanz - Das Römerreich im Mittelalter. Peripherie und Nachbarschaft


Hrsg. v.
Daim, Falko; Drauschke, Jörg
Umfang
446 S.
Preis
€ 80.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Eichert, Wien

Das an dieser Stelle rezensierte Sammelwerk mehrerer AutorInnen stellt den dritten Teil einer Zusammenstellung unterschiedlicher Aufsätze zum Byzantinischen Reich im Mittelalter dar. Zwölf Beiträge in deutscher und englischer Sprache widmen sich hier der Frage nach „Peripherie und Nachbarschaft“ Byzanz'. Beginnend mit einem regionenübergreifenden Überblick zur byzantinischen Geschenkdiplomatie von Franz Alto Bauer (S. 1) wird zunächst eindrucksvoll dargelegt, welches Interesse die Peripherie und der germanische Westen an byzantinischem Kunsthandwerk hatte und welcher Mechanismen sich Byzanz bediente, um damit seine kulturelle Überlegenheit zu betonen.

Der nächste Abschnitt des Werkes widmet sich der Krimhalbinsel. Elzara Chajredinova (S. 59) bespricht die typenchronologische Stellung von Schnallen aus der südwestlichen Krim und geht auf den Einfluss original byzantinischer Schmiedeerzeugnisse auf lokale Mode unter Berücksichtigung unterschiedlicher sozialer und geschlechtsspezifischer Aspekte ein. Rainer Schregs Beitrag (S. 95) widmet sich der Umwelt- und Landschaftsarchäologie im Umfeld der Höhensiedlungen des Gebiets. Es folgen Beiträge zum unteren Donauraum, genauer zum Gebiet des heutigen Bulgariens.

Andrey Aladzhov (S. 113) analysiert am Beispiel von Pliska, Preslav und anderen Fundorten die Entwicklung städtischer Siedlungen im frühmittelalterlichen Bulgarien. Stanislav Stanilov (S. 159) behandelt zwei goldene Zierscheiben mit Pfauen- und Hundedarstellung aus Preslav. Für den mittleren und unteren Donauraum bespricht zunächst Jörg Drauschke (S. 175) die Thematik der halbmondförmigen Goldohrringe, die sich im Westen auffallend auf den bajuwarischen Bereich konzentrieren. Péter Prohászka arbeitet in seinem Beitrag (S. 189) die Fund- und Fundortgeschichte der bekannten awarischen Gräber von Ozora-Tótipuszta in Ungarn penibel genau anhand archivalischer, journalistischer und anderer Quellen auf.

Der nächste Artikel (S. 277) von insgesamt sechs Autoren (Falko Daim, Jérémie Chameroy, Susanne Greiff, Stephan Patscher, Peter Stadler, Bendeguz Tobias) geht zunächst auf die Distribution byzantinischer Originalprodukte nach Ost- und Mitteleuropa ein und bespricht Kriterien für deren Identifikation. Neben bereits bekannten Beispielen wird besonders der Neufund eines Beschlags mit Kaiserdarstellung vorgestellt und unter verschiedensten Aspekten beleuchtet. Ádám Bollók (S. 331) behandelt die Vogeldarstellungen der Zierscheiben von Rakamaz (Ungarn). Neben ornithologischen Aspekten werden zahlreiche ikonographische Parallelen und ein Erklärungskonzept für das Entstehen der Scheiben präsentiert. Péter Lángo (S. 369) analysiert halbmondförmige Ohrringe mit verziertem unteren Bügel. Er erstellt typologische Gruppen und bespricht deren Datierung. Miklós Takács (S. 411) behandelt die „Palmettenornamentik“ des 11. Jahrhunderts in Ungarn und leitet einen Typus von der Kirchenarchitektur des Adriaraums, einen zweiten aus dem südlichen Balkan und Nordgriechenland ab. Die Wurzeln beider Vorbilder finden sich ihm zufolge in Byzanz. Im letzten Beitrag geht John Ljungkvist (S. 419) auf Objekte byzantinischer Herkunft in Skandinavien zwischen 6. und 8. Jahrhundert ein. Besonders im Bereich elitärer Frauen scheinen mediterrane Importwaren sehr prestigeträchtig gewesen zu sein.

Der vorliegende Band setzt die vom RGZM Mainz sowie von Falko Daim und anderen bereits seit mehreren Jahren etablierten Forschungen zu Byzanz im Mittelalter eindrucksvoll fort.[1] Mehrere Ausstellungen in deutschsprachigen Museen, wie in Paderborn oder München und zuletzt in Bonn 2010, konnten die Thematik bereits einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. Wie im Vorwort zum ersten Teil festgehalten ist, soll diese dreibändige Reihe die Bonner Ausstellung „Byzanz – Pracht und Alltag“[2] ergänzen und einen „detaillierten Einblick in die aktuelle Forschung zu den verschiedensten Bereichen der byzantinischen Kultur“[3] geben. Ein Handbuch stellt sie, wie es die Autoren selbst betonen, jedoch nicht dar. Unter dieser Prämisse sind alle Beiträge passend in das übergeordnete Thema eingegliedert. Einen roten Faden sucht man vergeblich, ein solcher ist aber auch nicht notwendig.

Die Beiträge sind allesamt gut gegliedert, variieren jedoch zwischen acht und neunzig Seiten. Sie sind mit einem umfangreichen Fußnotenapparat und einer ebensolchen Bibliographie versehen. Verfasst sind sie in Deutsch (acht Beiträge) und Englisch (vier Beiträge). Am Ende finden sich jeweils Zusammenfassungen in Deutsch, Englisch und Französisch, für die jedoch in manchen Fällen ein größerer Umfang wünschenswert gewesen wäre. Zahlreiche, in guter Qualität vorliegende Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß ergänzen die Texte. Druck- oder Satzfehler wurden kaum beobachtet und insgesamt sind Layout, Gliederung und Konzeption sehr gut gelungen. Als Leser werden aufgrund des Detailgrades vor allem Forscher und weniger Laien angesprochen.

Nachdem ein Großteil der byzantinischen Funde des Frühmittelalters aus Sammlungsbeständen stammt und nur in seltenen Fällen exakte Fundorte, geschweige denn dokumentierte Fundzusammenhänge aufweisen, bietet gerade die „Peripherie“ bzw. „Nachbarschaft“ oftmals Möglichkeiten bei besserer archäologischer Überlieferung eine genauere Einordnung zu erhalten. Dies hat zweierlei Nutzen für die Wissenschaft, da einerseits ein besseres Verständnis der Strukturen außerhalb Byzanz' erreicht wird und andererseits über diese byzantinischen Elemente in der Fremde wiederum auch neues Licht auf das Reichsgebiet und Konstantinopel selbst fällt, was gerade für die Zeit des Ikonoklasmus von besonderer Bedeutung ist.

Nahezu alle Beiträge weisen daher einen direkten Kontext zu Byzanz auf. Im Bereich der Kleinfunde wird ein solcher zumeist über die Diskussion der Originalität bzw. der Herkunft der jeweiligen Objekte und ihrer Vorbilder hergestellt. Gleiches gilt für architektonische Merkmale, auch wenn in manchen Fällen ein byzantinischer Einfluss erst über Zwischenstationen vermittelt wurde. Gleichzeitig bleibt der Fokus aber nicht nur auf Byzanz beschränkt, auch der arabisch-islamische Raum dient oftmals als Parallele. Hervorzuheben ist auch die interdisziplinäre Herangehensweise. Besonders im Beitrag „Kaiser, Vögel, Rankenwerk“ (S. 277) wird gezeigt, wie viel mehr an Erkenntnis durch Kombination unterschiedlicher Methoden gewonnen werden kann.

Als Kritik bleibt nur wenig anzumerken. Ein Vorwort oder eine Einleitung, die gesondert auf das Kernthema „Peripherie und Nachbarschaft“ eingehen und dessen Hintergründe erläutern, wären wünschenswert gewesen. Auch sind die Zusammenfassungen in manchen Fällen etwas knapp gehalten. Hier vermisst man besonders in den jeweiligen, vom Text abweichenden Sprachen eine detailliertere Kurzfassung. Ansonsten ist das vorliegende Werk genau das, was es sein soll: eine eindrucksvolle Sammlung unterschiedlicher Beiträge auf hohem Niveau, die gut in die übergeordnete Thematik passen.

Insgesamt bietet es einen lesenswerten Einblick in die aktuelle Byzanzforschung für Territorien außerhalb des Reichsgebiets und kann die Fragestellungen und Lösungsmodelle fundiert auf den Punkt bringen.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Falko Daim (Hrsg.), Die Awaren am Rand der byzantinischen Welt. Studien zu Diplomatie, Handel und Technologietransfer im Frühmittelalter. Monographien zur Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie 7, Innsbruck 2000. Aktuell: Mechthild Schulze-Dörrlamm, Byzantinische Gürtelschnallen und Gürtelbeschläge im Römisch-Germanischen Zentralmuseum. Teil 2: Die Schnallen mit Scharnierbeschläg und die Schnallen mit angegossenem Riemendurchzug des 7. bis 10. Jahrhunderts. Kataloge Vor- und Frühgeschichtlicher Altertümer 30,2, Mainz 2009; Fritz Mangartz, Die byzantinische Steinsäge von Ephesos – Baubefund, Rekonstruktion, Architekturteile. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 86, Mainz 2010.
[2] Byzanz. Pracht und Alltag. Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. 26. Februar bis 13. Juni 2010. Ausstellungskatalog, Bonn-München 2010.
[3] Falko Daim / Jörg Drauschke (Hrsg.), Byzanz – Das Römerreich im Mittelalter. Teil 1. Welt der Ideen, Welt der Dinge. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 84,1, Mainz 2010, VI.

Zitation
Stefan Eichert: Rezension zu: Daim, Falko; Drauschke, Jörg (Hrsg.): Byzanz - Das Römerreich im Mittelalter. Peripherie und Nachbarschaft. Mainz 2010 , in: H-Soz-Kult, 21.04.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16495>.
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21.04.2011
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