H. Joas u.a. (Hrsg.): Begriffene Geschichte

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Titel
Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks


Hrsg. v.
Joas, Hans; Vogt, Peter
Erschienen
Frankfurt am Main 2011: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
590 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Saupe, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der vorliegende Band versteht sich als Beitrag zur Rezeptionsgeschichte und Historisierung des Werks von Reinhart Koselleck (1923–2006) und verbindet dies mit einem Schwerpunkt zur Diskussion der „Sattelzeitthese“. Neben der Einleitung der beiden Herausgeber umfasst der Sammelband neun Originalbeiträge, zehn Wiederabdrucke sowie ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Koselleck selbst. Zwar lässt sich über den Sinn, einen Band derart stark mit älteren Aufsätzen auszustatten, trefflich streiten, doch die hier im ersten Teil („Biographisches“) versammelten Nachrufe von Willibald Steinmetz, Lucian Hölscher und Christian Meier sowie Ivan Nagels Festrede zum 50. Jahrestag von Kosellecks Promotion in Heidelberg (2004) geben einen guten Einblick in Kosellecks begriffsorientiertes Geschichtsdenken und seine intellektuelle Anziehungskraft.

Der zweite Teil widmet sich den geistigen „Quellen“ der Koselleck’schen Begriffsgeschichte, wobei neben einem Vergleich zur „Anthropologie geschichtlicher Erfahrungen“ bei Koselleck und Hannah Arendt (Stefan-Ludwig Hoffmann) der Bedeutung Otto Brunners (James Van Horn Melton) für die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ und Carl Schmitts für das Gesamtwerk Kosellecks (Reinhard Mehring) nachgegangen wird. Im Hinblick auf die umstrittene Bedeutung beider fällt auf, dass Van Horn Melton nicht die Arbeiten Gadi Algazis heranzieht, der die Brunner-Forschung auf eine neue Grundlage gestellt hat, wie Christof Dipper an anderer Stelle des Bandes zurecht vermerkt (S. 292).[1] Van Horn Meltons Urteil, dass sich Brunner „wie viele andere seiner Generation […] mit den liberalen Prinzipien, die er einst als Fehlgeburt des 19. Jahrhunderts verurteilt hatte“, einfach „versöhnte“ (S. 133), hätte gerade vor dem Hintergrund der Verflechtungen der bundesdeutschen Nachkriegs-Geschichtswissenschaften mit dem Nationalsozialismus problemorientierter ausfallen können.

Der dritte Teil des Bandes über „Probleme und Herausforderungen der Begriffsgeschichte“ ist eine Zusammenstellung von Vorläufern der Begriffsgeschichte sowie klassischer Auseinandersetzungen mit Kosellecks Ansatz. Lesenswert ist der recht unbekannte, auf das Jahr 1947 zurückgehende und hier auf Deutsch veröffentlichte Artikel „Semantics and Historiography“ von Richard Koebner, der nach Koselleck „vorzüglich pragmatisch“ arbeitete und die Geschichte von Begriffen in ihre gesellschaftlichen Kontexte und Debatten bzw. „in ihre argumentative – heute sagt man lieber: diskursive –Verwendungsweise“ einbettete.[2] Auch wenn sich Koselleck in seinem Spätwerk wiederholt auf Heiner Schultz’ kritische Ausführungen zum Verhältnis von Begriffen und Sachverhalten und ihrem jeweiligen historischen Wandel bezogen haben mag, erscheint es fragwürdig, warum nicht auch andere Beiträge aus dem von Koselleck herausgegebenen und eingeleiteten, für die begriffsgeschichtlichen Diskussionen insgesamt wichtigen Band „Historische Semantik und Begriffsgeschichte“[3] wieder abgedruckt wurden. Schultz’ 1979 geschriebener Beitrag verwies jedenfalls schon darauf, dass begriffsgeschichtliche Arbeiten sich nicht auf die Geschichte mehr oder minder isolierter (Einzel-)Begriffe konzentrieren sollten, sondern deren Bedeutungswandel stärker in gesellschaftlichen und politischen Kontexten zu situieren hätten. Bei den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ verhinderte dies gewiss zu einem Teil die „theoretische Zwangsjacke“[4] der enzyklopädischen Anlage und ihrer methodischen Vorgaben – die von den unterschiedlichen Beiträgern freilich recht flexibel ausgestaltet wurden. Die Herausgeber deuten damit die prinzipielle Möglichkeit einer früheren Auseinandersetzung der deutschsprachigen Begriffsgeschichte mit der Cambridge School an, die für eine solche Kontextualisierung stand. Hingegen bleibt die für die Rezeption der Begriffsgeschichte ebenso wichtige Frage nach dem Verhältnis zu diskursanalytischen und metapherngeschichtlichen Ansätzen hier weitgehend unberührt – womit sich ein Versäumnis des begriffsgeschichtlichen Zugangs nun auch durch die rezeptionsgeschichtliche Kanonisierung fortschreibt.[5]

Der vierte, aus dem Arbeitszusammenhang des Erfurter Forschungsprojekts „Kontingenz und Moderne. Sozialphilosophische, ideengeschichtliche und historisch-soziologische Dimensionen“ entstandene Teil versammelt die meisten Originalbeiträge und unternimmt „Prüfungen der Sattelzeitthese“. Diese geht bekanntlich davon aus, dass sich für die Zeit von 1750 bis 1850 eine „Demokratisierung“, „Verzeitlichung“ sowie eine „Ideologisierbarkeit“ und „Politisierung“ von Begrifflichkeiten feststellen lasse, mit der sich grundsätzlich ein moderner Bedeutungshaushalt zentraler Begriffe der politisch-sozialen Sprache ausgebildet habe.[6] Bei genauerer Betrachtung beziehen sich die Aufsätze weitgehend auf den Aspekt der Verzeitlichung: So verweist Hans Joas auf die dem begriffsgeschichtlichen Projekt eingeschriebenen religiösen und säkularen Prämissen und plädiert dafür, den Gegensatz zwischen „Heilsgeschehen“ und „Weltgeschichte“ am Übergang zur Moderne nicht derart stark zu machen, wie dies bei Koselleck insbesondere im Anschluss an Karl Löwith zu erkennen sei. Sein Mitherausgeber Peter Vogt widmet sich vor dem Hintergrund der Koselleck’schen These eines Auseinandertretens von „Erfahrungsraum und Erwartungshorizont“ während der Sattelzeit dem wichtigen Problem von „Kontingenz und Zufall“ anhand geschichtstheoretischer Schriften der Romantik und des Historismus, doch bleibt seine Argumentation recht hermetisch.

Kritischer fällt der Beitrag von Jan Marco Sawilla aus: Er hält die Sattelzeitthese – im Gegensatz zu Jörn Leonhard, der für einen „Pluralismus europäischer Sattelzeiten“ plädiert – insgesamt für ein „problematisches Konstrukt“ (S. 421). Sawilla verdeutlicht dies anhand einer der zentralen Thesen Kosellecks, der Ausbildung des „Kollektivsingulars Geschichte“ in der Zeit zwischen 1750 und 1850; er versucht nachzuweisen, dass im Rahmen semantischer Transfers aus dem Französischen schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts Geschichte als Kollektivsingular gedacht werden konnte. Dabei betont er, dass formaler sprachlicher Wandel auf der Ebene der Lexik nicht vorschnell mit semantischem Wandel gleichzusetzen sei, und hält pointiert und streitbar fest, dass „mit der Konventionalisierung des Lexems ‚Geschichte’ […] kein neuer ‚Erfahrungsraum’ erschlossen“ worden sei (S. 420). Mit dem Hinweis auf das „Potential, das das Gebiet der temporalen Strukturen und ihrer Modifikation nach wie vor bereithält“, wendet sich Sawilla gegen das „nur wenig befriedigende Modell ‚Kollektivsingular Geschichte’“, welches den zeitlichen Dimensionen gesellschaftlicher (Sprach-)Praktiken letztlich nicht gerecht werde. Gerade mit der parallelen Lektüre des Beitrags von Stefanie Stockhorst, die Kosellecks Verzeitlichungsthese vor dem Hintergrund eines älteren Beitrags Sawillas sowie Einwänden Arno Seifferts diskutiert, zeigt sich hier ein offenes und ergiebiges Feld für die Forschung.

Helge Jordheim skizziert die Bedeutung des Topos der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ als „die paradigmatische Erfahrung der Sattelzeit“. Und Michael Makropoulos interpretiert Kosellecks These des Auseinandertretens von „Erfahrungsraum und Erwartungshorizont“ um 1800 als das zentrale Moment jedweder Theorien der Moderne, in deren Mittelpunkt der Begriff der Kontingenz „als des auch anders Möglichen“ stehe (S. 513). Mit der Moderne (und ihrer Reflexion) komme „die Offenheit der Zukunft in ihrer ganzen Ambivalenz“ zum Tragen, und zwar „als Möglichkeitsbedingung von Innovation“ sowie zugleich „als Quelle fundamentaler Verunsicherung“ (S. 501). Hervorzuheben ist dabei Makropoulos’ Einschätzung, dass in den 1960er- bis 1980er-Jahren eine theoriegeschichtliche Situation zu erkennen sei, in der einerseits die Historische Semantik „die Positivität von Kontingenz als grundlegende Signatur der Moderne“ analytisch beschreibbar gemacht habe. Damit sei sie über die gleichzeitig entwickelten postmodernen Abgrenzungen zur klassischen Moderne hinausgegangen, die zwar die konstruktivistische Disposition der modernen „Kontingenzkultur“ und damit die Gefahren einer „funktionalistischen und am Ende totalitären Radikalisierung“ des Möglichkeitssinns der Moderne kritisch dekonstruiert, gleichzeitig aber auch eine Emphatisierung der Kontingenztoleranz betrieben hätten und so in einer Kontinuität zu klassischen Moderne-Diskursen ständen. Makropoulos wirft damit insgesamt die Frage nach dem zeitgeschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund der Entstehung der Begriffsgeschichte und ihrer poststrukturalistisch orientierten „Konkurrenten“ auf.

Der Wert des Sammelbands liegt vor allem in der Zusammenführung verstreuter, für Koselleck selbst zu verschiedensten Zeitpunkten seines Lebens wichtiger Schriften zur methodischen Grundlage der Begriffsgeschichte. Die Auswahlentscheidungen erschließen sich – abgesehen von der Zusammenführung der intellektuellen Portraits – nicht immer. Die „Prüfungen der Sattelzeitthese“ hätten sicher auch einen eigenen Band verdient. Dennoch bietet sich das Buch als wichtiger Einstieg an, wenn man sich mit der Entstehung und Rezeption der Begriffsgeschichte sowie ihrer zentralen Prämisse semantischen Wandels am Übergang zur Moderne auseinandersetzen möchte. Abgerundet wird der Band von einer ausführlichen Bibliographie zum Gesamtwerk Reinhart Kosellecks, die verschiedene bisherige Bibliographien zusammenführt und aktualisiert.

Anmerkungen:
[1] Gadi Algazi, Otto Brunner – „Konkrete Ordnung“ und Sprache der Zeit, in: Peter Schöttler (Hrsg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft, Frankfurt am Main 1997, S. 166-203.
[2] Reinhart Koselleck, Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte (2003), in ders., Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt am Main 2006, S. 56-76, hier S. 56f.; im besprochenen Band zitiert auf S. 43.
[3] Ders. (Hrsg.), Historische Semantik und Begriffsgeschichte, Stuttgart 1979.
[4] Ders., Hinweise auf die temporalen Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels, in: ders., Begriffsgeschichten, S. 86-98, hier S. 86.
[5] Nach wie vor sehr ergiebig: Hans Erich Bödeker (Hrsg.), Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte, Göttingen 2002.
[6] Reinhart Koselleck, Einleitung, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XIII-XXVII, hier S. XXIIf.

Zitation
Achim Saupe: Rezension zu: Joas, Hans; Vogt, Peter (Hrsg.): Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks. Frankfurt am Main 2011 , in: H-Soz-Kult, 01.03.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17097>.
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01.03.2012
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