C. Kampmann u.a. (Hrsg.): Kongresswesen und Friedensstiftung

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Titel
L’art de la paix. Kongresswesen und Friedensstiftung im Zeitalter des Westfälischen Friedens


Hrsg. v.
Kampmann, Christoph; Lanzinner, Maximilian; Rohrschneider, Michael; Braun, Guido
Erschienen
Münster 2011: Aschendorff Verlag
Umfang
656 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf-Peter Fuchs, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Historiker hatten stets Probleme mit dem „Westphalian System“, einem Begriff, mit dem Politikwissenschaftler die langfristige Bedeutung des Westfälischen Friedenskongresses als Beginn eines europäischen Mächtesystems umschreiben. Sie haben unter anderem darauf hingewiesen, dass erst die intensive Beschäftigung mit den Quellen eine fundierte Einschätzung der vielschichtigen Folgewirkungen ermöglicht. Nicht zuletzt zu diesem Zweck wurde 1957 das große Projekt der Edition der „Acta Pacis Westphalicae“ ins Leben gerufen. Zum großen Teil auf der Grundlage der daraus hervorgegangenen langjährigen Quellenarbeit stellen die Autor/innen des vorliegenden Sammelbandes neuerlich die Frage nach den Impulsen und Entwicklungen, die von den Verhandlungen in Münster und Osnabrück ausgingen. Im Fokus steht hierbei die Kunst des Friedensschlusses europäischer Mächte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und des frühen 18. Jahrhunderts.

Insgesamt zwanzig Aufsätze enthält der voluminöse Band, der auf eine Tagung in Bonn 2009 zurückgeht. Neben deutschsprachigen Beiträgen finden sich vier in französischer und einer in englischer Sprache. Nach einem größeren einführenden Teil, der die Entstehung des Acta-Pacis-Projektes und seine Verdienste für die Forschung darstellt (Maximilian Lanzinner / Isabelle Richefort), folgen Aufsätze, die sich vier Themenkomplexen zuordnen lassen: 1. Friedenskongresse als Handlungsfelder von Diplomaten; 2. Formen und Inhalte der Kommunikation; 3. politische und ökonomische Leitvorstellungen; 4. Religion.

Zu Punkt 1: Wie entwickelte sich die Diplomatie? Franz Bosbach weist zunächst mit Recht darauf hin, dass, auch wenn die Ära der großen Friedenskongresse erst mit dem 17. Jahrhundert begann, dabei doch stets auf Traditionen rekurriert wurde. Dieser Rückgriff auf zum Teil mittelalterliches Prozedere oder etwa die Sitzordnung der Gesandten bei den Friedensverhandlungen in Vervins von 1598 war wiederum der Ausgangspunkt diplomatischer Professionalisierung, die in Friedensverhandlungen seit dem frühen 17. Jahrhundert und auf dem Westfälischen Friedenskongress in hohem Maße zum Tragen kam. Die Entwicklung nach 1648 wird eher tentativ, mit dem Hinweis auf noch ausstehende Forschungen, als „Rationalisierung der Friedensfindung“ (S. 115) und „Beschleunigung des Verhandlungsganges“ (ebd.) umrissen. Diese Tendenzen scheinen im Kern von Michael Rohrschneiders Studie über Friedensvermittlung bekräftigt zu werden. Dieser sieht eine schleichende Entwertung mediatorischer Tätigkeit auf den Friedenskongressen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, bedingt durch eine zunehmende Bedeutung von Geheim- und Separatverhandlungen. Auch aus dem Beitrag von Lucien Bély über geheimdiplomatische Verständigungsversuche zwischen Ludwig XIV. von Frankreich und Wilhelm III. von England während des Pfälzischen Erbfolgekrieges lässt sich eine vermehrte Einflussnahme der politischen Zentralen auf Verhandlungsgänge, insbesondere mit dem Ziel einer Beschleunigung, ersehen. So ergibt sich im Wesentlichen ein ambivalenter Befund: Einerseits ist eine zunehmende Festigung und Verankerung des Kongresswesens durch Tradition und intensivierte öffentliche Wahrnehmung (Sonja Schultheiss-Heinz) zu beobachten, andererseits ein vermindertes Eigengewicht dieser Konferenzen festzustellen, indem parallel dazu externe Wege zum Frieden gesucht wurden.

Dem zweiten Punkt, den Fragen nach dem Stellenwert der verbalen und der symbolischen Kommunikation, widmen sich vier Beiträge. Im Zentrum stehen das Vordringen der französischen Sprache in den Gebrauch der Diplomaten (Guido Braun), nonverbale Kommunikation auf dem Westfälischen Friedenskongress wie etwa die Vermittlung von Informationen über das (demonstrative) Lachen von Diplomaten oder das Tragen und Ziehen von Hüten (Maria-Elisabeth Brunert) und das Gerangel um Königstitulaturen, die bei allen Versuchen einer Festschreibung dennoch veränderbar geblieben seien (Regina Dauser). Besonders wichtig für die zentrale Fragestellung des Bandes erscheint der Beitrag von Niels F. May, der nach dem Westfälischen Friedenskongress eine Entwicklung im Zeremoniell beobachtet, die auf eine Zurückdrängung des Hierarchiegedankens hinausgelaufen sei. Auf dieser Basis habe man versucht, Mechanismen auszubilden, um Zeremonialstreitigkeiten, die immer mehr als Verhandlungshindernis gesehen wurden, aus dem Weg zu gehen.

Veränderungen der Leitvorstellungen in der Politik nach 1648 werden, dritter Punkt, von Christoph Kampmann anhand des Wandels der politischen Sprache demonstriert: Der Text einer englischen Flugschrift von 1701, die auf den Pyrenäenfrieden von 1659 Bezug nahm und einschlägige Dokumente so präsentierte, als habe der Gedanke eines Gleichgewichts der Mächte bereits damals ein handlungsleitendes Motiv der Verständigung zwischen dem spanischen und dem französischen König gebildet, konstruierte eine Tradition des „Balance of Power“-Konzeptes. Der Tatsache, dass darüber hinaus nach 1648 der Ökonomie ein vermehrtes politisches Eigengewicht zugesprochen wurde, wendet sich Erik Thomson am Beispiel Schwedens und Frankreichs während der Amtstätigkeit von Axel Oxenstierna und Mazarin zu. Dem historischen Argument, das in die Westfälischen Friedensverhandlungen häufig eingebracht wurde, geht Anuschka Tischer nach, die herausstellt, dass damit auch zuweilen der Zwang zu politischen Veränderungen verknüpft wurde. Insgesamt wird deutlich, dass sich ein genauerer Blick auf die sich im 17. Jahrhundert herausschälenden neuen Argumente zur Fundierung und Rechtfertigung politischen Handelns lohnt und dass deren Entstehungszusammenhänge keineswegs erschöpfend erforscht worden sind. Ebenso perspektivenreich sind Fragen nach der transkulturellen Friedenssuche, die Arno Strohmeyer anhand des kaiserlichen Diplomaten Johann Rudolf Schmid – seit 1629 Resident an der Hohen Pforte – verfolgt. Es waren binäre Denkmuster wie Feindschaft und Freundschaft, die als politische Leitvorstellungen in Schmids Berichten über die Osmanen zum Ausdruck kamen. Die paradoxe Struktur dieser Wahrnehmungsmuster vermittelt eine erstaunliche Offenheit von Identitäts- und Alteritätskonstruktionen, über die sich offensichtlich die Spielräume der diplomatischen Tätigkeit erweitern ließen.

Zum vierten und letzten Punkt: Die Veränderung der päpstlichen Diplomatie im Verlauf des 17. Jahrhunderts wird, wenn man diese en bloc liest, in den Beiträgen von Bernard Barbiche, Sven Externbrink und Olivier Chaline behandelt. Nach dem Westfälischen Frieden war das Interesse der katholischen Kirche, insbesondere mit Blick auf die Hegemonialpolitik Ludwigs XIV., am päpstlichen Hof neu auszudefinieren. Externbrink stellt mit Blick auf Innozenz XI. eine weitgehende Unterordnung unter die Idee eines europäischen Staatensystems fest. Thomas Brockmanns Vergleich der Religionsfriedensschlüsse in der Frühen Neuzeit als letzter Beitrag innerhalb des Themenbereichs „Religion“ ist anregend und instruktiv. Allerdings muss man ihm entschieden widersprechen, wenn er als Folge der Reformation einen „Pluralismus der Lehren“ (S. 576) in Europa zu erkennen glaubt. Diese Formulierung ist angesichts der von ihm selbst beschriebenen fehlenden Akzeptanz religiöser Pluralität durch die Zeitgenossen nicht tragfähig.

Zusammenfassend ist das Verdienst des Sammelbandes um eine Wiederentdeckung der Außenpolitik der europäischen Mächte nach 1648 als historisches Thema hervorzuheben. Die Perspektiven der Forschung liegen in der Kulturgeschichte des Politischen, insbesondere einer Kommunikationsforschung, die die vielfältigen symbolischen Ausdrucksformen berücksichtigt, und in der Analyse der politischen Sprachen. Der genauere Blick auf die großen Kongresse lohnt sich darüber hinaus, um Lernprozesse nachzuvollziehen. Dies gilt auch, wie Matthias Schnettger am Beispiel oberitalienischer Fürsten ausführt, für mindermächtige Gruppen, die neue Möglichkeiten, ihre Interessen einzubringen, entdeckten. Darüber hinaus muss man, wie viele Beiträge zeigen, die Ehre als bedeutenden Faktor politischen Wirkens in Betracht ziehen. Dies gilt offensichtlich nicht nur für Monarchen und Fürsten, sondern auch für die Diplomaten. Der letzte Beitrag des Bandes, in dem der Kunsthistoriker Wolfgang Augustyn sich mit der bildlichen Darstellung von Friedenskongressen beschäftigt, führt dies klar vor Augen.

Zitation
Ralf-Peter Fuchs: Rezension zu: Kampmann, Christoph; Lanzinner, Maximilian; Rohrschneider, Michael; Braun, Guido (Hrsg.): L’art de la paix. Kongresswesen und Friedensstiftung im Zeitalter des Westfälischen Friedens. Münster 2011 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17214>.
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16.05.2012
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