Titel
Alfred H. Fried. Friedensaktivist – Nobelpreisträger


Autor(en)
Schönemann-Behrens, Petra
Erschienen
Zürich 2011: Römerhof Verlag
Umfang
448 S.
Preis
€ 28,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Roger Chickering, South Beach, Oregon, USA Email:

„Ich habe von dem Esel nie etwas gehört!“ (S. 209) So reagierte der deutsche Kaiser im Dezember 1911 auf die Nachricht, dass der Friedensnobelpreis Alfred Hermann Fried verliehen worden war. Soviel diese Bemerkung über die politischen Empfindlichkeiten des Kaisers – und wohl auch über die politische Meinung in Deutschland – besagte, galt in Kreisen der Friedensbewegung die Auszeichnung Frieds gleichwohl als eine durchaus verdiente Anerkennung des wohl bedeutendsten Pazifisten im deutschsprachigen Raum. Fried war einer der Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft. Den Pazifismus hat er wie kein anderer Aktivist in Mitteleuropa popularisiert, als Herausgeber der einflussreichsten deutschsprachigen Friedenszeitschrift und als Verfechter eines „wissenschaftlichen Pazifismus“, der sich sogar in deutschen akademischen Kreisen eines gewissen Ansehens erfreute. Trotz seiner großen Bedeutung für die internationale und namentlich die deutsche Friedensbewegung hat Fried bis vor Kurzem jedoch nicht das wissenschaftlich-biografische Interesse gefunden, das man anderen deutschsprachigen Führern der Friedensbewegung der Vorkriegszeit – zum Beispiel Bertha von Suttner, Walther Schücking und Ludwig Quidde – gezollt hat.[1] Erst in den letzten Jahren sind mehrere Arbeiten erschienen, die Frieds Leben und Wirken würdigen.[2] Die Veröffentlichung der von Karl Holl betreuten Dissertation Petra Schönemann-Behrens’ ist jedenfalls als fundierte, zugleich kritische und sympathische Biografie zu begrüßen.

Die Arbeit basiert auf den einschlägigen Archivalien – vor allem den Fried/Suttner Papers im Genfer Völkerbundarchiv – und bietet wichtige Informationen zum Hintergrund von Frieds pazifistischer Tätigkeit und zu den letzten Phasen seines Lebens nach Kriegsausbruch. Die Tatsache, dass Frieds Beziehungen zur weiteren Friedensbewegung sowohl in ideologischer als auch in persönlicher Hinsicht eher unterbeleuchtet bleiben, hat wohl zum Teil mit dem Paradoxon zu tun, dass dieser Mann, der schließlich die Welt organisieren wollte, eine äußerst schwierige Persönlichkeit war, der es stets schwer fiel, in Organisationen gleich welcher Art mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.

Fried wurde 1864 in Wien in die Familie eines aus Ungarn stammenden jüdischen Kleinhändlers geboren. Obwohl er das Gymnasium besuchte, konnte er es nicht bis zum Abitur schaffen. Stattdessen begann er eine Buchhändlerlehre und versuchte rastlos, den Aufstieg aus seinen kleinbürgerlichen Ursprüngen zu bewerkstelligen. Das Einzige, was auf das spätere Eintreten für den Pazifismus hindeutete, war die Besichtigung der Zeichnungen und Gemälde aus dem kurz zuvor beendeten russisch-türkischen Krieg, die der russische Künstler Wassil Wereschagin 1881 in Wien ausgestellt hatte und die einen großen Eindruck auf den Teenager machten. Mitte der 1880er-Jahre siedelte Fried nach Berlin um, wo er sich als Verlagsbuchhändler niederließ. Seine Einführung in die Friedensbewegung verdankte er Bertha von Suttner, mit der er eine lange und nicht unkomplizierte Freundschaft aufnahm, deren erstes Ergebnis 1892 die Gründung einer Friedensgesellschaft in Berlin darstellte. Obwohl Fried damit in der organisierten Friedensbewegung Fuß fassen konnte, war der Weg in die Prominenz dieser Bewegung lang und nicht unproblematisch. Bald geriet er in Streit mit den anderen Mitbegründern der Berliner Friedensgesellschaft, zum Teil deshalb, weil bekannt geworden war, dass sein Verlag erotische Literatur veröffentlicht hatte. Er verließ den Vorstand und erklärte seinen ehemaligen Berliner Kollegen den Krieg, bei dem es auch dann blieb, als er in einer immer prominenteren Rolle als Friedensjournalist und Herausgeber pazifistischer Zeitschriften zu einem der erbittertsten Kritiker der in seinen Augen untauglichen deutschen Friedensbewegung wurde.

Das große Verdienst von Schönemann-Behrens’ Biografie ist, die persönliche Seite dieser Geschichte anschaulich zu erleuchten. Was sowohl seine Geschäfts- wie auch seine persönlichen Beziehungen anbelangte, führte Fried ein chaotisches Leben. Der „Friedens-Fried“ war streitlustig, ruhelos, umtriebig, ehrgeizig und ungeduldig gegenüber anderen Menschen. „Es ist recht komisch“, bemerkte Romain Rolland einst von ihm, „die Leidenschaft zu hören, mit der er versichert, gegen Leidenschaft immun zu sein“ (S. 241). Ob als Verleger, Journalist oder Herausgeber, stand er geschäftlich „immer kurz vor dem Ruin“ (S. 106). Stets auf der Suche nach zusätzlichen Geldquellen, versuchte er sich in den 1890er-Jahren sogar als Erfinder. Unter den Patenten, die er anmeldete, waren ein „Müll-, Sammel- und Abfuhrapparat“, ein „selbstdatierendes Couvert“ und, als Vorläufer von Wikipedia, ein „ergänzungsfähiges Lexikon“. Vor diesem Hintergrund ist der Schluss nicht ganz so abwegig, dass ihm ein gewisser persönlicher Erfolg erst dann beschert war, als er sich entschied, den Weltfrieden zu erfinden.

Das tat er von Wien aus. 1903, nach dem Zusammenbruch der zweiten seiner drei Ehen, kehrte er Berlin endgültig den Rücken und zog in seine Heimatstadt zurück. Schon seit 1899 hatte er eine eigene Friedenszeitschrift, die „Friedenswarte“, herausgegeben. Diese wandelte er während der nächsten Jahre in ein Sprachrohr eines angeblich von jeder Art von Moralismus, Sentimentalität oder religiösen Überlegungen gereinigten „wissenschaftlichen“ Pazifismus um. „Keine Ölzweige, keine Tauben, keine Engel, keine weißen Fahnen, keine zerbrochenen Schwerter, keine Pflugscharen“, wie er 1906 seinen Präferenzen kundtat (S. 327). Obwohl diese eben auch als eine Absage an die Ansichten der von ihm öffentlich noch verehrten Bertha von Suttner ausgelegt werden konnten, baute Fried eine auf soziologischer Grundlage bzw. weitgehend auf den Schriften Herbert Spencers, Marxens, Johann von Blochs und vor allem Jacques Nowikows basierte Theorie des Weltfriedens auf. Aus seiner Sicht mussten die immer enger werdenden wirtschaftlichen, kulturellen und auch politischen Verbindungen zwischen den zivilisierten Staaten der Welt zu einer Situation führen, in der ein Krieg eine praktische Unmöglichkeit sei und internationale Streitigkeiten durch eine internationale Organisation, durch Schiedsgerichtsbarkeit und die allgemeine Abrüstung beigelegt werden sollten. Diese Prognose hielt er für wissenschaftlich begründet und objektiv gültig, wenn nicht für unvermeidlich. Somit wäre Fried ein früher Theoretiker der Internationalisierung oder gar der Globalisierung. Indes waren seine Ansichten ausgesprochen eurozentrisch: Mit Hinweis darauf, dass nicht alle Staaten „friedensreif“ seien, war er, wie andere führende Pazifisten auch, Befürworter der kolonialen Expansion der europäischen Großmächte.

Solange die Baronin von Suttner die Ziele und Vorgehensweise der mitteleuropäischen Friedensbewegung verkörperte, fehlte dieser die breitere Anerkennung als respektable Bewegung. Dies sollte sich mit dem wissenschaftlichen Pazifismus und Frieds „Anerkennung als ernstzunehmender Wissenschaftler“ (S. 220) ändern. Die Nobelpreisverleihung war ein Höhepunkt seines Lebens, der 1913 aber mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Leiden noch übertroffen wurde. Leider blieb nur noch wenig Zeit, um diese Auszeichnungen – und das Preisgeld – zu genießen. Ihm war es nicht vergönnt, wie Bertha von Suttner vor Kriegsausbruch zu sterben. „Die Theorie ist zu Ende“ (S. 335), schrieb er August 1914 in der Friedenswarte. Wie die Verfasserin detailreich schildert, musste er ins Schweizer Exil fliehen, wo er in der Gesellschaft anderer enttäuschten Pazifisten wie Romain Rolland um Flüchtlinge sorgte, Hoffnungen auf einen Völkerbund nach dem Krieg hegte und zusehen musste, wie der Krieg seine finanziellen Ressourcen aufzehrte. Er starb 1921 in Wien.

Wie Schönemann-Behrens bemerkt, ist trotzdem vieles, was Fried voraussah, wenn auch nach zwei schrecklichen Kriegen (deren Charakter er auch voraussah), mindestens in Europa zustande gekommen. Das Leben Frieds ist also schließlich keine reine Tragödie. Man kann jedenfalls den Ausführungen Peter van den Dungens beipflichten, der in einem Nachwort schreibt, dass diese Biografie „wohl die schönste Würdigung [sei], die sich Fried wie auch seine heutigen Bewunderer wünschen können“ (S. 363).

Anmerkungen:
[1] Vgl. Brigitte Hamann, Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden, München 1986; Detlev Acker, Walther Schücking (1875-1935), Münster 1970; Karl Holl, Ludwig Quidde (1858-1941), Düsseldorf 2007.
[2] Walter Göring, Verdrängt und vergessen. Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried, Wien 2006; Bernhard Tuider, Alfred Hermann Fried. Pazifist im Weltkrieg – Illusion und Vision, Saarbrücken 2010.

Zitation
Roger Chickering: Rezension zu: Schönemann-Behrens, Petra: Alfred H. Fried. Friedensaktivist – Nobelpreisträger. Zürich 2011 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17491>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.12.2011
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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