H. Mieg u.a. (Hrsg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch

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Titel
Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch


Hrsg. v.
Mieg, Harald A.; Heyl, Christoph
Erschienen
Stuttgart 2013: J.B. Metzler Verlag
Umfang
IX, 335 S., 12 Abb.
Preis
€ 64,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Zimmermann, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Stadtforschung in soziologischer Perspektive sowie unter raum-, kultur- und geschichtswissenschaftlichen Aspekten – so lässt sich der Inhalt dieses Handbuchs charakterisieren. Neben klassischen Stichworten wie „Großstadt“ und „Stadtplanung“ zeichnet sich mit den Begriffen „Identität“ und „Raum“ die Aufwertung eines dynamisch verstandenen Raumbegriffs ab. Gegenüber der erfolgreichen Vorgängerpublikation des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann zur „Großstadt“, die als „Zwischenbilanz der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung in Deutschland“ angelegt war[1], erweitern sich das Themenspektrum und die geografische Reichweite. Deutliche Akzente sind fachwissenschaftliche Selbstreflexionen und die immer wieder gestellte Frage nach der Definition von Stadt. Es überwiegen qualitative Zugriffe; empirisch-quantitative Ansätze werden nur indirekt referiert. Dem Charakter eines Handbuchs gemäß finden sich ‚gesichertes Wissen‘ sowie Übersichten zum Stand und den Standards der Stadtforschung. Darüber hinaus scheut es die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren nicht, explizit, aber mit Maß, eigene Positionen zu kontroversen Fragen zu vertreten.

Der Mitherausgeber Harald A. Mieg identifiziert in seiner Einleitung auf der Suche nach „Interdisziplinarität“ sieben gemeinsame Begriffe: „Governance“, „Großstadt“ bzw. „Global City“ (mithin typologische Definitionen), „Habitus“, „Kommunale Autonomie“, „Palimpsest“, „Segregation“ und „Stadtentwicklung“. Diese Begriffe tauchen im Folgenden tatsächlich immer wieder auf, aber eine wirkliche Leitfunktion haben sie nur bedingt.

Der Band umfasst zwei Hauptteile. Im ersten („Die Stadt als Feld multidisziplinärer Forschung“) finden sich disziplinäre Forschungsüberblicke, im zweiten („Die Stadt als kultureller Raum“) liegt der Akzent auf kulturwissenschaftlichen Ansätzen. Johannes Cramer verfolgt im Beitrag „Architektur: Stadtplanung und Städtebau“ nicht Einzelarchitekturen, sondern die Stadtbaugeschichte im Spannungsfeld von intentionaler Planung und nonintentionaler Emergenz. Stichworte wie „Megacities“, „Stadtidentität“, „Denkmalschutz“ oder „Smart City“ führen in die Gegenwart; Stadtforschung versteht sich hier als Vorbereitung zur qualifizierten Intervention. Theoretisch orientiert ist hingegen Christof Parnreiters Aufsatz über „Stadtgeografie“, der sich dezidiert zu den Ursachen sozialer Segregation und zu weiteren Leitbegriffen des heutigen raumwissenschaftlichen Diskurses wie „Megastadt“ und „Zentralität“ äußert. Der Verfasser bemängelt an der deutschsprachigen Stadtgeografie ein Theoriedefizit, dem er mit Hinweisen auf die Werke von David Harvey, Manuel Castells, Edward Soja und Saskia Sassen begegnen möchte. Das verweist zugleich auf ein generelles Kennzeichen der im Band aufgegriffenen geografisch-soziologischen Stadtforschung: Bis auf die Rezeption von Pierre Bourdieu vollzieht sich deren Theoriebildung offensichtlich in Abhängigkeit von anglophonen, als Stars stilisierten Autoren. Wesentlich stärker als Parnreiter geht Christine Hannemann in ihrem Beitrag „Stadtsoziologie“ auf die deutschsprachige Forschung als eigenständiges Feld der Theoriebildung ein. Ausgehend von den Klassikern der Chicagoer Schule über Theodor W. Adorno und Hans Paul Bahrdt nennt die Autorin die von Hartmut Häußermann, Bernhard Schäfers und anderen vorangebrachten Zentren der Stadtforschung. Mit Stichworten wie „Segregation“, „Gentrifizierung“, „Urbanität“, „Eigenlogik“ und „Europäische Stadt“ finden sich sowohl ein wissenschaftshistorischer Zugriff wie die Klärung von Praxisfeldern der Stadt- und Wohnsoziologie.

Guido Spars verfolgt unter „Stadtökonomie“ vor allem die Komplexe der Immobilienwirtschaft und der Clustertheorien; letzteren schreibt er zwar theoretische Relevanz, nicht aber durchgängige empirische Gültigkeit zu. Man vermisst jedoch einen kritischen Blick auf ökonomische Macht und ihre Folgen für die Stadtentwicklung. Der gesteigerte Bezug heutiger Forschung zu den natürlichen Grundlagen von Stadt spiegelt sich bei Wilfried Endlicher, der in seinem Beitrag die „Stadtökologie“ als naturwissenschaftliches Paradigma versteht, obwohl doch gesellschaftliche Interventionen ebenfalls stark wirksam sind. Dieter Schott, der über „Stadt in der Geschichtswissenschaft“ schreibt, diskutiert wie Christine Hannemann die Frage einer gemeinsamen Kontur „europäischer“ Stadtentwicklung. Er berücksichtigt ferner ökologische Aspekte historischer Stadtforschung; in diesem Beitrag kann man deutlich einen „interdisziplinären“ Ansatz erkennen. Unter dem Oberbegriff „Archäologische Stadtforschung“ widmen sich Chrystina Häuber dem „Beispiel Rom“ und Roald Docter der „griechischen und punischen Welt“. Hierbei werden vor allem methodische Fragen verfolgt. Hellmut Wollmann zentriert seine Darstellung der „Stadt im Blick der Kommunalwissenschaft“ auf das Grundproblem der (gefährdeten) kommunalen Autonomie. Hubert Heinelt legt seinen Beitrag „Stadt in der lokalen Politikforschung“ demgegenüber breiter an: Er diskutiert den Begriff „lokale Politikforschung“ mit seinen deutschen und angelsächsischen Konzeptionen. Auch hier werden Theoriedefizite der Subdisziplin moniert.

Den zweiten Hauptteil („Stadt als kultureller Raum“) eröffnet Jens Wietschorke, der in „Anthropologie der Stadt: Konzepte und Perspektiven“ auf das Konzept der „Stadt als Text“ zurückgreift. Er sieht diese Metapher als Möglichkeit, den „Stadtraum“ als Ganzes zu erfassen. Gesucht werden „Grundzüge der kulturellen Spezifik“, was auf das Eigenlogik-Konzept von Martina Löw verweist, sowie, in Tradition der Wiener Stadtforschung, auf „urbane Geschmackslandschaften“. Mithin wird auf die Kategorien Stadterfahrung und -wahrnehmung abgehoben. Ist bei Wietschorke die historische Dimension der holistischen untergeordnet, tritt erstere bei Christoph Heyl in „Stadt und Literatur“ stärker hervor. Die klassischen Themen des Verhältnisses von Stadt und Land sowie der Stadtkritik, dann die Ausweitung zugänglicher Quellentexte in der Frühen Neuzeit, schließlich die Wende der Stadtliteratur zu einem interaktiven Konzept der Urbanität werden systematisch verfolgt. In Matthias Bruhns und Gabriele Bickendorfs Aufsatz zum „Bild der Stadt“ finden sich konsequenterweise Ausdeutungen von exemplarischen Bildquellen (die im frugal gestalteten Band sonst leider fehlen). Bickendorf und Bruhn gelingt es, einen kurzen, aber profunden Überblick vom Stadtplan von Nippur bis zu den heutigen Fotokünstlern zu geben – so ist dies einer der wenigen Beiträge, der die medialen Dimensionen von Stadtforschung hervorhebt.

Sodann beschäftigt sich Kirstin Buchinger, ausgehend von Aleida Assmann, mit dem „Gedächtnis der Stadt“. Die Autorin thematisiert als einzige im Band das Programm einer „Histoire croisée“. Christoph Heyl diskutiert am Beispiel Londons mit „Privatsphäre, Öffentlichkeit und urbane[r] Modernität“ zentrale Begriffe eines interdisziplinären Zugriffs auf „Stadt“. Hierbei scheint erneut das Problem angloamerikanischer Hegemonie auf (am Beispiel der Nicht-Rezeption von Jürgen Habermas bei Richard Sennett). Im Beitrag „Stadt und Performanz“ wenden sich Ilse Helbrecht und Peter Dirksmeier mit den Fragen nach den Begegnungsqualitäten und dem performativen Charakter von Stadtpolitik einer faszinierenden, sicherlich ausbaufähigen Perspektive der Stadtforschung zu. Performanz erscheint als grundlegende Kategorie der Urbanität. (Man denke auch an die – im Beitrag nicht berücksichtigten – geschichtswissenschaftlichen Pionierarbeiten Adelheid von Salderns.) Schließlich stellt Stephan Lanz in „Stadt und Religion“ einen weiteren Ansatz kulturwissenschaftlicher Stadtforschung vor. Beispielsweise geht es um evangelikale Bewegungen als Reaktion auf forcierte Modernität.

An thematischer Weite, am Niveau fachwissenschaftlicher Reflexion, an Informationsreichtum lässt der Band nichts zu wünschen übrig. Er fokussiert den – für eindeutig definierbar gehaltenen – Gegenstand „Stadt“, vornehmlich im 20./21. Jahrhundert, indes mit zahlreichen Rückgriffen auf frühere Epochen. Die Räumlichkeit der Stadt als Entität – Abgrenzungsprobleme gegenüber dem „Land“ scheinen nicht zu existieren – und die Frage nach „Urbanität“ stehen im Vordergrund. Die bislang als unverzichtbar geltende Perspektive, Stadt und Urbanisierung zusammenzudenken, klingt mit Begriffen wie „Schrumpfung“ nur indirekt an. Den Städtekonkurrenzen und der Frage danach, wer den Stadtraum ökonomisch beherrscht, wird kaum Rechnung getragen. Dass das methodische Potenzial der Komparatistik gar nicht angegangen wird, ist bedauerlich, denn deren Behandlung hätte zentral zur Frage einer „interdisziplinären“ Stadtforschung beitragen können. Insbesondere hätte man sich gewünscht, dass deren wachsende europäische und globale Orientierung stärker gewichtet worden wäre. Im Vordergrund steht indes der Anspruch des Bandes, ein fachübergreifendes, zugleich breit und tief angelegtes Werk zu bieten – und das in vernünftigem Umfang. Dieses Ziel ist weitgehend erreicht worden. Das Paradox dabei ist, dass solche Interdisziplinarität überwiegend nicht mit den einzelnen fachwissenschaftlichen Beiträgen, sondern erst im Gesamtresultat erreicht werden konnte. Fazit: Es gelingt durchweg, Transparenz über theoretische Debatten und methodische Zugänge herzustellen. Das Handbuch stellt eine höchst respektable Kollektivleistung der Autorinnen und Autoren dar; es verdeutlicht mit großem Gewicht die Relevanz der Kategorie „Stadt“ in der Sozial- und Kulturforschung.

Anmerkung:
[1] Hartmut Häußermann (Hrsg.), Großstadt. Soziologische Stichworte, 2. Aufl. Opladen 2000, S. 9 (1. Aufl. Opladen 1998; 3. Aufl. Wiesbaden 2013).

Zitation
Clemens Zimmermann: Rezension zu: Mieg, Harald A.; Heyl, Christoph (Hrsg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2013 , in: H-Soz-Kult, 24.01.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18054>.