Titel
Eduard Arnhold (1849-1925). Eine biographische Studie zu Unternehmer- und Mäzenatentum im Deutschen Kaiserreich


Autor(en)
Dorrmann, Michael
Erschienen
Berlin 2002: Akademie Verlag
Umfang
414 S.
Preis
€ 74,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Lässig, Deutsches Historisches Institut Washington

Eduard Arnhold gehörte zweifellos zu den bemerkenswertesten Figuren der deutschen Geschichte zwischen Kaiserreich und früher Weimarer Republik. Nicht nur als Steinkohlehändler und als Aufsichtsratsmitglied zahlreicher Unternehmen, sondern auch als Kunsthändler und Mäzen erlangte er eine herausragende Bedeutung, der die Forschung lange Zeit nicht annähernd gerecht geworden ist. Wenn überhaupt, dann wird sein Name bestenfalls in Verbindung mit der – von ihm gestifteten – Villa Massimo in Rom oder mit seiner privaten Kunstsammlung genannt, die im wilhelminischen Berlin kaum ein Pendant fand. Dass der Industrielle als erster ungetaufter Jude des Kaiserreiches ins preußische Herrenhaus berufen wurde [1], dass er zu den Gründungsmitgliedern des Hansabundes und zu den wichtigsten Finanziers der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gehörte – diese und viele andere Fakten sind heute kaum noch bekannt.

Dorrmanns Dissertation, die sich zugleich in die Reihe erst jüngst erschienener Arbeiten zur jüdischen Wirtschaftselite des Kaiserreiches einreiht, hat insofern – sieht man von kleineren Aufsätzen ab – weitgehend Neuland beschritten. Doch nicht allein die Tatsache, dass ein weiterer „weißer“ Fleck in der Forschung zum deutschen Wirtschaftsbürgertum fast verschwunden ist, verdient Anerkennung. Der Wert der Studie leitet sich vielmehr auch und vor allem aus dem Vorhaben ab, den prominenten Mäzen, gewissermaßen als Prisma zu nutzen, um - immer unter Rückbindung an das soziale Feld des Unternehmers - einen instruktiven und weiterführenden Beitrag zur Analyse des großbürgerlichen Stiftens und Spendens zu leisten. Im Unterschied zu vielen anderen jüngst erschienen Arbeiten lässt der Verfasser von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Erfolg des Industriellen, sein Profit und sein Vermögen die wichtigste Basis für ein exzeptionelles Mäzenatentum bildeten und dass – so seine plausible These – die Art und Weise, wie der unternehmerische Erfolg zustande kam, die individuellen Motive und Formen mäzenatischen oder philanthropischen Handelns nachhaltig beeinflusst hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur folgerichtig, nach einer kurzen Analyse der familiären Herkunft – der Vater war Armenarzt in Dessau, später Leiter einer Leihbuchhandlung in Berlin – Arnholds rasche Etablierung in der Wirtschaftselite des Kaiserreiches nachzuzeichnen. Dorrmann schildert, wie sich der mittellose Lehrling des Kohlenhändlers Caesar Wollheim ebenso ehrgeizig wie talentiert vom Prokuristen zum Teilhaber und schließlich zum unumstrittenen Chef der Kohlenhandelsfirma emporarbeitete und wie er dabei zugleich die Firma selbst an die Spitze der Branche katapultierte: In erstaunlich kurzer Zeit etablierte sich „Caesar Wollheim“ neben „Emanuel Friedlaender & Co.“ als einflussreichstes und stärkstes Unternehmen im oberschlesischen Kohlehandel. Während die Firma 1882, als sie Eduard Arnhold übernahm, nur 14 Arbeiter und 17 Buchhalter beschäftigte, waren es kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges über 1000 Arbeiter und 60 Angestellte. Mit seiner eigenen Werft und Reederei und seiner Machtstellung im ostelbischen Preußen erinnerte die Firma bereits zu diesem Zeitpunkt an „Energieversorgungsunternehmen des späten 20. Jahrhunderts“(S. 38).

Dorrmann hat sich auf imponierende Weise in die Wirtschaftsgeschichte Oberschlesiens und in spezifische Fragen des Steinkohlehandels eingearbeitet. Auf dieser Basis vermag er sehr sachlich und überzeugend, vor allem aber weitgehend frei von konstruierten Gründungsmythen nachzuzeichnen und zu erklären, wie und warum ein solch rasanter Aufstieg überhaupt möglich war. In diesem Zusammenhang räumt er Arnholds Engagement in wirtschaftlichen Interessenverbänden, seiner geschickten Vernetzung mit anderen Unternehmen und Banken – etwa seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat der Dresdner Bank –, aber auch seinen guten Kontakten zu verschiedensten Behörden einen angemessenen Platz ein, den er souverän in die Debatten um den korporativen Kapitalismus einbettet. Zu bedauern ist hier eigentlich nur, dass Dorrmann nicht untersucht, wie der gewiefte Unternehmer und selbstbewusste Bürger, der im darauffolgenden Kapitel als ganz besonders engagierter Philanthrop und Mäzen vorgestellt wird, mit seinen eigenen Arbeitern und Angestellten umgegangen ist. Immerhin wäre es doch spannend zu fragen, inwiefern sich die von Arnhold geprägte Unternehmenskultur von der anderer, mäzenatisch vielleicht weniger oder auch ähnlich engagierter Industrieller unterschied. Gerade aus der biografischen Perspektive, die – wie dies Dorrmanns Studie über weite Strecken demonstriert – die Vielschichtigkeit, die Verzahnung und die gegenseitige Verstärkung von kulturellen wie sozialen Handlungsmustern bzw. –motiven besonders plastisch hervortreten lässt, könnte die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit in ihrer konkreten, auf die eigenen Firmen bezogenen Ausformung vermutlich als wichtiger und in der bisherigen Forschung zum weiten Feld des Stiftens und Spendens noch völlig vernachlässigter Prüfstein philanthropischer Gesinnung fungieren. [2]

Sieht man von diesem Einwand ab, so muss allerdings gerade der Hauptteil des Buches, der den „Pflichten des Reichtums“ (Wohltätigkeit, gemeinnütziges Handeln, jüdische Identität und bürgerliche Sozialreform), dem Sammeln und Stiften im Bereich der Kunst sowie der Wissenschaftsförderung gewidmet ist, als besonders gelungen bezeichnet werden. Die spezifischen Potenzen des biografischen Ansatzes werden dem Leser beispielsweise dort vor Augen geführt, wo Dorrmann im Detail untersucht, für welche Zwecke und Bereiche die Arnholds wieviel Vermögen gespendet oder gestiftet haben und wie sich dieses Engagement in Relation zum Gesamtvermögen der Familie ausnahm (insgesamt ungefähr ein Viertel). Auf diesem Fundament lotet Dorrmann die Motivationsstruktur des Mäzens tiefgründig und aus verschiedenen Perspektiven aus. Hierbei bindet er seine Analyse konsequent in die neuere Forschung zum Mäzenatentum, zu Bürgertum und zur Bürgerlichkeit, aber auch zur Kunst- und Wissenschaftsgeschichte speziell des Kaiserreiches ein. Dies kommt der Darstellung nicht zuletzt dort zugute, wo es um die im Judentum bzw. im Antisemitismus wurzelnden Beweggründe geht. Arnholds jüdische Herkunft wird durchaus berücksichtigt und als Motiv ernst genommen, aber – und das ist noch keineswegs der Normalfall – neben viele andere Faktoren gestellt und entsprechend gewichtet. In einer wohltuend sachlichen und auf Differenzierungen ausgerichteten Sprache gelingt es Dorrmann so, den Kohlenhändler als wohlhabenden, vielseitig interessierten und engagierten Bürger zu beschreiben, der gleichermaßen deutsch und jüdisch, profitorientiert und wohltätig, kaisertreu und unangepasst war. Damit entsteht das facettenreiche Bild einer Persönlichkeit, die in ihrem mäzenatischen Engagement und ihrer erstaunlichen Geradlinigkeit beeindruckt, die aber doch nie als selbstloser, interessenneutraler Wohltäter daherkommt, sondern sehr wohl auch den ökonomischen und sozialen Wert kulturellen Kapitals und kultureller Hegemonie antizipiert hat. Es sind mithin gerade die Zwischentöne und Grenzüberschreitungen, die Verflechtung und die gegenseitige Verstärkung der Handlungsantriebe, die die Argumentation so überzeugend erscheinen lassen.

Damit gelingt es Dorrmann schließlich auch fast, die Enttäuschung wett zu machen, die sich beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses, wie des Textes selbst, zunächst einstellen wird: Knapp ein Viertel des Textes (60 Seiten) sind dem Unternehmer und fast die Hälfte (107 Seiten) dem Mäzen und Kunstsammler gewidmet, während sich die nicht minder spannenden Analysen zur Sozialisation in Elternhaus und Beruf, zu Lebensstil, sozialen Netzwerken und Familie, sowie zu Arnholds Krisenmanagement ab 1914 das andere Viertel der Darstellung teilen müssen. Als Mensch, Ehemann und Vater begegnet Eduard Arnhold dem Leser daher erst, nachdem er sich bereits vier Fünftel des Buches erschlossen hat. Dabei vermittelt Dorrmann auf diesen wenigen Seiten, die Charakter, Freunden und Lebensstil gewidmet sind, durchaus ein recht lebendiges Bild seines „Helden“. Zu bedauern ist allerdings, dass sowohl die Familie und ihre Bedeutung als Aufstiegsinstrument und Stabilisierungsfaktor als auch die geschlechtergeschichtliche Perspektive stark unterbelichtet bleiben. Es dürfte jedenfalls spannend sein, die Geschichte des wirtschaftlichen Aufsteigers und Mäzens auch einmal konsequent aus der Perspektive von Johanna Arnhold und ihrer Adoptivtochter Else zu analysieren.

Allzu harsche Kritik ist hier allerdings nicht angebracht. Zum einen verweist Dorrmann selbst schon mit seinem Untertitel darauf, dass es sich nicht um eine Biografie – ob nun im klassischen oder in einem „modernen“ Sinne –, sondern um eine biografische Studie handelt, die vorwiegend das Unternehmer- und Mäzenatentum eines herausragenden Wirtschaftsbürgers und Stifters analysiert. Gemessen an diesem Untertitel hat Dorrmann sein Vorhaben sogar übererfüllt. Zum anderen ist der Autor in der Tat an die Grenzen der verfügbaren Quellen gestoßen. Dorrmann hatte keinen geschlossenen Nachlassbestand zur Verfügung – dies ist wohl auch der Hauptgrund, warum sich die Forschung so lange an einer solch wichtigen Figur des Wilhelminischen Wirtschaftsbürgertums „vorbeigemogelt“ hat. Es verdient insofern Respekt, wie umsichtig er die verstreuten Quellenbestände zu einer nicht ausgeprägt „archivwürdigen“ Persönlichkeit ausfindig gemacht, zusammengetragen und eingeordnet hat.

Etwas bedauerlich ist allerdings die Tatsache, dass Dorrmann außergewöhnlich zurückhaltend mit verallgemeinernden Thesen umgeht. Die Kenntnis des Forschungsstandes, die er zum Beispiel zur Geschichte des Bürgertums oder des mäzenatischen Handelns unter Beweis stellt, hätte durchaus einige Schlussfolgerungen gerechtfertigt, die über die individuelle Ebene hinausreichen. Was lässt sich etwa aus dem beeindruckenden Selbstbewusstsein Arnholds für die soziale, politische und kulturelle des Praxis des deutschen Bürgertums insgesamt ableiten? Gilt nur für ihn, dass der Kontakt zu den Machteliten des vor allem im unternehmerischen Interesse und weniger in gesellschaftlichen Aspirationen oder gar politischer Servilität begründet lag (S. 217) oder war dies im Kaiserreich nicht – wie dies etwa Dolores Augustine bereits andeutete – ein allgemeineres Phänomen? Wie stand es um die Untertanenmentalität und die unpolitische Haltung des deutschen Wirtschaftsbürgertums? Sicherlich ist es auch der Forschungsstand, der einer allzu forschen Verallgemeinerung individualbiografischer Einsichten an vielen Stellen noch immer deutliche Grenzen setzt, aber zuweilen sind es ja gar nicht nur allseits abgesicherte Erkenntnisse, sondern auch fundierte Fragen, die die Forschung inspirieren und vorantreiben. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Dieses Buch erbringt auch ohne die etwas vermissten ‚mutigen’ Thesen und Fragen einen gewichtigen Beitrag zur Geschichte des industriellen Bürgertums im Kaiserreich und wer sich künftig mit dem schillernden Phänomen des großbürgerlichen Stiftens und Spendens, speziell mit den Chancen und Verwerfungen eines exzeptionellen Kunst- und Wissenschaftsmäzenatentums beschäftigt, der wird das Buch von Michael Dorrmann kaum ignorieren können.

Anmerkungen:
[1] 1867 war Karl von Rothschild ins preußische Herrenhaus berufen worden.
[2] Dorrmann erwähnt zwar, dass sich Arnhold zu Beginn der Weimarer Republik im Reichswirtschaftsrat für eine stärkere Gewinnbeteiligung der Arbeiter ausgesprochen habe (S. 232), für das Kaiserreich fehlen jedoch konkrete Analysen.

Zitation
Simone Lässig: Rezension zu: Dorrmann, Michael: Eduard Arnhold (1849-1925). Eine biographische Studie zu Unternehmer- und Mäzenatentum im Deutschen Kaiserreich. Berlin 2002 , in: H-Soz-Kult, 30.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1822>.
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Veröffentlicht am
30.06.2003
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