M. Steinbach (Hrsg.): Wie der gordische Knoten gelöst wurde

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Titel
Wie der gordische Knoten gelöst wurde. Anekdoten der Weltgeschichte, historisch erklärt


Hrsg. v.
Steinbach, Matthias
Erschienen
Stuttgart 2011: Reclam
Umfang
250 S.
Preis
€ 12,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Handro, Institut für Didaktik der Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das Verhältnis des Historikers zur Anekdote ist ein ambivalentes. Zum einen bedienen sich Historiker gern dieser literarischen Kleinform, als Aperçu, um das Allgemeine oder Besondere einer komplexen Geschichte oder Persönlichkeit zu erhellen oder zu illustrieren. Dass die Anekdote als Urform der Geschichtsschreibung betrachtet werden kann, die in den Historien des Herodot ihre Anfänge findet, ist dagegen weniger präsent. Ebenso könnte man mit einem Augenzwinkern und im Blick auf weitere Ursprünge das anekdotische Erzählen als Beginn kritischer Geschichtsschreibung interpretieren. Bekanntlich gilt der spätantike Historiker Prokopios von Caesarea, dessen im 6. Jahrhundert verfassten Indiskretionen über den oströmischen Kaiser Justinian I. postum unter dem Titel „Anekdota“ erschienen, als Vater dieser pointierten historischen Erzählung. Gleichwohl liegt es im wissenschaftlichen Sinne nahe, die auf mündlicher Überlieferung basierende Erzählung in das Reich der Mythen zu verweisen. Bereits Jacob Burckhardt polemisierte in seiner 1881 gehaltenen Basler Festrede gegen die Anekdote als Form der historischen Erzählung: Es fehle ihr an sachlicher Begründung und Genauigkeit, da diese dem Versuch, das Charakteristische und das Typische herauszustellen, geopfert würden.[1] Allen Kritikern zum Trotz hat die Geschichtsvermittlung durch anekdotisches Erzählen eine lange und bis in die Gegenwart hineinreichende Tradition. Die Reduktion einer Geschichte auf einen moralischen Kern, gepaart mit der Peripetie der Handlung, empfiehlt die Anekdote als historisches Exemplum mit Unterhaltungs- und natürlich didaktischem Wert, das seine Leser bestätigt, verunsichert oder eben belehrt. Ganz im Sinne Ciceros ist hier historia als magistra vitae zu greifen und damit auch das alltagsweltlich virulente Bedürfnis, aus der Geschichte zu lernen, befriedigt. Folglich gehörten Anekdoten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, das heißt bis zur Verbannung der Geschichtserzählung aus dem Geschichtsunterricht, zu den beliebten Schulbuchgattungen. Aus dem Feld populärer und politischer Formen der Vermittlung von Geschichte sind Anekdoten nicht wegzudenken – von der Gedenkrede bis zur (audio-)visuellen Verdichtung in filmischen Porträts oder politischen Karikaturen.

Angesichts der historiographischen und der geschichtskulturellen Bedeutung der Anekdote mag es verwundern, dass eine analytische Auseinandersetzung mit dieser Gattung bislang vorrangig im Bereich der Literaturwissenschaft anzutreffen ist. Als populäres Medium der Tradierung von Geschichte und mit den historischen Exempla verbundener Werte und Normen könnte die Anekdote durchaus als geschichtskultureller Untersuchungsgegenstand geadelt werden oder im narrativitätstheoretischen Paradigma als historische Erzählform von Interesse sein, in der sich frei nach Hayden White die „Fiktion des Faktischen“ manifestiert. Die Beiträge des vorliegenden Bandes tangieren diese Forschungsfelder, indem sie durch Analyse und Kommentar in Anekdoten inhärente „Wahrheiten und Realitäten“ entschlüsseln und den verschlungenen Pfaden der Überlieferungsgeschichte folgen. „Der Zweck des vorliegenden Bandes ist“ – so der Herausgeber des Bandes, der Braunschweiger Geschichtsdidaktiker Matthias Steinbach –, „ausgewählte Anekdoten durch Kontexthinweise und kommentierende Kritik mit […] Würze zu versehen“, und damit Weltgeschichte durch „Streiflichter“ historischer Anekdoten zu erhellen – „von den alten Hochkulturen bis ins 20. Jahrhundert, von Nordamerika über Europa, Afrika, den Vorderen Orient bis nach Ostasien“ (S. 15). Eben dieser Anspruch lässt die 26 Beiträge, durchaus gattungsgemäß, zu Exempla werden, deren kurzweilige Lektüre ein breites Publikum nicht nur in die polyvalenten Sinnwelten historischer Anekdoten einführt, sondern gleichrangig in die Werkstatt des Historikers blicken lässt. Mit klassischen Fragen nach Bezugsereignis, Entstehungsgeschichte, Quellenautor und Überlieferung sowie theoretisch facettenreichen Interpretationsansätzen wird virtuos und kurzweilig der historische Quellenwert der untersuchten Exempla diskutiert. Dabei trifft der geneigte Leser zunächst auf bekannte Blüten aus dem reichen Garten der historischen Anekdoten, gerade weil einzelne im Prozess ihrer durchaus widersprüchlichen Rezeption kulturübergreifend zu geschichtspolitischen Argumenten geronnen sind, wie Alexander Demandt am Beispiel der Lösung des „Gordischen Knotens“ durch Alexander den Großen luzide entfaltet. Andere Erzählungen ruhen als identifikatorisch relevante Bausteine in den Tiefenschichten des historischen Bewusstseins. Dies vergegenwärtigt der Beitrag von Jörg Ganzenmüller. Er verfolgt die Genese der „Potemkinschen Dörfer“ von einem lancierten Gerücht zu einer Metapher gescheiterter Europäisierung des Russischen Reiches bis ins 20. Jahrhundert und entblättert damit gleichsam westliche Stereotype der Wahrnehmung, die sich – so kann der Leser den Faden weiterspinnen – bis in die aktuelle Berichterstattung über Olympia oder die Krimkrise hinein finden lassen. Ebenso kann man wie im Beitrag von Christoph Friedrich Weber bekannte Topoi von Künstleranekdoten wiedererkennen, die gerade durch ihr Spiel mit dem Allgemeinen und Besonderen in Erinnerung bleiben.

Dass Anekdoten als pointierte Erzählform gleichermaßen Charakter- und Zeitbilder bergen und als Medien der politischen Propaganda taugen, erhellt Heidi Mehrkens am Beispiel einer populären Reiseanekdote des französischen Prinz-Präsidenten Louis Napoléon Bonaparte. Das kritische Potential anekdotischen Erzählens, in dem Widersprüche und Paradoxien herrschender Ideen symbolisch verdichtet werden, rekonstruiert Matthias Steinbach – in einer Episode zum Begräbnis von Leonid Breschnew und entlang des Umgangs mit den am Kyffhäuser entsorgten Denkmalsrelikten des „Marschallpräsidenten“ Paul von Hindenburg in der DDR. In beiden Fällen erhebt der Autor mündlich kolportierte Erzählungen über scheinbar beiläufiges widerständiges Verhalten in den Rang einer „merkwürdigen“ Begebenheit, die den Ausgangspunkt für die Rekonstruktion exemplarischer Phänomene gesellschaftlichen Wandels bilden. Dagegen diskutiert Jenny Rahel Oesterle am Beispiel des abbasidischen Hofzeremoniells in der Mitte des 11. Jahrhunderts die Geschichte vom geruchsempfindlichen Kalifen als Form der kulturellen Tradierung herrschaftsstabilisierender Verhaltensnormen angesichts der Erosion zeremonieller Formen und Etikette. In beiden Fällen gewinnen jedoch Anekdoten als Zeugnisse gesellschaftlicher Krisen an Kontur. Ihr heuristisches Potential für die Analyse von Selbst- und Fremdbildern und ihren Wert als kulturgeschichtliche Quelle demonstriert Philippa Söldenwagner am Beispiel deutscher Kolonialgeschichte in Deutsch-Ostafrika. Die symbolische Transformation einer Niederlage in einen moralischen Triumph im Modus des Erzählens untersucht Stefan Gerber unter dem Titel „Unschuldspanzer und Fehdehandschuh“ am Beispiel einer Anekdote zur Übergabe der alliierten Friedensbedingungen an die deutsche Delegation unter Führung des Außenministers Graf von Brockdorff-Rantzau im Juni 1919.

Die Auswahl der von der Rezensentin erwähnten Beiträge mag eklektisch erscheinen. Sie sollte jedoch in einem exemplarischen Zugriff den vielschichtigen Quellenwert historischer Anekdoten und ihre geschichtskulturelle Relevanz unterstreichen. Auch wenn eine Vielzahl der Beiträge auf den ersten Blick vertrauten Mustern der Quelleninterpretation folgt, erschöpft sich ihr Wert eben nicht in der klassischen Fingerübung des Historikers. Analytisch interessant ist vielmehr die Rekonstruktion zeitgebundener, aber auch sich wandelnder Sinnschichten, die tradierungswürdig erschienen und erscheinen. Insofern bieten die vorliegenden Beiträge gerade in ihrer Zusammenschau und bei vergleichender Lektüre produktive Anregungen für historische und geschichtskulturelle Reflexionen über eine – zu Unrecht marginalisierte – Form historischen Erzählens, gerade weil hier im Sinne Jörn Rüsens historisches Erzählen als Sinnbildung zu greifen ist. Dagegen wird der Anspruch des Herausgebers, Weltgeschichte im Spiegel historischer Anekdoten zu repräsentieren, nur bedingt eingelöst. Sicher sollte man diesen Anspruch als werbende Einladung an den Leser begreifen, dem man angesichts der Textgattung Anekdote ohnehin nicht gerecht werden kann. Zudem bleibt die Frage nach Auswahl und Relevanz der Beiträge unbeantwortet und der im Vorwort präsentierte theoretische Rahmen unspezifisch. Letzterer folgt den klassischen Pfaden der Gattungsgeschichte zwischen literarischem und historischem Erzählen. Ein Konzept von Weltgeschichte ist weder hier noch in der eher chronologischen Überlegungen folgenden Reihung der Beiträge erkennbar. Sicher mag der für viele Sammelbände zutreffende Einwand verhallen, dass es dem Band an Kohärenz und theoretischer Fundierung fehlt und somit Erkenntnispotential in einem produktiven Forschungsfeld verschenkt würde. Für ein breites Publikum, das die Beiträge als Exempla historischer Analyse begreift, ist der Band in jedem Fall ein Gewinn – nicht zuletzt, weil hier Historiker(-autoren) als Erzähler brillieren.

Anmerkung:
[1] Vgl. Jacob Burckhardt, Über das wissenschaftliche Verdienst der Griechen (am 10. November 1881 in Basel gehaltener Vortrag), in: Emil Dürr (Hrsg.), Jacob Burckhardt-Gesamtausgabe, Bd. 14: Vorträge, Basel 1933, S. 257.

Zitation
Saskia Handro: Rezension zu: Steinbach, Matthias (Hrsg.): Wie der gordische Knoten gelöst wurde. Anekdoten der Weltgeschichte, historisch erklärt. Stuttgart 2011 , in: H-Soz-Kult, 06.08.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18294>.
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Veröffentlicht am
06.08.2014
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