Cover
Titel
Helmut Kohl. Eine politische Biographie


Autor(en)
Schwarz, Hans-Peter
Erschienen
Umfang
1.052 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Gassert, Philologisch-Historische Fakultät, Universität Augsburg

Am Ende seiner rund tausendseitigen Biographie des sechsten Bundeskanzlers erscheint dem emeritierten Bonner Zeithistoriker und Politologen Hans-Peter Schwarz der „Architekt des vereinten Europas“ als eine „tragische Gestalt, die Gutes gewollt und auch viel Gutes bewirkt hat, wenngleich leider im Übermaß und zu vertrauensvoll“ (S. 936). Innenpolitisch habe Helmut Kohl eine Art Urvertrauen in die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und der Arbeitnehmer/innen mit einer Abneigung gegen Einschnitte ins soziale Netz kombiniert. Kohls CDU habe sich an die Linie „großzügiger Sozial- und Wirtschaftspolitik“ gehalten, die für die sozialdemokratisch grundierte politische Kultur der Bundesrepublik typisch gewesen sei (S. 300). Für diese Tendenz des auf Konsens gestimmten „innenpolitischen Pragmatikers“ steht die von Kohl inzwischen eingestandene Selbsttäuschung über das Ausmaß der wirtschaftlichen Misere des wiedervereinigten Deutschlands. Diese war eine direkte Folge der fiskalischen Schonung der Wähler bei gleichzeitig sozialstaatlicher Finanzierung der Einheit. Hier, wie schon zuvor bei der „halben Wende“ 1982/83 (S. 326), habe den zum „ängstlichen Riesen“ (S. 928) mutierten Kohl der reformerische Impetus seiner Anfänge längst verlassen. Dabei hatte der selbsternannte „Enkel Adenauers“ (S. 142) zur Irritation der CDU-Altvorderen zunächst in Rheinland-Pfalz und bald auch im Bund seit Mitte der 1960er-Jahre mit dem Schlachten heiliger Kühe glänzend Karriere gemacht.

Schwarz zeichnet ein relativ kritisches Bild vor allem des frühen Kanzlers, aber durchaus auch des Kohl der 1990er-Jahre. Sicher, der „Kanzler der Einheit“ wird stark gelobt und gegen boshafte Angriffe alter Widersacher wie Erhard Eppler in Schutz genommen, Kohl habe 1989/90 ein „Abstaubertor“ geschossen (S. 928). Bei der Wiedervereinigung bekommt Kohl exzellente Zensuren. Doch der Innenpolitiker und frühe Außenpolitiker Kohl schneidet schlecht ab. Das Kapitel zur frühen „Ära Kohl“ wird fragend überschrieben: „Ein mittelmäßiger Bundeskanzler?“ (S. 307), und mit Blick auf die Wahl 1987 wird vom „Kanzlermalus“ gesprochen (S. 329). Zur „innenpolitischen Achterbahnfahrt“ (S. 365) der 1980er-Jahre gehörte, dass Kohl in zahlreiche Fettnäpfchen trat. In Bitburg habe ihn „bei der Konfrontation mit der Thematik des Erinnerns an das Dritte Reich seine ansonsten vielgerühmte Sensibilität verlassen“ (S. 379). Kohls defensive Deutschland-Politik der 1980er-Jahre wird kritisch beäugt; ihr „Immobilismus“ (S. 463) sei Ausdruck einer gesellschaftlichen Abwendung von der gesamtdeutschen Nation gewesen. Gegenüber Gorbatschow, von dem Kohl jahrelang keinen Termin bekam, fand er kein Rezept. Reagan, SDI, die Modernisierung der Kurzstreckenraketen brachten ihn auf Schlingerkurs. Er schleppte zahlreiche ungelöste außen- und innenpolitische Probleme ins Jahr 1989, bis ihn die Revolution im Ostblock auch vor der bedrohlichen Fronde der Schwaben Geißler und Späth rettete (S. 526). Diese kritischen Einlassungen sind kein rhetorischer Kniff, um den „Einiger Deutschlands“ heller erstrahlen zu lassen. Schwarz geht auch für die Zeit nach 1990 recht schonungslos mit den innenpolitischen Schwächen der „mächtigsten Führerpersönlichkeit Europas“ um, dem mit mehr Glück als Verstand 1994 eine „Auferstehung“ gelungen sei (S. 752).

Meilenweit von einer Heiligsprechung des „Riesen“ entfernt, bringt Schwarz Kohl doch große Grundsympathie entgegen, ja ist von ihm fasziniert (S. 937). Dies ist kein Widerspruch. Der Biograph müsse sich von „Wahrhaftigkeit, Empathie und zugleich kritischer Distanz“ tragen lassen, so Schwarz’ methodische Reflexion über das biographische Genre (S. 943). Zugleich arbeitet der Politologe Schwarz ein Argument über das Wesen demokratischer Politik heraus. Er weckt in minutiöser Schilderung der Netzwerke, der Intrigen und der widerstreitenden Interessen Verständnis für diejenigen, die in den Sielen der Politik stehen, im Kampf um die Gunst der Wähler. Schwarz’ Bereitschaft zu kritischen Einlassungen findet ihre systematische Grenze dort, wo der Sinn für die Proportionen angesichts der Unsicherheiten in der Hitze des Machtkampfes und der für die Akteure oft unübersehbaren Folgen ihrer Entscheidungen verloren geht. Der Autor bringt das auf einen an Carl Schmitt angelehnten Begriff, wonach der Dauerstreit der Parteiungen als eine „nach halbwegs zivilisierten Regeln ablaufende Form des Bürgerkriegs“ gesehen werden könne (S. 938).

Vor allem der junge, vor „Tatendrang strotzende“ Pfälzer (S. 150) hat es Schwarz angetan. In leicht mokantem Tonfall schildert er, wie sich der rauflustige Kohl den Weg an die Spitze bahnte. Dem „tüchtigen Aufsteiger“ (S. 33) kam seine Herkunft aus dem Ludwigshafener Angestellten- und Arbeitermilieu noch lange zu pass, etwa um Geißler in die Schranken zu weisen, wenn dieser 1993 wieder mal sozialpolitisches Verantwortungsgefühl bei der CDU vermisste: „Ich wohne nicht irgendwo, ich wohne unter ganz normalen Industriearbeitern.“ (Kohl, zit. auf S. 23) Mit dem Tam-Tam um die „Hauskirche“ Speyerer Dom sollten von Mitterrand über Gorbatschow bis Thatcher alle überzeugt werden, dass Kohl lautere europäische Absichten verfolge. Der Intrigenstadel der Bonner Szene wird mit bissigem Humor bis hin zur süffisanten Respektlosigkeit beschrieben („Habemus Papam – Ein Helmut geht, ein Helmut kommt“, S. 272). Das wirkt oft slapstickartig, mit spitzer Feder und Sinn für Aperçus. Der Darstellung kommt Schwarz’ persönliche Position als teilnehmender Beobachter im Bonner „Treibhaus“ ebenso zugute wie die nicht verleugnete politische Nähe. Als Adenauer-Biograph habe ihn Kohl geschätzt, als politischen Kommentator eher nicht (S. 937). Schwarz verfügt über Zugang zu noch verschlossenen Quellen – aus dem Bundeskanzleramt, der Fraktion, dem CDU-Bundesverstand und den offensichtlich ergiebigen Kiep- und Biedenkopf-Tagebüchern. Da sich gegenwartsnahe Zeitgeschichte befragen lassen muss, mit welchen neuen Quellen sie aufwarten kann, ist hier ein Gewinn zu verzeichnen (der wegen des exklusiven Zugangs allerdings vorerst nur eingeschränkt diskutiert werden kann).

Neben dem biographischen Gesamtbild liegt ein wissenschaftlicher Ertrag in der Darstellung des europapolitischen Wirkens, das Schwarz durchweg hervorhebt. Sehr gut herausgearbeitet wird der seit den 1980er-Jahren bestehende „Pakt“ mit Mitterrand. Diesen ließ Kohl nach dem deutschen Äquivalent der Force de Frappe greifen, der „deutschen Atombombe“ D-Mark (S. 431), handelte dafür jedoch im Verein mit Thatcher dem Franzosen die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Wirtschaftsunion ab. Schwarz sieht „in der Errichtung eines globalen Kapitalmarkts nach angelsächsischem Modell“ einen der entscheidenden Vorgänge der 1980er-Jahre (S. 479). Kohl ließ sich auch hierbei von der mit historischen Argumenten unterfütterten Einsicht in die notwendige Selbsteinhegung und Beschränkung Deutschlands leiten. Er hatte den Duktus der permanenten internationalen Vertrauenswerbung internalisiert. Da die Vorgänge rund um die deutsch-deutsche Vereinigung deutlich besser erforscht sind als die Europapolitik, nehmen sie in der Darstellung weniger Raum ein.

An das Ende der jeweiligen Großkapitel stellt Schwarz längere „Betrachtungen“, in denen er zu übergreifenden Problemen und damit zu größeren Fragen der Geschichtswissenschaft Stellung nimmt: „Die Generation von 1945 und die Parteiendemokratie“ (Teil I), die Bundesrepublik der langen 1970er-Jahre „nach dem Wirtschaftswunder“ (Teil II), „Die kurzen achtziger Jahre“ (Teil III), „Der unerwartet siegreiche Kernstaat“ (Teil IV), „Helmut Kohl und das dritte europäische Nachkriegssystem“ (Teil V). Dies kann eine an den Umbrüchen seit den 1970er-Jahren interessierte Zeitgeschichte weiter debattieren.

Schwarz fällt sein abschließendes Urteil über Kohl vor dem Hintergrund der aktuellen Euro-Krise sowie des Trends zurück zum „reformkritischen Etatismus“ (S. 928). Das Buch ist in den Teilen zur Konstruktion Europas ein zeitgeschichtlich unterfütterter Gegenwartskommentar – bei aller Tendenz zum historischen Einordnen und Resümieren. Kohls paneuropäische Vision der Vereinigten Staaten von Europa, von der sich der Kanzler in den 1990er-Jahren teilweise verabschieden musste, sieht Schwarz kritisch-distanziert. Er hält wenig von Kohls Neigung, den deutschen Nationalstaat zu europäisieren, noch weniger von dessen Scheckbuchdiplomatie. Die zeitgenössische Kritik an der halbherzigen Wende 1982/83 scheint öfter durch, wenn Schwarz etwa ein Bonmot von Johannes Gross zitiert, die CDU sei „gemäßigt sozialdemokratisch“ (S. 300). Der als politisches Alpha-Tier bewunderte Kohl wird kritisiert, weil er sich von dem seit den 1960er-Jahren wehenden „linken Zeitgeist“ einlullen ließ.

Schwarz weigert sich mit Recht, mehr als nur das Nötigste aus der privaten Biographie preiszugeben. Einmal lehnt er sich gegenüber Walter Kohl deutlich aus dem Fenster (S. 920), nimmt den alten und kranken Vater gegenüber dem in Talkshows Privatestes ausbreitenden Sohn in Schutz. Zur Erklärung des Politikers Kohl ist die familiäre Komponente nicht vorrangig, auch wenn Kohl selbst Inszenierungen des Familienlebens schätzte. Dafür hat er einen privaten Preis gezahlt. Der von Schwarz angestellte Vergleich mit Bismarck zeigt Kohl als Machtmenschen, der er, wie der Preuße, auch privat war. Anders aber als Bismarck, so Schwarz’ Interpretation, war Kohl ein ganz und gar ziviler, verwestlichter, fundamentalliberalisierter Deutscher, der Militär und Gewalt verabscheute, der einen revolutionären Souveränitätsverzicht zugunsten Europas einleitete, auch wenn er, wie der „eiserne Kanzler“, das weltpolitische Spiel mit den Kugeln genoss und in der Rolle als „Gründungskanzler“ zunehmend aufging (S. 737, S. 751). Am Ende entglitt ihm – wie Bismarck – das Ruder. Wie Bismarck zeitgenössisch den preußisch-deutschen Machtstaat verkörperte, so wird Kohl als eine Art „Inkarnation starker Tendenzen in der pluralistischen deutschen Gesellschaft“ gesehen (S. 939). Er steht, wie Adenauer und Bismarck, für das Ganze. Er dient als Projektionsfläche für Stärken, Schwächen und Konstruktionsfehler der alten Bundesrepublik, des wiedervereinigten Deutschlands und der Europäischen Union.

Schwarz ist die schwierige Gratwanderung zwischen kritischer Distanz und der für Biographen (jedenfalls demokratischer Politiker) notwendigen und auch legitimen Empathie geglückt. Kohl wird nicht geschont, stellenweise hart angefasst. Zugleich wird mehr als deutlich, worin, trotz allem, seine Größe und seine historische Bedeutung liegt. Ansätze zu einer Apotheose (wie im Prolog „Der Riese“) werden meist sofort ironisch gebrochen. Das Buch ist, wie man es von Hans-Peter Schwarz erwartet, glänzend geschrieben. Der Text hat Drive, auch wenn nicht jeder den Nähe signalisierenden Präsens-Stil und die spöttische Grundhaltung goutieren wird. Der Band ist gut informiert und quellennah. Als neueste Zeitgeschichte ist das Buch Zeitkommentar und provoziert kritische Gegenreden. Doch Schwarz’ Maßstäbe sind nicht unhistorisch. Er gewinnt sie aus dem zeitgenössischen Verstehenshorizont. Anders als „seinen“ Adenauer nutzt er „seinen“ Kohl, um prägnante Thesen zum Entwicklungsgang der deutschen Geschichte zu formulieren: Es geht um das große Thema seit 1945, die europäische Einhegung der unruhigen Macht in der Mitte. Dabei hat Schwarz, wie im Schlusskapitel „Am Ende des Tages“ und im Nachwort angedeutet wird, ein von Sorge um das deutsche und europäische Gemeinwesen getriebenes Vermächtnis formuliert.

Zitation
Philipp Gassert: Rezension zu: Schwarz, Hans-Peter: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. München 2012 , in: H-Soz-Kult, 04.06.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19769>.
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04.06.2013
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