Titel
Heldensuche. Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte


Autor(en)
Martens, Michael
Erschienen
Wien 2011: Zsolnay Verlag
Umfang
395 S.
Preis
21,90 €
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Florian Dierl, Berlin

Erinnerungen können trügen – diese Erkenntnis gilt nicht nur für die individuelle Erfahrung, sondern auch und gerade für die kollektive Wahrnehmung und Verarbeitung historischen Geschehens, zumal wenn dieses sich in außergewöhnlichen Ereignissen verdichtet. Einem besonders kuriosen Fall konstruierter Erinnerung ist Michael Martens in dem hier vorzustellenden Band nachgegangen: Der Wehrmachts-Gefreite Josef Schulz hatte sich demnach im Sommer 1941 bei einer Exekution von serbischen Partisanenverdächtigen in Smederevska Palanka, einer Stadt südlich von Belgrad, dem Tötungsbefehl seiner Vorgesetzten verweigert und war daraufhin selbst von den Deutschen erschossen worden. Die heroische Tat fand durch einen populären Spielfilm des Regisseurs Branimir Tori Janković in den späten sechziger Jahren Eingang in die jugoslawische Erinnerungskultur, während in der Bundesrepublik Deutschland zu diesem Zeitpunkt einige Zeitungsmeldungen von einer Fotoserie berichteten, die den Vorfall angeblich dokumentierte.[1] Martens, der lange als Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Belgrad lebte, begab sich vierzig Jahre später auf Spurensuche nach den genauen Umständen der Begebenheit und stieß dabei auf erhellende Befunde.

In dem als Reportage in fünf Kapiteln angelegten Buch, die teils chronologisch, teils assoziativ gegliedert sind, berichtet der Autor von seinen Nachforschungen in serbischen und deutschen Archiven und von der Befragung von Experten und Zeitzeugen, die über das Geschehen im Krieg und vor allem über den unterschiedlichen Umgang mit dem Ereignis in der jugoslawischen und der deutschen Öffentlichkeit während der folgenden Jahrzehnte Auskunft geben konnten. Bei der Rekonstruktion des „Fall(s) Schulz“ musste er nicht nur die Plausibilität der widersprüchlichen Versionen des Tathergangs und deren zum Teil obskure Tradierungswege überprüfen, sondern er hatte dabei auch die Motive seiner Informanten zu berücksichtigen, denen oft an einer bestimmten Deutung gelegen war. Als erfahrenem Journalisten gelingt es Martens, die verschiedenen zeitlichen und inhaltlichen Überlieferungsstränge freizulegen und den Ablauf der Exekution sowie die Biographie des Josef Schulz von anderen nachträglich mit dem historischen Geschehen in Verbindung gebrachten Personen, Ereignissen und Orten genauer abzugrenzen. Mit dem Ergebnis, das die angebliche Erschießung des Deutschen als Mythos entlarvt, erfährt der Leser allerdings wenig Überraschendes: Die Erkenntnis bestätigt nur die über Jahrzehnte in den Ermittlungsverfahren gegen NS-Täter gemachte Erfahrung, dass Angehörige von Wehrmacht oder Polizei, die den „verbrecherischen Befehlen“ nicht Folge leisteten, nicht mit einer Gefährdung für Leib und Leben rechnen mussten, mithin also kein „Befehlsnotstand“ vorlag.

Sehr viel aufschlussreicher ist dagegen der Einblick, den der Autor zum Verlauf und zu den Praktiken der Erinnerungsdiskurse in der Bundesrepublik Deutschland und in Jugoslawien bzw. dem heutigen Serbien bietet: Eine Vielzahl von Protagonisten, von Schulz’ Familienangehörigen, Journalisten, Künstlern, Amtsträgern, Politikern bis zu Marschall Tito höchstpersönlich, beteiligte sich in beiden Ländern am Prozess der Aus- und Umdeutung der spärlich vorhandenen Quellen oder der Gestaltung des Gedenkens und verfestigte so den Eindruck von der scheinbaren Authentizität des Ereignisses. Dabei unterlag die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema unterschiedlichen Konjunkturen der Aufmerksamkeit und war in die jeweils dominanten Narrative der „Vergangenheitsbewältigung“ eingebettet. Die öffentliche Debatte in der Bundesrepublik lebte erst während der frühen siebziger Jahre auf und war von der bewussten Skandalisierung durch einzelne Akteure, aber auch von der Sorge der Bundesregierung um das außenpolitische Ansehen Deutschlands gekennzeichnet. Amtliche Stellen wie das Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg im Breisgau legten bereits in dieser Zeit die historischen Fakten offen, ohne jedoch damit zu verhindern, dass in späteren Jahren deutsche Medien den Mythos erneut verbreiteten. Vereinzelte Initiativen, das Andenken an Schulz zu ehren, waren teils vom aufrichtigen Bemühen um Aufklärung und Versöhnung, teils auch vom Versuch der vergangenheitspolitischen Profilierung getragen. In Jugoslawien hingegen etablierte sich die Erzählung vom „guten“ Deutschen, der freiwillig für seine Überzeugung in den Tod ging, als fester Bestandteil des kollektiven Gedenkens an die Helden des nationalen Befreiungskriegs. Diese Haltung fand ihren institutionalisierten Ausdruck in Gedenkveranstaltungen und Schulbuchtexten wie auch in der Errichtung von kommunalen wie auch privaten Mahnmalen, deren Erhaltung von der Bevölkerung notfalls sogar im Streit mit der kommunistischen Staatsbürokratie verteidigt wurde. Erst mit dem Zerfall Jugoslawiens und der nationalistischen Neuorientierung der Nachfolgestaaten in den neunziger Jahren geriet das Andenken an Schulz und an die jugoslawischen Widerstandskämpfer allmählich in Vergessenheit.

Wie Martens deutlich macht, erschien die Wertschätzung des Feindes von Seiten der Jugoslawen nur vordergründig paradox, belegte das Handeln des deutschen Soldaten doch in deren Augen die Überlegenheit des eigenen sozialistischen Staats- und Gesellschaftsmodells gegenüber dem des Faschismus. Insofern war die Frage, ob sich das Ereignis tatsächlich in dieser Weise zugetragen hatte, zweitrangig, da die mit der Erzählung verbundene moralische Aussage über alle ethnischen und politischen Grenzen der jugoslawischen Gesellschaft hinweg generalisierbar und zudem mit dem vorherrschenden Partisanenmythos problemlos in Übereinstimmung zu bringen war. Die Abscheu über die Faschisten, die den eigenen Mann ermordeten, stellte so über viele Jahre eine identitätsstiftende Ressource dar, deren Ausstrahlungskraft jedoch in den postjugoslawischen „Bruderkriegen“ unweigerlich verblassen musste.

Gleichwohl geht es dem Autor nicht primär darum, die Funktion einer derartigen „modernen Sage“ zu beschreiben[2], sondern er versucht vielmehr, die unterschiedlichen, sich über die Jahrzehnte verändernden, Bezüge von Deutschen und Jugoslawen zur Thematik des Zweiten Weltkriegs und die sich in ihnen jeweils spiegelnde Wahrnehmung des (ehemaligen) Kriegsgegners aufzuzeigen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm dies, wenn er mit Feingefühl und Sympathie seine Begegnungen mit den verschiedenen Gesprächspartnern und deren Stellungnahmen zum „Fall Schulz“ nachzeichnet. Deren Spektrum reichte von der pragmatischen Förderung des Tourismus in der serbischen Provinz bis zur idealistischen Hoffnung auf eine allgemeine gesellschaftliche Neubesinnung im Zeichen eines umfassenden Humanismus.

Insofern kann man Martens’ Darstellung als Beziehungsgeschichte zwischen zwei Nationen lesen, die im Lauf der höchst wechselvollen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre gegenseitige Wahrnehmung und Haltung zueinander immer wieder aufs Neue zu prüfen und auszurichten hatten. Augenscheinlich ist sie die nicht ohne Wehmut verfasste Liebeserklärung eines Balkan-Experten an eine Region, deren eigentümliche Lebenswelten im Zuge der gegenwärtigen Modernisierung und strukturellen Anpassung an die westeuropäischen Gesellschaften allmählich zu verschwinden drohen. In jedem Fall stellt der Band einen undogmatischen Beitrag zum Umgang mit der NS-Vergangenheit jenseits aller Ritualisierungen dar, womit er die hiesige Debatte um die Neuorientierung der deutschen Erinnerungskultur zweifellos bereichert.[3]

Anmerkungen:
[1] Krvava Bajka („Blutiges Märchen“), Belgrad 1969, Regie: Branimir Tori Janković; Kamera: Jerzy Wojcik; Produktion: Filmska Radna Zajednica.
[2] Zur Bedeutung von Mythen als öffentlicher Moral-Ressource siehe Johannes Stehr, Sagenhafter Alltag. Über die private Aneignung herrschender Moral, Frankfurt am Main 1998, S. 196ff.
[3] Dana Giesecke / Harald Welzer, Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg 2012.

Zitation
Florian Dierl: Rezension zu: Martens, Michael: Heldensuche. Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte. Wien 2011 , in: H-Soz-Kult, 22.11.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20299>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.11.2013
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation