Titel
Die Hauptstadt Lateinamerikas. Eine Geschichte der Lateinamerikaner im Paris der Dritten Republik (1870–1940)


Autor(en)
Streckert, Jens
Erschienen
Umfang
340 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Michael Goebel, Freie Universität Berlin

Frankreich und insbesondere Paris spielten bereits im kolonialen Lateinamerika eine wichtige Rolle für das Geistesleben. So bereiste der venezolanische Revolutionär Francisco de Miranda das Land nur wenige Monate vor dem Sturm auf die Bastille. Sein Landsmann Simón Bolívar wohnte gar der Krönung Napoleons in der Kathedrale von Notre Dame im Jahre 1804 bei. Die französische Revolution und französischer Republikanismus übten eine ungemeine Strahlkraft auf die Unabhängigkeitsbewegungen der 1820er-Jahre aus, sodass die Faszination der lateinamerikanischen Eliten mit der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, wie Walter Benjamin Paris einmal bezeichnete, keinesfalls abriss. Südamerikas zweiter großer „Befreier“, San Martín, starb 1850 im französischen Exil, woraufhin sich seine argentinischen Nachfolger daran machten ihre Hauptstadt Buenos Aires in das „Paris Südamerikas“ zu verwandeln. Selbst der Begriff Lateinamerika war eine Pariser Erfindung, auf den Frankreich, militärisch flankiert durch ein unseliges imperialistisches Abenteuer in Mexiko, seinen zivilisatorischen Führungsanspruch in der Region gründen wollte – mit beachtlichem Erfolg, wie Jens Streckerts überaus gelungene Studie über Lateinamerikaner im Paris der Dritten Französischen Republik belegt.

Trotz der ungemeinen Bedeutung der französischen Hauptstadt für das Selbstbild, das Prestige und das kulturelle Kapital lateinamerikanischer Eliten gab es vor der Veröffentlichung von Streckerts Buch keine systematische Studie zu Lateinamerikanern im Paris des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dieser Befund erstaunt umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass um 1930 mehr als 15.000 lateinamerikanische Staatsbürger in der Pariser Region polizeilich gemeldet waren. Ließen sich Studenten, Reisende und wohlhabende Familien, die jedes Jahr ein paar Monate in Paris verbrachten, statistisch einbeziehen, läge die Zahl zweifelsohne viel höher. Obschon es sich also auch unter migrationsgeschichtlichem Blickwinkel um eine bedeutsame Gemeinde handelte, interessierten sich Historiker bislang allenfalls für die Paris-Aufenthalte einiger prominenter Individuen, vor allem Künstler und Schriftsteller. Dieser Forschungslücke schafft Streckert mit seinem transnationalen Ansatz erfolgreich Abhilfe.

Der Autor geht hierfür wechselseitigen Einflüssen nach, die die Austauschbewegung in beide Richtungen entfaltete. Während Ausdrücke wie „riche comme un argentin“ („reich wie ein Argentinier“) in die französische Alltagssprache eingingen, etablierte sich Paris zudem als globaler Hauptumschlagplatz für die lateinamerikanische Ideengeschichte. Ein für mexikanische und lateinamerikanische Identitätsvorstellungen so zentrales Werk wie José Vasconcelos’ „La raza cósmica“ etwa wurde 1925 zuerst in Paris veröffentlicht.[1] Streckert interessiert vor allem die Frage, ob sich in Paris eine gesamt-lateinamerikanische Identität unter den expats herausbildete. Seine Antwort lautet „ja“: Die französische Hauptstadt habe eine überragende Rolle für die „interlateinamerikanische Kommunikation über Kunst und Literatur“ (S. 17) gespielt und Lateinamerikaner in Paris „traten immer auch als Vertreter ihres Kontinents und nicht allein ihrer Heimatländer auf“ (S. 303).

In drei großen Teilen bewegt sich das Buch von sozialgeschichtlichen Methoden ausgehend zusehends auf dieses vor allem ideen- und politikgeschichtlich relevante Argument hin. Der erste Teil („Statistik“) untersucht in vorbildlicher Quellenarbeit die genaue soziale und räumliche Zusammensetzung der lateinamerikanischen Gemeinde(n) in Paris von 1870 bis zum Zweiten Weltkrieg. Der zweite Teil („Personen“) stellt verschiedene, vor allem berufliche, Gruppen innerhalb der Gemeinde, wie etwa Studenten, Journalisten, Künstler und politische Exilanten, vor. Diese beiden Teile des Buches betrachten den Untersuchungsgegenstand vor allem unter klassischen migrationshistorischen Gesichtspunkten.

Spezialisten, die sich etwa für wohnräumliche Segregation interessieren, werden sicherlich dankbarer sein für die hier vorgestellten Resultate als der Durchschnittsleser. Denn die Hauptlektion aus der Fülle an Details besteht in einer Bestätigung des ohnehin vermuteten elitären Charakters der lateinamerikanischen community. Viele Einzelheiten, wie zum Beispiel Betrachtungen zum nummerisch erstaunlich ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, tragen letztlich wenig zum übergreifenden Hauptargument des Buches bei. Indes sind die Qualität von Streckerts Recherche, die aus Frankreich und Lateinamerika zusammengeklaubte überaus solide Quellenbasis, die Präzision in der Darstellung des sozialhistorischen Materials, sowie die sprachliche Eleganz durchweg überragend.

Wirklich unterfüttert wird Streckerts Kernthese im dritten Teil („Aktivitäten“). Hier untersucht der Autor lateinamerikanische Vereine, Zusammenschlüsse, Festivitäten und Publikationen. Allesamt verdeutlichen sie, wie sehr sich etwa Argentinier oder Mexikaner im Pariser Exil als überzeugte Lateinamerikaner gerierten, nicht zuletzt durch den täglichen Austausch mit Lateinamerikanern aus anderen Ländern, der in Paris sehr viel intensiver ausfiel als zuhause. Exemplarisch besonders deutlich untermauert dieses Argument die Geschichte einer antiimperialistischen lateinamerikanischen Studentengruppe in den 1920er-Jahren, die ihre Abneigung gegen die US-amerikanische Außenpolitik stets zusammen mit einer Betonung des lateinamerikanischen Regionalismus und der Idee der latinité, die Frankreich mit der Region verband, artikulierte (S. 207–216).

Freilich mag mancher Leser sich ein genaueres Augenmerk auf bestimmte Fragen wünschen. Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, dass Brasilianer (nach Argentiniern die zweitstärkste nationale Gruppe in Paris) doch ein wenig abseits der lateinamerikanischen Gemeinde standen; ein Befund, der die Kernthese des Buches betrifft, den Streckert aber nur am Rande reflektiert. Die Präsentation des Arguments unterstellt zudem, dass zum Beispiel wohlhabende chilenische Staatsbürger als gefühlte Chilenen nach Paris kamen, um dann in der französischen Hauptstadt zu Lateinamerikanern zu mutieren. Die Quellen aber legen zuweilen nahe, dass die meisten dieser Chilenen europäischer – und erstaunlich oft französischer – Herkunft waren. Und wie man aus zahlreichen anderen Studien weiß, hatte die Konstruktion nationaler Identität in Lateinamerika um 1870 gerade erst begonnen. So mag die identitäre Entwicklung vom Chilenen, Guatemalteken etc. zum Lateinamerikaner, via Paris, in einigen Fällen doch weniger geradlinig verlaufen sein, als das Buch mancherorts andeutet.

Dennoch löst Streckerts Studie sehr eindrucksvoll ihr Ziel ein, die „Bedeutung von global cities für die Emanzipation oder Verfestigung von bestehenden politischen, sozialen und kulturellen Fixierungen“ (S. 307) herauszuarbeiten. Jedem an diesen Themen interessierten Leser sei die Lektüre nahegelegt. Dem Autor und/oder Verlag kann man zudem eine Übersetzung in eine für dieses Thema sinnvollere Sprache als das Deutsche empfehlen; erst recht zumal beide jedwedem deutschsprachigen Leser mit langen Zitaten in der Originalsprache ohnehin exzellente Spanisch- und Französischkenntnisse zutrauen.

Anmerkung:
[1] José Vasconcelos, La raza cósmica. Misión de la raza iberoamericana, Paris 1925.

Zitation
Michael Goebel: Rezension zu: Streckert, Jens: Die Hauptstadt Lateinamerikas. Eine Geschichte der Lateinamerikaner im Paris der Dritten Republik (1870–1940). Köln 2013 , in: H-Soz-Kult, 12.12.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20407>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.12.2013
Beiträger
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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