C. Lorenz u.a. (Hrsg.): Breaking up Time

Cover
Titel
Breaking up Time. Negotiating the Borders between Present, Past and Future


Hrsg. v.
Lorenz, Chris; Bevernage, Berber
Erschienen
Göttingen 2013: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
274 S.
Preis
€ 44,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Landwehr, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Mit der Feststellung unzureichend beackerter Forschungsfelder ist es so eine Sache[1]: Kaum wird konstatiert, dass die Frage, mit der man selbst gerade beschäftigt ist, in der bisherigen Forschung unzureichend bis gar nicht beachtet worden sei, folgt auch schon eine Fußnote mit zahlreichen Studien, welche die Ausnahmen von der Regel sein sollen, nicht selten aber bereits deren Widerlegung darstellen. Vielleicht muss man in einer Welt, die sich eine so ausdifferenzierte Wissenschaft leistet, grundsätzlich vom Karl-Valentin-Prinzip ausgehen: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Es käme dann lediglich auf die unterschiedlichen Grade des Bereits-gesagt-Seins an.

Auch zu Zeitverhältnissen der Vergangenheit und der Geschichtswissenschaft ist schon ein gerüttelt Maß an Forschungsliteratur veröffentlicht worden. Trotzdem kann man den Herausgebern des Sammelbandes schwerlich widersprechen, wenn sie feststellen, dass die Behandlung von Zeit in der Geschichtswissenschaft zwar nicht gänzlich vernachlässigt worden ist, dass ihr bislang aber nicht der Stellenwert zukommt, den man erwarten würde. Schließlich hat die Geschichtswissenschaft die Aufgabe, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, die uns die Zeit stellt – und dazu gehört nicht zuletzt die Zeit selbst.[2] Gerade diese Reflexion über die temporalen Grundlagen findet aber weniger häufig statt als wünschenswert. Nicht selten kann man den Eindruck gewinnen, die Geschichtswissenschaft habe die Auffassung der klassischen Physik noch nicht so recht verlassen, wonach die Zeit absolut gesetzt wird und einen festen Rahmen für Handlungen und Geschehnisse bildet. Insofern ist es weiterhin und wieder lohnend, wenn die Herausgeber die Frage aufwerfen, wie das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstruiert wird, und dies auch mit Frage nach der politischen Aufladung entsprechender Zeitmodelle verbinden.

Zum Problem wird vor allem das Zeitverständnis der westlichen Moderne. Der Band leistet also keinen Überblick zum Wandel von Zeitmodellen (was auch eher einem enzyklopädischen Unterfangen gleichkäme), sondern konzentriert sich auf das homogene, lineare und gerichtete Zeitverständnis, wie es vornehmlich seit dem 18. Jahrhundert an Dominanz gewonnen hat. Hier schweben Reinhart Kosellecks „Sattelzeit“ sowie die damit einhergehende Verzeitlichung und Singularisierung von Geschichte über einer Vielzahl der Beiträge. Ein zweiter Gewährsmann ist François Hartog, der mit seinen Thesen zu den „Historizitätsregimen“ nicht nur in den Fußnoten sehr präsent, sondern auch mit einem eigenen Beitrag vertreten ist.

Befragt auf seine zumeist unreflektiert übernommenen Grundsätze, offenbart dieses westlich-moderne Zeitmodell Eigenheiten, die auszuleuchten sich lohnt. Nicht überraschend rücken verschiedene Beiträge vor allem das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in den Mittelpunkt (demgegenüber kommt die Zukunft etwas kürzer). Aber gerade mit Blick auf die historische Gretchenfrage – wie hältst du es mit der Vergangenheit? – warten einige Beiträge mit wertvollen Überlegungen und teils provokanten Thesen auf.

Dabei spielt natürlich auch die Frage nach aktuellen Zuständen der Verzeitlichung immer eine Rolle. Aleida Assmann sieht das gegenwärtige Zeitregime durch eine deutliche Vergangenheitsorientierung und einen Bedeutungsverlust der Zukunft geprägt[3] – und steht damit zumindest teilweise im Gegensatz zu Analysen von Hans Ulrich Gumbrecht über eine „breite Gegenwart“ oder von Hartmut Rosa über die Beschleunigung von Zeitstrukturen.[4] Bei jedem konstatierten Zeitmodell scheint also auch das Gegenteil zutreffend zu sein.

In dieser Situation erweist sich der Vorschlag von Peter Osborne als hilfreich, auf die Vielzahl jeweils gegenwärtiger Zeiten aufmerksam zu machen. Osborne fasst diese ‚globale Gleichzeitigkeit‘ als die gelebte Einheit unterschiedlicher Zeiten. Diese Pluralität von Gleichzeitigkeiten bietet nicht nur die Möglichkeit, die Differenz zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu thematisieren, sondern hilft auch dabei, sich von teleologischen Modernisierungserzählungen zu verabschieden. Denn, wie Osborne argumentiert, ein solches Verständnis von Gegenwärtigkeit bleibt zwar weiterhin mit Aktualität(en) verbunden, löst dafür aber den Vertrag mit der Zukunft auf. Während die Moderne auf die Ablösung des Alten durch das Neue setzt, pocht die Gleichzeitigkeit auf die soziale und räumliche Vielfalt der Zeiten – ohne schon wissen zu können, was daraus folgen wird.

Auch Lucian Hölscher konstatiert, dass die Zeit der Historie durcheinander geraten sei. Er behandelt vor diesem Hintergrund nicht nur die Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Zusammenhang historischer Narrative, sondern macht zugleich deutlich, dass die Trennung der historischen Zeiträume Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alles andere als naturnotwendig ist. Hölscher schlägt als Alternative seinen Ansatz einer „neuen Annalistik“ vor.[5] Ob sich die Diskussion in diese oder eine andere Richtung entwickelt, wird sich noch weisen müssen. Man kann aber sowohl bei Hölscher wie bei anderen Beiträgen den Verlust etablierter Zeitmodelle feststellen, der noch nicht durch überzeugende Gegenmodelle aufgefangen worden ist. Das Problem, das uns sämtliche postmoderne Diskussionen gestellt haben, nämlich die Einheit der Geschichte grundsätzlich in Zweifel zu ziehen, steht weiterhin im Raum – und konstruktive Reaktionen darauf fehlen bislang weitgehend.

Besonders anregend erscheint hierbei der Beitrag von Jonathan Gorman, der nicht nur – wie Hölscher – die Trias von Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft grundsätzlich zur Disposition stellt, sondern vor einem pragmatistischen Hintergrund zudem dafür plädiert, die realitätserzeugenden Kategorisierungen der Geschichtsschreibung genauer unter die Lupe zu nehmen. Folgt man Gorman, dann müssen geschichtstheoretische Diskussionen ihre Grundlagen zur Gänze auf den Prüfstand stellen. Das betrifft nicht nur Möglichkeiten der Darstellung oder das Verhältnis von „Fakten“ und „Fiktionen“, sondern auf der Ebene der Zeitlichkeit insbesondere die Frage nach dem Historischen überhaupt. So wie Gorman grundsätzlich die Möglichkeit bestreitet, aus den Perspektiven der historischen Akteure – und damit letztlich historistisch – argumentieren zu können, hält auch Constantin Fasolt fest, dass Vergangenheit nur präsentisch zu fassen sei und wir aus bestimmten Dilemmata nicht herauszukommen scheinen: Wir können die Vergangenheit nicht behandeln, als sei sie ein Objekt unserer Einbildung – und zugleich wissen wir nicht, wie wir sie anders behandeln können. „Today the past is staring us straight in the face and we do not know what to say.“ (S. 193)

Als erheblicher Vorteil dieses Sammelbandes erweist sich, dass die Diskussion nicht allein auf einer theoretischen Ebene verbleibt, sondern mit empirischen Fallbeispielen kontrastiert wird. So kann man die Thesen zur Konstitution von Zeitverhältnissen aneinander spiegeln und kann die Relationierung von Gegenwarten mit jeweils unterschiedlichen Vergangenheiten nachvollziehen – wenn Sanja Perovic die Kalender der Französischen Revolution und von Auguste Comte in Beziehung setzt, wenn Lynn Hunt Zeitstrukturen unter den Bedingungen der Globalisierung betrachtet, wenn Stefan Tanaka der Frage nachgeht, wie sich Japan im 19. Jahrhundert eine „Geschichte“ nach westlichem Vorbild zugelegt hat, wenn Axel Schneider das Aufeinanderprallen traditioneller chinesischer Historiographie und westlicher Geschichtsmodelle beobachtet und wenn William Gallois ähnliche Konflikte im kolonialen Kontext Algeriens in den Mittelpunkt rückt.

Der Titel des Sammelbandes verspricht nicht zu viel. Zwar wird nicht in allen Beiträgen die Zeit ‚aufgebrochen’, aber doch in einigen die Grundsatzfrage nach unserem etablierten (westlichen) Zeitmodell gestellt. Wie man allerdings die Zeit (oder vielleicht: die Zeiten?) wieder zusammensetzen könnte, nachdem sie erst einmal aufgebrochen ist bzw. sind – diese Frage kann auch von den vorliegenden Texten nicht schlüssig beantwortet werden.

Anmerkungen:
[1] Annette Vowinckel, Kritik der Forschungslücke, in: WerkstattGeschichte 61 (2013), S. 43–48.
[2] Weiter spezifizieren ließe sich dies mit Blick auf die Zeitgeschichte: Rüdiger Graf, Zeit und Zeitkonzeptionen in der Zeitgeschichte, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.10.2012, URL: <http://docupedia.de/zg/Zeit_und_Zeitkonzeptionen> (14.11.2013); Martin Sabrow, Die Zeit der Zeitgeschichte, Göttingen 2012.
[3] Vgl. auch Aleida Assmann, Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne, München 2013.
[4] Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart, Berlin 2010; Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main 2005.
[5] Lucian Hölscher, Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte, Göttingen 2003.

Zitation
Achim Landwehr: Rezension zu: Lorenz, Chris; Bevernage, Berber (Hrsg.): Breaking up Time. Negotiating the Borders between Present, Past and Future. Göttingen 2013 , in: H-Soz-Kult, 17.12.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20746>.