Cover
Titel
Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität


Autor(en)
Wette, Wolfram
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: S. Fischer
Umfang
312 S.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralph Buchenhorst, Research Cluster/Graduate School „Society and Culture in Motion“, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die umfassende und ausgezeichnet recherchierte Studie Wolfram Wettes zu Wirken und Schicksal des Wehrmacht-Feldwebels Anton Schmid (1900–1942) hat eine Vorgeschichte. Sie dürfte die Motivation des Autors erklären, sich mit einem Schicksal auseinanderzusetzen, das durch primäre Quellen kaum dokumentiert ist. Wer sich näher mit der Aufarbeitung des Holocausts im akademischen Diskurs beschäftigt hat, dem wird Hannah Arendts viel diskutierte Untersuchung über „Eichmann in Jerusalem“[1] unweigerlich begegnet sein. Sie gilt als Klassiker des Genres, zugleich jedoch auch als Ursache lang anhaltender Kontroversen zum Umgang mit dem Bild, das wir uns von Tätern und Opfern des nationalsozialistischen Terrors machen. Wer Arendts Buch genauer gelesen hat, dem wird der Feldwebel Anton Schmid womöglich im Gedächtnis geblieben sein. Die Geschichte, die mit ihm verbunden ist, bildet so etwas wie das geheime Zentrum der Auseinandersetzung Arendts mit dem, was sie als den vollständigen moralischen Zusammenbruch der modernen Gesellschaft während der Zeit der Judenverfolgung und -vernichtung ansah. Die Autorin beschreibt den Prozess, der 1961 Adolf Eichmann, dem Logistiker der Judenvernichtung, in Israel gemacht wurde, sehr ausführlich, und ihr in diesem Zusammenhang entwickeltes Argument von der „Banalität des Bösen“ hat bis heute seine provokative Kraft nicht verloren.

Neben der erschreckenden Normalität des Täters bilden die Aussagen der Überlebenden mit ihren Berichten vom Schock der Ankunft in den Lagern, von der Brutalität der Selektionen in Auschwitz und von der industriell organisierten Vernichtung in Gaskammern den Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung. Im Laufe des Prozesses wird auch Abba Kovner gehört, einer der Anführer des jüdischen Widerstands im litauischen Vilnius (deutsch: Wilna). Kovner erzählt die Geschichte des Feldwebels der Wehrmacht Anton Schmid, eine Geschichte der Unterstützung des Widerstands durch das Organisieren von gefälschten Papieren, des Versteckens von Juden in der eigenen Wohnung, durch den Transport von Juden aus dem Wilnaer Ghetto heraus – und dies alles, wie Arendt betont, ohne Geld dafür einzufordern. Die Autorin resümiert diese Erzählung folgendermaßen: „Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmidt [sic] einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solcher Geschichten zu erzählen gäbe.“[2]

Diese Zeilen repräsentieren Arendts Theorie der Willensfreiheit in nuce, sie fassen sie auf der konkreten Handlungsebene zusammen. Während Eichmann zu einem Verwaltungsmassenmörder wurde, weil er Verantwortung an Vorgesetzte abtrat und gegen sein eigenes moralisches Gefühl handelte, gelang es Schmid, einem einfachen Wiener Elektrohandwerker ohne große politische Imagination, gegen die vorherrschende Ideologie anzudenken und zu handeln – ein Paradebeispiel für Zivilcourage inmitten des kollektiven nationalsozialistischen Rassenwahns. Deshalb erscheint es sicherlich nicht unangemessen, ein Buch über diesen Feldwebel zu verfassen, obwohl die historische Forschung Wolfram Wettes, wie bereits erwähnt, auf einer ausgesprochen dünnen archivalischen Überlieferung beruht – ein Risiko, dem sich der ausgewiesene Militärhistoriker und Friedensforscher Wette durchaus bewusst ist. Schriftliche Dokumente während der Schmid’schen Rettungsaktionen wurden nicht angefertigt, ein Tagebuch führte Schmid ebenfalls nicht – es sind lediglich zwei Abschiedsbriefe von ihm erhalten, die er schrieb, als seine Rettungsaktionen aufgedeckt, das Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn abgeschlossen und er bereits zum Tode verurteilt worden war. Darüber hinaus basieren die Ausführungen Wettes auf den Zeugenberichten und literarischen Verarbeitungen des jüdischen Schriftstellers und Widerstandskämpfers Hermann Adler (1911–2001), einem der von Schmid Geretteten, und auf den Forschungen des deutsch-polnischen Historikers des jüdischen Widerstands Arno Lustiger (1924–2012).

Wolfram Wettes Verdienst liegt dann auch nicht darin, diesen Wissensstand über Anton Schmid signifikant zu ergänzen und neue relevante Dokumente zu seiner Biographie hinzuzufügen. So ist das aktenkundig gewordene Leben Schmids schnell erzählt: 1900 in Wien geboren, katholisch erzogen, Lehre als Elektrotechniker, dann Eröffnung und Führung einer kleinen Elektrowarenhandlung, 1940 zur Wehrmacht eingezogen, Entsendung zum Landesschützenbataillon 17, im September 1941 Übernahme der Versprengten-Sammelstelle in Wilna, Hinrichtung durch die Gestapo im März 1942. Wettes Hauptaugenmerk liegt zum einen auf den politischen Bedingungen und den psychischen Belastungen, unter denen der Protagonist als Leiter dieser Sammelstelle seine Aktivitäten entfaltete. In Kapiteln zur Vorkriegsexistenz Schmids in Wien, zur Rettung von mehr als 300 Juden in Wilna und zur Unterstützung des jüdischen Widerstands im Wilnaer Ghetto informiert der Autor den Leser in allen nachprüfbaren Einzelheiten über das Wirken des Retters. Er stellt sie in den Kontext der systematischen Vernichtungsstrategie der deutschen Besatzungsmacht in Wilna und Umgebung, die mit der Massenerschießungsstätte Ponary einen durch Zeugenberichte und Fotografien gut dokumentierten zentralen Ort hatte. Dort wurden ca. 100.000 Juden, sowjetische Kriegsgefangene, Sinti/Roma und Polen exekutiert. Wette macht klar, dass Schmid von diesen Aktivitäten wusste. Er verdeutlicht im Einzelnen, mit wem er zusammenarbeitete, welche logistischen Möglichkeiten (Lastwagen, Posten in der Sammelstelle, die mit Juden besetzt werden konnten, seine eigene Wohnung als Versteck, gefälschte Papiere) ihm zur Verfügung gestanden hatten und mit welchen Risiken er rechnen musste. Wettes eigentliche Leistung jedoch besteht darin, ein realistisches, jegliches Heldenpathos vermeidendes Bild sowohl der Situation, in der Schmid handelte, als auch seiner Taten zu zeichnen. Der Autor zeigt Ansätze von nicht direkt miteinander kommunizierenden Helfer-Netzwerken in Wilna und Umgebung auf, er erwähnt Retter wie den Kriegspfarrer Friedrich Huck, den Kommandeur des Heeres-Kraftfahr-Parks Karl Plagge oder den Oberzahlmeister Oskar Schönbrunner. Er weist immer wieder darauf hin, dass die Initiative zur Hilfe von den Opfern ausging, die die Helfer zur Ausnutzung ihrer Schutz- und Handlungsspielräume drängten. Überdies macht Wette klar, dass die Handlungsdisposition Schmids in seiner Persönlichkeit angelegt, in seiner Jugend vorgeformt und in Wilna zur vollen Entfaltung gekommen war. Er stilisiert Schmid nicht zu einem zweiten Oskar Schindler Spielberg’scher Prägung hoch, er schiebt ihm auch keine weitsichtige politische Strategie unter, wie sie der bereits erwähnte Abba Kovner sicherlich hatte. Er verklärt ihn auch nicht zum „Heiligen“ (Simon Wiesenthal) oder zu einer Ikone des Rettungswiderstands. Vielmehr versucht er, das Wirken eines einzelnen, aus einer Mischung aus Naivität, Gradlinigkeit und Integrität heraus agierenden Soldaten zu erklären, den einzig seine Überzeugung leitete, die jüdische Bevölkerung Europas habe genauso ein Recht auf würdige Lebensbedingungen wie die nicht-jüdische, und das Bewusstsein, dass die Massenerschießungen von Ponary und die Ghettoisierung unübersehbare Akte von Barbarei waren. Die undramatische Darstellung von Schmids Wirken gibt dem Leser die einmalige Gelegenheit, sich in die Lage von klandestinen, unter unwägbaren Risiken arbeitenden Rettern zu versetzen und zu verstehen, unter welchen Bedingungen sie Entscheidungen treffen mussten.

Ein besonderes Verdienst der Untersuchung ist es, in ihren letzten Abschnitten auch die Geschichte der Erinnerung an die Leistungen Anton Schmids in Deutschland nachzuverfolgen und ihr eine allgemeine gedächtnispolitische Tendenz der Bundeswehr abzugewinnen. Der nachkriegsdeutsche Umgang mit Helfern wie Schmid schwankte zwischen Vergessen und aktiver Anfeindung. Dagegen wurde die Legende der Wehrmacht als „sauberem Schild“ bis in die 1990er-Jahre gepflegt und erfuhr erst durch die 1995 eröffnete Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung[3] eine öffentliche Kritik. Wette recherchiert das öffentliche Gedenken an Schmid und beginnt mit der durch den damaligen Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping initiierten Umbenennung der Rendsburger Rüdel-Kaserne in Feldwebel-Schmid-Kaserne am 8. Mai 2000. Es ist die Geschichte eines verpuffenden Impulses. Nachdem die Feldwebel-Schmid-Kaserne 2010 im Zuge von Umstrukturierungsmaßnahmen geschlossen wird, zieht die Schmid-Gedenktafel nach Munster um, wo ein Gebäude der Heeresflugabwehrschule nach dem Retter benannt wird. Jedoch wird auch dieser Standort aufgegeben, und nun ist es ein Lehrsaalgebäude am kleinen Flugabwehrschießplatz Todendorf in Schleswig-Holstein, das die Messingtafel, die an Schmid erinnert, ziert. Mittelfristig kann man davon ausgehen, so Wette, dass auch dieser Standort aufgelöst wird. Für diesen Fall soll die Tafel ins Militärgeschichtliche Museum nach Dresden überführt werden. Wette zeichnet ein Bild, das nicht so recht in die offizielle Geschichte vom Erinnerungsweltmeister Deutschland passt.

Das Buch richtet sich nicht nur an Historiker, sondern auch an den interessierten Laien. Es ist flüssig geschrieben, gesättigt mit Einzelheiten über die Lebenssituation der litauischen Juden zur Zeit der deutschen Besatzung, reich an Einsichten zu den komplexen Entscheidungs- und Handlungszusammenhängen im Widerstandsgeschehen. Sein nüchterner Stil ist Ergebnis der Einsicht in die Haltung seines Forschungsgegenstands: Anton Schmid war ein pragmatischer Retter, der nicht viel Aufhebens um seine eigene Person machte.

Anmerkungen:
[1] Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 11. Auf. München 2001 (englischsprachige Erstausgabe: New York 1963).
[2] Ebd., S. 345.
[3] Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Hrsg. vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Ausstellungskatalog, Hamburg 1996; sowie: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Hrsg. vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002.

Zitation
Ralph Buchenhorst: Rezension zu: Wette, Wolfram: Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität. Frankfurt am Main 2013 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20773>.
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05.02.2014
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