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Titel
Welteis. Eine wahre Geschichte


Autor(en)
Wessely, Christina
Erschienen
Berlin 2013: Matthes & Seitz
Anzahl Seiten
319 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Schröder, Forschungszentrum Gotha / Universität Erfurt

Wissenschaft vollzieht sich, so eine gängige Annahme, in einem Elfenbeinturm und dennoch geschieht so Manches auch außerhalb jener Institutionen, die die Wissenschaften für sich allein beanspruchen wollen. Auf eine solche Konstellation verweist die Geschichte Hanns Hörbigers, eines österreichischen Ingenieurs, dem es mit seiner Welteistheorie im frühen 20. Jahrhundert gelang, Berühmtheit zu erlangen und zeitweilig eine beachtliche Anhängerschaft zu gewinnen. Hörbiger war ein Techniker, zugleich aber wollte er als Revolutionär in die Geschichte der Wissenschaften eingehen. Im Nachhinein sollte Hörbigers Werk vielen geradezu als Paradebeispiel falscher, pseudowissenschaftlicher Theoriebildung dienen. Dass sie weitaus mehr ist als das, ja, dass sich mit ihr eine „wahre“ und zugleich wissenshistorisch überaus aufschlussreiche Geschichte verbindet, ist hierbei ausgeblendet worden.

Hörbigers Welteistheorie, genauer: die von ihm entwickelte Glazialkosmogonie, sind Gegenstand der brillant geschriebenen Studie von Christina Wessely. Die Geschichte beginnt mit einer einsamen Eingebung Hörbigers im Jahre 1894 – einer Eingebung, die es ihm erlauben sollte, die kosmischen Zusammenhänge in einem anderen Licht zu sehen und umfassend neu zu deuten. Hörbiger war sich nach eigener Aussage sofort über die Tragweite seiner nächtlichen Erkenntnis bewusst: Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die Revolutionierung des wissenschaftlichen Weltbilds. Denn mit einem Mal war ihm klar, dass der Mond aus einem „ungeheuer tiefen, uferlosen Eisozean“ besteht: „eine riesige gefrorene Kugel“, eine Kugel „aus purem Eis“ (S. 12f.). Hörbiger sollte seine Entdeckung nicht loslassen, die, wie er stets betonte, auf exakten Beobachtungen des Mondes beruhte. Dabei war ihm von Anfang an daran gelegen, die Entdeckung ebenso wie seine weiterführenden Überlegungen und Experimente zu dokumentieren; entsprechend sorgsam verwahrte er sämtliche Briefe und Notizen ebenso wie die Unterlagen seiner Versuchsanordnungen. All dies sollte die Grundlage für sein Hauptwerk bilden, das 1913 endlich unter dem wenig bescheidenen Titel „Glacial-Kosmogonie. Eine Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems“ erschien (S. 69ff.). Mit dieser grundlegenden Studie sollte das Lehrgebäude der Glazialkosmogonie geschaffen werden – ein Gebäude, das, wie Hörbiger in einem Privatbrief betonte, „nie überholt […] sondern wieder nur ergänzt werden kann“(S. 14).

Doch die erhoffte Resonanz blieb aus. Die von Hörbiger adressierten Wissenschaftler reagierten insgesamt – wenn überhaupt – zurückhaltend, nur wenige wollten sich vor und während des Ersten Weltkriegs mit der neuen Lehre des Wiener Kältetechnikers abgeben. Noch weniger war einer ihrer Vertreter bereit, die von Hörbiger formulierte Leitwissenschaft, den von ihm verfassten Entwurf einer neuen Humboldtschen Synthese, als das anzunehmen, was ihrem Schöpfer vorschwebte. Doch Hörbiger war seiner Sache gewiss und begann nach dem Krieg alsbald eine andere Strategie zu verfolgen, in dem er mithilfe einiger seiner Anhänger anfing, seine bahnbrechenden Erkenntnisse einem breiteren Publikum nahezubringen. Mehr und mehr wurde die Welteislehre dabei zur „öffentlichen Wissenschaft“1.

1920 entstand in Wien die kosmotechnische Gesellschaft, die sich zum Ziel setzte, die Welteislehre als „wahrhaft revolutionäres Weltbild“ unters Volk zu bringen (S. 95). Wien war für diesen Zweck ein gut gewählter Ort, gab es hier doch ein breit interessiertes Publikum, das an neuen wissenschaftlichen Errungenschaften teilzuhaben suchte. Entsprechend hoch war das Angebot an Vorträgen und Schauvorführungen, ein Programm, an dem die Verteidiger der Welteislehre bald regen Anteil hatten. Mit Vorträgen, Filmen sowie insbesondere durch die Vorführung eigens verfertigter Welteis-Globen sowie diverser pneumatischer Apparaturen und selbst verfertigter „Flutbergmodelle“ lösten sie Begeisterungsstürme aus, das Geschäft brummte (S. 111). Doch für Hörbiger reichte dies nicht aus: im Deutschen Reich wurde 1922 ein „Welteis-Bund“ gegründet, und als dieser zu scheitern drohte, verwandelten seine Initiatoren ihn kurzerhand um in den ambitionierter klingenden „Verein für kosmotechnische Forschung“. Federführend war hier Otto Voigtländer, ein Leipziger Verleger (S. 99). Durch seine Expertise gestützt begann die Popularisierungskampagne alsbald organisierte Formen anzunehmen: Mit Prospekten, Plakaten, knappen Gelegenheitsschriften und einer Fülle von eingängig geschriebenen Büchern über das kosmotechnische Denken und die dazugehörige Forschung wollte man explizit das nicht wissenschaftlich geschulte Publikum gewinnen und tat dies mit Erfolg. Hörbigers Hauptwerk erschien 1925 in unveränderter Fassung in zweiter Auflage, versehen mit einem Nachwort, das auf die notwendige Rechtfertigung derselben gegenüber ihren Kritikern abzielte. Diese wiederum sahen sich nunmehr gezwungen, in einem eigens publizierten Band, die Welteislehre zu widerlegen und als wissenschaftliche Irrlehre zu brandmarken (S. 127).

Für Hörbiger bedeutete dies einen „Ritterschlag“, denn nie zuvor hatten es ausgewiesene Astromomen, Geologen und Physiker für nötig befunden, sich mit der Welteislehre überhaupt öffentlich auseinanderzusetzen. Die Karriere der Kosmotechnik schien sich nun endlich auf gewünschten Bahnen zu bewegen, als Hörbigers Tod 1931 die Bewegung vor neuerliche Herausforderungen stellte. Die nunmehr „führerlose“ Bewegung (S. 212) vermisste gleichwohl nicht nur ihren Gründer, sondern auch ihren Vordenker und Richtungsgeber. Dieser Verlust schien umso schmerzlicher als Hörbiger höchst selbst in seinen letzten Lebensjahren die Bewegung gespalten hatte, indem er von dem Projekt einer umfassenden Popularisierung der Welteislehre abgerückt war. Mit der Gründung des Wiener Hörbiger Instituts sowie der eigens zu ihrer Leitung gegründeten „Internationalen Gesellschaft“ (S. 213) ging es um nicht mehr und nicht weniger als um die Abgrenzung von jenen populär-weltanschaulichen Initiativen, welche die Welteislehre zuvor in großem Maßstab bekannt gemacht hatten. Doch Forschung und „Propaganda“, wie es zeitgenössisch hieß, sollten fortan, Hörbigers Wunsch folgend, als zwei voneinander getrennte Unternehmungen gelten. Das Hörbiger Institut sollte jetzt einem „streng wissenschaftlichen“ Arbeitsprogramm folgen – die vormaligen Fürsprecher, die Welteispopularisierer, galt es dagegen in ihre Schranken zu weisen (S. 221).

Christina Wesselys äußerst lesenswerte Geschichte der Welteislehre schlägt an genau dieser Stelle einen Bogen, der, über die durchaus steile Karriere der Glazialkosmologie im Rahmen des nationalsozialistischen Ahnenerbe hinaus, explizit nochmals auf die anfangs gestellte Frage nach dem wissenschaftlichen Außen zurückgreift. Schließlich interessiert Wessely vor allem, was denn genau die Demarkationslinien zwischen der Wissenschaft und dem Nichtwissenschaftlichen ausmacht und wer sie jeweilig zu ziehen im Stande ist (S. 23f.). So bilden Hörbigers zahllose Versuche, die Welteislehre nicht nur zu einem Lehrgebäude, sondern auch zu einer wissenschaftlich anerkannten Theorie zu machen, den roten Faden der Erzählung. Waren es zunächst die Naturwissenschaftler, die Hörbiger genau diese Anerkennung nicht zubilligen wollten, so ist es am Schluss Hörbiger selbst, der das „Demarkationsgeschäft“ aktiv mitbetrieb, wenn er seine Anhänger als „schlecht informierte Amateure“ (S. 220) hinter sich zu lassen suchte. Für Wessely ist die Grenze zwischen dem Wissenschaftlichen und seinem vermeintlichen Gegenteil somit nicht vorab gegeben. Entsprechend akribisch sucht sie in ihrer „wahren Geschichte“ genau jene Grenzgebiete auf, in denen das Wissenschaftliche sich eben nicht so ohne weiteres vom seinem vermeintlichen Gegenteil trennen lässt. Dies geschieht besonders anschaulich immer dann, wenn, wie auch im Falle der Welteislehre geschehen, „wissenschaftlich-technische Tatsachen und utopische Zukunftsvisionen“(S. 208) mit ins Spiel kommen. Die Welteislehre birgt in genau dieser Perspektive eine Fülle an Einsichten in die brüchigen Episteme gegenwärtiger Gewissheiten. Beunruhigend ist ferner, wie Wessely zu zeigen vermag, dass auch die Fabrikationen der Welteislehre zu nicht unerheblichen Teilen aus jenen Wissensdingen, Begriffen und Methoden geschaffen worden ist, deren Evidenz so vielen unmittelbar einsichtig erscheinen musste. Die „,pseudowissenschaftlichen‘ Wissensordnungen“, so eine Fazit der Studie, pflegen somit in einem bedrohlich engen Wechselverhältnis mit anderen Wissensordnungen zu stehen – schon allein um dieser Einsicht willen lohnt die Lektüre.

Anmerkung:
1 Oliver Hochadel, Öffentliche Wissenschaft. Elektrizität in der deutschen Aufklärung, Göttingen 2003.

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