S. Rau: Räume: Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen

Cover
Titel
Räume: Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen.


Autor(en)
Rau, Susanne
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Umfang
237 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Der ‚Spatial Turn’ ist überall. Das vorliegende Buch von Sabine Rau, Professorin für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit an der Universität Erfurt, fragt danach, was historische Raumforschung und – grundsätzlicher – was der Raum eigentlich sei. Um es vorweg zu nehmen: Die Autorin geht, wie es von einem Einführungswerk erwartet werden darf, sehr systematisch bei ihrer Analyse der Begrifflichkeiten und Raumkonzepte vor.

Der in der Reihe „Historische Einführungen“ des Campus Verlages erschienene Band gliedert sich in drei große Teile: „Historische und systematische Annäherung“ an die Begrifflichkeiten (S. 17–70), die unterschiedlichen „Disziplinären Zugänge“ (S. 71–121) und die „Raumanalyse“ (S. 122–191). Besonders im ersten Teil werden immer wieder (übersetzte) Auszüge aus der älteren Forschung geboten, auf die der Leser über die zugehörige Webseite des Verlages auch online zugreifen kann (<http://www.campus.de/buecher/wissenschaft/geschichte/raeume-4350.html>; Button: „Ergänzungen zum Buch“). Eine sehr umfangreiche Auswahlbibliographie (S. 197–230) und ein Personen- und Ortsregister runden die gelungene Einführung ab.

Dass der ‚Spatial Turn’ nicht wirklich etwas Neues ist, zeigt die Autorin gleich im ersten Kapitel, das zugleich eine Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde und ihrer geopolitischen Auswirkungen darstellt. Von den allgemeinen Raumkonzepten des Aristoteles bis zu den speziellen von Einstein (S. 26) spannt sich der Bogen der philosophischen und physikalischen Raumtheorien. Bereits die metrische Verräumlichung des natürlichen Weltbildes durch Carl Ritter zog Verbindungen zur Geschichte, denn dieser sah die „Geographie als eine Geschichte des Raumes“ (S. 30). Friedrich Ratzel ersetzte dann den Naturbezug durch den Raumbezug. Die Wirkungen seines „Lebensraum“-Begriffes waren bis weit ins 20. Jahrhundert zu spüren (S. 33). Der Raum wurde zunehmend deterministisch gedeutet, in dem Klima und geographische Lage sich zwingend auf die Lebensformen auswirken würden. Dem wurde später der Possibilismus entgegengesetzt. Lucien Febvre sah im Raum den „natürlichen Rahmen des Kosmos für den Menschen“ (S. 41) und die „Naturräume als Ensembles von Möglichkeiten für die menschlichen Gesellschaften“ (S. 42). Dies führte dazu, dass nicht die Unterwerfung unter die natürlichen Gegebenheiten, sondern die Nutzung der gegebenen Möglichkeiten in den Vordergrund geriet. Insgesamt bringt das Kapitel Licht in den „Dschungel der Raumtheorien“ (S. 53) zwischen physischem, mentalem und sozialem Raum, indem es das Raumvokabular – „Raum“, „Ort“ und „Platz“, oder auch espace de temps, space of time und chronotopos (S. 57) – einer sprachhistorische Untersuchungen unterzieht und so die Entwicklung der räumlichen Begriffe in einer kursorischen Darstellung nachvollzieht. Über die Analyse der „Containerräume“ und der Räume, die beim Sprechen konstruiert werden, wird der Raum zum Relationsgefüge, der klar vom Ort unterschieden werden sollte. Die Autorin kritisiert, völlig zu Recht, ein häufig vorhandenes „naives Raumverständnis, welches Räume [nur] als Rahmen oder Hintergrund betrachtet“ (S. 65), und wendet sich am Ende des Kapitels dem ebenfalls schwierigen Verhältnis von Raum und Zeit zu, bis hin zur Zeit-Geographie des Schweden Tosten Hägerstrand und der „Verzeitlichung des Raumes“ (S. 70).

Zu dieser eher grundlegenden Annäherung gesellen sich im zweiten Kapitel die Raumkonzepte weiterer Disziplinen, so der Geographie, der Kulturanthropologie, der Soziologie und der Geschichtswissenschaft selbst. Der humangeographische Ansatz, nach dem verschiedene Gesellschaften unterschiedliche Raum- und Zeitkonzepte produzieren, kann sicher auch für Historiker produktiv sein. So unterscheidet der Humangeograph David Harvey, für den Räume das Ergebnis sozialer Kämpfe sind, absolute, relative und relationale Räume.

Im Gegensatz zur deutschen Kulturanthropologie, die stark biologisch-medizinisch dominiert ist, trägt diese Disziplin in anderen Sprachen in den letzten zwanzig Jahren durchaus zur Raumforschung bei. Forscher wie Ulrich Beck oder Arjun Appadurai haben darauf hingewiesen, „dass die Globalisierung auch neuartige Orte und Räumlichkeiten erzeugt“ (S. 84). Die postkolonialen Raumdenker wenden sich dabei von den physikalischen „Lokationen“ ab, hin zu einer imaginativen Geographie, wie sie in den Untersuchungen des Orientbildes von Edward Said (S. 87 f.) oder der Heterotopie/Verräumlichung von Michel Foucault deutlich wird.

Auf die besprochenen Forscher der (Raum-)Soziologie – Georg Simmel (Raum als Beziehungsform), Maurice Halbwachs (Ortsbezüge) oder Pierre Bourdieux (sozialer Raum) geht der folgende Abschnitt im Detail ein und schließt mit Betrachtungen zur Darmstädter Raumsoziologie, insbesondere zum relationalen Raummodell von Martina Löw. Rudolf Schlögel sah den „Raum als Universalmedium in der frühneuzeitlichen Stadt“ (S. 103), während Franz-Josef Arlinghaus für das Mittelalter von „integralen Raumkonzepten“ und „undifferenzierten Räumen“ sprach (S. 104).

Im Abschnitt „Räume und Räumlichkeit als neues geschichtswissenschaftliches Thema“ nähert sich die Autorin dann ausgehend von Reinhart Koselleck („Raum hat Geschichte“, S. 108) den metahistorischen und konstruktivistischen Raumbegriffen an. Räume werden als historische Objekte und kulturelle Konstrukte aus einer stärker akteurzentrierten Perspektive betrachtet, so sei „Gehen eine raumschaffende Handlung“ (S. 114). Mit der Rekonstruktion der Pluralität vorhandener Möglichkeiten raumbezogener Praktiken wird der Bogen wieder geschlossen zum Gegensatzpaar Determinismus versus Possibilismus. Mit der Betrachtung der Konzepte von „social sites“, Gedächnisorten und Erinnerungsorten, schließt das Kapitel ab.

Auf diese zwei theoretischen Kapitel folgt nun ein eher praxisorientierter Vorschlag zu einer Raumanalyse. Nach Gedanken zu raumanalytischen Fragestellungen werden mögliche Quellen(-gruppen) vorgestellt. Die Quellen zur Raumanalyse bilden im Idealfall ein dreifaches Quellensample (Textquelle, Bildquelle und Realie), von denen im Detail besprochen werden: frühe geodätische Kartenwerke, Reiseberichte/Reiseführer, Selbstzeugnisse, Justizakten, Quellen für den Bereich der imaginierten Räume und frühe Weltkarten (mappae mundi) bis hin zu kollaborativen Kartographiesystemen. Für die historische Raumanalyse wird ein Untersuchungsschema in vier Schritten vorgeschlagen: 1. Raumtypen oder Raumformationen, 2. Raumdynamiken, 3. Raumwahrnehmung, 4. Raumpraktiken und Raumnutzungen.

Diese vier Schritte werden einzeln vorgestellt. Der Abschnitt zur Raumkonstitution beschäftigt sich vor allem mit der Konfiguration und Aneignung von Räumen, wie sie in den Entdeckungsfahrten stattfanden. Die Perspektive scheint hier etwas zu stark westlich geprägt, denn auch andere Kulturbereiche (Arabien, China, Inkareich) hatten ihre Entdeckungsfahrten. Der Abschnitt Raumtypen und Raumformationen entwickelt Vorschläge zu einer Systematik, die auf raumbezogenen Dichotomien beruhen. Diese Gegenüberstellungen sind nicht immer unproblematisch (Zählen die von den Khmer errichteten Wasserflächen zum be-/gebauten oder zum unbebauten Raum?), bereichern aber die weitere Diskussion immer sehr. Ebenso sind die vorgeschlagenen Raumfiguren (S. 151–153) zu betrachten. Als konkrete Beispiele werden „Die Stadt: Eine räumliche Konfiguration im Wandel“ (S. 153) und der „Handel: Interaktionsbeziehungen, die Räume hervorbringen“ (S. 157) behandelt. Es erscheint fast kleinlich, darauf hinzuweisen, dass die Feststellung: „Nur wenige Städte (wie Görlitz oder Venedig) haben schon seit dem Spätmittelalter sogenannte Schoßbücher (zur Erhebung der Grundsteuer) oder Kataster angelegt“ (S. 156), so nicht stimmt, denn gerade diese Listen wurden von vielen Städten geführt und sind weit häufiger überliefert, als bisher angenommen.

Die Entstehung, der Wandel und die Auflösung von Raumdynamiken werden am Beispiel von Menschenmengen auf Märkten/Messen oder aus der Globalgeschichte ebenso überzeugend dargestellt wie die subjektive Konstruktion von Räumen in der Wahrnehmung, Vorstellung sowie ihre Darstellung in „spatial stories“, „spatial media“ und „mental maps“. Waren die Analysemöglichkeiten bisher auf Passives ausgerichtet, so geht es bei „Raumpraktiken und Raumnutzung“ um die aktive Seite räumlichen Handelns, also um das Durchqueren, Gestalten, Verändern, Schaffen von Verbindungen und um die Arten der Nutzung und Aneignung von Räumen. Mit einer kurzen Zusammenfassung endet der lesenswerte Band.

Fazit: Insgesamt ist der Autorin wichtig, den Raum als soziale Konstruktion zu beschreiben sowie Ort und Raum voneinander zu unterscheiden. Die Zusammenfassung der bisherigen Raumforschung und der Vergleich mit anderen Disziplinen (Geographie, Kulturanthropologie, Soziologie) geben einen guten Überblick über die bisherigen Raumkonzepte und machen klar, dass der ‚Spatial Turn’ alles andere als neu ist. Aufgrund dieses einführenden Charakters in die theoretischen Grundlagen und der praktischen Empfehlungen für die Raumanalyse eignet sich das Buch gut für die Lehre und ermöglicht einen schnellen Zugriff auf den aktuellen Forschungsstand – mehr kann eine Einführung kaum leisten.

Zitation
Thomas Wozniak: Rezension zu: Rau, Susanne: Räume: Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen. Frankfurt am Main 2013 , in: H-Soz-Kult, 30.10.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21066>.