U. van der Heyden u.a. (Hrsg.): Missionsgeschichte

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Titel
Missionsgeschichte als Geschichte der Globalisierung von Wissen. Transkulturelle Wissensaneignung und -vermittlung durch christliche Missionare in Afrika und Asien im 17., 18. und 19. Jahrhundert


Hrsg. v.
van der Heyden, Ulrich; Feldtkeller, Andreas
Erschienen
Stuttgart 2012: Franz Steiner Verlag
Umfang
456 S.
Preis
€ 66,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Gütl, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät / Institut für Afrikawissenschaften, Universität Wien

Der vorliegende Sammelband vereinigt die überarbeiteten Redebeiträge auf der internationalen wissenschaftlichen Tagung „Mission history as history of the globalisation of knowledge: The transcultural appropriation and transmission of knowledge by Christian missionaries in Africa and Asia in the 17th, 18th and 19th centuries“, die im September 2010 in Berlin stattfand. Der deutsche Titel der gleichnamigen Publikation verweist auf eine breite Thematik, nämlich die der Wissensaneignung bzw. der Produktion und Vermittlung von Wissen im Kontext der christlichen Missionsgeschichte auf zwei Kontinenten und der transkulturellen Geschichte der Globalisierung von Wissen in drei Jahrhunderten.

Die Herausgeber Ulrich van der Heyden und Andreas Feldtkeller, die laut dem Autorenverzeichnis beide dem Seminar für Religions- und Missionswissenschaft sowie Ökumenik der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin angehören, sprechen schon im Vorwort die an Umfang und Wirkung nicht zu unterschätzenden Tätigkeitsfelder von christlichen Glaubensmissionen an. In diesem Zusammenhang weisen sie richtig auf die Bedeutung von außereuropäischen Akteurinnen und Akteuren in der komplexen Beziehungsgeschichte zwischen dem „Westen“ und den jeweils betroffenen Gesellschaften in Afrika und Asien hin. Aus vielschichtigen Interaktionen entwickelten sich mannigfaltige Wissensformen. Der jeweiligen Ausgestaltung dieser gemeinsamen Geschichte(n) widmen sich die Beiträge des Bandes mit ausgewählten Fallbeispielen und spezifischen Fragestellungen. Dabei soll die Gemeinsamkeit der Texte im historischen Zugang ihrer Verfasserinnen und Verfasser liegen (S. 9). Die Konferenz ist somit Teil eines Trends der vergangenen Jahre, in denen sich die Missionsgeschichte zu einem fruchtbaren Betätigungsfeld der kultur- und sozialgeschichtlichen Forschung entwickelte. Das lässt sich an der Zunahme von einschlägigen wissenschaftlichen Veranstaltungen[1] und Veröffentlichungen feststellen, in denen Missionsgeschichte vermehrt als globales, inter- bzw. transnational vernetztes Phänomen verstanden wird und innerhalb derer die Wissensgeschichte eine prominente Rolle einnimmt.[2] Zum umfangreichen, 18 deutsche und 16 englische Beiträge umfassenden Sammelband haben internationale Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Wissenschaftsdisziplinen beigetragen, deren institutionelle Zugehörigkeit von der Germanistik über die Kulturwissenschaft, Geschichts- und Religionswissenschaften sowie theologischen Fächer im engeren Sinn bis zu Sanskritforschung und Agrarwissenschaft reicht.

Inhaltlich spannt der vorliegende Band einen weiten Bogen über verschiedene Wissensformen, zum Wissenstransfer bis zur Vermittlung von Wissen.[3] Christliche Missionen waren in transnationalen bzw. globalen Prozessen zweifelsfrei bedeutend und spielten eine wesentliche Rolle in gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Wechselbeziehungen, bei der Kommunikation und Weitergabe von kulturellen Manifestationen und in Bezug auf gegenseitige Wahrnehmungen und die Rückwirkungen in die Herkunftsgebiete der Beteiligten. Mehrere Artikel widmen sich diversen sozialen Einrichtungen und dem Faktor Bildung, hier vor allem den Missionsschulen als transkulturellen Kontaktzonen, in denen persönliche und kollektive, mitunter auch gewalttätige Aushandlungsprozesse zwischen eigenen Idealen und fremden Realitäten stattgefunden haben.[4] In anderen Texten wird der Schwerpunkt auf Prozesse des Sammelns von Wissen oder auf die Bedeutung missionarischer Beiträge zu Wissenschaften, wie der Ethnologie oder der Linguistik, aber auch zur kolonialen Kontrolle einheimischer Gesellschaften gelegt.[5] Wieder andere Beiträge widmen sich der Popularisierung von Wissen über die außereuropäische Welt. In realen und imaginierten Räumen wurden Narrative komponiert, transformiert und rezipiert. Das so entstandene hybride Wissen verbreitete sich in globalen Netzwerken.[6]

Die hohe Divergenz der Beiträge, was zum einen die behandelten Themen, zum anderen den Umfang und die Qualität ihrer Ausführung betrifft, erschwert eine detaillierte Bewertung der Texte. Stattdessen bietet sich eine qualitative Einschätzung gemessen an der konzeptionellen Leitlinie der zugrundeliegenden Tagung an. Allerdings wird das Konzept von den Herausgebern im vierseitigen Vorwort nur sehr vage erläutert (S. 9–12).

Abweichend von dem, was der Titel des Sammelwerkes als zeitlichen und geographischen Rahmen ankündigt, wurde dieser sowohl auf das 16. und das 20. Jahrhundert[7] als auch auf die kontinentale Großregion Australien und Ozeanien ausgedehnt.[8] Das Gesamtresultat fällt überdies gemischt aus, was die konsequente Anwendung einer historischen Arbeitspraxis betrifft, die laut Vorwort das gemeinsame Bindeglied der ihre fachliche Zugehörigkeit betreffend unterschiedlichen Autorinnen und Autoren darstellt. Tatsächlich stehen solide recherchierte, auf primärem Quellenmaterial aufbauende und gut argumentierte Fragestellungen[9] parallel zu Texten, auf die eher das Attribut „ideologiebehaftet“ passt und die folglich wenig mit einem historisch-kritischen Zugang gemein haben.[10] Dabei ist der ungleich verteilte Quellenbefund, man beachte nur die Unterrepräsentierung von Beiträgen zur katholischen Mission, die sich auch in diesem Werk wieder zeigt, selbstverständlich eine Herausforderung.

Die Vorgaben der Herausgeber zur Orientierung am Generalthema wurden nur teilweise umgesetzt, gelegentlich auch mit gravierenden methodischen Defiziten. Dem Historiker gibt die zuweilen unreflektierte und von Kontexten gelöste Verwendung von umstrittenen Begriffen wie „Häuptling“, „König“, „Stamm“ oder „Heide“ einen besonderen Impuls zur kritischen Stellungnahme. Auch die im Titel angeführte „Transkulturalität“ und ähnliche Begriffe müssten transparent für den jeweiligen Verwendungskontext definiert werden. Einigen Texten mangelt es an der Kontextualisierung der jeweils spezifischen Rahmenbedingungen in den betreffenden Entsende- und Zielländern der Missionen und es wären insgesamt mehr substantielle Ausführungen über den Austausch, die Weitergabe und die wechselseitige Interpretation von Wissen wünschenswert gewesen.

Schließlich haben sich die Herausgeber für die Veröffentlichung des sehr heterogenen Konglomerats an Texten in rein alphabetischer Sortierung nach Autorennamen und ohne weitere Systematisierung entschlossen. Angesichts des qualitativen Gefälles zwischen durchaus inspirierenden Artikeln und solchen, deren wissenschaftliche Ausführung grobe Mängel aufweist, kann sich die Frage nach dem Entscheidungskriterium für ihre Auswahl und Veröffentlichung aufdrängen. Leider muss die Kritik auch zahlreiche Orthographie- und Formatierungsfehler in den englischen und deutschen Texten einschließen.

Es wäre ein ausführlicheres Vorwort zum Konzept, dem derzeitigen Forschungsstand und zur grundsätzlichen Problematik der Quellenlage bzw. ein eigenes Schlusskapitel hilfreich gewesen, das eine Synthese aus den präsentierten Beiträgen bieten und die Einsichten aus der angekündigten perspektivenreichen Debatte zur Missionsgeschichte zusammenfassen, gegebenenfalls auch Forschungsdesiderata diagnostizieren hätte können.

Was am Ende der Lektüre dieses Sammelbandes bleibt, ist sicherlich eine Menge neues Wissen. Der Erkenntnisgewinn, den die Leserin bzw. der Leser daraus zu schöpfen vermag, hängt im Wesentlichen von deren/dessen persönlichem Hintergrund und individuellen Anspruch ab. Wird der Band nicht als Endprodukt, sondern als Impulsgeber für weitere Studien und Diskussionen gelesen, ist er als Inspirationsquelle nützlich. Die präsentierte Fülle an Material bietet durchaus spannende Einblicke in Phänomene der transkulturellen Wissensaneignung und -verbreitung, die es wert sind, in kritischer Auseinandersetzung noch genauer studiert zu werden. Es bleibt diesem Sammelwerk eine entsprechende Verbreitung und die Rolle als Fundgrube zu wünschen, die genau dazu anregt. Denn dass der Bedarf an einer quellenkritischen Forschung zur Missionsgeschichte, die an transnationale, postkoloniale und global orientierte Geschichtswissenschaften anknüpft, nach wie vor sehr hoch ist, das zeigt dieser Band auch.

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch seien hier angeführt: „Kognitive Kartographien des Religiösen: Missionsgeschichte, Wissensgeschichte, Transfergeschichte (17.–20. Jahrhundert)“ 2009 in Wolfenbüttel; „Missionarinnen und Missionare als Akteure der Transformation und des Transfers: Außereuropäische Kontaktzonen und ihre europäischen Resonanzräume (1860–1940)“ 2011 in Göttingen.
[2] Bspw. Patrick Harries, Butterflies & Barbarians. Swiss Missionaries & Systems of Knowledge in South-East Africa, Oxford 2007; Heike Liebau / Andreas Nehring / Brigitte Klosterberg (Hrsg.), Mission und Forschung. Translokale Wissensproduktion zwischen Indien und Europa im 18. und 19. Jahrhundert, Wiesbaden 2010; Sebastian Conrad / Rebekka Habermas (Hrsg.), Mission und kulturelle Globalisierung (Geschichte und Gesellschaft 36), Göttingen 2010; Rebekka Habermas / Richard Hölzl (Hrsg.), Mission global. Eine Verflechtungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert, Köln 2014. Vgl. auch das Themen-Heft „Missionsräume“ der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 24/2013/2, das von Christine Egger und Martina Gugglberger herausgegeben wurde.
[3] Hier sei auf das Inhaltsverzeichnis verwiesen, das auf der Webpage des Steiner Verlags abrufbar ist: <http://www.steiner-verlag.de/uploads/tx_crondavtitel/datei-datei/9783515101967_i.pdf> (26.02.2014).
[4] Vgl. Heese, Education, S. 141–154; Van der Heyden, Lehrerbildungsseminar, S. 173–192; Roeber, Wissenschaftler, S. 339–357.
[5] Vgl. Alsheimer, Missionarsethnologie, S. 21–32; Habermas, Rechtsethnologie, S. 127–140; Nagel, Religion, S. 233–248; Oloukpona-Yinnon, Ewe-Sprache, S. 265–274; Sebald, Togo, S. 369–379; Yigbe, Übersetzung, S. 441–452.
[6] Vgl. Koschorke, Kommunikationsstrukturen, S. 193–212; Przyrembel, Popularisierung, S. 307–318; Richter, Beziehungen, S. 329–338.
[7] Vgl. Burlacioiu, Transatlantische Vernetzung, S. 97–109; Pierard, Missionary Conference, S. 299–306; de Souza, Portuguese India, S. 381–387.
[8] Vgl. Ustorf, Aborigines, S. 401–415.
[9] Vgl. Bechtloff, Kongo, S. 67–76; Habermas, Rechtsethnologie, S. 127–140; Ustorf, Aborigines, S. 401–415; Volz, Setswana, 417–428; Wendt, Ehe, S. 427–440.
[10] Vgl. Adja, Katholische Missionare, S. 13–20; Arakkal, Orientations, S. 33–39; Hemron, India, S. 155–171; Reller, Hermannsburg, S. 319–327; de Souza, Portuguese India, S. 381–387.

Zitation
Clemens Gütl: Rezension zu: van der Heyden, Ulrich; Feldtkeller, Andreas (Hrsg.): Missionsgeschichte als Geschichte der Globalisierung von Wissen. Transkulturelle Wissensaneignung und -vermittlung durch christliche Missionare in Afrika und Asien im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart 2012 , in: H-Soz-Kult, 22.04.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21090>.
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22.04.2014
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