E. M. Gajek: Imagepolitik im olympischen Wettstreit

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Titel
Imagepolitik im olympischen Wettstreit. Die Spiele von Rom 1960 und München 1972


Autor(en)
Gajek, Eva Maria
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Umfang
559 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Hübner, Historisches Institut (Zeitgeschichte), Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität der Bundeswehr München

Im November 2013 entschied sich die Mehrheit der Wähler in einem Bürgerentscheid gegen die Bewerbung Münchens als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2022. Das Ergebnis muss darauf zurückgeführt werden, dass viele Abstimmende die immensen Kosten und die teilweise jahrelangen Bauarbeiten, die die Austragung eines Sport-Großereignisses mit sich bringt, als in keinem Verhältnis zu dem (potentiellen) Prestigegewinn sahen. Beispiele für außer Kontrolle geratene Kosten und für nation- und city-branding mit zweifelhaften Resultaten lassen sich in der Geschichte internationaler Sportereignisse zur Genüge finden. Zwei solcher Ereignisse – die Olympischen Sommerspiele 1960 in Rom und 1972 in München – sind Gegenstand der nun in Buchform erschienenen, von Eva Maria Gajek 2011 an der Justus-Liebig-Universität Gießen eingereichten Dissertation.

Obgleich zumindest die Münchner Spiele bereits im Zentrum verschiedener Studien standen, zuletzt der mehrfach preisgekrönten und nun auch ins Deutsche übersetzten Monographie von Kay Schiller und Christopher Young[1], legt Gajek den Fokus auf ein noch wenig erforschtes Feld: das der medialen Berichterstattung. Im Sinne einer Kulturgeschichte der Politik steht daher „die Frage im Mittelpunkt, wie das kulturelle Großereignis auf die politische Wahrnehmung des Landes übergriff und neue Handlungsspielräume für die Politik eröffnete“ (S. 12). Gajek betrachtet dementsprechend sowohl die auf positive Außenwirkung abgezielten Aktivitäten der Organisatoren wie auch deren Rezeption und Weitervermittlung vor allem durch Zeitungsjournalisten. Fernsehen und Radio bleiben dagegen, vor allem aufgrund von schwer zugänglichen und kostenintensiven Archivarbeiten (S. 23), vergleichsweise unterbelichtet.

Als grundlegende Gemeinsamkeit der beiden Sportereignisse sieht Gajek die Intention, Deutschland (bzw. die BRD) und Italien als zwei der drei wichtigsten Achsenmächte (eine Studie zu den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio hatte bereits Christian Tagsold verfasst[2]) in die „internationale Ordnung“ zu reintegrieren (S. 1). Hier fragt man sich allerdings, ob wirklich von einer Reintegration in die „internationale Ordnung“ oder einer „kulturellen Reintegration“ in die „olympische Familie“ (S. 12) gesprochen werden sollte, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Spiele in Rom, Tokio und München teilweise lange vor den ersten Olympischen Spielen im Ostblock (Moskau 1980) stattfanden. Eher handelte es sich wohl um das etwas bescheidenere Ziel eines Imagewandels hin zu friedliebenden und wirtschaftlich erfolgreichen Demokratien, das, wie Gajek dann auch an einigen Stellen im Falle Münchens zeigt, nicht unbedingt überall auf der Welt (unter anderem im besagten Ostblock) so hingenommen wurde. Indes soll hier die ‚West‘-zentrierte Quellenlage (hauptsächlich westdeutsche, italienische und amerikanische Medien) nicht explizit kritisiert werden, ist es doch klar, dass eine Einzelstudie nicht Reaktionen in der gesamten Welt (oder in allen Machtzentren, die die ‚internationale Ordnung‘ konstituierten) abbilden kann. Zudem können durch von Gajek eingesehene Berichte westdeutscher politischer Vertretungen in einigen asiatischen und afrikanischen Staaten zumindest Hinweise zur dortigen Stimmungslage gegeben werden.

Bedauerlicher ist dagegen, dass fast überall dort, wo Tagsolds Studie zu Japan keine detaillierten Auskünfte gab, die gut gemeinten Vergleiche mit ‚Tokio 1964‘ auf recht gewagten Aussagen basieren. Zum Beispiel waren die Münchner Spiele 1972 ohne Frage stärker von den vergangenheitspolitischen Debatten der späten 1960er-Jahre betroffen als die Spiele in Tokio oder Rom. Die Behauptung, dass die japanische Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit erst in den 1990er-Jahren begonnen habe (S. 110), lässt allerdings wichtige Ereignisse wie Ienaga Saburōs Mitte der 1960er-Jahre beginnende Prozesse gegen die Schulbuchzensur oder auch Berichte linksliberaler Journalisten zum Nanking-Massaker vor allem seit den frühen 1970er-Jahren außen vor.[3] Das Beispiel ist damit stellvertretend für einige andere wertende Vergleiche, die durch nur kurze Literatur- und Quelleneinsicht in ihrer jetzigen Form der Arbeit nicht zuträglich sind.

Sieht man von diesen kleinen Problemen ab, handelt es sich um eine sehr detaillierte und gut lesbare vergleichende Studie. Das erste Kapitel bietet eine historische Übersicht zur Entwicklung der modernen Olympischen Bewegung, zu den aufgrund finanzieller Probleme von Rom an London übertragenen Olympischen Spielen von 1908, den bis heute umstrittenen Spielen 1936 in Berlin und zur Teilnahme der beiden Länder an den Nachkriegsspielen. Hierauf folgt eine Diskussion der beiden Bewerbungen. Neben journalistischer Kritik, teilweise aber auch Desinteresse an semi-korrupten Bewerbungspraktiken werden Lobbyismus bei Medienkonzernen und die (in ‚westlichen‘ Medien) kaum vorhandene Diskussion der faschistischen Vergangenheit Italiens abgehandelt. Im Falle Westdeutschlands wiederum ergaben sich langwierige Diskussionen über die Hallstein-Doktrin und die Mannschaft der DDR, die bis zur Idee, München für die Zeit der Spiele zum exterritorialen Gebiet zu erklären, reichten (S. 150). Im dritten Kapitel beschäftigt sich Gajek mit den Planungen und Vorbereitungen der beiden Spiele, die unter anderem zu wiederholten stereotypen Berichten von ‚improvisierenden Italienern‘ und ‚organisierten Deutschen‘ führten. Während instabile politische Koalitionen das Italienbild charakterisierten, führten allerdings auch in München Kosten von knapp zwei anstatt einer halben Milliarde DM zu Kritik. Ein Grund für die Kostenexplosion war der Neubau von Stadien, wodurch sich aber auch die Möglichkeit ergab, ein Image von ‚Moderne‘ und technischer Leistungsfähigkeit zu erzeugen, statt wie 1936 Monumentalbauten mit ‚Ewigkeitsanspruch‘ zu errichten. In Italien wiederum führte der Austragungsort, das Foro Italico (vormals Foro Mussolini), zu einigen parlamentarischen Debatten bezüglich der dortigen faschistischen Inschriften, von denen schlussendlich ganze zwei entfernt wurden. Das vierte Kapitel konzentriert sich auf die Eröffnungszeremonien. Hier fragt man sich als Leser allerdings, ob außer den im olympischen Protokoll erwähnten Zeremonien nicht auch anschließende Kultur- und Unterhaltungsprogramme in und außerhalb des Stadions zumindest kurz hätten betrachtet werden können. Kapitel 5 wiederum bietet eine Zusammenfassung all der Themen, die während der jeweiligen Spiele eine Rolle in den Medien spielten, von Sex über Doping bis hin zum 1972 wiederaufkommenden Interesse an Leni Riefenstahl und ihren Olympia-Filmen. Natürlich geht die Autorin auch auf die Geiselnahme eines Teils des israelischen Teams durch palästinensische Terroristen ein, die mit dem Tod aller Geiseln endete. Durch die Konzentration von Medienvertretern in München wurde das Ereignis in Windeseile, wie von den Terroristen erhofft, in der ganzen Welt diskutiert. Zuletzt werden kurz die Abschlusszeremonien analysiert, wobei im Falle Münchens das angestrebte Image der ‚heiteren Spiele‘ aufgrund des Terroraktes kaum noch Widerhall fand.

An einigen Stellen hätten Straffungen nicht geschadet, vor allem dort, wo längere Verweise auf die Studie von Young und Schiller erfolgen. Insgesamt jedoch hat Gajek ein sehr wichtiges Buch verfasst, das im Falle der Sommerspiele in Rom (die bereits 1956 in Cortina d’Ampezzo abgehaltenen Winterspiele werden nur am Rande behandelt) fast völliges Neuland erschließt und für die Analyse der Berichterstattung in ‚westlichen‘ Medien in weiten Teilen einen Durchbruch darstellt.

Anmerkungen:
[1] Kay Schiller / Christopher Young, München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschlands, Göttingen 2012.
[2] Christian Tagsold, Die Inszenierung der kulturellen Identität in Japan. Das Beispiel der Olympischen Spiele Tōkyō 1964, München 2002.
[3] Siehe zum Beispiel: Yoshiko Nozaki, War Memory, Nationalism and Education in Postwar Japan. Ienaga Saburo and the History Textbook Controversy, 1945–2005, London 2006; Torsten Weber, Die Gegenwart der Vergangenheit in Ostasien, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 63, 7–8 (2012), S. 402–419.

Zitation
Stefan Hübner: Rezension zu: Gajek, Eva Maria: Imagepolitik im olympischen Wettstreit. Die Spiele von Rom 1960 und München 1972. Göttingen 2013 , in: H-Soz-Kult, 30.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21113>.
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Veröffentlicht am
30.01.2014
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