Titel
Gewaltlos gegen Krieg. Erinnerungen eines streitbaren Pazifisten


Autor(en)
Buro, Andreas
Erschienen
Frankfurt am Main 2011: Brandes & Apsel Verlag
Umfang
352 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Gerster, Centrum für Religion und Moderne, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Lebenserinnerungen von Andreas Buro lesen sich wie eine personifizierte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nimmt man die Lebenserzählungen der Eltern und Großeltern noch hinzu (S. 25–30), gewährt einem die Autobiografie sogar Einblicke in großbürgerliche Lebenswelten, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einem starken Wandel unterworfen waren. In ein eben solches Milieu wurde Andreas Buro 1928 in Berlin hineingeboren. Seine Kindheit erlebte er in den Wirren der späten Weimarer Republik und in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft. Elternhaus und Schulbesuch in der Ritterakademie zu Brandenburg an der Havel boten größtmögliche Distanz zum Regime, das ihn aber 1944 doch noch als Flakhelfer einzog. Sein Vorhaben, Forstwirtschaft an der Berliner Universität zu studieren, wurde ihm zunächst verwehrt, sodass er während des „Hungerwinters“ 1946/47 prägende Erfahrungen in der praktischen Forstarbeit sammelte. Es folgten Studium und Arbeit in der DDR und West-Berlin und Ende der 1950er-Jahre schließlich der Umzug in die Bundesrepublik. Von Braunschweig über München ging es nach Frankfurt am Main, wo Buro 1968, im Jahr der Studentenproteste, im Alter von 40 Jahren erneut zu studieren begann. Mitte der 1970er-Jahre erfolgte die Habilitation zum Thema „Autozentrierte Entwicklung durch Demokratisierung?“ und schließlich 1980 die Berufung zum Ordentlichen Professor für Internationale Politik an die Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Andreas Buros Autobiografie zeichnet aber nicht nur in großen Linien die deutsche Geschichte nach. Sie ist zugleich und zu allererst Erinnerungsort für das vielseitige Wirken sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik seit den 1960er-Jahren. In vielen von ihnen hat Buro selbst mitgewirkt: zunächst als Sprecher der Ostermarschbewegung, die seit den frühen 1960er-Jahren gegen atomare Aufrüstung protestierte, und später in verschiedenen Funktionen als Vertreter des Sozialistischen Büros, dessen Ziel es seit 1969 war, die zersprengten sozialistischen Gruppen der Bundesrepublik zusammenzubringen; aber auch zahlreicher anderer, kleinerer und größerer Initiativen wie den Bürgerrechtsorganisationen Komitee für Grundrechte und Demokratie und Helsinki Citizen’s Assembly. Buro beschreibt in seinen Erinnerungen eindrücklich die Kontexte und personellen Konstellationen, in denen Gruppen und Zirkel zu verschiedenen Themen entstanden sind. Er zeigt aber auch, wie sie auseinander hervorgingen, miteinander verwoben waren oder sich gegenseitig ablösten und verdrängten. Letzteres schildert er besonders anschaulich im Zusammenhang mit der Auflösung der Kampagne für Demokratie und Abrüstung, der Trägerorganisation der westdeutschen Ostermärsche, im Jahr 1970 (S. 122–128) und der darauffolgenden Gründung des Sozialistischen Büros (S. 137–144). Buro weist dabei an manchen Stellen auf Zusammenhänge hin, die in der Forschung bisher kaum Beachtung gefunden haben. Beispielsweise schildert er den nicht zu unterschätzenden ideellen und rituellen Einfluss, den die US-amerikanische Anti-Atomwaffen-Organisation Committee for Non-Violent Action (CNVA) 1961 mit ihrem San Francisco-Moskau-Marsch auf die deutsche Ostermarschbewegung ausübte (S. 91–96). An anderer Stelle blendet Buro dagegen wichtige Entwicklungen aus, wenn er zum Beispiel die tiefgehenden Konflikte, die dem Austritt des Gründungsvaters Konrad Tempel aus der deutschen Ostermarschbewegung vorausgingen, nicht schildert.[1] Stattdessen behauptet er lapidar, Tempel habe als Quäker sein Amt nur fünf Jahre ausüben dürften (S. 102). Insgesamt hätte man sich in diesem Zusammenhang ein Personen- und Sachregister gewünscht, um die Verflechtungen, die Buro aufzeigt, einfacher nachvollziehen zu können.

Trotz detailreicher Informationen – die immer wieder durch lexikalische Einführungen bereichert werden, deren Herkunft sich aber durchaus stärker in Fußnoten hätte niederschlagen können – kann und will das Buch von Andreas Buro letztlich keine Geschichte der sozialen Bewegungen nach 1945 sein. Stattdessen handelt es sich um die „Lebenserinnerungen eines streitbaren Pazifisten“, wie es im Untertitel formuliert wird. Sich dies zu vergegenwärtigen fällt dem Leser schon aufgrund der lockeren, manchmal recht umgangssprachlichen Stils nicht schwer. Darüber hinaus ist das Buch von zahlreichen persönlichen Erlebnissen und Sichtweisen durchzogen. Wiederholt referiert der Autor beispielsweise ausführlich eigene Überlegungen zu den Themen Frieden, Demokratie und Menschenrechte. Er greift dabei, wie im Fall des „Defensivkonzeptes“ (S. 185–188), intensiv auf eigene und fremde Veröffentlichungen aus seiner wissenschaftlichen Karriere zurück. Gleichzeitig nehmen private Ereignisse einen breiten Raum in der Autobiografie ein. Eine solche ungeschönte Darbietung persönlicher Erlebnisse kann einerseits zurecht als eine unnötige Ausbreitung privater Details kritisiert werden, wie dies an anderer Stelle getan wurde.[2] Andererseits gewähren gerade diese Episoden einen intensiven Blick in die Verflechtungen von öffentlichem Engagement und privatem Leben, wie er dem Leser in den meisten kommerzialisierten und durchlektorierten Autobiografien öffentlicher Persönlichkeiten verwehrt bleibt. So erfährt man beispielsweise sehr detailreich, in welcher emotionalen Lage sich Andreas Buro Ende der 1950er-Jahre entschieden hat, in die Bundesrepublik zu gehen (S. 77–85) – ein Schritt, ohne den seine „Karriere“ in den sozialen Bewegungen undenkbar gewesen wäre.

Lässt man sich auf diese Betrachtungsweise ein, ergeben sich äußerst interessante Schlussfolgerungen zur Sozialisation und biografischen Entwicklung Andreas Buros, vielleicht sogar einer ganzen Generation an Friedens- und Menschenrechtsaktivisten. Erstens kann eine Diskrepanz zwischen der diskursiven Fortschreibung eigener Positionen und dem eigenen habituellen Verhalten aufgezeigt werden. Dies lässt sich im Fall von Andreas Buro beispielsweise anhand seines Umgangs mit der Geschlechterfrage festmachen. Hier verwendet er bei der Darstellung seines politischen und gesellschaftlichen Engagements konsequent Formen der Emanzipations- und Frauenbewegung der 1970er-Jahre wie „FreundInnen“ (S. 85) oder „KünstlerInnen“ (S. 117). Gleichzeitig aber ordnet er Frauen und Männer in seiner eigenen Umgebung, zum Beispiel seine erste Freundin (S. 64) oder eine Stewardess (S. 194), in klare Geschlechterkategorien ein. Eine vergleichbare Widersprüchlichkeit zwischen diskursivem Sprachgebrauch und eigenem Habitus findet sich im Umgang mit der bürgerlichen Lebenswelt, die verbal diskreditiert, aber in der Pflege des eigenen Gartens durchaus gelebt wird (S. 304). Zweitens verdeutlicht die offenherzige Darstellung von Andreas Buro einmal mehr, wie sehr Erinnerungen dazu neigen, die eigene Vergangenheit zu romantisieren und, noch entscheidender, auf die eigene Lebensgeschichte hinzuordnen. Ein solches Vorgehen zeigt sich eindrücklich im Kapitel über die Kindheit und Jugend (S. 19–42). Buro präsentiert sich bereits hier als „eigenwillige(r) Außenseiter“ (S. 23) und Anti-Held, der mit seiner nicht-konformen Meinung aneckte, aber meist Recht behielt. Wenig verwunderlich dachte bereits der Schüler Buro nicht daran, „(s)eine Vorstellungen von den Werten im menschlichen Leben (...) preiszugeben“ (S. 34).

Die aufgezeigten Einsichten dokumentieren den Stellenwert der Autobiografie von Andreas Buro als Quelle für eine Geschichtsschreibung der sozialen Bewegungen in Deutschland. Neben sprachlichen und strukturellen Mängeln unterliegen die Aufzeichnungen dabei, wie gezeigt wurde, typischen Problemen von Zeitzeugenzeugnissen, vor allem der nachträglichen Glättungen und Rechtfertigung der eigenen Vergangenheit sowie der Romantisierung einzelner Lebensepisoden. Diesen Fallstricken ist jede Erinnerung ausgeliefert, sie fallen in den Darstellungen von öffentlichen Zeitzeugen wie Andreas Buro freilich stärker ins Gewicht. Daher ist es vor allem Aufgabe von Historikerinnen und Historikern, sie durch zusätzliche Quellen und Fachwissen zu kontextualisieren und einzuordnen. Andreas Buro trägt an jenen Stellen selbst einen wichtigen Teil dazu bei, an denen er seine eigenen Erinnerungen mit Tagebucheinträgen aus der fraglichen Zeit kontrastiert (S. 45–59 passim). Hier zeigen sich Brüche und Wandlungen im Lebenslauf, die der Autor sich selbst nicht erklären kann, die aber von besonderem historischem Interesse sind. Für die Geschichte der sozialen Bewegungen verdeutlicht dies im Umkehrschluss, wie wichtig es ist, dass möglichst viele Akteure der Zeit sich wie Andreas Buro daran machen, ihre Lebenserinnerungen zu schreiben. Und wie notwendig und ratsam es wäre, Selbstzeugnisse und Interviews dieser Personen systematisch zu sammeln und zu erschließen, bevor es zu spät dafür ist.

Anmerkungen:
[1] Zu den Auseinandersetzungen innerhalb der Ostermarschbewegung Anfang der 1960er-Jahre vgl. Karl A. Otto, Vom Ostermarsch zur APO. Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik 1960–1970, Frankfurt am Main 1977, S. 119–124.
[2] Vgl. die Rezension von Carl Wilhelm Macke in: CulturMag, 18.01.2012; URL: <http://culturmag.de/rubriken/buecher/andreas-buro-gewaltlos-gegen-krieg/42800> (14.11.2013).

Zitation
Daniel Gerster: Rezension zu: Buro, Andreas: Gewaltlos gegen Krieg. Erinnerungen eines streitbaren Pazifisten. Frankfurt am Main 2011 , in: H-Soz-Kult, 07.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21354>.
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Veröffentlicht am
07.01.2014
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