Cover
Titel
The Italian Army in Slovenia. Strategies of Antipartisan Repression 1941–1943


Autor(en)
Osti Guerrazzi, Amedeo
Erschienen
Basingstoke 2013: Palgrave Macmillan
Umfang
XV, 196 S.
Preis
€ 71,11 / £ 55.00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Karlo Ruzicic-Kessler, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW

Amedeo Osti Guerrazzi kann zu den prominentesten Historikern gezählt werden, die sich mit der italienischen Geschichte und Militärgeschichte während der faschistischen Periode befassen. Sein jüngstes, in englischer Sprache erschienenes Werk folgt weitestgehend der italienischen Fassung aus dem Jahr 2011.[1] Hierbei ist es sehr erfreulich, dass ein Buch über die italienische Besatzungspolitik in Jugoslawien einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird und damit auch aufzeigt, dass in den letzten Jahren – nach Jahrzehnten des stiefmütterlichen Daseins – italienische Besatzungspolitiken in Europa während des Zweiten Weltkrieges in den Fokus der wissenschaftlichen Erforschung getreten sind.

Der ansprechend geschriebene Text von Osti Guerrazzi beschreibt die 28-monatige Besatzung der italienischen Armee in Slowenien, und zwar in der vom italienischen Staat annektierten westlichen Hälfte des Landes (Provincia di Lubiana). Dabei interessiert er sich vorrangig für die Strategien der Besatzungsmacht bezüglich der Bedrohung der italienischen Herrschaft durch die Partisanen von Josip Broz „Tito“. Der Autor beschreibt zwei große Handlungsräume, die entscheidend für den Umgang mit den Aufständischen und der Zivilbevölkerung in Slowenien waren. Einerseits liegt ein wichtiger Fokus auf der Ebene der Kommandeure der italienischen Armee in Slowenien. Hierbei handelt es sich um die Generäle Vittorio Ambrosio, Mario Roatta, Mario Robotti und Gastone Gambara, die alle zu einem Zeitpunkt entweder die Zweite italienische Armee (in Slowenien und Dalmatien) oder das XI. Armeecorps ebendieser in Slowenien befehligten. Andererseits besticht die Analyse von Osti Guerrazzi durch eine sehr genaue Darstellung der Begebenheiten „auf dem Schlachtfeld“, das heißt die Operationen einzelner Einheiten und die Schicksale der Soldaten während des Krieges in Slowenien.

Das Buch behandelt in sechs konzisen und chronologisch angeordneten Kapiteln verschiedene Aspekte der italienischen Okkupationsgeschichte, sowie im letzten Teil des Buches die Nachkriegsgeschichte. Zunächst geht der Autor auf den Aprilkrieg der Achsenmächte gegen Jugoslawien und auf die Errichtung der italienischen „Provincia di Lubiana“ ein. Hierbei kann Osti Guerrazzi den Blick auf das langsame Entgleiten der Situation aus italienischer Sicht genau wiedergeben. Mit einer weitreichenden Autonomie ausgestattet, sollte die italienische Provinz von ziviler Verwaltungsseite mittelfristig „italianisiert“ werden, während das Militär im slowenischen Raum den größeren strategischen Vorgaben der Zweiten Armee zu folgen hatte. Bei der Lektüre kann sehr gut nachvollzogen werden, wie die anfängliche Überzeugung, die italienischen Einheiten würden ein relativ sorgloses Dasein in Slowenien fristen, bald aufgrund des aktiven Widerstandes von Teilen der Bevölkerung revidiert werden musste. Schon im Sommer 1941 ergingen erste Rundschreiben und Befehle an die in Slowenien stationierten Einheiten, die eine harte Linie gegenüber jeglicher Widerstandsaktivität vorgaben; die Zivilbevölkerung sollte mit harten Repressionen kollektiv bestraft werden. Damit wurden die italienischen Besatzer in kurzer Zeit zu brutalen Verfolgern jeglichen tatsächlichen oder vermeintlichen Widerstandes.

Nachdem im Herbst 1941 die Angriffe gegen italienische Einheiten immer größere Ausmaße annahmen, sprach das italienische Militär von einem „eindeutig feindlichen Land“, in dem die Soldaten von „Leuten umzingelt“ waren, die „Italiener hassen“ (S. 33). An dieser Einstellung sollte sich bis zum Ende der italienischen Besatzung Sloweniens nichts ändern und diese wurde zum Leitmotiv des militärischen Handelns und Teil einer Paranoia, die dem Umstand eines Guerillakrieges geschuldet war. Die zahlreichern von Osti Guerrazzi angeführten Beispiele von Anordnungen der obersten Befehlshaber im Raum Slowenien zeugen von eben dieser Paranoia, die darauf abzielte, ohne Rücksicht und vor allem ohne Mitleid gegen den Aufstand vorzugehen. General Mario Robotti sollte als einer der ersten versuchen, die „Gutmütigkeit des italienischen Soldaten“ zu brechen.

Gerade die Beschreibung der „Brutalisierung“ der italienischen Soldaten und des Konfliktes in Slowenien im Allgemeinen scheint ein wichtiges Anliegen des Autors zu sein. Die Ausführungen über Angriffe auf italienische Einheiten, einsame Vorposten im Laibacher Hinterland, schwere und zermürbende Gefechte, sowie tagelange Verfolgungen von Aufständischen und Brandschatzungen ganzer Dörfer durch die Besatzungsarmee zeigen deutlich, in welchem Teufelskreis der Konflikt in Slowenien steckte und wie von allen Seiten ein unerbittlicher Kampf auf Leben und Tod geführt wurde. Diese Schilderungen, die auf minuziösem Studium der Quellen des italienischen Armee-Oberkommandos basieren, sind mit Sicherheit die für die Forschung bedeutendsten Passagen des Buches. Kein Autor vor Osti Guerrazzi hat in dieser Genauigkeit eine Mikrostudie zu den Einsätzen italienischer Einheiten in Slowenien – besonders bei den Offensiven des Sommers 1942 – verfasst, die einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der „Brutalisierung“ des Krieges in Slowenien leistet.

Eine weitere wichtige Erkenntnis dieses Werkes ist das Aufzeigen der taktischen Hilflosigkeit der italienischen Armee in den besetzten Gebieten. Von der anfänglichen Strukturierung in dutzende kleine Garnisonen bis hin zur Bildung von starken Bollwerken gegen die Aufständischen hat die italienische Armeeführung alle Varianten der Kriegsführung gegen die Partisanen zwischen 1941 und 1943 ausprobiert, konnte aber letztendlich ihr Ziel, nämlich die Partisaneneinheiten zu vernichten, nicht erreichen. Hier sieht Osti Guerrazzi vor allem in der Schwerfälligkeit und mangelnden Mobilität italienischer Einheiten – auch gerade im Gegensatz zu deutschen Einheiten – den Hauptgrund für den Misserfolg. Dem kann nach den Ausführungen und detaillierten Erläuterungen des Autors nur beigepflichtet werden.

Wie bereits erwähnt geht Osti Guerrazzi am Ende des Buches auf die italienische Erinnerungsgeschichte zu den Ereignissen in Slowenien zwischen 1941 und 1943 ein. Dabei gilt der Fokus vor allem der Selbstexkulpation der italienischen Militärs und ihrer Version der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele, wie Mario Roatta, publizierten ihre Memoiren in den 1940er-Jahren und erklärten die Brutalität der Partisanen als verantwortlich für jegliche, wenn auch nur sporadisch „harte“ Antwort auf italienischer Seite. Die jugoslawischen Bemühungen um Auslieferung (mutmaßlicher) italienischer Kriegsverbrecher wurden vom Außenministerium in Rom zurückgewiesen und es Entstand der Mythos eines brutalen Kampfes gegen einen unsichtbaren Gegner, der nicht die Regeln des Krieges einhielt und somit selbst zur Verantwortung hätte gezogen werden müssen. Die Hände in Unschuld waschend sollte kein einziger italienischer Verantwortlicher nach Jugoslawien ausgeliefert werden. Aus den genannten Gründen sollten laut dem Autor die italienischen Verbrechen und die brutale Taktik des Militärs in Slowenien lange Zeit der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Obwohl das Buch von Osti Guerrazzi eine wertvolle Erweiterung der bisherigen Forschung zu diesem Thema darstellt, weist es auch Lücken auf, die zukünftige Arbeiten zu schließen vermögen sollten. Das Jahr 1943, das in anderen Werken kaum genauer betrachtet wird, wird auch in diesem Buch mit nur wenigen Seiten abgehandelt. Hier zeigt sich, dass die Unzulänglichkeit der italienischen Quellen den Forscher weiterhin vor erhebliche Schwierigkeiten stellt. Möglicherweise liegt der Schlüssel für diese Periode in der Untersuchung von Quellenbeständen jugoslawischer Provenienz, die einerseits viele den Partisanen in die Hände gefallene, italienische Dokumente enthalten und andererseits durch die Darstellung aus slowenischer, bzw. jugoslawischer Sicht einige historiographische Lücken zu schließen vermögen.

Abschließend kann festgestellt werden, dass das Werk von Osti Guerrazzi eine erfreuliche Erweiterung des Wissensstandes zur italienischen Besatzungspolitik in Slowenien während des Zweiten Weltkrieges darstellt und dabei einige Themen zu verarbeiten vermag, die bisher nicht ausführlich behandelt wurden. Für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges im Allgemeinen und die lange Zeit verborgene Geschichte des italienischen Einsatzes in diesem Konflikt ist das Buch ein wichtiger Baustein, der zum Verständnis dieses komplexen Themas beiträgt.

Anmerkung:
[1] L’Esercito italiano in Slovenia 1941–1943. Strategie di repressione antipartigiana, Ricerche dell’Istituto Storico Germanico di Roma, 7, Rom 2011.

Zitation
Karlo Ruzicic-Kessler: Rezension zu: Osti Guerrazzi, Amedeo: The Italian Army in Slovenia. Strategies of Antipartisan Repression 1941–1943. Basingstoke 2013 , in: H-Soz-Kult, 24.06.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21724>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.06.2014
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation