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Titel
Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933


Autor(en)
Ziemann, Benjamin
Erschienen
Umfang
384 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Benjamin Schulte, Historisches Institut der Universität zu Köln Email: benjamin.schulte@uni-koeln.de

Lange Zeit beschäftigte sich die (west-)deutsche Historiographie nur zaghaft mit der Geschichte der Veteranen des Ersten Weltkrieges. Das Feld der Veteranenforschung ist nach wie vor spärlich und zumeist mit organisationsgeschichtlichen Studien älteren Datums besetzt, die politische, ideologische und paramilitärische Aspekte in den Blick nehmen.[1] Abgesehen hiervon erschienen vereinzelt Studien, die spezifische Phänomene der Zwischenkriegszeit anhand der Gruppe der ehemaligen Kriegsteilnehmer exemplifizierten.[2] Umso erfreulicher ist es, dass Benjamin Ziemann mit den „Veteranen der Republik. Kriegserinnerungen und demokratische Politik 1918–1933“ nun eine kulturhistorische Arbeit zur Geschichte der pro-republikanischen Kriegserinnerungen am Beispiel des Reichbanners Schwarz-Rot-Gold sowie des mit ihm eng verbundenen Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen vorlegt.[3]

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg war nach 1918 weder homogen oder rein nationalistisch aufgeladen, noch führte sie zwangsläufig zu einer ‚Brutalisierung‘ der ehemaligen Frontsoldaten oder leistete einem Rechtsruck in ihren Reihen Vorschub. Das Angebot an Kriegsdeutungen in der Weimarer Republik war vielseitig und ergebnisoffen, so dass für die heimkehrenden Soldaten nach Kriegsende vielerlei Möglichkeiten bestanden, um ihre persönlichen Erlebnisse mit öffentlichen Deutungsmustern des Krieges in Einklang zu bringen. Veteranenverbände wie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold erfüllten demzufolge für ihre Mitglieder eine Scharnierfunktion zwischen individueller Kriegsbewältigung und Sinnstiftung sowie kollektiven Formen öffentlichen Gedenkens. Ziemann will seinem Publikum diese alternative Lesart der Zwischenkriegszeit näher bringen, indem er die Symbolik, die Sprache sowie die praktischen Ausformungen der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg innerhalb des sozialistisch geprägten Veteranenmilieus in den Mittelpunkt rückt. Sein Anliegen ist es ferner zu zeigen, dass nicht nur die Gegner der Republik in der Lage waren, die Kriegsjahre in ihrem Sinne zu deuten und hieraus praktische Konsequenzen abzuleiten, sondern dass auch von pro-republikanischen Formen der Erinnerungskultur, welche die Weimarer Republik „als politisches Projekt unterstützen“ (S. 7), eine starke Anziehungskraft ausging. Dieses Forschungsprogramm setzt Ziemann zum einen durch die chronologische als auch systematische Anlage seiner Studie entlang verschiedener Themenkomplexe um. Zum anderen ermöglicht ihm die Auswertung einer Quellenbasis, bestehend aus ausgewählten publizistischen Überlieferungen wie Mitgliederzeitschriften, internen Verbandsdokumenten und –korrespondenzen sowie Egodokumenten bis hin zu vereinzelten Überwachungsprotokollen der Polizei, die Erfassung von zeitgenössischen Diskursen, die sich an die Erinnerungen des Ersten Weltkrieges anschlossen.

Ziemann beginnt seine Studie nicht mit der Gründung des Reichsbanners 1924, sondern konstatiert vorerst, dass in den ersten Nachkriegsjahren keine kohärente sozialdemokratische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg existierte. Dies hing in erster Linie damit zusammen, dass es in der Weimarer Republik keine Institution gab, die den diversen Kriegserinnerungen und Deutungsangeboten eine einheitliche Rahmung hätte verleihen können. Dennoch bildeten sich erste, sozialdemokratisch dominierte Veteranenvertretungen aus, deren Sammlung in der Gründung des Reichsbanners mündete. Ebenso destillierten sich die Themenkomplexe und hegemonialen Narrative (‚Etappensumpf‘; Soldaten als Opfer kaiserlicher Eliten) sowie die politischen und moralischen Forderungen (‚Nie wieder Krieg!‘) heraus, aus denen sich in der Folgezeit die Agenda und das öffentliche Auftreten des Reichbanners konstituierten. Ziemann betont zurecht, dass die Gründung des Reichsbanners 1924 eine Konsensentscheidung der Mitglieder der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) darstellte. Neben der Schaffung einer Kommunikationsplattform für Veteranen verfolgten die Initiatoren zwei vorrangige Ziele: den Schutz von Parteimitgliedern vor rechten Attacken und die Demonstration, dass die ehemaligen Soldaten mehrheitlich pro-republikanisch eingestellt waren. Zwar konnte sich durch die Gründung des Reichsbanners ein alternatives Interpretationsangebot der Weltkriegsjahre etablieren, dennoch gestaltete sich die Suche nach einem gemeinsamen roten Faden bei den Kriegserinnerungen weiterhin schwierig: Durch das Tragen militärischer Insignien wollten die Mitglieder beispielsweise zeigen, dass sie ein vollwertiger Teil der Veteranengemeinschaft waren. Gleichzeitig kann Ziemann im zweiten Kapitel zeigen, dass vielen Reichsbannerleuten die Zurschaustellung militaristischer Symbole widerstrebte, da sie den Krieg infolge der eigenen Erlebnisse verurteilten. Im dritten Kapitel lässt Ziemann neben den Hauptströmen verbandseigener Erinnerungsvermittlung auch persönliche Formen der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zur Sprache kommen. So erlauben es die Selbstzeugnisse des Reichsbannermitgliedes Fritz Einert einerseits, die individuellen Erinnerungen und Reflexionen von Fronterlebnissen sowie die persönliche Rezeption verbandsspezifischer Symbole nachzuzeichnen. Andererseits liefert die Mikrostudie Erkenntnisse darüber, wie die stetigen Aushandlungsprozesse um Kriegserinnerungen die politische Ideologie einer Einzelperson prägten.

Illustrierten die Kapitel bis dahin das Verhältnis zwischen Ideen sowie Vorstellungen des Reichsbanners und den Kriegserinnerungen seiner Mitglieder, geht es Ziemann im folgenden vierten Kapitel vor allem um die praktische Umsetzung der Verbandsrhetorik im öffentlichen Gedenken. Bei der Suche nach einem zentralen Gedenktag für die Gefallenen oder der Umsetzung von Denkmalsprojekten zeigte sich die fortgesetzte innere Fragmentierung des Reichsbanners. Zwar war man sich einig darüber, dass die gefallenen Kameraden zu ehren seien, allerdings fand man verbandsintern oft keinen Konsens über die Art und Weise des Gedenkens. Jeder Verband pflegte seine eigenen Gedenkrituale; was nach wie vor fehlte, war allerdings ein reichsweit einheitsstiftendes Symbol der Erinnerung an die gefallenen Kameraden. Doch scheiterten Initiativen zu Bauvorhaben regelmäßig an der mangelnden Konsensfähigkeit der einzelnen Verbände (Kapitel 5). Folglich existierten in der Weimarer Republik eine große Anzahl von Erinnerungsorten und Arten des Totenkultes nebeneinander. Ebenso divergent gestalteten sich Praktiken geschichtlicher Aufarbeitungen, die nicht nur von professionellen Historikern betrieben wurden. Insbesondere pazifistische ehemalige Offiziere taten sich seitens des Reichsbanners auf diesem Feld als Akteure hervor und versuchten, den durch das Reichsarchiv produzierten offiziellen historischen Publikationen eine andere Interpretation der Niederlage und der Verantwortung für diese entgegenzusetzen (Kapitel 6). Vor diesem Hintergrund sind letztlich auch die medialen Repräsentationen von Kriegserinnerungen in der Endphase der Republik zwischen 1928 und 1933 zu betrachten (Kapitel 7). Der massenmediale Markt der Weimarer Republik bediente sein wachsendes – und vor allem junges – Publikum mit immer neuen Publikationen. Hier wurde es für das Reichsbanner zusehends schwieriger sich zu behaupten, da für es nur wenige Werke der Kriegserinnerungsliteratur als halbwegs antinationalistisch taugten.

Durch welche Narrative und Symbole waren nun die republikanischen Formen der Kriegserinnerung des Reichsbanners geprägt und welche Konsequenzen leitete es hieraus für seine politische Agenda ab? Zuerst ist Ziemanns Befund zuzustimmen, dass die „Gründung des Reichsbanners eine der wichtigsten organisatorischen Erfolgsgeschichten der Weimarer Zeit“ (S. 79) darstellte. Denn Ziemanns Geschichte von Reichsbanner und Reichsbund zeigt deutlich, dass Weimar bei weitem kein reines Produkt von Vernunftsrepublikanern war. Vielmehr konnten beide Verbände eine breite Basis ehemaliger Soldaten rekrutieren, deren Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg einen krassen Gegenentwurf zum nationalistischen Pendant darstellten. Dabei unterschieden sich die Ausformungen ihrer Kriegserinnerungen bis zum Ende der Republik nicht nur von denen der Rechten, sondern blieben auch in den eigenen Reihen äußerst heterogen und stets Gegenstand von Diskussionen. Ziemann vermag es, diese verschiedenen Strömungen zu identifizieren und die Motive von einzelnen Akteuren offenzulegen. Die Stärke der Studie ist zweifelsohne, dass sie republikanische Erzählmuster von Kriegserinnerungen wie die Nie-wieder-Krieg!-Kampagne, die Viktimisierung der „Klasse“ der „Arbeitersoldaten“ (S. 101) oder die Abrechnung mit den ehemaligen Offizieren und kaiserlichen Eliten in verschiedenen Kontexten verortet und gleichzeitig die performative Komponente der Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg nie aus dem Blick verliert. Die sich hieran anschließende republikanische Variante der Gedenkkultur diente als Gegengewicht zum elitären Totenkult der nationalistischen Verbände und vor allem dem Andenken des ‚einfachen‘ Soldaten. Doch insbesondere in der Endphase der Republik eskalierte dieser Deutungskampf um die Kriegserinnerungen aus der „Froschperspektive des Frontsoldaten“ (S. 24) in Konkurrenz mit dem Nationalsozialismus.

Hier liegen gleichzeitig die Schwachstellen der Studie: In der Endphase der Republik musste das Motiv der Republikverteidigung umso dringlicher sein. Hierzu zählten spätestens ab den 1930er-Jahren auch die Auseinandersetzungen mit den paramilitärischen Armen der NSDAP. Wenn es auch nicht Ziel der Studie ist, konkrete Ausformungen politisch motivierter Straßengewalt zu untersuchen, so hätte sich der Rezensent doch ein paar konkretere Ausführungen dazu gewünscht, mit welcher Argumentationslogik Reichsbannermitglieder den Kampf gegen rechte Gruppierungen – oder anders gesagt: gegen ehemalige Kameraden – aufnahmen. Wenn Reichsbannermitglieder das Tragen militaristischer Insignien nur widerwillig in Kauf nahmen, mussten sie dann nicht erst recht vor neuerlichen Formen der Gewalteskalation (z.B. Zusammenstößen und Saalschlachten) zurückschrecken? Zu fragen wäre hier, ob das Reichsbanner das eigene Vorgehen unter Rückgriff auf Fronterlebnisse und Kriegserinnerungen rechtfertigte, oder ob diese hier keine Rolle spielten, da man seitens des Verbandes solche Konflikte in der Sphäre des Politischen verortete. Ferner wäre interessant zu erfahren, ob das Reichsbanner diese Formen von Gewalt als Verteidigung der eigenen Kriegserinnerungen und den aus ihnen abgeleiteten, verbandseigenen Zukunftskonzepte interpretierte. Letztlich sei angemerkt, dass bei einer so umfangreichen Studie mit vielen biographischen Zugriffen ein Register sowie ein Literaturverzeichnis wünschenswert gewesen wären.

Diese Kritikpunkte sollen jedoch nicht den positiven Gesamteindruck der Arbeit und ihrer Qualität schmälern. Benjamin Ziemanns Buch ist eine gelungene Studie, die zweifelsohne eine Bereicherung für die Gebiete der Veteranenforschung und der Verbandsforschung zur Weimarer Republik im Allgemeinen ist. Es bleibt zu hoffen, dass dieser fruchtbare Ansatz aufgegriffen wird und nun auch andere, bislang marginal betrachtete Verbandsformen ehemaliger Kriegsteilnehmer mehr Beachtung finden.

Anmerkungen:
[1] Siehe klassischerweise die Arbeiten von Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik, Düsseldorf 1966; Volker Berghahn, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918–1935, Düsseldorf 1966; Peter Longerich, Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, München 1989.
[2] Beispielsweise Sven Reichardt, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln 2002; Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914–1923, Paderborn 2008.
[3] Englischsprachige Originalausgabe: Contested Commemorations. Republican War Veterans and Weimar Political Culture, Cambridge 2013.

Zitation
Benjamin Schulte: Rezension zu: Ziemann, Benjamin: Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933. Bonn 2014 , in: H-Soz-Kult, 12.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22004>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.09.2014
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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