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Titel
Europa im Bild. Imaginationen Europas in Wochenschauen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich 1948–1959


Autor(en)
Pfister, Eugen
Erschienen
Göttingen 2014: V&R unipress
Umfang
372 S., 18 Abb.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Greiner, Philologisch-Historische Fakultät, Universität Augsburg

Mit dem augenfälligen Schwinden eines gesamtgesellschaftlichen Rückhalts („permissive consensus“) für die europäische Integration rückt die Geschichte ihrer kommunikativen Vermittlung seit einigen Jahren verstärkt ins Blickfeld der Europa-Historiographie.[1] Dabei beschränkte sich die Forschung bislang in der Regel[2] auf die Auswertung von Printmedien sowie auf die Analyse bestimmter Höhepunkte des Einigungsprozesses. Insofern betritt Eugen Pfister in seiner jetzt veröffentlichten Dissertation Neuland, indem er die Europaberichterstattung in Wochenschauen in gleich vier Staaten untersucht – und zwar übergreifend für den Zeitraum von 1948 bis 1959, in welchem die realpolitischen Grundlagen der europäischen Integration geschaffen wurden.

Einleitend diagnostiziert Pfister einen Mangel an Studien zur öffentlichen Wahrnehmung Europas.[3] Hätten bislang „Top-Down“-Perspektiven in der Europa-Forschung überwogen, möchte er in seiner Arbeit diskurs- und mediengeschichtlich danach fragen, was die Europäer von der europäischen Integration eigentlich zu sehen bekamen. Die für das Kino-Vorprogramm produzierten Wochenschauen eignen sich diesbezüglich als Quellen, da sie zum einen für das Gros der Europäer in den Nachkriegsjahren ein zentrales tagespolitisches Informationsmedium darstellten und zum anderen den beginnenden europäischen Integrationsprozess genau einfingen – wie das Korpus von über 300 (west)deutschen, französischen, britischen und österreichischen Wochenschauen verdeutlicht. In einem längeren, der eigentlichen Analyse vorgelagerten ersten Abschnitt des Hauptteils finden sich methodisch-theoretische Ausführungen zum Film in der Historiographie, eine Erläuterung der Geschichte, Reichweite und Produktionsbedingungen der teils von privaten, teils von öffentlichen Unternehmen für den jeweiligen nationalen Markt hergestellten Wochenschauen sowie eine Beschreibung des historischen Kontextes der europäischen Einigung. Ferner belegt der Autor anhand einer Auswertung von Akten des Presse- und Informationsdienstes der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), dass die Hohe Behörde zwar durchaus kommunikationspolitisch aktiv war (etwa in Form einer gezielten Distribution von Filmaufnahmen), dass ihr tatsächlicher Einfluss auf die Wochenschauberichte jedoch gering blieb, von Einzelfällen abgesehen.

Darauf aufbauend untersucht Pfister gemeinsame transnationale Imaginationen der europäischen Integration in den Wochenschauen und weist vier dominante Deutungsmuster nach. Erstens erschien Europa im Untersuchungszeitraum als eine politische Gemeinschaft, die in Staatstreffen, internationalen Konferenzen und Vertragsunterzeichnungen Gestalt gewann, wobei Illustrationen der europäischen Gründungsväter hierbei deutlich wichtiger waren als die europapolitischen Inhalte. Tiefgehender waren Imaginationen der kontinentalen Einigung zweitens mit Blick auf die entstehende europäische Wirtschaftsgemeinschaft, deren Ausgestaltung den Zuschauern über Bilder von industriell-technologischem Fortschritt, Konsumgütern oder Infrastrukturmaßnahmen nahegebracht wurde. Drittens transportierten die Wochenschauberichte Darstellungen eines sich ausprägenden europäischen Binnenraumes; wohlwollend kommentierten sie die sich sukzessive lockernden Bestimmungen zum grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehr und veranschaulichten diesen Prozess durch Bilder beschäftigungsloser Zöllner und niedergerissener Grenzpfosten. Schließlich konstruierten sie eine geographische Gemeinschaft der EGKS-Staaten durch die Visualisierung des Einigungsprozesses über Europakarten, die mittels einer Abgrenzung nach außen – etwa gen Osten, wo die Sowjetunion als „ein bedrohlicher dunkler Machtblock“ (S. 235) erschien – auch zur Schaffung einer (west)europäischen Identität beitrugen.

In einem letzten Analyseschritt widmet sich der Autor unterschiedlichen nationalen Deutungsmustern der europäischen Integration. Er kann zeigen, wie die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Ausgangssituationen der Untersuchungsländer nach dem Zweiten Weltkrieg und die sich mit Europa verbindenden Hoffnungen direkt auf die Europaimaginationen in den Wochenschauen zurückwirkten. Auch in diesem Zusammenhang kommen freilich Gemeinsamkeiten zum Vorschein, etwa wenn Pfister herausarbeitet, dass die Illustration der europäischen Einigung in der Bundesrepublik wie in Großbritannien stark personalisiert erfolgte, wobei im einen Fall Konrad Adenauer im Fokus stand, im anderen die Trias Winston Churchill – Ernest Bevin – Anthony Eden. Ferner dominierten in den Wochenschauen positive Darstellungen des frühen Integrationsprozesses. Sowohl in der Bundesrepublik und in Frankreich als auch in den beiden nicht direkt daran partizipierenden Staaten Großbritannien und Österreich fanden durchaus vorhandene europakritische Stimmen kaum Gehör. Im österreichischen Fall resultierte dies einerseits daraus, dass trotz der außenpolitischen Neutralität des Landes die (wirtschaftliche) Zukunft eindeutig in (West-)Europa gesehen wurde. Andererseits sind gerade hier starke mediale Transfers festzustellen: Österreichische Kinogänger bekamen häufig deutsche Wochenschauberichte zu sehen.

Hinsichtlich Pfisters Hauptthese ist festzuhalten, dass die von ihm postulierte Diskrepanz zwischen Europabildern in Wochenschauen und solchen in einem intellektuellen Umfeld vor allem ex negativo zum Vorschein kommt. So stellen die vom Autor als markant ausgemachten Imaginationen Europas für sich genommen keine Gegenstücke zu denjenigen dar, die zeitgleich in der gesellschaftlichen Elite verhandelt wurden. Dagegen erwies sich etwa der Kalte Krieg nicht als konstitutiv für Europavorstellungen in den Wochenschauen, und die Idee von Europa als einer unabhängigen „Dritten Kraft“ zwischen den beiden Machtblöcken, deren ideengeschichtliche Bedeutung für das Europadenken in der frühen Nachkriegszeit jüngst erneut hervorgehoben worden ist[4], gewann kaum öffentliche Relevanz. Ferner bemerkt Pfister die nahezu vollständige Abwesenheit der bei Intellektuellen und Europapolitikern beliebten Verweise auf gemeinsame historisch-kulturelle Errungenschaften der Europäer. Hier könnte freilich kritisch nachgefragt werden, ob dieser Befund eventuell nur die von ihm berücksichtigten tagespolitischen Europanachrichten betraf und ein „Kultureuropa“ in den Wochenschauen an anderen Stellen zum Vorschein kam.

Tatsächlich bleibt der Autor durch seine Quellenauswahl letztlich dem „Top-Down“-Fokus, den er eigentlich aufzubrechen sucht, latent verhaftet. Hierauf deutet schon die Auswahl der Abbildungen hin, wenn von achtzehn Standbildern nicht weniger als fünf Jean Monnet bei der Eröffnung des EGKS-Stahlmarktes zeigen (S. 82, S. 204, S. 212f.). Da das thematische Spektrum der Wochenschauen deutlich breiter war und diese über Aktuelles aus Gesellschaft, Sport und Kultur berichteten, hätten sie sich fraglos zur Suche nach differenten Europawahrnehmungen jenseits der Integrationspolitik im engeren Sinne angeboten. So ist auch die doppelte Nennung des Begriffs „Europa“ im Titel des Buches problematisch, da sich die Analyse auf Visualisierungen des (west)europäischen Einigungsprozesses beschränkt.

Dessen ungeachtet hat Eugen Pfister eine verdienstvolle Studie vorgelegt. Sie belegt eine durchaus vorhandene Transnationalität des Europadiskurses und die punktuelle Ausprägung europäischer Teilöffentlichkeiten bereits in einer Frühphase der europäischen Integration, deren Bedeutung für die langfristige Legitimation des Projekts nicht gering zu veranschlagen ist. Dass das Verhältnis von nationalen und europäischen Lesarten dabei nicht als ein rigides „Entweder-oder“ beschrieben werden kann, ist zwar keine völlig neue Erkenntnis, hebt die Arbeit aber doch von manch anderen Veröffentlichungen zu Europavorstellungen im 20. Jahrhundert ab, die nach wie vor versuchen, die beiden Deutungsebenen gegeneinander auszuspielen. Das Buch markiert somit einen wichtigen Schritt hin zu einer empirisch fundierten und medial verbreiterten Erfassung der die europäische Einigung begleitenden Kommunikationsprozesse.

Anmerkungen:
[1] In Auswahl: Jan-Henrik Meyer, Tracing the European Public Sphere. A Comparative Analysis of British, French and German Quality Newspaper Coverage of European Summits (1969–1991), Stuttgart 2010; Sven L.R. de Roode, Seeing Europe through the Nation. The Role of National Self-Images in the Perception of European Integration in the English, German, and Dutch Press in the 1950s and 1990s, Stuttgart 2012, und das aktuelle Themenheft „Communicating European Integration“ des Journal of Contemporary European Research 10 (2014), Nr. 1, <http://www.jcer.net/index.php/jcer/article/view/615/458> (12.04.2014).
[2] Als Ausnahmen vgl. v.a. Gabriele Clemens, Europa – nur ein gemeinsamer Markt? Die Öffentlichkeitsarbeit für den europäischen Integrationsprozess am Beispiel der Europafilme zwischen Marshallplan und Römischen Verträgen 1947–1957, in: Michael Gehler (Hrsg.), Vom gemeinsamen Markt zur europäischen Unionsbildung. 50 Jahre Römische Verträge 1957–2007, Wien 2009, S. 45–61, sowie die anderen Publikationen und Veranstaltungen des abgeschlossenen DFG-Projekts „Werben für Europa. Die mediale Konstruktion europäischer Identität durch Filme im Rahmen europäischer Öffentlichkeitsarbeit“, <http://www.geschichte.uni-hamburg.de/personal/forschung/DFG_Europafilme.html> (12.04.2014).
[3] Ob die Lücken bei der Erforschung der öffentlichen Wahrnehmung der europäischen Integration jenseits der intellektuellen Debatten tatsächlich so gravierend sind, erscheint angesichts der jüngsten Flut an geschichts-, sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Veröffentlichungen hierzu indes fraglich. Vgl. z.B. Juan Díez Medrano, Framing Europe. Attitudes to European Integration in Germany, Spain, and the United Kingdom, Princeton 2003; Robert Frank u.a. (Hrsg.), Building a European Public Sphere / Un espace public européen en construction. From the 1950s to the Present / Des années 1950 à nos jours, Brüssel 2010; Stefan Seidendorf, Europäisierung nationaler Identitätsdiskurse? Ein Vergleich französischer und deutscher Printmedien, Baden-Baden 2007. Diese Veröffentlichungen finden sich allerdings (wie die in der ersten Anmerkung genannten Monographien) nicht in Pfisters Literaturverzeichnis.
[4] Siehe etwa für Frankreich: Wilfried Loth, Léon Blum und das Europa der Dritten Kraft, in: Themenportal Europäische Geschichte (2006), <http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=130> (12.04.2014), und für Deutschland: Christian Bailey, Between Yesterday and Tomorrow. German Visions of Europe, 1926–1950, New York 2013.

Zitation
Florian Greiner: Rezension zu: Pfister, Eugen: Europa im Bild. Imaginationen Europas in Wochenschauen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich 1948–1959. Göttingen 2014 , in: H-Soz-Kult, 12.05.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22177>.