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Titel
Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte.


Hrsg. v.
Bödeker, Hans Erich
Erschienen
Göttingen 2002: Wallstein Verlag
Umfang
424 S.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mandy Scheffler, Institut für Germanistik, Technische Universität Dresden

Vorliegende Publikation erschien als Band 14 der vom dortigen Max-Planck-Institut für Geschichte veranstalteten „Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft“. Diese Veranstaltungs- und Publikationsreihe versteht sich als internationales und interdisziplinäres Forum zur Diskussion offener Fragen, auf dem neue interpretatorische Ansätze und Darstellungsweisen ebenso wie methodologische Probleme besondere Beachtung finden.

So geht der von Hans Erich Bödeker herausgegebene Band auf eine Konferenz zurück, die am 1.7.1999 stattfand und darauf zielte, führende Vertreter verschiedener Ansätze der Theoriegeschichte zusammenzubringen, um ihnen Gelegenheit zu bieten, diese vorzustellen und zu diskutieren. Zusammengebracht wurde die Begriffsgeschichte aus der Perspektive des Historikers, die vergleichende Begriffsgeschichte aus der Perspektive des Linguisten, die Diskursgeschichte anglo-amerikanischer Prägung, die französische analyse du discours sowie verschiedene Ansätze der Metapherngeschichte. Gemeinsam waren sie angetreten, „zu dem eben einsetzenden Austausch zwischen den verschiedenen Ansätzen der historischen Semantik beitragen und ihn intensivieren“ zu wollen (S. 27). Diese im Eingangsbeitrag Bödekers (S. 7-27) äußerst knapp formulierte und in ihrer Allgemeinheit schwerlich zu verfehlende Zielvorgabe beklagt zu Recht ein Defizit. Die Differenzen der jeweiligen wissenschaftlichen Traditionen belegen anschaulich, dass bislang die unterschiedlichen Ausprägungen historischer Semantik kaum voneinander Notiz nahmen. Allerdings bleibt die Beobachtung des Herausgebers unüberprüfbar, dass sich dieser Zustand „eben“ zum Besseren gewendet habe.

Die hier versammelten Beiträge sind vielmehr als status quo einer Geistesgeschichte zu lesen, die, ausgehend von einem „theoretischen Ungenügen an der tradierten Ideengeschichte“ (S. 11), je spezifische Ansätze für die Rekonstruktionen von Bedeutungsentwicklungen und Bedeutungswandel sprachlicher Ausdrücke hervorgebracht hat. Genau darin liegt das Verdienst dieses Buches. Zu begrüßen ist die ausführliche methodische Grundlagenreflexion in den beiden Beiträgen des Herausgebers, der zum einen die wichtigsten Entwicklungen der historischen Semantik in Deutschland, Frankreich und den USA in den Blick nimmt (S. 7-27), zum anderen in umfassender Weise die „Begriffsgeschichte als Methode“ (S. 73-121) vorstellt, die vor allem mit dem Namen Reinhart Kosellecks verbunden ist. [1] Von diesem als Ergänzung der synchronischen Analysen der strukturgeschichtlich argumentierenden Sozialgeschichte apostrophiert, indem durch diachronische Analysen der langfristige Bedeutungswandel von Begriffen erschlossen werden könne, beanspruche sie auch, „Geschichte der Erfahrungen“ zu sein, die auch „Tiefenschichten dieser gesellschaftlichen Erfahrungen aufdecken“ will (S. 118).

In Abgrenzung zu einer abstrakten Ideengeschichte „als der Geschichte von unterstellten ‚immutable ideas’“ (S. 116) ziele Koselleck vielmehr auf die Erkenntnis von Erfahrungen und Erwartungen im konkreten Sprachgebrauch und ihrer Verortung innerhalb der jeweiligen rechtlichen, sozialen und politischen Bereiche. Ausführlich geht Bödeker den jeweiligen Gegenstandsbestimmungen und theoretischen Implikationen historiographischer Begriffsgeschichte nach und unterstreicht hierdurch die zentrale Rolle von Begriffen als Indikatoren und Faktoren historischer Sinnbildungsprozesse. Bei der eingängigen Lektüre von Kosellecks eigenem Beitrag (S. 29-47) bekommt eben jene komplexe temporale Struktur von Begriffen anschaulich Gestalt als Palimpsest, bestehend aus verschiedenen Zeitschichten [2], deren „Bedeutungen […] verschiedene Dauer“ (S. 37) besitzen - denn das, was sich verändere, sei schließlich nicht der Begriff, sondern dessen Gebrauch.

Diese Feststellung verweist auf die herausragende Forderung nach angemessener diskursiver und historischer Kontextualisierung des untersuchten Materials als Verständnismöglichkeit und -voraussetzung, die sich als kleinster gemeinsamer Nenner aller Beiträge abzeichnet.

Geriet seit den 1960er Jahren allmählich der linguistische Kontext von Äußerungen in das Zentrum der Aufmerksamkeit, so bezog jene Schwerpunktverlagerung einen wesentlichen Impuls aus ideengeschichtlichen Studien anglo-amerikanischer Prägung, die ihre theoretische Fundierung den beiden exponierten Vertretern der Cambridge School, John Pocock und Quentin Skinner, verdankt. In Mark Bevirs Analyse des dort ausgearbeiteten linguistic contextualism (S. 159-208) gewinnt die Entwicklung und innere Ausdifferenzierung von contextualism und conventionalism gerade in der Gegenüberstellung ihrer Argumentationsmuster Kontur. Seine Ausführungen belegen einmal mehr, dass ganz sicher kein Königsweg existiert, die Fragestellungen einer historisch ausgerichteten Semantik zu verfolgen. Im Vertrauen auf die Genialität der Zunft, überlässt es Bevir den Historikern „ to systematise past experience in methodological hits or they can try something new; they can rely on instinct and guesswork or they can wait for inspiration. What matters is the result of their endeavours“ (S. 177). Aus einer methodischen Unentscheidbarkeit heraus jedoch die Interpretation sprachlichen Niederschlags historischer Welterfahrung dunkler Beliebigkeit zu überlassen, lässt jede theoretische Diskussion von vornherein überflüssig erscheinen. Daher überrascht Bevirs fortgesetztes Engagement in dieser Frage. [3]

Breite Anschlussfähigkeit besteht allerdings in der von ihm wiederholt vorgenommenen Rückbindung an eine gemeinsame Basis, wonach „the study of the linguistic context as necessary for understanding to occur“ aufgefasst wird (S. 170). Das an das Bewusstsein der Kontextabhängigkeit von Bedeutung gekoppelte Problem des Verhältnisses von begrifflichen und sprachlichen Strukturen liegt sowohl Jaques Guilhaumous Forschungsbericht (S. 123-158) zugrunde, der die Entwicklungen sprachhistorischer Arbeiten nicht nur französischer Provenienz nachzeichnet, als auch Ulrich Rickens Aufsatz „Zum Verhältnis vergleichender Begriffsgeschichte und vergleichender Lexikologie“ (49-72). Ricken illustriert anhand des Aufklärungsbegriffs im Deutschen und Französischen beispielhaft die Differenzierung begrifflicher und lexikalischer Ausprägungen je einer Sprache. Dabei dient ihm die Theorie des sprachlichen Feldes als Folie. Seine Untersuchung exemplifiziert wortschatzorientierte quellenphilologische Grundlagenarbeit. Sein Fazit erscheint als quod erat demonstrandum des Vorhandenseins „spezifischer Strukturen der Lexik und besonders der bedeutungskonstituierenden Funktion von semantischen Relationen ihrer lexikalischer Elemente untereinander“ (S. 53) – einer Erkenntnis, welche der Feldtheorie zugrunde liegt. Nichtsdestotrotz wünschte sich der Leser des Beitrages von Ulrich Ricken dann doch den Funken der Genialität, dem Bevir huldigt, auch bei einem konsequenten Bekenntnis zu methodischer Geradlinigkeit.

Die Beiträge von Rüdiger Zill und Lutz Danneberg zur Metapherngeschichte füllen den gesamten zweiten Teil des Bandes. Beide beziehen sich – der eine deutlich, der andere eher wortreich verborgen - auf die Metaphorologie Hans Blumenbergs. [4] Zill (S. 209-258) unternimmt, der spärlichen theoretischen Vorgaben Blumenbergs eingedenk, den gelungenen systematischen Versuch einer Rekonstruktion von dessen begrifflichem Gerüst im Hinblick auf einen Dialog mit vergleichbaren Bemühungen der Begriffsgeschichte bzw. der Metapherntheorie. Als Ergebnis lässt sich in der Lesart Zills schließlich für Begriff und Metapher ein „symbiotische(s) Verhältnis wechselseitiger Dienstbarkeit“ (S. 229) konstatieren.

Im letzten und mit Abstand umfangreichsten Beitrag des Bandes (S. 261-421) beschäftigt sich Lutz Danneberg mit der Frage nach „Sinn und Unsinn einer Metapherngeschichte“. Metaphernkonzepte sind demnach als Instrumente des Wissenschafts- oder Philosophiehistorikers mithin „genuiner Bestandteil der Philosophie- oder Wissenschaftsgeschichte“ (S. 264). Die anschließenden Erörterungen – leider zu häufig prätentiös und zuweilen manieriert, was nicht allein durch die Länge des Artikels ermüdet – verfolgen einerseits den Aspekt der Bedeutungszuweisung an einen metaphorischen Gebrauch vor dem Hintergrund der Frage „Are all metaphors true or false?“ (S. 268), andererseits die Problematik der Identifikation von Metaphern, deren Modell Ähnlichkeiten mit der Überprüfung von Hypothesen besitzt. Die hierbei auftretenden Entscheidungsprobleme wiederum hängen „im wesentlichen mit der Bestimmung der verschiedenen Kontexte zusammen, auf die bei der Identifikation eines metaphorischen Gebrauchs zurückzugreifen ist“ (S. 280). Mehr Aufmerksamkeit verdiente Dannebergs Hinweis auf Blumenbergs „ideale Forderung einer stets komplementären Methode“, denn es gilt „Begriff und Metapher, Definition und Bild als Einheit der Ausdruckssphäre eines Denkens oder einer Zeit“ (S. 421) zu betrachten. Die Lesbarkeit der kenntnisreichen und präzisen Argumentation leidet jedoch enorm unter einem Fußnotenapparat, der in keinem Verhältnis zum Umfang des Fließtextes steht.

Nimmt man Hans Blumenbergs Metapher von der „Lesbarkeit der Welt“ [5] als Postulat, so thematisiert der von Hans Erich Bödeker herausgegebene Band mit Begriffs-, Diskurs- und Metapherngeschichte verschiedene Zugangsweisen zu vergangenen Erfahrungen einer bereits alphabetisierten Welt, die in der Auseinandersetzung mit Textzeugnissen Geschichte fortschreiben. Wer jedoch lediglich titelgeleitet etwa einen systematischen Überblick oder gar eine Einführung in die reklamierten Bereiche erwartet, wird freilich enttäuscht.

Die Zusammenstellung der Beiträge entfaltet ein Spannungsfeld zwischen eher traditioneller Begriffsgeschichte und Metaphorologie. Diese thematische Polarisierung führt jedoch dazu, dass vorliegende Sammlung inhaltlich hinter dem gesetzten Erwartungsrahmen zurückbleiben muss. Von einigen wenigen Überlegungen Hans Erich Bödekers abgesehen, verwundert das nahezu vollständige Fehlen einer Diskursgeschichte, um deren Entwicklung sich in Deutschland vor allem Dietrich Busse verdient gemacht hat. [6] Ob an dieser Stelle mangelndes Interesse oder mangelnde Rezeption ausschlaggebend war, mag dahingestellt bleiben. Gleichwohl wird die Grenze zwischen Begriffs-, Diskurs- und Metapherngeschichte sicherlich nicht immer mit ausreichender Trennschärfe zu ziehen sein. Der jedoch vielfach beklagte fehlende Dialog erstaunt dennoch, als die Trias der Forschungsfelder zwar aufgrund der unterschiedlichen akademischen Traditionen einen explizit voneinander geschiedenen Zugriff in theoretischer wie methodischer Hinsicht entwickelt hat, aber offenkundig in historisch-linguistischer Perspektive konvergierende Erkenntnisabsichten verfolgt. Ein hier einsetzender Austausch über gemeinsame Interessen, auch wenn sie sich nicht ohne weiteres verbinden lassen, hätte Erfolg im intendierten Sinn genau dann, wenn die daran Beteiligten auf die untereinander präsentierten Konzepte faktisch eingingen und deren Potential als Stimulans für die weitere Forschung fruchtbar werden ließen. Genau dies wäre bei einer solchen Zusammenschau wie im vorliegenden Band das spannende Element gewesen. Der Konjunktiv verrät zumindest Zweifel, ob in Göttingen tatsächlich ein Gespräch stattgefunden hat.

Hinsichtlich der Fortführung einer bedeutungsgeschichtlichen Reorientierung ist diese Neuerscheinung im Rahmen der Göttinger Editionsreihe insgesamt ein großer Gewinn, der eine breite Kenntnisnahme zu wünschen ist. Der Band bietet eine tragfähige Basis für eine Anschlussdiskussion. Inwiefern der hier zugrunde liegende Anspruch zukünftig eingelöst wird, bleibt abzuwarten.

Anmerkungen
[1] Verwiesen sei hier auf dessen programmatische Entwürfe zum Projekt des Lexikons Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Koselleck, Reinhart, Richtlinien für das Lexikon politisch-sozialer Begriffe der Neuzeit, in: Archiv für Begriffsgeschichte 5 (1972), S. 81-99.
[2] So auch der Titel eines Sammelbandes mit Aufsätzen des Bielefelder Emeritus aus den vergangenen 25 Jahren: Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000.
[3] vgl. beispielsweise Bevir, Mark, The errors of linguistic contextualism, in: History and Theory 31 (1992), S. 276-298.
[4] Immer noch grundlegend Blumenberg, Hans, Paradigmen zu einer Metaphorologie, in: Haverkamp, Anselm (Hg.), Theorie der Metapher, Darmstadt 1962, S. 285-315.
[5] Blumenberg, Hans, Lesbarkeit der Welt, Frankfurt am Main 1981.
[6] Anregende Lektüre zu einer Diskursgeschichte versprechen nach wie vor Busse, Dietrich; Hermanns, Fritz ; Teubert, Wolfgang (Hgg.), Begriffsgeschichte und Diskursgeschichte. Methodenfragen und Forschungsergebnisse der historischen Semantik, Opladen 1994.

Zitation
Mandy Scheffler: Rezension zu: Bödeker, Hans Erich (Hrsg.): Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte. Göttingen 2002 , in: H-Soz-Kult, 26.05.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2259>.
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26.05.2003
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