F. Carlà u.a. (Hrsg.): Gift Giving and the ‘Embedded’ Economy

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Titel
Gift Giving and the ‘Embedded’ Economy in the Ancient World.


Hrsg. v.
Carlà, Filippo; Gori, Maja
Erschienen
Umfang
437 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Günther, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Das alles Entlarvende steht im Beitrag von Michael L. Satlow: „Mauss needed the existence of a ‘gift economy’ [scl. in archaic societies] to strengthen his critique of modern practices“ (S. 315). Damit könnte das Konzept einer archaischen „Gabentauschwirtschaft“ des französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss (1872–1950) eigentlich als telisches Narrativitätskonstrukt gebrandmarkt und mit einem Federstreich ad acta gelegt werden. Doch soweit wollen Herausgeber wie Autoren des Bandes, hervorgegangen aus einer 2012 veranstalteten Heidelberger Akademiekonferenz für Nachwuchswissenschaftler unter dem Titel „From social altruism to commercial exchange: Gift giving and the 'embedded' economy in the ancient world“, dann doch nicht gehen: Vielmehr unterziehen sie das Modell von Marcel Mauss einer umfassenden Revision auf theoretischer, sozio-politischer und akteurspragmatischer Ebene, um Phänomene wie „Geschenk“ und „Gabentausch“ in die politischen, sozialen, rechtlichen, religiösen und besonders auch ökonomischen Rahmenbedingungen einordnen zu können.

In einer umfänglichen Einleitung (S. 7–47) widmen sich die beiden Herausgeber zunächst der Dekonstruktion des Konzeptes von Mauss und dem Aufzeigen der zum Teil verhängnisvollen Wirkungen, die dieses in Verbindung mit anderen Ansätzen, etwa von Karl Polanyi und Moses I. Finley, auf die Erforschung (nicht nur) der antiken Ökonomie und ihres angeblichen „Primitivismus“ hatte. Aus dem ursprünglich dualistischen „Entweder-Oder“ von „Gabentauschwirtschaft“ und „Marktökonomie“ kommen sie so nicht nur zu einem „Sowohl-Als Auch“, sondern konstatieren ebenfalls ein Ineinandergreifen der Formen. Dies machen sie sowohl auf Akteurs- als auch auf Objektebene fest, wobei beide Ebenen einerseits eng vernetzt mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gewesen seien, andererseits diese auch hätten generieren können.

Diese gewissermaßen Neuaufstellung wie -formung des alten Konzeptes spiegelt sich in der thematisch orientierten Ordnung der insgesamt 17 Beiträge wider, wird allerdings jeweils unterschiedlich stark umgesetzt: Die ersten fünf Aufsätze setzen sich dabei vermehrt auf wissenschaftshistorisch-theoretischer Ebene mit den ineinandergreifenden Konzepten „gift giving“, „gift exchange“ und „gift economy“ auseinander: Beate Wagner-Hasel zeigt, dass schon bei einem Exponenten der berühmten Bücher-Meyer-Kontroverse, dem Nationalökonomen Karl Bücher, das Konzept von „Geschenk“ und „Geschenkeaustausch“ eng verwoben mit seinem Drei-Stufen-Entwicklungsmodell von Wirtschaft vorhanden war, mit der Ablehnung des Modells aber auch dies in Vergessenheit geriet (S. 51–69). Tendenziell hält sie dabei an einer Nützlichkeit des „gift exchange“ als Gegenmodell zur modernen Ökonomie fest. Marcel Hénaff (S. 71–84) erweist hingegen die Unmöglichkeit einer „gift economy“, da das Konzept des reziproken „gift exchange“ niemals ökonomischen Charakter annehmen könne; eine Qualifizierung des vielfach belegten Geschenkeaustauschs in Bezug auf die ebenso breit belegten marktwirtschaftlichen Aktivitäten bleibt in diesem stark theoretisierenden Beitrag jedoch aus. David Reinstein entfaltet sodann auf der Grundlage moderner wirtschaftstheoretischer Ansätze eine Dimensionierung von „Ab-Gaben“ im Rahmen gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse (S. 85–101): Deutlich wird hier, dass die Anonymität etwa von Steuern, die keine öffentliche Anerkennung generieren oder persönliche Nahverbindungen stabilisieren, nicht zu offenherziger Leistung derselben animiert, währenddessen etwa antike Leiturgien zwar nicht freiwillig, aber ob der gesellschaftlichen Anerkennung und der Belebung von Nahbeziehungen dann doch seitens der Begüterten geleistet wurden.[1]

Die beiden letzten Beiträge dieses Themenkomplexes widmen sich sodann zweier Epochen, um innerhalb dieser den „Gabentausch“ einzuordnen: Während Lucio Bertelli dabei aufgrund von Wortanalysen die unterschiedlichen Formen und Anlässe für „Geschenke“ bei Homer eruiert und damit ein nützliches Instrumentarium zur Analyse schafft (S. 103–134), versucht sich Koenraad Verboven an einer Einbindung des „Gabentauschs“ in soziale und ökonomische Aktivitäten der römischen Welt insgesamt (S. 135–153). Seine Einschätzung, dass Märkte zwar existierten, aber ob hoher Transaktionskosten in Form von Informationsdiskrepanzen nur über persönliche Tauschbeziehungen aufrechterhalten werden konnten, die wiederum soziale Schichtungen zementierten und damit letztlich weitere Entwicklung verhinderten, dürfte die Diskussion um den Charakter der römischen Wirtschaft anregen, da die entsprechenden Quellenbelege unter dem gleichen theoretischen Ansatz der Neuen Institutionenökonomie (NIÖ) auch anders, nämlich optimistischer gedeutet werden können.[2]

Vermehrt mit den sozialen Implikationen beschäftigen sich sodann fünf Beiträge: Lucia Cecchet untersucht die Praxis des Almosengebens in der griechischen Hemisphäre (S. 157–179). In diesen Fällen sei zwar keine adäquate Gegengabe möglich gewesen, dennoch sei die Reziprozität in Form von Dienstverpflichtung, zugelassener sozialer Kontrolle oder allgemein der Stabilisierung politischer und sozialer Verhältnisse vorhanden gewesen. Ob sich damit jedoch alle Episoden von Almosentätigkeit erklären lassen, bleibt für den Rezensenten zweifelhaft, der etwa für den von den Freiern der Penelope forcierten Bettler-Kampf des Odysseus (Hom. Od. 18,1ff.) eher literarische Gestaltungselemente in Bezug auf die Gesamtkomposition und -anlage des Epos denn Spiegelung sozialer Realitäten annehmen möchte. Dem Euergetismus widmet sich sodann Sabien Colpaert (S. 181–201), welche das Konzept Paul Veynes einerseits um reziproke Elemente, die sich in den Ehrendekreten spiegeln, erweitern, andererseits aber auch weitere Transaktionsprozesse wie Leiturgien oder andere Abgaben sowie das Einfordern einer konsentierten moral economy (nach Edward P. Thompson) hierzu in Beziehung setzen möchte. Hier könnte man zudem an die ökonomischen Effekte euergetischer Akte denken, etwa die Frage, ob und inwieweit diese Stiftungen von Personen aus dem Nahumfeld des Euergeten ausgeführt wurden und damit als paternalistisch-wirtschaftsfördernde Maßnahmen zu begreifen sind. Dass sich von der Form her grundsätzlich der christliche Euergetismus nicht vom paganen unterschied, allerdings (und verständlicherweise) andere Schwerpunkte (so auf kirchliche Projekte und Institutionen) gesetzt wurden, arbeitet Lellia Cracco Ruggini heraus (S. 203–212).

Aus juristischer Perspektive analysieren gleich zwei Beiträge, ob das Konzept der „Gabe“ auf bestimmte regelungsintensive Phänomene anzuwenden ist: Sowohl Andreas M. Fleckner für das peculium (S. 213–239) als auch Marta García Morcillo für die donatio (S. 241–266) müssen allerdings konstatieren, dass in beiden Fällen andere Mechanismen und Institutionen, so die verschiedentlich motivierte Zuteilung eines Sondervermögens an abhängige Söhne oder Sklaven durch den pater familias aufgrund seiner patria potestas im Falle des peculium oder der Schutz des Hausvermögens vor der ohnehin mit einer dos versorgten uxor in manus-freier Ehe im Falle des Verbots von Schenkungen unter Ehegatten im Vordergrund standen.

Formen und Funktionen von Gaben im religiösen Bereich beleuchten vier weitere Beiträge: Der schwierigen Interpretation von Hortfunden der Bronzezeit widmet sich Maja Gori (S. 269–288), wobei sie die unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten des gift-to-gods-Systems darlegt, etwa als Wechsel vom ökonomischen zu einem symbolischen Akt, der gleichsam soziale Bindungen generiert wie stabilisiert, sich jedoch der Problematik solcher Deutungen ohne weitere Indizien bewusst ist. Irene Berti präsentiert darauf (S. 289–313) konzise die unterschiedlichen Formen der Gabe in griechischen Heiligtümern, vom Kauf von dauerhaften Votivgaben über ephemere Weihungen bis hin zur Verteilung des Opferfleisches, und macht gleichzeitig das komplexe Netzwerk, das darob entstand, offenbar. Ähnlich deutlich wird dies im Beitrag von Michael L. Satlow, der sich auf das römische Palästina, die dort auch nach dem Jüdischen Krieg weiterhin existenten religiös legitimierten Abgabeformen (so etwa den Zehnten) und deren Zusammenhang mit Marktgeschehen konzentriert (S. 315–335). Wie ambivalent die Stellung der Christen zu Reichtum und Geschenken sein konnte, erweist hernach Luigi Canetti (S. 337–351), der unter anderem die Einflüsse der Konzeption einer paupertas Christi des Franz von Assisi nach der Aneignung ökonomischer Güter der Kirche unter die res sacrae in der Spätantike auf die Entwicklung des modernen Kreditwesens hervorhebt.

Der vierte Abschnitt widmet sich dann dem Objekt der Gabe: Luca Peyronel versucht sich, ähnlich wie bereits Gori anhand der Hortfunde, an einer Interpretation der Bedeutung von Silber in der Bronzezeit im Nahen Osten: Silber sei mehr als nur „Geld“ gewesen (S. 355–375). Er kann so zwar andere Formen der Silbernutzung, etwa in Form symbolischer Werte in Austauschprozessen, herausarbeiten, letztlich bleiben diese im Verhältnis zur breit bezeugten Verwendung als Geld jedoch aus Sicht des Rezensenten zu unbestimmt, um daraus ein „complex pattern of extra-economic elements which contributed to silver circulation“ (S. 370) zu konstruieren.

Einem ganz anderen „Objekt“ als Gabe widmet sich Thomas Blank, indem er die sich von den Sophisten abgrenzende Philosophie des Platon, Aristoteles oder Isokrates im Kontext der athenischen Öffentlichkeit des 4. Jahrhunderts v.Chr. als eine besondere Form der Leiturgie deutet (S. 377–402): Aufbauend auf dem Erklärungsmodell von Håkan Tell über die eigene Identitätsfindung durch Definition und damit gleichzeitiger Herabsetzung der „Anderen“ arbeitet er deutlich heraus, wie notwendig eine Neudefinition und Abgrenzung der ursprünglich aristokratisch geprägten Philosophie in der athenischen Demokratie für deren prominente Vertreter gegenüber den Sophisten war und wie sehr diese hierzu ihre Arbeit als für die Polis nützlich deklarieren und erweisen mussten, um in der merkwürdig zwischen Gleichheitsideal und Leistungsgedanken pendelnden Gesellschaft weiterhin vernetzt und obenauf zu sein.[3] Abschließend erweitert Filippo Carlà die bereits von Canetti und Cracco Ruggini getätigten Beobachtungen zur christlichen Gabenpraxis um den Aspekt der Reliquie als Tausch- und Handelsware (S. 403–437). Indem er die unterschiedlichen Praktiken der Aneignung primärer, sekundärer oder gar tertiärer Reliquien aus der antiken Überlieferung extrahiert, kann er deutlich herausarbeiten, inwieweit für jede spezifische Situation der „Wert“ einer Reliquie beispielsweise über komplexe objekt- bzw. akteursgebundene Werteinschätzungen erfolgte und wie diesbezüglich etwa eine Reliquienabgabe entweder stattfand oder gegebenenfalls auch unterbunden wurde.

Damit weist Carlà aus Sicht des Rezensenten zugleich auf die Stärken und Schwächen des Konzeptes „Gabe“ und den weiteren Derivaten wie „Gabentausch“ oder gar „Gabentauschwirtschaft“ sowie damit des gesamten Bandes hin: Je mehr sich nämlich die Beiträge den jeweiligen Quellen und deren Rahmenbedingungen zuwenden, desto mehr reißen sie zwar einerseits festgefügte Pflöcke des ohnehin brüchigen Konzeptes von Marcel Mauss aus, kommen allerdings andererseits der Integration der „Gabe“ als ein unter mehreren Möglichkeiten politischen, sozialen, aber und gerade auch ökonomischen Handelns in der Antike näher. Insofern ist dieser Sammelband ein anregendes Angebot und eine Herausforderung zugleich, den lange abgebrochenen Dialog zwischen sogenannten „Primitivisten“ und „Modernisten“ einmal unter ganz anderen Aspekten als der Neuen Institutionenökonomie aufzunehmen und in neue Denkmodelle weiterzuführen.

Anmerkungen:
[1] Zum komplexen Verhältnis von Leiturgien als „aristokratischer“ Leistung samt Gegenleistung innerhalb der „demokratisch-gleichheitsorientierten“ Polis Athen vgl. jetzt Sven Günther / Franziska Weise, Zwischen aristokratischem Führungsanspruch und demokratischem Gleichheitsideal – Überlegungen zur Gymnasiarchie im 5./4. Jahrhundert v. Chr., in: Kaja Harter-Uibopuu / Thomas Kruse (Hrsg.), Sport und Recht in der Antike, Wien 2014, S. 59–87.
[2] Vgl. nur den Bericht zur Tagung „Antike Wirtschaft und ihre kulturelle Prägung (2000 v. Chr.–500 n. Chr.), die sich explizit der NIÖ und deren Anwendbarkeit auf ökonomische Fragestellungen widmete, in: H-Soz-u-Kult, 02.06.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5402> (30.07.2014). Für die Römische Republik siehe jetzt beispielsweise die äußerst anregende Studie von Philip Kay, Rome’s Economic Revolution, Oxford 2014; dazu die Besprechung des Rezensenten in: H-Soz-u-Kult, 28.07.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-3-070>.
[3] Vgl. dazu jetzt auch seine umfang- wie kenntnisreiche Dissertation von Thomas Blank, Logos und Praxis. Sparta als politisches Exemplum in den Schriften des Isokrates, Berlin 2014.

Zitation
Sven Günther: Rezension zu: Carlà, Filippo; Gori, Maja (Hrsg.): Gift Giving and the ‘Embedded’ Economy in the Ancient World. Heidelberg 2014 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22725>.
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11.08.2014
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