W. Wolff u.a.: Das eigene Leben erzählen

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Titel
Das eigene Leben erzählen. Geschichte und Biografie von Hamburger Juden aus zwei Generationen. Hrsg. von Linde Apel


Autor(en)
Wolff, Walter; Wolff, Moshe
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Umfang
277 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexis Hofmeister, Departement Geschichte, Universität Basel

Judith, Franz Moshe, Jacob („Jack“), Gerald („Jerry“) und Rudolph („Rudi“) – die fünf Geschwister der Hamburger Familie Wolff verkörpern nicht den Normalfall der zwischen 1920 und 1930 in Deutschland geborenen Juden. Es finden sich hier wenige Familien, in denen sämtliche Geschwister sowie beide Eltern die Shoa überlebten. Auch kam die Mehrzahl nicht aus einem religiös-orthodoxen Elternhaus, in dem der Vater eher zionistisch gesinnt war und die Mutter der Agudat Jisrael – einer entschieden antizionistischen Gruppe – nahestand. Es ist daher von besonderem Interesse, die Familienbiographie der Wolffs anhand der autobiographischen Aufzeichnungen des Vaters Walter Wolff (1887–1966) und des Sohnes Franz Moritz bzw. Moshe Wolff (geb. 1921) nachzuvollziehen. Dass die Erinnerungen von Walter und Moshe Wolff nun in einer mit zahlreichen Fotos bebilderten, qualitativ hochwertigen Ausgabe vorliegen, ist neben Linde Apel und dem Wallstein Verlag dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg[1] sowie dem Verein für Hamburgische Geschichte, die als Ko-Herausgeber fungieren, zu verdanken.

Die Herausgeber haben entschieden, die 1962 niedergeschriebene Lebensgeschichte Walter Wolffs sowie die ab 2009 notierten Erinnerungen Moshe Wolffs chronologisch zu ordnen, sodass beide Erzählungen sich ergänzen und manche Erfahrung aus zwei verschiedenen Perspektiven nachvollzogen werden kann. Mehr und mehr nimmt der Anteil der von Walter Wolff berichteten Ereignisse ab und wird durch interviewartige Passagen seiner Kinder Jacob (1926–2010), Gerald (geb. 1927) und Rudolph (geb. 1931) ergänzt. Vor allem aber tritt die Lebenserzählung von Franz Moritz (geb. 1921), der sich seit seiner Einwanderung nach Palästina 1946 Moshe nennt, in den Vordergrund. Die Handlung verlagert sich entsprechend aus Hamburg, der Geburtsstadt Moshes, in den Nahen Osten, seiner neuen Heimat. Grundlage und Material der hier abgedruckten Selbstzeugnisse der Familie Wolff sind die Dokumente, die Moshe Wolff 2010 der Werkstatt der Erinnerung, dem Oral-History-Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, zur Verfügung stellte. Am Ende der Erinnerungen erklärt Moshe Wolff: „Ich habe meine Erinnerungen für meine Enkel aufgeschrieben, auch wenn sie heute kein Deutsch mehr sprechen. Aber vielleicht gibt es ja andere stellvertretende Enkel, die die Geschichte der Familie Wolff lesen möchten.“ (S. 259)

Mehrere Interessen mögen diese stellvertretenden Enkel bewegen. Zuerst besitzen die Erinnerungen aus Hamburger Sicht eine regionalhistorische Bedeutung. Daneben ist diese originelle Quelle für Zeithistoriker und Zeithistorikerinnen mit Interesse für jüdische Geschichte vom Kaiserreich bis zu den deutsch-israelischen Beziehungen zu empfehlen. Familienbiographische Aspekte wie die Erzählung von der Brautwerbung Walter Wolffs, seine Erinnerungen an den Soldatenalltag in Polen im Ersten Weltkrieg, aber auch die Schilderung des Verhältnisses von Moshe Wolff zu seinen Eltern und Schwiegereltern stellen eine Fundgrube für mentalitäts-, erfahrungs- und emotionshistorisch Interessierte dar. Nicht zuletzt dokumentieren die dem Band beigefügten Fotos aus dem Familienarchiv den Wandel des Alltags im 20. Jahrhundert. Dass die Aufnahmen Moshe Wolffs, die während seiner Teilnahme am Italien-Feldzug der Alliierten entstanden, mehr als persönliche Bedeutung besaßen, illustriert die Tatsache, dass die Fotografien zur Eröffnung des wieder errichteten Klosters auf dem Monte Cassino gezeigt wurden (S. 163).

Allerdings fallen dem Historiker als stellvertretendem Enkel in beiden autobiographischen Texten Leerstellen auf, die nicht unerwähnt bleiben sollen, weil sie ebenfalls wichtige Aussagen sind, wenn auch in negativer Form. Während Walter Wolff nur an einer Stelle die Bedeutung religiöser Gebote für seinen Alltag erwähnt und seine Identität als orthodoxer Jude nicht in Abgrenzung zu nichtorthodoxen Formen des Judentums oder vis-a-vis dem Christentum thematisiert, spielt für Moshe Wolff die nichtjüdische Geschichte Palästinas, an dessen „Eroberung“ er sich beteiligt, nur ausnahmsweise eine Rolle. Freilich ist in beiden Fällen weniger von einem bewussten Verschweigen als von auch für das vorgestellte Lesepublikum angenommenen Selbstverständlichkeiten auszugehen. Beide Lebenserzählungen sind vor der Folie der Vertreibung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden entstanden. Doch vermitteln die im Abstand von fast einem halben Jahrhundert entstandenen Lebenserzählungen von Vater und Sohn nicht nur auf der familienbiographischen Ebene eher den Eindruck der Kontinuität als des Bruchs. Die Shoa wird in ihrer Wirkung auf konkrete Lebensläufe, nicht aber als Höllensturz der Zivilisation und Katastrophe der Sinnlosigkeit thematisiert. Dies entspricht der Situation der Befragung des Zeitzeugen durch eine ihm vertraute Person, aber auch dem persönlichen, fast intimen Charakter von Lebensauskünften, die im Hinblick auf das Interesse der Nachgeborenen niedergelegt wurden. Teleologie und narrative Logik biographischer Lebenserzählung tun ihr Übriges.

Dessen ungeachtet lässt sich der Bericht beider Autobiographen als individueller Protest und intellektuelle Abwehr der allgegenwärtigen Gewalterfahrung zu ihren Lebzeiten lesen. Von Moshes Schwester Judith sowie ihrer Mutter Eugenie (Ena, 1887–1977) liegen keine autobiographischen Texte vor. Als weibliche Stimmen lassen sich allenfalls Erinnerungen der Ehefrau von Moshe Wolff, Karla, sowie die edierten Briefe der Kinderfrau der Wolffs, Dora Lexandrowitz, die 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde, heranziehen.[2] Auf Selbstzeugnissen in Briefen, die Moshe Wolff einst von Europa nach Tel Aviv sandte, fußen auch seine Erinnerungen an die kritische Zeit zwischen dem Machtantritt Hitlers 1933 und der Auswanderung der Familie Wolff 1938. Sein bester Freund aus Jugendtagen, Daniel J. Cohen (1921–1989), der spätere Direktor der Jerusalemer Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP), bewahrte sie auf.

Verlangt die Illustration des autobiographischen Textes von Moshe Wolff durch seine Fotos eine besonders sensible Quellenkritik? Dies soll abschließend am Beispiel des zentralen Aufstiegsnarrativs, einem für zionistische Texte nicht untypischen Erzählmuster, diskutiert werden. Die Auswanderungserzählung, im Laufe derer sich ein „Hamburger Jung“ in einen israelischen Ackerbauern verwandelt, läuft trotz manch biographischen Umwegen auf die Erreichung des angestrebten Lebensziels hinaus. Die sauer errungene Selbstständigkeit gipfelt in der für die frühen 1950er-Jahre getroffenen Feststellung: „Ich hatte zu dieser Zeit mein Ziel erreicht: einen Meschek [private Farm] in Erez Israel.“ (S. 201) Illustriert wird dies durch ein Foto Moshe Wolffs auf seinem Traktor (S. 199), das auch den Schutzumschlag des Bandes ziert. Das Foto steht im Kontrast zu einem ebenfalls auf dem Umschlag befindlichen Porträt Walter Wolffs, das ihn lesend „beim Studium der Thora“ zeigt (S. 193). Auch diese Kontrastierung von religiöser Bildung als einem in der Diaspora unerlässlichen Kitt des Volkes Israel und der sich in dem hemdsärmeligen Traktorfahrer ausdrückenden Körperlichkeit des neuen jüdischen Menschen ist aus der zionistischen Geschichtsdeutung bekannt. Die Deutung, dass sich an Moshe Wolff die Erfüllung der alten Prophezeiung von der Sammlung des in alle Himmelsrichtungen zerstreuten jüdischen Volkes bewahrheitete, legt sein Kommentar „Es wurde wahr, wir haben es erlebt.“ (S. 217) nahe. Der Anklang an das Motto von Theodor Herzls Roman „Altneuland“ Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen! ist sicher nicht zufällig, obwohl Herzl für den Zionismus der Wolffs eine eher untergeordnete Rolle spielte. Doch nur selten tritt die Parallele zwischen kollektiver religiöser Erwartung und individueller biographischer Sinngebung in den Erinnerungen so deutlich wie an dieser Stelle hervor. Über weite Strecken dominiert dagegen der nüchtern bilanzierende Gestus der bürgerlichen Aufstiegs- und Bildungsbiographie.

Die in mehrfacher Hinsicht beispielhafte Publikation wird dazu beitragen, dass man beim Hören des Begriffs „Gebrüder Wolf“ nicht mehr nur den Hamburger Gassenhauer vom „Jung mit’n Tüdelband“ im Ohr hat,[3] sondern ebenso an das Familiengedächtnis der Familie Wolff denkt, das das 20. Jahrhundert überlebt hat und so seine Brüche und Kontinuitäten aufheben kann.

Anmerkungen:
[1] Siehe <http://www.werkstatt-der-erinnerung.de/jeckes/wolff.html> (09.11.2015).
[2] Karla Wolff, Ich blieb zurück. Erinnerungen an Breslau und Israel, hrsg. von Ingo Loose, Berlin 2012 (1. Aufl. Heppenheim 1990); Heidemarie Kugler-Weiemann (Hrsg.), „Hoffentlich klappt alles zum Guten …“ Die Briefe der jüdischen Schwestern Bertha und Dora Lexandrowitz (1939–1941), Neumünster 2000.
[3] Vgl. Frank Bajohr, „Nur deutsch will ich sein.“ Jüdische Populärkünstler, antijüdische Stereotype und heutige Erinnerungskultur. Das Beispiel der Hamburger Volkssänger Gebrüder Wolf, in: Marion Kaplan / Beate Meyer (Hrsg.), Jüdische Welten. Juden in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Göttingen 2005, S. 373–396.

Zitation
Alexis Hofmeister: Rezension zu: Wolff, Walter; Wolff, Moshe: Das eigene Leben erzählen. Geschichte und Biografie von Hamburger Juden aus zwei Generationen. Hrsg. von Linde Apel. Göttingen 2014 , in: H-Soz-Kult, 03.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22895>.
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03.03.2016
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