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Title
Gegenstücke. Populäres Wissen im transatlantischen Vergleich (1948–1984)


Author(s)
Heumann, Ina
Published on
Extent
391 S., 29 SW- u. 35 Farb-Abb.
Price
€ 49,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Arne Schirrmacher, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die 2010 an der Universität Wien abgeschlossene Dissertation von Ina Heumann über „Stile der Wissenskommunikation im deutsch-amerikanischen Vergleich (1945–1984)“, die nun in leicht überarbeiteter und gekürzter Fassung publiziert wurde[1], vergleicht „die Zeitschrift ‚Bild der Wissenschaft‘ sowie ihr Vorbild ‚Scientific American‘ [a]nhand einer mikroskopischen und dichten Beschreibung von Bildern, Texten, Inhalten, Akteuren und Netzwerken, die beide Zeitschriften charakterisierten und hervorbrachten“ (so die Verlagswerbung).

Der mikroskopische Blick bewegt sich dabei ausschließlich innerhalb der bildlichen, textlichen, personellen und semantischen Zusammenhänge, die sich jeweils aus den beiden Zeitschriften heraus entfalten lassen, wobei zwangsläufig eine enge Auswahl aus zwei beziehungsweise vier Publikationsjahrzehnten getroffen werden musste. Weder geht es um synchrone Vergleiche der Wissensvermittlung noch um inhaltsspezifische Genres populären Wissens; leitend ist vielmehr die Frage, „ob in der medialen Formierung des Wissens […] ein prägnanter Stil erkennbar wird, der […] die Zeitschriften zu je originellen Formen populären Wissens macht“ (S. 13). Grundlage dazu ist Ludwik Flecks „vergleichende Denkstilforschung“, mit der die beiden Zeitschriften als „denksoziale Formen“ untersucht werden. Angereichert wird dieser Ansatz mit literatur-, kultur- und medienwissenschaftlichen Ansätzen à la Jürgen Trabant, Clifford Geertz oder Christoph Windgätter sowie etwas Systemtheorie nach Urs Stäheli.

Nun hat die Erforschung populären Wissens seit einiger Zeit Konjunktur, ebenso wie Fragen nach der Medialisierung, Kommerzialisierung und Weltbilderzeugung, die an die Wissenschaft gestellt werden. Die Betrachtung der Formen und Rollen wissenschaftlichen Wissens in modernen Gesellschaften ist mittlerweile ein analytisches Werkzeug zu deren Beschreibung geworden; man denke nur an die Geschichte der USA im 20. Jahrhundert. Insofern stellt sich die Frage, wie die mikroskopische und damit notwendigerweise selektive Analyse je einer amerikanischen und einer westdeutschen populärwissenschaftlichen Zeitschrift sich in den Forschungsstand einfügt und welche neuen Ergebnisse breitere Gültigkeit beanspruchen können.

Hinter der Gliederung der Hauptkapitel – „Medien“, „Stile“ und „Welten“ – verbergen sich zunächst längere biographische Darstellungen und kürzere gesellschaftshistorische Exkurse. Heumanns Untersuchungszeitraum der Zeitschrift „Scientific American“, die schon seit 1845 erscheint, beschränkt sich auf die Herausgeberschaft durch den Historiker und Wissenschaftsredakteur Gerard Piel sowie dessen Partner Dennis Flanagan, der Englisch studiert hatte, bevor er Technikredakteur wurde. Beide waren zunächst bei der Zeitschrift „Life“ gewesen. Ab 1948 verwandelten sie „Scientific American“ von einem Organ für Amateurwissenschaftler in ein prosperierendes Unternehmen der Wissenschaftsvermittlung für eine interessierte, wissenschaftlich gebildete Öffentlichkeit, bis sie 1984 den Stab weitergaben.

„Bild der Wissenschaft“ wird als Neugründung nach dem Vorbild von „Scientific American“ beschrieben, als ein Projekt, das Heinz Haber 1964 verwirklichte und bis in die 1980er-Jahre maßgeblich gestaltete. Haber indes kam aus der Physik und konnte noch im „Dritten Reich“ Karriere machen, bevor er als eine Art „kleiner“ Wernher von Braun in den USA über Flugmedizin forschte und schließlich Walt Disneys Inkarnation des Atomforschers wurde („Our Friend the Atom“, Buch und Film von 1956/57). Habers opportunistische Vergangenheitsbegradigungen und sein Reiten auf der Amerikanisierungswelle (sowie sein rechtzeitiges Abspringen) machten ihn zum ambivalenten, aber nicht minder überzeugenden Vertreter der Wissenschaft in der Bundesrepublik. All das wird auf der Grundlage breiten Materials aus den Archiven staatlicher und wissenschaftlicher Institutionen entfaltet. Leider erlaubt es der Ansatz nicht, Habers Rolle im Fernsehen zu behandeln, die seine öffentliche Persona noch stärker definiert hat. Dass aber eine zentrale Thematik wie das Apollo-Programm und die Mondlandung der dichten Beschreibung entgeht, ist weniger verständlich.

Überzeugend gelingt der Autorin die Gegenüberstellung von Habers Konzept einer „öffentlichen Wissenschaft“ – die anders als alle verpönte Popularisierung „mit Sicherheit und Würde“, wie Haber betonte, den Sprechern der Wissenschaft erlaubte, sich an eine Öffentlichkeit zu wenden, zugleich aber auch den Leser verpflichtete, sich zu informieren – mit Piels und Flanagans „links-liberaler“ Vermittlertätigkeit. Diese fand explizit zwischen der spezialisierten Naturwissenschaft und einem wissenschaftlich oder technisch gebildeten Publikum statt, das jenseits eigener Spezialisierung anderweitig Laie war. Mit der Emanzipation vom amerikanischen Vorbild – nach Haber einer „Germanisierung“ – wurde die kritische Perspektive in der Bundesrepublik zu einer rationalistischen uminterpretiert. Zwar griff er die Themen Kernenergie und Waldsterben prominent auf, pochte aber darauf, jede „irrationale“ Kritik zu vermeiden, was zu einer Kontroverse mit seinem Kolumnisten Robert Jungk führte.

Richtig in ihrem Element scheint die Autorin in denjenigen Teilen zu sein, wo es um bildsprachliche und typographische Analysen der Zeitschriften geht (und damit auch um längere Entwicklungen), oder um die Verbindung von Werbung und Berichterstattung, die aus dieser Perspektive untersucht wird. Das ist auch insofern zentral, als Haber die Zeitschrift nur mit Werbeunterstützung aus der Industrie etablieren konnte und seine „öffentliche Wissenschaft“ als Verkauf einer Ware verstand. Von den Werbefachleuten konnte man lernen.

Das Kapitel „Welten“ öffnet noch weitere Perspektiven: „Politologien“, Geschlecht und – ja – Leser. Da populäre Wissenskommunikation „Realitätsbilder“ transportiert, ist deren politische Bestimmung durch die Redakteure zu betrachten, die bei Haber eher meritokratisch gegen einen kritischen Journalismus agierten, während das Team Piels und Flanagans in den USA Robert Mertons Idee einer Verbindung von Wissenschaft und Demokratie anhing, die politische und wissenschaftliche Aufklärung in eins setzte. Weniger überzeugend erscheint der Versuch der Autorin, „reine Wissenschaft“ als männlich zu interpretieren, während sie die Einstellung von Redakteurinnen in den 1970er-Jahren als quasi zwangsläufige Folge generationeller „Umstrukturierung“ erachtet. Über eine Analyse der Leserbriefe kommen die Leser zu spät in den Blick. Anders als zuvor behauptet, entpuppen sie sich nicht als „massenmediales Publikum“, sondern als die akademisch Gebildeten und Studenten (S. 288).

Dem Buch, das sich wie ein langer Essay liest, über weite Strecken mit einer bewundernswerten Verve geschrieben ist und sich einer breiten Literatur bedient, kann man den einen oder anderen Seitenhieb verzeihen, wenn Heumann der bisherigen Forschung etwa „mediale Blindheit“ oder das vermeintliche Übersehen der „werbewirtschaftlichen Bestandteile“ attestiert (S. 112ff.). Problematischer ist indes das weitgehende Fehlen der Grenzbestimmung des eigenen Horizonts. Zum einen verstellt die Mikroperspektive den Blick auf ansonsten geläufige Kontexte: Weder „Scientific American“ noch „Bild der Wissenschaft“ waren die einzigen populärwissenschaftlichen Zeitschriften ihrer Zeit; sie waren vielmehr Teile diversifizierter Vermittlungssysteme aus zum Teil konkurrierenden Organen. „Bild der Wissenschaft“ mag sich am amerikanischen Vorbild orientiert haben, es übernahm aber den Platz, den bis Ende der 1950er-Jahre die Zeitschrift „Orion“ belegt hatte, und musste sich jahrelang gegenüber dem dominierenden „Kosmos“ etablieren, um 1979 von „P.M.“ sowie später gar von der deutschen Ausgabe eben des „Scientific American“ überrundet zu werden, den es hatte „germanisieren“ wollen. Ähnliche Kontextualisierungen wären für „Scientific American“ nötig, was John Burnham 1987 in seinem nicht unumstrittenen Standardwerk zur Wissenschaftspopularisierung in den USA begonnen hat, während Marcel LaFollette 1990 sowohl Geschlecht als auch Bildsprache betrachtet hat.[2] Zudem sind der jüngeren Forschung die Felder Werbung und Medialisierung von Wissenschaft nicht entgangen.[3]

Dass Heumann keine Verlagsarchive nutzen konnte, weil diese gerade vernichtet worden waren (S. 17f.), ist der Autorin nicht anzulasten. Unverständlich erscheint aber der Umstand, dass die 2010 abgelieferte Arbeit drei Jahre lang für die Forschung unzugänglich und so dem wissenschaftlichen Diskurs entzogen war.[4] Die nun vorliegende Fassung ignoriert wichtige Teile des aktuellen Forschungsstands, was in der ersten Fußnote eingeräumt wird. Aus den Jahren 2010 bis 2014 wurden lediglich fünf Referenzen hinzugenommen (plus drei Eigenzitate), obwohl eine ganze Reihe neuer relevanter Schwerpunkthefte, Sammelbände und Monographien erschienen ist. Es fehlt sogar ein Band zum Genre Wissenschaftszeitschrift, zu dem die Autorin selbst einen Text beigesteuert hat.[5]

Ina Heumanns Buch ist dennoch eine spannende Lektüre und bietet viel Neues insbesondere zu den Akteuren der populären Wissenschaftspublizistik auf der Herausgeberebene. Wie der Titel „Gegenstücke“ nahelegt – welcher einen Begriff Heinz Habers aufgreift, mit dem er den Anspruch seiner neuen Zeitschrift gegenüber dem „altrenommierten“ amerikanischen Vorbild charakterisierte –, bedarf es auch bei der vorliegenden Arbeit des Komplements durch den Forschungsstand der letzten Jahre, in den die Ergebnisse einzuordnen sind. Leider bleibt dies dem Leser selbst überlassen.

Anmerkungen:
[1] Auch im Open Access: <http://www.boehlau-verlag.com/download/163177/978-3-205-79511-7_1_OpenAccess.pdf> (15.04.2015).
[2] John C. Burnham, How Superstition Won and Science Lost. Popularizing Science and Health in the United States, New Brunswick 1987; Marcel C. LaFollette, Making Science Our Own. Public Images of Science 1910–1955, Chicago 1990.
[3] Vgl. etwa das Kapitel „Identitätskonstruktion durch narrative Industriewerbung in ‚Bild der Wissenschaft‘ 1968“, in: Rolf-Ulrich Kunze, Mit der Technik auf du. Technik als soziale Konstruktion und kulturelle Repräsentation, 1930–1970, Karlsruhe 2012, S. 205–251.
[4] <http://othes.univie.ac.at/12656/> (15.04.2015).
[5] Vgl. etwa Sigrid Stöckel / Wiebke Lisner / Gerlind Rüve (Hrsg.), Das Medium Wissenschaftszeitschrift seit dem 19. Jahrhundert. Verwissenschaftlichung der Gesellschaft – Vergesellschaftung von Wissenschaft, Stuttgart 2009; Faidra Papanelopoulou / Agustí Nieto-Galan / Enrique Perdiguero (Hrsg.), Popularizing Science and Technology in the European Periphery, 1800–2000, Aldershot 2009; Simone Rödder / Martina Franzen / Peter Weingart (Hrsg.), The Sciences’ Media Connection. Public Communication and its Repercussions, Heidelberg 2012; sowie mehrere Themenhefte einschlägiger wissenschaftshistorischer Zeitschriften – unter anderem „Centaurus“, „Science and Education“ und „Science in Context“.

Citation
Arne Schirrmacher: Rezension zu: Heumann, Ina: Gegenstücke. Populäres Wissen im transatlantischen Vergleich (1948–1984). Wien 2014 , in: H-Soz-Kult, 22.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22981>.
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22.04.2015
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