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Titel
Antike Religion.


Autor(en)
Linke, Bernhard
Erschienen
München 2014: de Gruyter Oldenbourg
Umfang
XIII, 196 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Weigel, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Ob religiös aufgeladene Integrationsdebatten, die institutionelle Ausprägung als ‚Protzbischof‘ oder Identifikation des ‚arabischen Frühlings‘ und des IS-‚Kalifats‘ mit verschiedenen Formen eines politischen Islams: Der Diskurs über Religion ist zunehmend über den Bereich einer vor allem verfassungsrechtlichen Abgrenzungsdebatte zwischen Staat, Kirche und privatem Glaubensbekenntnis hinausgewachsen. Dabei kann der Blick in die Geschichte Religion als eines dieser anthropologischen Phänomene aufzeigen, die menschliche Gesellschaften von Anfang an durchdrangen und prägten.

Die Zahl einführender Werke über die Religion der griechischen und römischen Antike ist zuletzt wieder angewachsen.[1] Bernhard Linke legte nun in der Reihe „Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike“ ein Handbuch zur Antiken Religion vor, das reihentypisch einführende Darstellung und aktuelle Forschungsfragen verknüpft. Dank der bekannten Aufteilung in enzyklopädischen Teil (S. 1–61), „Grundprobleme und Tendenzen der Forschung“ (S. 63–146), thematisches Literaturverzeichnis (S. 147–185) und Personen-, Sach- und Ortsregister (S. 189–197) ist auch dieser Band für Lehrbeauftragte und Studierende ein Handbuch im Wortsinne.

Der Religionsbegriff ist problembehaftet. So schrieb schon Max Weber, dass „eine Definition dessen, was Religion ist, unmöglich an der Spitze, sondern allenfalls am Schluss einer Erörterung“[2] darüber stehen könne. Linke sieht für das „Phänomen [antiker] Religion […] die subjektiven Selbstbeschreibungen in einem besonders starken Spannungsfeld zur distanzierten Außensicht in den modernen wissenschaftlichen Rekonstruktionen“ (S. 1), die Aufgabe des vorliegenden Bandes sei also auch ein Ausgleich zwischen Antike und funktionaler moderner Analyse.

Für die inhaltliche Darstellung der griechischen und römischen Religion im 61 Seiten umfassenden enzyklopädischen Teil, beschränkt der Autor die Beschreibung vor allem auf das archaische und klassische Griechenland bzw. das republikanische Rom. Das Buch beginnt und endet chronologisch somit für beide untersuchten Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeitpunkten und stellt eher die unterschiedlichen Entwicklungen Griechenlands und Roms von der jeweiligen Frühzeit bis zur Integration in den größeren mediterranen Zusammenhang dar. Methodisch ist es sinnvoll, die Schilderung der typischen Ausprägungen griechischer und römischer Religiosität zum Zeitpunkt der teilweisen Auflösung der Spezifika (Übergang in den Hellenismus bzw. in die Kaiserzeit) enden zu lassen. Ein Buch mit dem Titel „Antike Religion“ muss allerdings damit rechnen, einer weiter gefassten Erwartungshaltung zu begegnen. Die Entscheidung des Autors, der Problematik der Verknappung im enzyklopädischen Teil mit einem bilanzierenden Kapitel zu begegnen, in dem griechische und römische Religion verglichen und vor allem Unterschiede herausgearbeitet werden (S. 49–61), erscheint dabei als gelungen. In Forschungsteil und Literaturverzeichnis stellt Linke jeweils ein Kapitel zur Forschungsgeschichte (S. 63–76 und S. 147–152) voran, in denen er Einflüsse aus Ethnologie, Anthropologie und Soziologie für die Erforschung der antiken Religion chronologisch und thematisch bündelt und einen – pointiert geschriebenen – Überblick über die frühere und aktuelle Grundlagenliteratur und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung liefert. Kern der Untersuchung sind allerdings die vier thematischen Kapitel „Die sakralen Mächte“, „Sakrale Rituale“, „Die Heiligtümer“ und „Die Priester“, die sich in allen drei Teilen des Handbuchs wiederfinden.

Im Kapitel über „Die sakralen Mächte“ (S. 3–14 bzw. S. 77–94) geht der Autor von den Besonderheiten in polytheistischen Religionen (S. 3) aus, was „die Kräftebalance zwischen den göttlichen Mächten […] und das Spannungsfeld zwischen Individualität der einzelnen Gottheit und ihrer Einordnung in einen übergreifenden religiösen Deutungshorizont“ (S. 78) meint. Die sakralen Mächte waren teils funktional ausdifferenziert und bildeten mit Zeus und Iupiter auch Hierarchien im Rahmen einer für Götter und Menschen gleichermaßen gültigen kosmologischen Rahmenordnung aus. Ein so geartetes Pantheon tritt uns bei Homer und Hesiod und auch in der Vasenmalerei als in Größe und Macht übermenschliche Gottheiten entgegen, die abstrakte, aber auch personalisierte und erfassbare Züge tragen. Die kultische Verehrung mancher, auch über die Beinamen fassbarer Aspekte, band einige städtische Gemeinschaften sehr stark an eine bestimmte Gottheit. Die Rolle von Zeus als möglicher kultischer Projektionsfläche für einzelne ambitionierte Mitglieder der Aristokratie wird dabei überzeugend problematisiert (S. 85f.). Wie auch in Kapiteln zur römischen Republik gelingt Linke hier die Gratwanderung zwischen moderierender Darstellung der Forschungsmeinungen und Einordnung auch eigener einschlägiger Beiträge zu einzelnen Fragen.[3] Das Unterkapitel über „Die sakralen Mächte in der römischen Kultur“ (S. 10–14 und S. 88–95) stellt dabei zu Recht die der römischen Gesellschaft eigentümliche „Verzahnung von religiösem Glauben mit politischem Erfolg“ (S. 13), mithin eine Art von Vorstellung, das von Iupiter Optimus Maximus auserwählte Gemeinwesen zu sein, heraus.

Über Kult, Ritual und Opferpraxis wollten griechische und römische Gesellschaften ein positives Verhältnis zu den sakralen Entitäten und der kosmischen Ordnung gründen und perpetuieren. Das Kapitel „Sakrale Rituale“ (S. 14–31 und S. 95–117) befasst sich mit Bedeutung und Formen dieser performativen Akte. Die Nachrangigkeit des individuellen Glaubens gegenüber der aktiven und passiven Teilnahme an der Kulthandlung der Gemeinschaft bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen. Dabei spielte die Vorstellung von Reinheit und Befleckung sowohl für Griechen als auch für Römer eine große Rolle. Der Wunsch nach Wiederherstellung von Reinheit nach einer Befleckung der gesamten Gemeinschaft durch Einzelne oder Gruppen führte zu stark ritualisierten Mechanismen, denen sich der Befleckte oder die gesamte Gemeinschaft unterwarfen; im Extremfall – dies hätte noch stärker akzentuiert werden können – bis hin zu Exklusionsprozessen, die über das Orakel von Delphi oder Schlichtungsverfahren auch die Auswanderung befleckter Teile der Gemeinschaft beförderten.[4] Bei der Kommunikation mit dem Sakralen kommen neben den Vollbürgern eines Gemeinwesens auch Frauen, Fremde und Unfreie in den Blick der Darstellung. Sozialer Status und Partizipation zeigten sich nicht zuletzt in den konkreten aktiven und passiven Mitwirkungsmöglichkeiten dieser Gruppen an verschiedenen Kulten und Opferpraktiken. Die recht komplexe und im Detail äußerst streitbare Forschung dazu kann Linke mit den Begrifflichkeiten vom „gleitenden Übergang von der ‚tolerierten Anwesenheit‘ bis zur ‚aktiven Teilnahme‘“ und der „Potentialität der Teilhabe an der Wahrnehmung der Religion“ (S. 18) besser einordnen. Allerdings fällt gerade an solchen Stellen, an denen die moderne Forschung mit der vermuteten Mentalität der untersuchten Gesellschaften kontrastiert wird, die für die Reihe typische Quellenarmut mehr ins Gewicht. Nichtsdestotrotz zeigt sich hier auch die Stärke des Handbuchs: Zu vielen Fragen gibt es souverän und schnell inhaltliche Orientierung, ohne im Forschungsteil auf Komplexität bei der Problematisierung zu verzichten.

Das dritte Kapitel (S. 31–39 und S. 117–129) widmet sich den Heiligtümern, also der tatsächlichen räumlichen Verortung der Kommunikationsstätten mit den Göttern. Einrichtung und Ausbau koppelt der Autor eng an die Polisgenese und die Ausbildung kollektiver Identitäten der Gemeinschaften. Unterschiede zeigt er für die Frühzeit dabei zwischen griechischem und römischem Umgang mit Zentrum und Peripherie auf: Während die wichtigsten Heiligtümer der Griechen meist im Umland der Poleis lagen und somit abgrenzend und gleichzeitig verbindend zum Poliszentrum und anderen Gemeinwesen oder deren Eliten wirken konnten, war für Rom mit dem ager Romanus schon seit der Frühzeit eine klare Vorstellung von sakraler Zentralität in Abgrenzung zu Konkurrenzstädten verbunden. Ob die Verbindung von politischem und religiösem Raum bei der Errichtung von Sakralbauten als imperialer Memorialtopographie eine römische Besonderheit war (S. 38 und S. 52f.), kann man mit Blick auf den monumentalen Ausbau der Athener Akropolis und den Schatzhauswettbewerb in überregionalen griechischen Heiligtümern allerdings auch anders interpretieren.

Im vierten Kapitel geht Linke auf „Die Priester“ (S. 39–49 und S. 129–146) ein. Die religiösen Spezialisten, zu denen er auch die für konkrete Kontingenzbewältigung zuständigen griechischen Seher zählt, waren in der griechischen Gesellschaft nicht dauerhaft in der Lage, die Kommunikation mit den sakralen Mächten zu monopolisieren und daraus politisches Kapital zu schlagen: „Sie waren Priester eines Gottes in einem Heiligtum und nicht die innerweltlichen Repräsentanten der sakralen Mächte in einem weiteren Sinne.“ (S. 42). Dies gilt prinzipiell ebenfalls für die römische Religion, eine Priesterkaste mit einem Selbstverständnis als exklusiver theologischer Avantgarde entwickelte sich auch dort nicht. Die große Bedeutung von Priestern für alle gesellschaftlichen Bereiche der Republik vom Kalender bis zur Außenpolitik sorgte allerdings für eine starke Einbettung religiöser Ämter in politische Laufbahnen, so dass die weltliche und sakrale Sphäre sich viel enger verbanden und Priester „im öffentlichen Raum als sakrale Würdenträger permanent präsent“ (S. 51) waren. Der vom jeweiligen Gemeinwesen über verschiedene Verfahren geregelte Zugang zu diesen Ämtern war von großer Bedeutung für das religiöse Leben, aber auch die Entwicklung beider Gesellschaften.

Im stark verdichteten und thesenhaft angelegten Vergleichskapitel (S. 49–61) zeigt der Autor vor allem, dass griechische und römische Religion nicht nur als regionale Varianten desselben religiösen Systems zu verstehen sind. Trotz vieler Gemeinsamkeiten in Pantheon, Bauformen und der Überzeugung, die Stabilität menschlicher Gemeinschaften über (Tier-)Opfer für sakrale Mächte konstituieren und perpetuieren zu können, überwiegen die Unterschiede insbesondere bei der Rolle von Priestern oder der Integration der sakralen Mächte in den politischen Raum.

Bernhard Linke legt ein im enzyklopädischen Teil vielleicht etwas zu knappes, im Forschungsteil vor allem aufgrund seiner – fast immer pointierten und gut begründeten – Kommentierung der vorgestellten Literatur und wichtiger Kontroversen aber umso nützlicheres Handbuch vor. Anzumerken ist, dass die Aufteilung in enzyklopädischen Teil und „Grundprobleme und Tendenzen der Forschung“ dabei trennschärfer klingt als ihre Umsetzung bei systematischen Fragestellungen möglich ist. Reihentypisch ist auch kein Reichtum an Quellenverweisen zu erwarten. Als Wegweiser durch den transdisziplinären Dschungel von Forschungen zur Antiken Religion bis zur Zeitenwende hat das Buch aber sehr große Stärken und kann dabei erfolgreich vor allem das relative Alleinstellungsmerkmal der gemeinsamen kontrastierenden Darstellung von aktueller griechischer und römischer Religionsforschung für sich beanspruchen.

Anmerkungen:
[1] Veit Rosenberger, Religion in der Antike, Darmstadt 2012; Jan N. Bremmer, Götter, Mythen und Heiligtümer im antiken Griechenland, Darmstadt 1996; Daniel Ogden (Hrsg.), A Companion to Greek Religion, Oxford 2007; Jörg Rüpke (Hrsg.), A Companion to Roman Religion, Oxford 2007.
[2] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß einer verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 245.
[3] Bernhard Linke: Religion und Herrschaft im archaischen Griechenland, in: Historische Zeitschrift 280 (2005), S. 1–37.
[4] So berichten die Quellen (Hdt. 5,70f., Thuk. 1,126, Plut. Solon 12) die Episode der Verbannung der Anhänger des Megakles aus Athen, die sich im Rahmen der Tötung der Kylonanhänger eines Frevels schuldig gemacht hatten, der in den Darstellungen das Verhältnis der ganzen Gemeinschaft zur sakralen Sphäre bedrohte.

Zitation
Christian Weigel: Rezension zu: Linke, Bernhard: Antike Religion. München 2014 , in: H-Soz-Kult, 05.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23112>.
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05.10.2015
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