Cover
Titel
Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen


Autor(en)
Dreidemy, Lucile
Erschienen
Wien 2014: Böhlau Verlag
Umfang
364 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rainer Leitner, Graz

Neben dem Nationalsozialismus gehört in Österreich ohne Zweifel das totalitäre Regime von 1933 bis 1938, das Dollfuß-Schuschnigg-Regime, zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Diese Diktatur ist engstens verknüpft mit der Person von Engelbert Dollfuß, der in zweifacher Hinsicht Teil der Geschichte geworden ist: Einmal als Proponent des „Ständestaates”, viel mehr aber noch durch seine Ermordung durch die Nationalsozialisten, die den Anlass bot, die Person Dollfuß zu einem Mythos zu machen, dessen Wirkungen bis in die Gegenwart reichen. Uneinig ist sich die Geschichtswissenschaft darüber, ob man, wie Ernst Hanisch, die Jahre dieser Diktatur einen „autoritativen Staat“[1] nennt, der faschistische Züge aufweist oder wegen der Anleihen und Ähnlichkeiten mit dem italienischen, teils auch mit dem deutschen Faschismus, in erster Linie aber wegen seiner Eigenständigkeit den Begriff „Austrofaschismus” verwendet, wie es Emmerich Tálos für gerechtfertigt hält.[2]

Der christlich-soziale Engelbert Dollfuß gehört in der neueren österreichischen Geschichte zu den wichtigsten Proponenten der Antidemokraten, Antiliberalen und Antimodernen. 1932 – bis dahin Landwirtschaftsminister der christlich-sozialen Regierungen Ender und Buresch – als Bundeskanzler angelobt, nutzt er einen Verfahrensfehler in der dringlichen Sitzung des 4. März 1933 – die wegen eines Eisenbahnerstreiks anberaumt worden war und in deren Verlauf es zum Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten gekommen ist – dazu, für die nächste Sitzung den Zutritt zum Parlament durch die Polizei zu verhindern. Der Rücktritt der Nationalratspräsidenten hätte durch eine einfache Neuwahl behoben werden können. Mit der Verhinderung des Zusammentrittes der Mitglieder des Verfassungsgerichtshofes beendet Dollfuß die verfassungsrechtliche demokratische Gewaltenteilung, die Kommunistische Partei und die NSDAP, bald darauf auch die sozialdemokratische Partei, werden verboten. Während sich der Faschismus als Bewegung versteht, verlässt sich der Austrofaschismus auf die alten Eliten und auf die Instrumente staatlicher Repression, auf Polizei und Heer. Als Gegenentwurf zu den „Klassen“ der modernen Industriegesellschaft sieht Dollfuß sein Ideal in der Agrargesellschaft, auf das er nahezu manisch fixiert scheint – so ist es nachvollziehbar, dass die Gegner von Dollfuß konstatieren, er regiere Österreich wie einen großen Bauernhof. Den zweiten Eckpfeiler seines Weltbildes stellt der Katholizismus dar, die katholische Kirche wird zur Stütze des Regimes. Im Zusammenhang mit dem rasanten Aufstieg des deutschen Nationalsozialismus agiert seine Regierung teilweise nationalistischer als die Nationalsozialisten und propagiert Österreich als „zweiten deutschen Staat“. Im Februar 1934 kommt es zum Bürgerkrieg zwischen Bundesheer und Heimwehr auf der einen und dem Republikanischen Schutzbund auf der sozialdemokratischen Seite, der mit zahlreichen Toten und der Hinrichtung einiger Führer des Schutzbundes endet.

Der „Ständestaat“ stellt nach Gerhard Jagschitz die Repressionspolitik gegen das System der Ersten Republik schlechthin dar.[3] Bestimmt wird der sich als Gegner des nationalsozialistischen Deutschland verstehende „Ständestaat” durch Antimarxismus, Antibolschewismus, Destruktion der parlamentarisch-demokratischen Ordnung, Antiliberalismus und Staatsvorstellungen des politischen Katholizismus. Als Einheitspartei mit Monopolstatus nach faschistischem Vorbild dient die Vaterländische Front auf Basis eines selbständigen, christlichen und deutschen Bundesstaates, der berufsständisch gegliedert ist.

Nachdem Adolf Hitler im Jänner 1933 deutscher Reichskanzler geworden war, intensiviert die Nationalsozialistische Partei ihre Aktivitäten in Österreich und auch Mussolini – der faschistische „Schutzherr“ Österreichs – verlangt die vollständige Abschaffung demokratischer Strukturen. Am 25. Juli 1934 findet ein von langer Hand vorbereiteter nationalsozialistischer Putschversuch statt, der zwar scheitert, bei dem aber Engelbert Dollfuß angeschossen wird und verblutet.

Die Ermordung des österreichischen Kanzlers dient Lucile Dreydemi als Ausgangsposition ihrer Untersuchung. Die Autorin verweist auf die Tatsache, dass die Zeit des Austrofaschismus insgesamt – vor allem die Figur von Dollfuß Nachfolger Kurt Schuschnigg – kaum im Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung verankert ist und größtenteils durch den Nationalsozialismus überdeckt wird. Dollfuß dagegen zählt weiterhin zu den umstrittensten Repräsentanten der österreichischen Zeitgeschichte, wovon auch die Vehemenz zeugt, mit der katholische und wissenschaftliche Kreise dessen Rolle im Verhältnis zum Faschismus und der Zerstörung der Demokratie diskutieren. Als wesentliche Grundlagen ihrer Arbeit dienen der Verfasserin die Mechanismen der Mythisierung sowie die Funktionalität des Mythos, wobei Lucile Dreydemi die Hauptfunktionen des Mythos an Jan Assmans Mythos-Definition als „fundierte Geschichte“ anknüpft.[4] Das Wirken der Protagonisten endet nicht mit ihrem Tod, vielmehr beginnt, so Ulrich Raulff, gleichsam deren „zweites Leben“ als Geistwesen und Träger einer Idee oder Würde[5] – diese wissenschaftliche Hypothese ist für das vorliegende Buch bedeutsam. Indem sie überlieferungs-, rezeptions- und transformationsgeschichtliche Ansätze kombiniert, will Dreydemi auch einen Beitrag zur Gedächtnis- und Identitätsforschung liefern, wie sie durch die Arbeiten von Aleida und Jan Assmann vorgeprägt worden sind, sowie die Bedeutung des Dollfuß-Mythos hinsichtlich der politisch uneinheitlichen Identitätskonstruktionen Österreichs darstellen.

Das austrofaschistische System beginnt unmittelbar nach der Ermordung von Dollfuß mit der Propagierung des Weiterlebens des Geistes des Toten. Dieser Topos entwickelt sich zur Kernrhetorik des Regimes und gipfelt in der allgegenwärtigen Inszenierung des ewigen Führers. In diesem Kontext wird der Tod des Kanzlers aus dem Blickwinkel des Märtyrertods interpretiert und mit dem Tod des christlichen Messias verglichen. In seinem ehemaligen Arbeitszimmer installiert man ein ewiges Licht und stellt die Plastik einer Mater dolorosa auf. Bedeutung für das Regime erlangt auch die Figur des bis dahin wenig bekannten Heiligen Engelbert, den man für propagandistische Zwecke instrumentalisiert. Als erfolgreichstes Projekt soll sich in diesem Zusammenhang die Dollfuß-Kirche auf der Hohen Wand erweisen, ein schon vom Ermordeten selbst angestrebtes Projekt. Während der „seliggesprochene“ Dollfuß eine Funktion ähnlich eines Heiligen ausübt, dienen Massenfestspiele als primär auf die Jugend zielende Bekenntnisakte in patriotischem Sinn.[6]

Nicht verwunderlich scheint daher auch der Umstand, dass viele Autoren dem „Märtyrerkanzler“ ein Huldigungswerk widmen, indem sie Dollfuß als „Sohn der Scholle“ bezeichnen, ihn „Soldat und Kämpfer“ nennen und ihm als „Führer mit menschlichem Antlitz“ huldigen.[7] Daneben entsteht ein Denkmalboom mit der Dollfuß-Führerschule im Wiener Fasangarten an vorderster Stelle. Nach der Ermordung von Dollfuß gibt sich NS-Deutschland vordergründig moderater, was das Verhältnis zu Österreich betrifft; im Juliabkommen des Jahres 1936 macht Österreich NS-Deutschland aber weitreichende Konzessionen, so auch eine umfassende Amnestierung der österreichischen Nationalsozialisten. Die verbleibende Zeit bis zum „Anschluss“ an Deutschland im März 1938 versucht die österreichische Regierung, die staatliche Souveränität aufrechtzuerhalten, wobei der Dollfuß-Kult als ständige Machtdemonstration beibehalten wird. Dies führt durch die strengen und teils repressiven Maßnahmen zur Verstärkung der Kluft zwischen dem Regime und der Bevölkerung, ja vielfach zur Hinwendung an den Nationalsozialismus.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges bildet sich im Untergrund und im Exil um Otto Habsburg ein konservativer Kreis von Dollfuß-Anhängern heraus, von dem die These Österreichs als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus erstmals propagiert wird – und nicht erst, wie oft angenommen, in der Moskauer Deklaration von 1943. In der Zweiten Republik werden die Anhänger des Austrofaschismus zunehmender Kritik ausgesetzt, was nach Dreydemi im In- und Ausland zu einer semi-wissenschaftlichen Apologetik führt. Erst im Zuge der Waldheim-Affäre in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre wird die „Opferthese“ auf breiterer Basis hinterfragt – Engelbert Dollfuß ist jedoch bis in die Gegenwart eine ambivalente Figur geblieben.

Lucile Dreydemi lässt ihre persönliche kritische Distanz als Wissenschaftlerin zum Austrofaschismus klar erkennen, was dem engagierten Werk keineswegs schadet. Die Autorin zeigt eine bemerkenswerte Breite an Schattierungen und lässt tief in die Abgründe einer Epoche blicken. Kritikern des Austrofaschismus wie Beobachtern jener Zeit, welche die Prämissen dieser Jahre rechtfertigen, bietet sie ebenso neue wie aufschlussreiche Einblicke und Erkenntnisse, darüber hinaus präsentiert sie den Dollfuß-Mythos als ein bemerkenswertes Exempel einer Struktur der langen Dauer, die von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart reicht.

Anmerkungen:
[1] Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 310–315.
[2] Emmerich Tálos, Das austrofaschistische Herrschaftssystem. Wien / Berlin 2013, S. 586.
[3] Gerhard Jagschitz, Der österreichische Ständestaat 1934–1938, in: Erika Weinzierl / Kurt Skalnik, Österreich 1918–1938, Wien 1983, S. 498 ff.
[4] Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999; Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, in: Jan Assmann, Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen, München 2006, S. 67–75; Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 2006.
[5] Vgl. Ulrich Raulff, Der unsichtbare Augenblick. Zeitkonzepte in der Geschichte, Göttingen 1999.
[6] Deutlich wird dies im so genannten „Lied der Jugend“, auch Dollfuß-Lied genannt (Text von Rudolf Henz, 1936). Dessen erste Strophe lautet: „Ihr Jungen, schließt die Reihen gut, / Ein Toter führt uns an. / Er gab für Österreich sein Blut, / Ein wahrer deutscher Mann. / Die Mörderkugel, die ihn traf, / Die riß das Volk aus Zank und Schlaf. / Wir Jungen stehn bereit / Mit Dollfuß in die neue Zeit!“
[7] Vgl. Lucile Dreydemi, Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen, Wien 2014; Emmerich Tálos, Das austrofaschistische Herrschaftssystem. Österreich 1933–1938, Berlin-Münster-Wien-Zürich-London 2013; Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer, Austrofaschismus, Wien 2005; Wolfgang Maderthaner / Michaela Maier (Hrsg.), Engelbert Dollfuß – Benito Mussolini. Briefwechsel, Wien 2004; Ilsemarie Walter, Frauenpolitik im italienischen Faschismus und im Austrofaschismus. Ein Beitrag zur vergleichenden Frauenforschung, Innsbruck-Wien-Bozen 2013; Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Wien 1994.

Zitation
Rainer Leitner: Rezension zu: Dreidemy, Lucile: Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen. Wien 2014 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23140>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.03.2015
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation