C. Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg

Cover
Titel
Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg. Italien 1943–1945


Autor(en)
Gentile, Carlo
Erschienen
Paderborn 2012: Schöningh
Umfang
466 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Vito Gironda, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Carlo Gentile hat sich in diesem Buch ein wichtiges Ziel gesetzt, und zwar der Frage nachzugehen, welche Art von Krieg die Wehrmacht, die Waffen-SS und die Polizeieinheiten in Italien zwischen 1943 und 1945 geführt haben. Zwischen Sommer 1943 und Frühjahr 1945 erlebte das italienische Festland vielschichtige Kampfhandlungen, welche mit zunehmender Radikalität und Brutalität geführt wurden. Seit Anfang 1944 verschärfte das verstärkte Aufkommen der Resistenza das militärische Vorgehen der deutschen Besatzungstruppen. Von etwa 70.000 bis 80.000 Todesopfern des Partisanenkriegs waren schätzungsweise 10.000 Zivilisten, die durch Erschießung, Erhängung oder andere Tötungshandlungen von den deutschen Truppen umgebracht worden sind. Vor allem seit dem Sommer 1944 wurden im Zuge der Partisanenbekämpfungen circa 5.000 Zivilisten ermordet, die kaum mit irgendeiner Form von Partisanentätigkeit in Verbindung gebracht werden konnten. Ausgehend von dieser Konstellation stellt Gentile im Zentrum seiner Untersuchung zum einen die Frage nach dem Grad der Beteiligung der deutschen Streitkräfte und der Sicherheitsorgane an den Kriegsverbrechen und zum anderen setzt er sich mit den Tätern und ihren Motivationen auseinander. Hierfür gliedert Gentile seine Studie in vier Hauptkapitel bzw. in zwei Hauptteile. Im ersten Teil geht er auf die Voraussetzungen und auf den Verlauf des Partisanenkriegs ein (S. 40–200). Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Akteuren der Partisanenbekämpfung (S. 201–403).

Er rekonstruiert sehr akribisch die deutschen Kriegsverbrechen in verschiedenen Ortschaften in Mittelitalien und in den nördlichen Apenninen und versucht dabei, „die Wahrnehmungen, die Handlungen und die Entscheidungen der verschiedenen Akteure zu erfassen und zu analysieren“ (S. 31). Gentile setzt sich methodisch für eine Tätergeschichte in Form einer Kollektivbiographie ein, da „der Fokus auf ein bestimmtes Kollektiv es erlaubt, Vorprägungen, Konditionierungen, Erfahrungen, Handlungen und Netzwerke zu erkennen und Aussagen über Herkunft, Sozialstruktur und Verhaltensweise zu treffen“ (S. 31).

Im Hinblick auf den gestellten Fragenkomplex überzeugt die Analyse Gentiles auf der ganzen Linie. Der Zusammenhang zwischen den Partisanenaktionen und der zunehmenden Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wird durch einen breiten Quellenkorpus dokumentiert und die Kriegsverbrechen der einzelnen Verbände nach geografischen Spezifika aufgearbeitet: Je stärker die Angst der Soldaten vor Anschlägen in dem sogenannten „Bandengebiet“ war, desto deutlicher waren kollektive Vergeltungsmaßnahmen und Hinrichtungen gefangener Partisanen und „verdächtiger“ Zivilisten. Wie Gentile in seiner Schlussfolgerung betont: „Da die Urheber von Anschlägen für sie schwierig zu ergreifen waren, richteten die Soldaten ihre Aktionen gegen die unbeteiligte Zivilbevölkerung und bestraften sie für die angebliche Unterstützung der Partisanen. Dies lag auch daran, dass der Partisanenkrieg eine Atmosphäre von Unsicherheit und Bedrohung entstehen ließ, die sich unter den Soldaten ausbreitete und ihre Wahrnehmung stark beeinflusste.“ (S. 406)

Das ist dennoch nur ein Teilaspekt der Geschichte. Andere Formen von Gewaltexzessen gegen die Zivilbevölkerung standen kaum in einem direkten Zusammenhang mit der Bekämpfung von Partisaneneinheiten. Dies lässt sich am Bespiel der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer-SS“, an den Sonderverbänden der Luftwaffe, insbesondere der Division „Hermann Göring“, sowie an den Einheiten der 26. Panzerdivision dokumentieren, deren verbrecherische Taten in Ortschaften wie Vinca, Valla, Sant’Anna di Stazzema, Marzabotto, Civitella della Chiana, Cavriglia und Fucecchio stattfanden. Durch eine prosopographische Herangehensweise gelingt es Gentile, eine Bandbreite von Indikatoren herauszuarbeiten, die eine durchaus sehr überzeugende Erklärung für die Massaker seitens der Angehörigen dieser Divisionen an der Zivilbevölkerung liefern. So zeigt Gentile, dass im Fall der 16. SS-Panzergrenadierdivision die Mannschaftsoldaten zum größten Teil der sogenannten Flakhelfer-Generation angehörten, während viele Mitglieder des Führungskaders bereits in der SS-Division „Totenkopf“ gedient hatten und 1941/42 Protagonisten des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs im Osten bzw. vor allem in Weißrussland waren (S. 261–285). Zur Erklärung des Kampfverhaltens dieser Division plädiert Gentile für den Begriff der „politischen Soldaten“ und macht sich damit für eine Interpretation stark, die sowohl die ideologische Prägung der Angehörigen dieser Division als auch eine Art von habitualisierten Vernichtungspraktiken betont. Der politische Moment, das heißt, die Ideologisierung der Gewalt als gewöhnliches Mittel der politischen Auseinandersetzung und des Kampfverhaltens, lässt sich auch im Hinblick auf die Repressalien der Division „Hermann Göring“ beobachten, wobei deren Soldaten über keine flächendeckende „Osterfahrung“ verfügten. Es sind gerade die Verflechtung von ideologisierten Soldaten und kriegserfahrenen „politischen Soldaten“ sowie die „Unerfahrenheit“ der sehr jungen Angehörigen der Hitlerjugend, die nach Carlo Gentile die Gewalttätigkeit deutscher Okkupation erklären.

Auf diese Weise übernimmt Gentile eine mittlere Position zwischen Intentionalisten und Funktionalisten/Strukturalisten, welche die italienische Forschungsdebatte seit einigen Jahren bestimmen. Er zeigt, dass Dispositionen und Situationen sowie Funktion und Intention eher als komplementär zu betrachten seien. Die Kriegsführung der deutschen Truppen in Italien sollte deshalb als ein sehr komplexer Vorgang begriffen werden, in dem die ideologische Indoktrinierung der deutschen Soldaten und die Kontextualisierung zum Krieg an der nahen Front in einer Variation von lokalen Zusammenhängen und generationsspezifischen Merkmalen eingebunden werden sollen. Hier liegt meines Erachtens die größte Stärke der Arbeit. Der Mehrwert dieser Studie im Vergleich zu anderen herkömmlichen Interpretationen besteht gerade in dem unternommenen Versuch, eine Kasuistik unterschiedlicher Motivationen und Handlungsmuster der Angehörigen staatlicher Organe sowie parastaatlicher Organisationen (Wehrmacht, Polizeikräfte, Waffen-SS, Parteimilizen) zu geben, welche in einem breiten Spektrum von Kriegsverbrechen involviert waren.

Aus diesem Grund wäre es jedoch wünschenswert gewesen, wenn sich der Autor mit einer vergleichenden Perspektive auseinandergesetzt hätte, die über den von ihm angeführten Ostfrontvergleich hinausginge. Vor allem die Berücksichtigung der Forschungsliteratur über Gewalt im Ersten Weltkrieg kann wichtige Hinweise darüber geben, wo sich die Kontinuitäten und die Entwicklungsbrüche im Umgang mit Partisanenbewegungen in der Epoche der mobilisierten Nationen feststellen lassen. Darüber hinaus kann durch einen vergleichenden Blickwinkel die Frage beantwortet werden, was das Spezifikum von Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg ausmachte. Die Einbeziehung dieses Vergleichshorizonts würde für den italienischen Fall sehr interessant sein, um den Typus der Kriegsführung in Italien zeitlich und typologisch besser zu verstehen. Dieser marginale Kritikpunkt ändert jedoch nichts daran, dass Gentile eine wichtige Studie vorgelegt hat, die auf einer breiten und differenzierten Rechercheleistung beruht und die Forschungsdiskussion zur Kriegsführung und Gewalt in Italien ein wesentliches Stück voranbringt.

Zitation
Vito Gironda: Rezension zu: Gentile, Carlo: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg. Italien 1943–1945. Paderborn 2012 , in: H-Soz-Kult, 07.10.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23236>.
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Veröffentlicht am
07.10.2014
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