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Titel
Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen


Autor(en)
Kaube, Jürgen
Erschienen
Berlin 2014: Rowohlt Verlag
Umfang
495 S.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Catherine Davies, Berlin

In einem Gespräch mit dem Deutschlandradio erklärte Jürgen Kaube, Autor der hier anzuzeigenden Biographie Max Webers und frisch berufener Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kürzlich, wie er sich Sinn und Funktion des zeitgenössischen Feuilletons vorstelle. Bei der proliferierenden feuilletonistischen Zeitdiagnostik, so Kaube, gewinne man mitunter den Eindruck, in dreißig verschiedenen Epochen zu leben. Dieser routinierten Beliebigkeit gelte es, empirisch fundierte Betrachtungen entgegenzusetzen, die Eschatologie vermeiden und auf umfassende, gründliche Lektüre setzen.[1] Man kann nicht umhin, diese Überlegungen Kaubes im Lichte seiner vor einem Jahr erschienenen Biographie des berühmten Soziologen zu interpretieren, sind die Themen, die dort verhandelt werden, trotz des großen zeitlichen Abstands doch im Grunde dieselben.

Webers Leben und Denken sowie die ausgezeichnete Quellenlage bieten dem Biographen ein überreiches Material; Joachim Radkaus Maßstäbe setzende Lebensbeschreibung aus dem Jahr 2005 umfasste denn auch an die tausend Seiten.[2] Radkau beschrieb nicht nur in extenso Webers Sexualität und Gefühlsleben, sondern deutete auch das Werk vor diesem Hintergrund, indem er die Bedeutung des Naturalismus für sein Denken unterstrich und neben der Religion die Landwirtschaft als "längste Kontinuität in Webers Lebenswerk" identifizierte.[3] Kaube setzt auf souveräne Weise andere Schwerpunkte. Weber lebte, so heißt es in der Einleitung, "im Zeitalter des Nationalstaats und in dem seiner Krise, in der Welt des historischen Gelehrtentums und in der Welt der ästhetischen Avantgarden, in der Welt der Gründerzeit und in der Welt der politischen Extreme." (S. 12) Der auf diesen Umstand anspielende und auf den ersten Blick recht generisch wirkende Untertitel gewinnt im Laufe der Erzählung und Argumentation an Schärfe. Kaube schildert, wie Weber in seinem Streben, der vor seinen Augen stattfindenden Umbrüche, Gemengelagen und sich überlappenden Zeitschichten intellektuell Herr zu werden, kaum ein Thema, kaum eine Entwicklung ausließ.

Zu seinem Lebensthema – die Bedeutung und Rolle des Bürgertums in der modernen Welt – fand Weber bereits als Jugendlicher. Anschaulich werden Webers Jugendjahre in Charlottenburg beschrieben; die fragmentierte Identität des Bürgertums als Klasse war hier bereits fühlbar. Eine ganze Generation liberaler Gelehrter ging in Webers Elternhaus ein und aus, in sicherer Distanz zur angrenzenden deutschen Hauptstadt, die von Bevölkerungswachstum und Großstadtatmosphäre geprägt war, mit der das Bildungsbürgertum sich allerdings nicht identifizierte. Der Aufstieg zur "kommunalen und intellektuellen Trägerschicht" (S. 49) war erreicht, ging aber nicht einher mit einem selbstbewussten Verständnis der eigenen Machtposition.

Früh wirft sich Weber in die Lektüre und intellektuelle Auseinandersetzung, bewältigt ein immenses Lesepensum, studiert, promoviert und habilitiert in Windeseile. Einer Phase intensiver Arbeit, die vor allem von Gegenwartsproblemen bestimmt ist – die polnischen Saisonarbeiter im Osten, die Börsengesetzgebung – folgt mit 35 Jahren der körperliche und geistige Zusammenbruch. Erst nach Jahren erzwungener Schreib- und Lektürepause sieht Weber sich imstande, die Arbeit erneut aufzunehmen. Nun verabschiedet er sich von politischen Themen und beschränkt sich in der stimulierenden Atmosphäre Heidelbergs auf historische Gelehrsamkeit.

Das Bemühen um Gegenwartsdiagnose bleibt. Nach Amerika reist Weber im Jahr 1904 in "Absorptionslaune" (S. 197), hungrig nach Erfahrung und Empirie. Dem "Zwang zur zeitdiagnostischen Großdeutung" (S. 193) in Bezug auf die neue Welt, der zu dieser Zeit herrscht, entzieht sich Weber nicht; anders als seine Mitreisenden aber erliegt er nicht gängigen Amerikabildern, sondern setzt sich dem Land aus, lässt kaum einen Aspekt der amerikanischen Gesellschaft unbesichtigt. In diesem aufmerksamen, historisch sensiblen Blick auf amerikanische Verhältnisse und Mentalitäten entdeckt Kaube Parallelen zum Werk des Historikers Frederick Jackson Turner. Die amerikanischen Erfahrungen, insbesondere die Begegnungen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, in denen Weber noch den alten protestantischen Sektengeist zu erkennen glaubt, fließen schließlich in den abschließenden Teil der Protestantischen Ethik ein – ein Werk, dessen Zweck Kaube in der Errichtung eines "Heldenmahnmals" für die "antiautoritären Traditionen des protestantischen Sektentums" (S. 187) erkennt, dessen Fehlen im Erbe des deutschen Bürgertums Weber schmerzlich verspürt.

Noch unmittelbarer zeitdiagnostisch sind die Schriften zu Russland, in denen Weber nach Kaube eine politische Zeitdeutung in Form einer Chronik erprobte, die sowohl die Akteure, ihre Interessen und Ideen, als auch die strukturellen Voraussetzungen, unter denen sie handeln, umfasst. Auch hier war es die Umbruchsituation im Jahr 1905, die Weber faszinierte, wenn auch unter anderen, extremeren Vorzeichen – Russland schien noch völlig unberührt von den Prozessen der Mechanisierung und "Versteinerung", die typisch waren für den westlichen Kapitalismus. In diesen Jahren verlagert sich Webers wissenschaftliches Erkenntnisinteresse: weg vom Kapitalismus und seinen Voraussetzungen, hin zur Fragen der Herrschaft, der Bürokratie und der Rationalisierung.

Die Religions- und Herrschaftssoziologie, die Weber in den 1910er-Jahren entwickelt, erläutert Kaube vor dem Hintergrund des Heidelberger Umfeldes. In der Universitätsstadt pflegt man seit der Jahrhundertwende eine andere, offenere Form des gesellschaftlichen und akademischen Verkehrs. Geisteswissenschaftler definieren sich nun nicht mehr als Teil einer lokalen akademischen Schule, sondern bilden über Disziplingrenzen hinweg Kreise. Im "Eranos-Kreis", dem Weber angehört, sprechen Historiker, Philologen und Theologen über Religion in einer Weise, die Materialreichtum, Historisierung und analytisches Urteil verbindet; hier findet Weber Inspiration und Stoff für epochen- und kulturenübergeifende Vergleiche und Typenbildung. Webers Herrschaftssoziologie und insbesondere sein Charisma-Begriff verdankt sich dagegen mindestens so sehr dem Wirken eines Zeitgenossen, des Dichters Stefan George, wie wissenschaftlicher Lektüre. Die Wertfreiheit, die Trennung von wissenschaftlicher Erkenntnis und Werturteil, wird von Weber zwar vehement postuliert, jedoch nicht eingehalten, wie Kaube nahelegt. Vielmehr sei Webers Empörung über das deutsche Bürgertum und sein Arrangement mit der "politischen Pseudofeudalität" immer wieder in seine Theorien und Beobachtungen eingeflossen; so lasse sich seine Herrschaftssoziologie auch als Zeitkritik dieser seltsamen deutschen Mischform von Herrschaft lesen.

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs nimmt Weber seine politischen Interventionen wieder auf. Den Krieg hält er für "groß" und aus deutscher Sicht für gerechtfertigt; der Nationalismus, so Kaube mit Blick auf diese und andere Äußerungen, war die einzige Form des Literatentums, die der Literaten verabscheuende Gelehrte sich erlaubte. Anders als Radkau, der Webers Kriegsbegeisterung für zumindest teilweise aufgesetzt hielt, hält Kaube sie für authentisch. Hier, so urteilt er treffend und süffisant, "geht das soziologische Licht aus, über die eigene Wertsetzung lässt sich nicht mehr diskutieren – anderen vorhalten, sie lebten nur halbherzig, geht aber schon" (S. 352). Je länger der Krieg dauert, desto härter geht Weber mit der politischen Führungselite ins Gericht; sein Versuch, nach dem Krieg ein Mandat für die DDP zu erringen, scheitert. Stattdessen wird er zum gefragten Redner, hält die berühmten Vorträge über Wissenschaft und Politik als Beruf und folgt einem Ruf nach München, wo er eine leidenschaftliche Affäre mit seiner ehemaligen Doktorandin Else Jaffé beginnt. Max Weber stirbt 1920, mitten in einer Hochphase geistigen Schaffens und persönlicher Erfüllung.

Die entnarkotisierende Wirkung der Wissenschaft war es, die Weber in Wissenschaft als Beruf beschwor; sie helfe, Lebenslügen zu bekämpfen, sei so die beste Vorbeugung gegen wohlfeiles "Literatengeschwätz". Im negativen Sinne also kann Wissenschaft disziplinieren, eine positive Grundlage für Zeitdiagnosen oder gar politisches Engagement ergibt sich daraus noch lange nicht, wie Weber wusste. Teilt sein Biograph diese Einschätzung? Im eingangs zitierten Interview betont Kaube, das Redakteursein sei eine professionelle Tätigkeit, deren Sinn darin bestehe, sich lesend – und gerade durch die Lektüre wissenschaftlicher Bücher! – die Welt zu erschließen. Gängige Vorurteile, ob zum vermeintlich verkommenen italienischen Staat oder dem Islam, gelte es so zu prüfen und zu korrigieren. Das erinnert an die Weber'sche Haltung, an seinen von ihm selbst so häufig beschworenen Realismus. Freilich, die Gegner heute sind andere – Webers Kategorien, so Kaube im abschließenden Kapitel, mögen zur Beschreibung der heutigen Gesellschaft nicht mehr taugen; sein Versuch nötigt aber nach wie vor Bewunderung ab und die Entwicklung von Grundbegriffen zur Beschreibung von Gesellschaft ist eine bleibende Aufgabe – man darf dies als Appell und vielleicht auch als Programmatik verstehen.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Kaube im Gespräch mit Christoph Schmitz, In der Ruhe liegt die Kraft, 14. 12. 2014, <http://www.deutschlandfunk.de/faz-herausgeber-juergen-kaube-in-der-ruhe-liegt-die-kraft.911.de.html?dram:article_id=306183> (15.01.2015).
[2] Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. München 2005.
[3] Ebd., S. 133.

Zitation
Catherine Davies: Rezension zu: Kaube, Jürgen: Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen. Berlin 2014 , in: H-Soz-Kult, 12.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23359>.