K. Brodersen (Hrsg.): Solinus. New Studies

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Titel
Solinus. New Studies


Hrsg. v.
Brodersen, Kai
Erschienen
Heidelberg 2014: Verlag Antike
Umfang
224 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katharina Suter-Meyer, Departement Altertumswissenschaften / Latinistik, Universität Basel

Mit dem Sammelband „Solinus. New Studies“, der fast zeitgleich mit Kai Brodersens neuer lateinisch-deutscher Solinus Edition in der WBG-Reihe Edition Antike[1] herauskam, wurden seltene und anregende Forschungsbeiträge zum lange verachteten Kompilator der Spätantike publiziert. In den Beiträgen wird denn auch auf diese erste moderne deutsch-lateinische Edition verwiesen, mit der Brodersen durchaus einen Grundstein für neue Studien legen wollte. Der vorliegende Band unterstützt sein Anliegen, denn, wie er im Nachwort (S. 209) deutlich macht, ist es an der Zeit, dass die Forschung einen unvoreingenommenen Blick auf den „schwachköpfigen Kompilator“, wie ihn 1896 Weymann nannte (S. 209), wagt. Erfolgreich ließen die Beitragenden die abwertenden Urteile bedeutender Philologen des 19. und 20. Jahrhunderts hinter sich, um die enorme Popularität der Collectanea des Solinus in Mittelalter und Renaissance in Erinnerung zu rufen und dem Text, der lange als bedeutendste lateinische Geographie galt, unter veränderter Perspektive neue Forschungsfragen zu stellen. Die meisten Aufsätze des Bandes entstanden aus den Beiträgen einer Tagung in der Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha im Juni 2013, die unter dem Titel „Die Collectanea des Gaius Iulius Solinus: Ein Reiseführer für Sitzenbleiber – sachlich ohne Belang?“[2] fast alle Gelehrten, die gerade Untersuchungen zu Solinus betrieben, an einen Tisch brachte. Die vorliegende Publikation ist nicht nur Frucht dieser Vorträge, sondern versammelt also auch die neusten Forschungsbeiträge zu Solinus’ Collectanea, die gemeinsam mit einigen wenigen vorgängigen Einzelstudien über Quellenforschung hinausgehen und dem lange verachteten und ignorierten Werk gerechter werden wollen. Um Solinus weiträumiger wieder in den Forschungsfokus zu rücken, wurden die Beiträge bis auf eine Ausnahme in englischer Sprache veröffentlicht, was der Absicht, möglichst breit auf Solinus aufmerksam zu machen, sicherlich zuträglich ist.

Den elf Artikeln wurde anstelle einer Einleitung eine lateinisch-englische Version der Praefatio des Solinus, übersetzt von Zweder von Martels, vorangestellt. Da das Werk des spätantiken Kompilators auch manchen Fachleuten kaum bekannt ist, ist es mit Sicherheit gewinnbringend und sinnvoll, dass der Leser gleich zu Beginn mit dem antiken Text selbst, bzw. mit Solinus’ eigener Einleitung zu den Collectanea, in Kontakt tritt. Dazu kommt, dass mehrere Beiträge sich auf die Praefatio beziehen und so von dieser Konstellation profitieren. Das Fehlen einer eigentlichen Einleitung wird durch Zweder von Martels Beitrag „Turning the Tables on Solinus’ Critics: The Unity of Contents and Form of the Polyhistor“ etwas kompensiert. Hier wird nämlich der Blick auf die negativen Urteile etwa von Mommsen, Norden, Diel und Stahl gerichtet und an der Praefatio gezeigt, dass sich Solinus rhetorisch auskannte (S. 11). Stil, Verbreitung, Lebenszeit und literarische Ansprüche des Autors selbst werden dabei thematisiert. Ebenfalls im Banne der Praefatio stehen die folgenden beiden Artikel: Barbara Pavlock bietet eine Interpretation, welche ein besonderes Augenmerk auf die Reisemetapher und Solinus’ Wahl der Stadt Rom als Startpunkt für sein Werk legt. Pavlock zeigt auf, wie via Praefatio der Leser auf unterschiedliche Ausformungen des Paradoxen bei der Lektüre des Werkes vorbereitet wird (S. 31). Arwen Apps interessiert sich danach in „Source Citation and Authority in Solinus“ (S. 32ff.) dafür, wie Solinus sein Verhältnis zum Quellenmaterial in der Praefatio darstellt und wie er mit Autorität – seiner eigenen und jene seiner konsultierten Autoren – umgeht. Im Zusammenhang mit der Analyse von Zitierungsmustern geht Apps auf den Vorwurf, Solinus sei nur „Pliny’s ape“ (S. 40), der bereits im 16. Jahrhundert aufkam (Dover nimmt in seinem Artikel S. 415 ebenfalls Bezug darauf), ein. Sie zieht einen Vergleich zu Plinius' Selbstdarstellung, seines Umgangs mit Quellen und beleuchtet die Vorgehensweisen weiterer Kompilatoren wie Macrobius oder Martianus Capella, welche jener des Solinus entsprechen und in der Antike nie als unlauter wahrgenommen worden sind (S. 40–42).

Die Quellen sind auch im Beitrag von Tom Hillard zentral, welcher vornehmlich mit prosopographischen Beispielen arbeitet und mittels eingehender Diskussion von Parallelstellen gegen die lang kultivierte Diffamierung des Solinus als Plagiator anschreibt.

Analysen einzelner Textabschnitte bieten Frank E. Romer (insbesondere Solinus’ Rombesprechung unter dem Grundsatz der ambiguitas und des Paradoxen) und Francisco Javier Fernandes Nieto (diskutiert die Korrektur des Namens der Insel Kos), die beide zeigen, wie Solinus Informationen korrigiert oder bewusst ihre Ambivalenz darstellt oder problematisiert. Caroline Belanger analysiert Solinus’ eigenständige Darstellung der Axumiten, die von seinen „Hauptquellen“ Mela und Plinius stark abweicht. Sie liest die Collectanea als Teil der Unterhaltungsliteratur, die viel über das römische Selbstbild verraten könne, ohne propagandistisch verbrämt zu sein: „authors of leisure literature were not necessarily attempting to write official propaganda or world-class histories.“ (S. 110)

Die letzten vier Beiträge beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten der Rezeptionsgeschichte und Wirkungsgeschichte der Collectanea: Ausgehend von Theodors Mommsens Einführung zur kritischen Edition des Solinus beschäftigt die Frage, ob Solinus in der christlichen spätantiken Literatur (in erster Linie von Hieronymus, Ambrosius von Mailand und Augustinus) rezipiert wurde, David Paniagua, der zeigt, dass es voreilig wäre, wegen fehlender Nennung Solinus als Quelle auszuschließen. Denn es ist anzunehmen, dass nicht ganze Passagen übernommen wurden und der Text in Kombination mit anderen Quellen benutzt wurde (S. 128–129). Als Teil der Wissensliteratur der Spätantike liest Karin Schlapbach die Collectanea; sie bezieht Augustinus Aussagen über allzu wissbegierige Historiker in „De Civiate Dei“ auf Solinus und kommt auf den Diskurs, um die Frage, wie sich wertvolles und legitimes Wissen konstituiert, zu sprechen.

Für die didaktisch-pädagogische Rezeption durch den spätantiken Grammatiker Priscianus und den Enzyklopädisten Martianus Capella interessiert sich Felix Racine. Er zeigt, dass Solinus’ Werk für den spätantiken geographischen Unterricht gerade wegen der Kombination von narrativer Form und grober geographischer Ordnung attraktiv war. Zudem bot das Werk schnelle „facts“, einfach einzuordnen und zu verstehen – es ist für Racine daher nicht überraschend, dass spätantike Lehrer das Werk als „a collection of school-flavored facts they could dispense as needed“ (S. 170) nutzten.

Der Zeit der wohl breitesten Verbreitung der Collectanea, der frühen Neuzeit, ist der ebenfalls rezeptionsgeschichtliche Beitrag von Paul Dover „How Heinrich Bullinger read his Solinus: Reading Ancient Geography in 16th-century Switzerland“ (S. 171ff.) gewidmet. Er analysiert die handschriftlichen Notizen des jungen Bullingers in dessen Solinus-Druckausgabe und weist dabei die parallele Lektüre des zeitgenössischen Solinus-Kommentares von Johannes Camers nach (S. 176). Erhellend ist dabei auch der Blick auf die handschriftlichen Marginalien in der Solinusausgabe des Schweizer Humanisten und Reformators Joachim Vadian: Sie lassen dessen Bereitschaft, Kritik an der antiken Überlieferung zu üben, gut erkennen (S. 190–192). Hier wurzelt der aufkommende Empirismus und Skeptizismus – Dover meint: „the accompanying spirit of critical inquiry ultimately played a vital role in leading the work of Solinus into a future of neglect and obscurity.“ (S. 195)

Der vielseitige Sammelband zu Solinus wird durch einen Appendix abgerundet, in dem Kai Brodersen dem Leser einen Inhaltsüberblick zu den Collectanea sowie „a Revised Handlist of Manuscripts transmitting Solinus’ Work“ bietet und in einem Nachwort unterstreicht, wozu der Band einen inspirierenden ersten Schritt darstellen will: „New studies appear not to be amiss.“ (S. 209) Recht hat er!

Anmerkungen:
[1] Gaius Iulius Solinus, Wunder der Welt, lateinisch und deutsch, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Kai Brodersen, Darmstadt 2014.
[2] Siehe <https://www.uni-erfurt.de/ru/uni/einrichtungen/presse/pressemitteilungen/2013/77-2013/> (30.05.2016).

Zitation
Katharina Suter-Meyer: Rezension zu: Brodersen, Kai (Hrsg.): Solinus. New Studies. Heidelberg 2014 , in: H-Soz-Kult, 11.07.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23591>.
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Veröffentlicht am
11.07.2016
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