Cover
Titel
»Nie wieder Auschwitz!«. Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945–1955


Autor(en)
Hansen, Imke
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Umfang
310 S., 49 Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Kowitz-Harms, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

Am 27. Januar 2015 jährte sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 70. Mal. Weltweit und besonders in Deutschland wurde an dieses Ereignis erinnert. Bundespräsident Joachim Gauck hielt eine vielbeachtete Rede im Deutschen Bundestag, die Zeitungen berichteten ausführlich über die Geschehnisse vor 70 Jahren, Radiostationen sendeten Features zur Geschichte und Gegenwart der Gedenkstätte, und die ARD startete das Projekt „Auschwitz und Ich“ mit gleichnamiger Internetadresse.[1] Fast scheint es, als sei über diese bedeutendste und symbolträchtigste Erinnerungsstätte an den nationalsozialistischen Völkermord alles gedacht, gesagt und geschrieben worden. Die Hamburger Dissertation von Imke Hansen, die jetzt als Buch erschienen ist, zeigt das Gegenteil. In ihrer Arbeit beschäftigt sich die Historikerin mit den Anfängen der Gedenkstätte unmittelbar nach dem Ende des Krieges bis ins Jahr 1955; sie beleuchtet dabei insbesondere die Genese von Auschwitz als zentralem Symbol für Völkermord und Holocaust.

Hansens Arbeit ist in den Komplex der „Memory Studies“ einzuordnen. In Abgrenzung vom populären, in der deutschen Forschung häufig verwendeten Konzept des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses von Jan und Aleida Assmann geht es der Autorin nicht darum, Auschwitz als Ausdruck kollektiver Identitätsstrukturen oder gemeinschaftlicher Erinnerungsformen anhand von offiziellen Aussagen und theoretischen Ansprüchen zu analysieren. Vielmehr ist es ihr Ziel, die Repräsentationen von Geschichte vor Ort anhand von tatsächlich Gesagtem und realem Handeln aufzuzeigen. Deshalb wählt sie für ihre Studie einen mikro- und alltagsgeschichtlichen Ansatz: „In diesem Sinne sind verbale und nonverbale Handlungen, die Repräsentationen von Auschwitz-Birkenau herstellen oder in Frage stellen, Gegenstand der Analyse. Dabei kann die Rekonstruktion oder der Abriss einer ehemaligen Lagerbaracke genauso relevant für eine Repräsentation sein wie eine Kranzniederlegung oder die Begrüßungsgeste eines Museumsguides.“ (S. 16)

Dieser Anspruch wirkt auf den ersten Blick vermessen. Bedeutet er doch zum einen, ein großes und sehr heterogenes Quellenkorpus aus Zeitzeugenaussagen und Lebenserinnerungen, offiziellen Dokumenten und Veröffentlichungen, Medienberichten und Bildmaterial zu erschließen und zu gewichten. Zum anderen besteht die immanente Gefahr, sich in Details der Erzählungen zu verlieren und einzelne Äußerungen oder Handlungen lokaler Akteure überzubewerten. Der Autorin gelingt es jedoch, die offizielle Geschichte des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau in seinen Anfangsjahren aufzuzeigen und mit dem gelebten Alltag im Museum zu verbinden. Sie belegt dabei die Differenz zwischen politischen Ansprüchen der kommunistischen Partei, insbesondere in Zeiten des Stalinismus, und tatsächlicher gelebter Museumspraxis, um auf diese Weise die realen Repräsentationen von Geschichte am Ort des nationalsozialistischen Völkermords zu rekonstruieren.

Bereits vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee hatten polnische politische Häftlinge die Errichtung eines „lebendigen Denkmals“ geplant (S. 79). Trotz Kompetenzstreitigkeiten zwischen verschiedenen Behörden und Institutionen, kaum vorhandenen finanziellen Ressourcen und alltäglichen Plünderungen wurde das Museum am 14. Juni 1947 offiziell eröffnet. Die Zeit vor der Eröffnung und die ersten Jahre des Museumsbetriebs waren von einer Diversität der Konzepte und Gedenkformen geprägt. So wurde die Eröffnungsfeier mit verschiedenen Gottesdiensten begangen. Verbindendes Element für die politische Führung, verschiedene staatliche Institutionen wie die lokalen Akteure vor Ort war die Interpretation von Auschwitz als Ort des Kampfes und des Sieges – und nicht etwa als Friedhof. Der Besuch des Museums sollte keine Gefühle der Bedrohung und Trauer auslösen, sondern den „Glauben an die unzerstörbare Kraft der polnischen Nation“ stärken (S. 146).

Der Alltag in der Gedenkstätte wurde geprägt durch die Museumsmitarbeiter. Es waren überwiegend polnische politische Häftlinge, die die Zeit im Lager selbst erlebt hatten und in ihren Führungen davon berichteten. Für sie war das Museum Arbeitsplatz, Wohnort und soziales Umfeld. Die diesbezüglichen Schilderungen gehören zu den großen Stärken der Arbeit. So zeigt Hansen den Alltag der lokalen Akteure auf, der von harter körperlicher Arbeit bei der Instandhaltung der Gebäude und nötigen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, von geringen Löhnen und einer knappen Versorgungslage geprägt war, aber auch von einem starken Gemeinschaftsgefühl und individuellen Hobbys – wie zum Beispiel der Kaninchenzucht. Über lange Zeit wurden auch größere Tiere auf dem Gelände gehalten, um die Versorgung der Mitarbeiter zu sichern: „Auch wenn der Anblick friedlich grasender Schaf- und Rinderherden auf dem Gelände des [ehemaligen] Vernichtungslagers sicherlich etwas grotesk wirkte, war die Anwesenheit der Tiere von großem Nutzen, schließlich gab es keinen besseren und günstigeren Weg, das Gras des riesigen Areals kurz zu halten und den Boden zu pflegen.“ (S. 155) Zu den Bewohnern der nahegelegenen Stadt Oświęcim scheinen die Museumsmitarbeiter dagegen kaum Kontakt gehabt zu haben.

Seit den ausgehenden 1940er-Jahren machte sich wachsender politischer Einfluss in der Gedenkstättenarbeit bemerkbar. In Zeiten des Stalinismus strebte die polnische kommunistische Partei danach, Auschwitz im Sinne des Kampfes gegen den westlichen Faschismus und Imperialismus zu instrumentalisieren. Katholische Narrative oder die als „rückwärtsgewandt“ eingestufte Konzentration auf das Leiden und Martyrium der polnischen Bevölkerung wurden zurückgedrängt. Entsprechend wurde das bisherige Ausstellungskonzept überprüft, und Teile davon wurden im Sinne der neuen politischen Linie umgebaut. Darüber hinaus wurden einige Mitarbeiter ausgetauscht; zum neuen Museumsleiter wurde der regimetreue Stefan Wiernik ernannt. Die ehemaligen Häftlinge, die über eine Art persönliches Hausrecht und individuelle Erinnerungen verfügten, galten nicht länger als ideale Museumsmitarbeiter. Nicht die Geschichte des Vernichtungslagers und das Schicksal einzelner Verfolgter sollten mehr im Mittelpunkt der Gedenkstättenarbeit stehen, sondern die antiwestliche Propaganda. Trotz aller Bemühungen ließ sich dieser Anspruch in der alltäglichen Museumspraxis nur fragmentarisch durchsetzen. Denn nicht alle Teile der Ausstellung wurden umgebaut, und auch die katholischen Narrative ließen sich kaum aus der Repräsentation von Auschwitz verdrängen. So blieb es den Museumsmitarbeitern überlassen, welche Teile des ehemaligen Lagerkomplexes sie zeigten und wie oft sie der Anordnung nachkamen, die angezündeten Kerzen oder abgelegten Blumen und Kränze zu Ehren von Pater Maksymilian Kolbe zu entfernen (S. 249).

Mit Stalins Tod 1953 und dem Beginn der Entstalinisierung kündigte sich ein erneuter Wandel im politischen Umgang mit der Gedenkstätte an. In der 1955 eröffneten neuen Ausstellung standen wiederum der historische Ort und die Hinterlassenschaft der Opfer im Mittelpunkt, während die ideologische Interpretation der Geschehnisse von 1939 bis 1945 in den Hintergrund trat. Neu war eine klarere Benennung und Differenzierung von Opfergeschichten. Bei den Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Befreiung wurden darüber hinaus Tendenzen zu einer Internationalisierung und Liberalisierung der Geschichtsrepräsentation deutlich. Hier wurde explizit die Idee formuliert, Auschwitz-Birkenau zum zentralen Museums- und Gedenkort für Besatzung und Verfolgung in Polen auszubauen. Andere Orte der Vernichtung sollten lediglich durch Denkmäler und Gedenksteine gewürdigt werden. Während die kommunistischen Bezüge in der Ausstellungsgestaltung und der pädagogischen Arbeit an Bedeutung verloren, wurden nationalistische und katholische Narrative gestärkt. „Zugunsten einer Hervorhebung des ethnisch-polnischen Schicksals wurde die Unterschiedlichkeit der Verfolgungsgeschichte durch nivellierende Formulierungen eingeebnet und eine qualitative Ähnlichkeit vor allem des jüdischen und polnisch-jüdischen Schicksals suggeriert.“ (S. 283) Gerade im Hinblick auf die späteren Auseinandersetzungen über die Bedeutung von Auschwitz als Symbol polnischen oder jüdischen Leidens wäre eine Vertiefung dieser Thematik wünschenswert gewesen. Hier beschränkt sich die Autorin weitgehend auf die Darstellung der verschiedenen Konzepte zur „Jüdischen Ausstellung“.

Insgesamt legt Imke Hansen mit ihrer Arbeit eine detailreiche Studie und sehr fundierte Analyse der ersten Jahre des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vor. Mit ihren Schilderungen des Museumsalltags, der täglichen Probleme und der heute zum Teil grotesk wirkenden Nutzungen des ehemaligen Lagergeländes eröffnet sie neue Perspektiven auf diesen symbolisch überhöhten Ort. Ihr Ansatz, tatsächliche Repräsentationen von Geschichte durch Handlungen und Aussagen lokaler Akteure zu untersuchen, zeigt deutlich die Diskrepanz zwischen dem theoretischen, staatlich formulierten Anspruch an einen Gedenkort und der gelebten Gedenkpraxis – eine Diskrepanz, die sicher nicht nur für Auschwitz-Birkenau zutrifft. Ein solcher Untersuchungsansatz wäre daher auch für andere Gedenkstätten sinnvoll und erhellend.

Anmerkung:
[1] <http://auschwitzundich.ard.de/auschwitz_und_ich/> (27.05.2015).

Zitation
Stephanie Kowitz-Harms: Rezension zu: Hansen, Imke: »Nie wieder Auschwitz!«. Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945–1955. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 03.06.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23762>.