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Titel
Atthis. The Ancient Histories of Athens


Autor(en)
Rhodes, Peter J.
Erschienen
Heidelberg 2014: Verlag Antike
Umfang
47 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Engels, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Dem Ziel dieser gesamten Vortragsreihe, "das Werk von Felix Jacoby in einem lebendigen Dialog zu halten" (Josef Wiesehöfer, S. 9), dürfte der klar formulierte und gut zu lesende Vortrag von Peter John Rhodes sicherlich gute Dienste erweisen. Er richtet sich an Spezialisten der antiken athenischen Geschichte, klassische Philologen und insbesondere alle an der antiken Historiographie interessierten Leser.

Felix Jacobys monumentale Sammlung der Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist), Teile I–III Berlin / Leiden 1923–1958, ist bekanntlich beim Tod des Gelehrten unvollendet geblieben. Inzwischen gibt es aber außer der weit fortgeschrittenen Neubearbeitung des Materials der Teile I-III (mit englischen Übersetzungen aller Testimonia und Fragmente und Kommentaren auch zu den von Jacoby selbst nicht mehr kommentierten Werknummern) in Brill's New Jacoby auch mehrere Teams von Kollegen, die sich der Fortführung der ursprünglich von Jacoby geplanten Werkteile widmen, insbesondere der Teile IV (Biographien, Politien usw.) und V (geographisch-ethnographische Autoren). Die grundlegende Bedeutung der Sammlung Jacobys für die Erforschung nahezu aller Gattungen der antiken griechischen Historiographie ist inzwischen weltweit anerkannt, vielleicht in einigen Bereichen heute noch stärker als zu seinen Lebzeiten.

Der sehr umfangreiche Teil III der Sammlung widmet sich der Lokalhistoriographie, den Regionalgeschichten, sowie den Geschichten von antiken Ethnien. Durch die schiere Menge und thematisch-inhaltliche Vielfalt dieses Materials stellten sich Jacoby hier nochmals andere, in methodischer Hinsicht oft schwierigere Probleme als in früheren Teilen der Sammlung, etwa dem zur griechischen Zeitgeschichte. Man denke nur an die oft notwendigerweise subjektive Abgrenzung von Fragmenttexten gemäß der strengen Definition Jacobys und sonstigem, für ein abgewogenes Bild eines Autors oder Werkes bzw. für erwähnte Traditionen jedoch unverzichtbarem Material. Auch die enge Verwandtschaft antiker Lokal- und Regionalgeschichte mit Werken der Kulturgeographie oder Ethnographie (inklusive den Sammelwerken über Sitten und Lebensweisen) erwies sich in diesem ganzen Teil III der Sammlung als problematisch.

Lokalhistoriographie (Horographia) war in der Antike eine blühende Gattung, die viele Leser fand und zum Beispiel in der Konstituierung und Tradierung der Politenidentität einzelner Städte oder Regionen eine wichtige Funktion hatte. Wegen der äußerst trümmerhaften Überlieferungslage der meisten übrigen antiken Lokalhistoriographen außerhalb der Atthidographie, sowie wegen mehrerer für die ganze Gattung der Lokal- und Regionalgeschichte relevanter Probleme, zogen nun die komplizierten Fragen nach der Enstehungsgeschichte der athenischen bzw. attischen Lokalhistoriographie (Atthis / Atthidographie), nach der Anordnung des Materials, der Chronologie der Werke oder nach politischen Tendenzen und Absichten einzelner Lokalhistoriker mit ihren Werken das besondere Interesse Jacobys während langer Jahre der Forschung auf sich. Eine separate Monographie (Atthis. The Local Chronicles of Ancient Athens, Oxford 1949 [Neudruck New York 1973]), der große Teilband IIIB der FGrHist mit der Sammlung der Testimonia und Fragmente der Atthidographen, Leiden 1950, und zwei umfangreiche Supplementbände III B I-II, Leiden 1954, mit sehr detaillierten Kommentaren begründen eine herausgehobene Sonderstellung dieses Themas der Atthidographie in Jacobys Gesamtwerk. Rhodes' Vortragsthema ist daher sehr geschickt gewählt. Er stellt klar verständlich die Kernthesen Jacobys zur Atthidographie vor (nicht zuletzt in der Kritik an älteren Meinungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs) und gibt einen Überblick über den Gang der folgenden Forschungen zur attischen Lokalgeschichte und einzelnen Atthidographen bis zu jüngsten Standardwerken, zum Beispiel zu Philip Harding, The Story of Athens: The Fragments of the Local Chronicles of Attika, London 2008, einer sehr nützlichen Sammlung von Übersetzungen aller relevanten Texte mit Kommentarnotizen. Zu einem interessanten Versuch, mit Hilfe der technischen Möglichkeiten des eAqua Forschungsverbundes vielleicht zukünftig mit einem über Jacobys Sammlung hinausgehenden Corpus der Texte der Atthidographen und aller antiken Parallelstellen hierzu arbeiten zu können, siehe einen jüngeren Beitrag von Charlotte Schubert.[1]

Rhodes selbst ist bekanntlich einer der führenden Spezialisten der antiken athenischen Geschichte und mit der Problematik der Atthidographen bereits seit der Vorbereitung seines monumentalen Kommentares zur Athenaion Politeia aus der Schule des Aristoteles intensiv befasst geblieben.[2] Denn die attischen Lokalhistoriker bilden einerseits sowohl mit Sicherheit eine wichtige Quelle dieser athenischen Verfassungsgeschichte und systematischen Verfassungsübersicht, andererseits aber weichen sie in interessanten Details auch von der Athenaion Politeia ab.

Rhodes akzeptiert wichtige Hypothesen Jacobys zur Entstehung der Atthidographie (und die Kernpunkte in dessen Kritik an Wilamowitz), zum Beispiel dass nicht bereits die sogenannten Exegetai eine Form der vorliterarischen Chronik der athenischen Geschichte vorgelegt hätten und daß Hellanikos' Atthis durchaus als wichtige Quelle für die späteren Atthidographen des 4.–3. Jahrhunderts v.Chr. Bedeutung hatte. Seit Jacoby zeichnet sich auch immer deutlicher die elementare Nützlichkeit der ‚offiziellen‘ attischen Archontenliste für eine präzise Chronologie der Atthiden und ihre Präsentation des Materials ab. Hierzu gibt Rhodes einige instruktive Beispiele und vergleicht die jeweilige Atthidographentradition mit der antiken Parallelüberlieferung. Rhodes distanziert sich dagegen vorsichtig von einigen pointiert formulierten Versuchen Jacobys (und folgender Kollegen), die politischen Vorlieben und Antipathien als auch die auktorialen Anliegen einzelner Atthidographen trotz des nur fragmentarischen Überlieferungszustandes aller Werke präziser zu bestimmen, sowie in Details über die Abfassungszeit bestimmter Werke. Die antiken Atthidographen teilten mit anderen zeitgenössischen Historikern das methodologische Problem, abgesehen von der jüngeren Vergangenheit nur sehr wenig dokumentarisches Quellenmaterial auswerten zu können und daher gerade für ältere Epochen primär auf mündliche Traditionen angewiesen zu sein. Doch "they did increasingly find opportunities to make use of documents, but in order to amplify and fill in the details of the tradition rather than as the basis of their history" (Rhodes, S. 34). Aus dieser Quellenlage ergaben sich für die attischen Lokalhistoriker ähnlich wie für antike Universalhistoriker seit Ephoros in einer größeren Dimension unterschiedliche Arbeitsweisen und abweichende Maßstäbe für die frühen Geschichtsepochen einerseits und ihre annähernde Zeitgeschichte andererseits.

Der schlanke, empfehlenswerte Band wird abgerundet durch einen präzise informierenden Abriß von Josef Wiesehöfer über "Felix Jacoby – Lebensstationen und Werke" (S. 37–45) und eine bio-bibliographische Notiz dieses Herausgebers der Vorlesungsreihe über Peter John Rhodes (46–47).

Anmerkungen:
[1] Charlotte Schubert, Formen der griechischen Historiographie: die Atthidographen als Historiker Athens, in: Hermes 138 (2010), S. 259–275 und die Informationen unter www.eaqua.net (Stand 23.02.2015).
[2] Peter J. Rhodes, A Commentary on the Aristotelian Athenaion Politeia, Oxford 1981 (2. überarb. Aufl. 1993).

Zitation
Johannes Engels: Rezension zu: Rhodes, Peter J.: Atthis. The Ancient Histories of Athens. Heidelberg 2014 , in: H-Soz-Kult, 23.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23829>.
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23.03.2015
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