T. Winnerling: Die Societas Jesu in Indien und Japan

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Titel
Vernunft und Imperium. Die Societas Jesu in Indien und Japan, 1542–1574


Autor(en)
Winnerling, Tobias
Erschienen
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
397 S.
Preis
€ 69,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rouven Wirbser, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Neben Südamerika zählt der indopazifische Raum zu den am häufigsten erforschten frühneuzeitlichen Missionsgebieten der Societas Jesu. Jedoch konzentrieren sich die meisten Studien auf die Geschichte einzelner Missionsregionen oder das Leben herausragender Missionare. Erst seit einigen Jahren sind Forschungen entstanden, die über enge regionale oder individuelle Zuschnitte hinausgehen und versuchen, die indopazifische Mission mit dem weltweiten Missionsbemühungen der Jesuiten in Beziehung zu setzen.[1] Allerdings lassen auch solche Studien ihren Untersuchungszeitraum oft erst mit den weitreichenden Modifikationen der jesuitischen Missionsstrategie in den 1570er-Jahren beginnen. Die ersten 30 Jahre der jesuitischen Mission im Indopazifik haben bisher zumeist nur wenig Aufmerksamkeit erhalten. In vielen Darstellungen wird diese Phase häufig übergangen oder als unerheblich für die spätere Mission dargestellt. Dem stellt sich die in Düsseldorf entstandene Dissertation von Tobias Winnerling entgegen, die sich genau dieser Frühphase der jesuitischen Mission im Indopazifik widmet.

Winnerling lässt den Zeitraum seiner Untersuchung mit der Ankunft des Missionspioniers Franz Xaver in Indien 1542 beginnen. Das Ende setzt der Autor mit der Ankunft des Visitators Alessandro Valignano ebendort im Jahr 1574, da die von diesem vorgenommene Änderung der Missionsstrategie gemeinhin als Zäsur angesehen wird. Winnerling geht davon aus, dass sich die frühen Jesuiten mit einer gemeinsamen Überzeugung, wie die Mission erfolgreich zu gestalten sei, nach Osten aufmachten. Er will daher in einer „praxeologisch operierende[n] Analyse“ (S. 16) untersuchen, wie sich diese Überzeugung in den Praktiken der frühen Jesuitenmissionare niederschlug. Der Autor bedient sich dabei einer eigenen Definition von Praktiken, die auf Bourdieu und Kant aufbaut. Die Einbeziehung von Kant erscheint zwar zunächst interessant, ihrer Umsetzung mangelt es jedoch an mehreren Stellen an Verständlichkeit, sodass Zweifel an ihrem Mehrwert angebracht sind. Die Quellen für Winnerlings Analyse sind hauptsächlich die edierten Briefsammlungen sowie die Missionshistorien des Jesuitenordens.

Um dem Ergebnis der Arbeit hier schon vorwegzugreifen: Winnerling sieht die jesuitischen Praktiken in der Frühphase vor allem durch die zwei titelgebenden Themen – Vernunft und Imperium – geprägt. Letzteres mag auf den ersten Blick verwirren. Der Autor begründet dies mit strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Kolonialismus und Mission hinsichtlich der Ziele, nämlich, „dass bestimmte Akteurskollektive anderen neue kollektive Praktiken aufzuprägen suchen, um sich selbst als deren definitionsmächtige Autorität zu installieren“ (S. 15). Da Winnerling Macht als qualitativ differenzierbar ansieht, wenn sie sich aus unterschiedlichen Quellen speist, unterscheidet er zwischen verschiedenen Arten von Macht (die er als „Phasen“ bezeichnet). Die Jesuiten hätten dabei sowohl in der politischen und wirtschaftlichen über eine gewisse, aber vor allem in der spirituellen „Phase“ über erhebliche Macht verfügt. Deswegen könnten sie auch als koloniale Akteure aufgefasst und die jesuitische Mission somit als Aufbau eines „spirituellen Imperiums“ angesehen werden. Mit den Parallelen zum Kolonialismus begründet Winnerling auch den Vergleich zwischen den Missionsgebieten Indien und Japan, da in ersterem die Jesuiten im Kontext des portugiesischen Kolonialreichs agierten, wohingegen letzteres frei von kolonialen Einflüssen blieb. Durch den Vergleich der beiden Missionsgebiete, in deren unterschiedlichen Kontexten die Jesuiten die Christianisierung der Bevölkerung verfolgten, will der Autor die Praktiken-Konfigurationen der frühen Jesuiten im Indopazifik beleuchten.

Nachdem Winnerling in einem einleitenden Kapitel unter dem Titel „Makroskopisches“ seine oben ausgeführten Konzeptionen von Praktiken und von „Mission als spirituelles Imperium“ dargelegt hat, geht er in seinem Hauptteil in drei Schritten vor. Zuerst untersucht er im Kapitel „Strukturen“ die strukturellen Rahmenbedingungen der jesuitischen Mission im Indopazifik (Seereise, Kommunikation, Ausbildung, Alters- und Mitgliederstruktur). In einem weiteren Schritt beleuchtet Winnerling in zwei Kapiteln die Praktiken-Konfigurationen innerhalb seiner beiden Fallbeispiele Indien und Japan in Schlaglichtern. Im letzten Schritt geht Winnerling im Kapitel „AnthropoLogik“ umfassend auf den Einfluss ein, den die jesuitischen Konzeptionen von Vernunft und Logik auf die Praktiken der Missionare hatten.

Die detaillierte Analyse bisher zumeist wenig beachteter Aspekte führt zu einigen interessanten Ergebnissen: Prägend für die Asienmissionare und ihre Praktiken waren weniger die Ordensregeln und die jesuitische Ausbildung in Europa, als vielmehr die gemeinsame Erfahrung der gefährlichen Seereise sowie die Ausbildung in Goa, die ein Gefühl der kollektiven Identität schufen. Aufgrund der durch die Entfernung stark erschwerten Kommunikation mit Rom sowie der Tatsache, dass ein Großteil der Asienmissionare erst in Asien dem Orden beitraten, konstatiert Winnerling eine relative Unabhängigkeit von den Weisungen und der Kontrolle der Ordensführung. Gerade in der Frühphase habe dies zu eigenständigen Richtungsentscheidungen in der Missionsstrategie geführt.

Allerdings konstatiert Winnerling in den Kapiteln zu Indien und Japan auch, dass die Jesuiten versucht hätten, die ihnen bekannten Muster und Strukturen jesuitischen Arbeitens in Europa auf die Missionsgebiete zu übertragen. Das zeige sich im Falle Indiens an einer ungewöhnlich hohen Konzentration der meisten Missionare im kolonialen Zentrum Goa. Denn dort seien den Missionaren nicht nur die urbanen Strukturen, sondern auch die gewohnte Zusammenarbeit mit der Obrigkeit entgegengekommen. Auch in Japan hätten die Jesuiten bei ihren Bemühungen, in der Hauptstadt Kyoto Fuß zu fassen, versucht, etablierte und bekannte Praktiken der Elitenmission umzusetzen, selbst wenn diese sich als wenig erfolgreich erwiesen. Daneben hätten die Jesuiten bei ihren Evangelisierungsbemühungen aber auch mehr auf „Masse statt Klasse“ (S. 153) gesetzt, also rasch die Taufe vollzogen und eine umfassende Katechese der Konvertiten zurückgestellt. Die große Zahl an Konvertiten hätte dazu geführt, dass die Societas beständig unter einem Arbeitskräftemangel in der Seelsorge gelitten hätte. Diesen habe sie durch die Aufnahme von Indigenen zu kompensieren versucht. Von deren Mithilfe seien die europäischen Patres generell abhängig gewesen, da sie in der Frühphase der Mission trotz verschiedenster Bemühungen und bis auf wenige Ausnahmen weder in Indien noch in Japan für die Missionsarbeit ausreichende Sprachfertigkeiten und kulturelle Kompetenzen erworben hätten. Im Gegensatz zur Abhängigkeit von diesen Helfern hätte die Behandlung derselben gestanden, denn den indigenen Mitgliedern wären Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Ordens zumeist verweigert worden. Allgemein hätten die Patres die von ihnen geschaffenen christlichen Gemeinden hierarchisch auf sich selbst ausgerichtet. Durch die Monopolisierung der Sakramentenspendung und der Auslegung des Glaubens hätten sie sich die uneingeschränkte Anerkennung als „spirituelle Autoritäten“ (S. 297) gesichert.

Im Kapitel „AnthropoLogik“ arbeitet Winnerling schließlich seine These heraus, dass die Praktiken der Societas in Asien von jesuitischen Grundannahmen zu Vernunft und Logik beeinflusst gewesen seien. Die auf Aristoteles und Thomas von Aquin aufbauenden Konzeptionen der Jesuiten hätten diese immer wieder Disputationen mit anderen religiösen Experten wie buddhistischen Mönchen in Japan und Brahmanen in Indien suchen lassen. Dies hätte auch zur Folge gehabt, dass den Disputationen eine besondere Rolle in den jesuitischen Berichten zugekommen sei. Diese auffallende Betonung sieht Winnerling in einem Widerspruch zu den wenigen Konversionen, die durch diese hervorgerufen worden seien. Diese geringen Konversionserfolge seien, wie der Autor ausführlich ausführt, darauf begründet gewesen, dass die Jesuiten in beiden Ländern auf gänzlich andere Vorstellungen von Vernunft und logischer Argumentation gestoßen seien. So hätten die Jesuiten mit ihrer Vernunft und Beweisführung weder Buddhisten noch Brahmanen von der Überlegenheit des Christentums überzeugen können. Fraglich bleibt bei Winnerlings Sichtweise auf die Disputationen aber, ob bei diesen nicht andere Ziele im Vordergrund standen als die Bekehrung der Disputationsgegner.

In seinem Fazit konstatiert der Autor, dass sich das indopazifische Missionsunternehmen der Societas in seiner Frühphase aufgrund der strukturellen Gegebenheiten verselbstständigt und Eigendynamiken entwickelt habe, die von der römischen Zentrale weder initiiert noch gesteuert waren. Die dadurch etablierten Strukturen und Praktiken hätten nicht nur über die Zäsur von 1574 hinaus Bestand gehabt, sondern die Missionen im Indopazifik auch bis zu ihrem Ende maßgeblich geprägt. Die in der Frühphase der Mission etablierten „imperialen“ Praktiken zielten, so schließt Winnerling, auf einen Estado do Jesus nach der Blaupause des portugiesischen Estado da Índia ab.

Winnerling legt mit seiner Dissertation eine profunde Studie der Frühphase der jesuitischen Mission in Asien vor. Durch die stringent vorgenommene praxeologische Herangehensweise gelingt es ihm, die Missionare als Akteurskollektiv in den Blick zu nehmen sowie deren Handlungen objektiv und aus ihrer Zeit heraus zu analysieren. Er entkommt so der Fixierung auf einzelne exponierte Missionare und deren partieller Verklärung, welche in der Forschung bis heute noch häufig anzutreffen ist. Auch wenn man sich womöglich seinen weitreichenden Schlussfolgerungen hinsichtlich der Prägewirkung dieser Frühphase sowie des „imperialen“ Charakters der jesuitischen Missionspraktiken nicht vollständig anschließen will, vermag es Winnerling, wichtige Erkenntnisse herauszuarbeiten, die ein neues Licht auf die frühe jesuitische Mission in Asien werfen und auf die spätere Forschungen aufbauen können.

Anmerkung:
[1] Hier ist vor allem zu nennen: Luke Clossey, Salvation and Globalization in the Early Jesuit Missions, Cambridge (u.a.) 2008.

Zitation
Rouven Wirbser: Rezension zu: Winnerling, Tobias: Vernunft und Imperium. Die Societas Jesu in Indien und Japan, 1542–1574. Göttingen 2014 , in: H-Soz-Kult, 27.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23878>.
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27.07.2015
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