J. Kilian (Hrsg.): Michel Stüelers Gedenkbuch

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Titel
Michel Stüelers Gedenkbuch (1629–1649). Alltagsleben in Böhmen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges


Hrsg. v.
Kilián, Jan
Erschienen
Göttingen 2014: V&R unipress
Umfang
462 S.
Preis
€ 59,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anja Schumann, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Was dem umtriebigen Teplitzer Kulturhistoriker Rudolf Knott (1861–1912) zu dessen Lebzeiten nicht mehr vergönnt gewesen war, gelingt gut einhundert Jahre später Jan Kilián – die von dem Graupener Bürger Michel Stüeler stammenden Aufzeichnungen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach langer Vergessenheit der Forschung zugänglich zu machen.[1] Die hier vorzustellende Edition der von 1629 bis 1649 verfassten chronikalischen Notizen Stüelers gesellt sich zu einer ganzen Reihe bereits bekannter Selbstzeugnisse aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.[2] Gleichwohl aber verspricht Stüelers „Gedenkbuch“ den Blick der Frühneuzeithistoriker in eine neue Richtung zu lenken: Immerhin entstand dieses deutschsprachige Selbstzeugnis im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet. Es offenbart somit die Perspektive eines Betroffenen aus einer von feindlichen Einfällen, Truppendurchzügen, Plünderungen und Einquartierungen stark in Mitleidenschaft gezogenen Region, der die deutsche Forschung bislang wenig Interesse schenkte. Hinzu kommt, dass es sich bei der Niederschrift des Michel Stüeler nicht um die eines hochgebildeten geistlichen oder weltlichen Amtsträgers handelt, sondern um die Stimme eines verhältnismäßig „einfachen“ Bürgers aus der kleinen Bergstadt Graupen.

Dem eigentlichen Werk stellt Jan Kilián eine Einleitung zur Person des wahrscheinlich im Jahre 1583 geborenen Michel Stüeler, zu dessen Lebenswelt und zur Überlieferung seiner Aufzeichnungen voran. In seiner Jugend besuchte Stüeler die örtliche Schule in Graupen, um anschließend das Handwerk eines Lohgerbers zu erlernen. Allerdings übte er diesen Beruf nur zeitweilig aus, da ihn zahlreiche anderweitige Tätigkeiten vereinnahmten. So hatte er phasenweise das Amt eines Hegers inne, in dessen Zuständigkeitsbereich vor allem die Unterbindung von Holzdiebstählen in den herrschaftlichen Forsten fiel. Zudem wurde er 1628 in das Kollegium der Ratsältesten aufgenommen und im April 1633 auf den Posten des Bergmeisters erhoben, den er aber bereits 1637 wieder verlor. Ein Grund für diese wechselhafte Karriere war vermutlich auch der streitbare Charakter Michel Stüelers. Dieser zeigte sich nicht nur in den Konflikten mit seinen Mitbürgern – war Stüeler doch in weit mehr als einen Injurienprozess verwickelt und geizte selbst in seinen Aufzeichnungen nicht mit Verwünschungen und Schmähungen –, sondern auch und vor allem in seinem vehementen Einsatz für die Verteidigung städtischer Rechte und Freiheiten gegenüber der Obrigkeit. Dieser führte 1636 sogar zu seiner Vorladung nach Prag und zur Inhaftierung im Schloss in Bechin. Zwar liegen einige der von Kilián referierten biographischen Details und historischen Geschehnisse nicht in dem edierten Berichtszeitraum. Wo dies jedoch der Fall ist, wird die schnelle Wiederauffindbarkeit in der Quelle durch den Verzicht auf entsprechende Querverweise leider erschwert.

Durchaus problematisch und teils schwer zu durchdringen ist die Rezeptions- und Überlieferungsgeschichte des Stüelerschen Werkes. Die von Jan Kilián vorgelegte Edition beruht auf einer von Rudolf Knott um 1900 angefertigten und im Archiv Teplitz befindlichen Abschrift, die ihrerseits auf einer späteren Kopie der Notizen Stüelers basiert. Über das Schicksal jener Kopie scheint ebenso wenig Näheres bekannt zu sein wie über den Verbleib einer weiteren, am Ende des 19. Jahrhunderts aufgefundenen Abschrift von „deß Michael Stielers so genanten Memorial oder Gedenckbuch“. Knott hatte die ihm zugängliche Kopie für die seinerzeit geplante Edition transkribiert und dabei Lücken in den Stüelerschen Notizen aus einer Chronik der Stadt Graupen ergänzt, von der er annahm, dass diese in Teilen wiederum auf Stüeler rekurrierte. Kilián spart diese Passagen bei seiner Edition wohl zu Recht aus. Für den unkundigen Leser schwieriger nachzuvollziehen ist hingegen, wie Kilián unter Bezugnahme auf eben jene Stadtchronik zu einer nicht unbedeutenden Behauptung gelangt: Michel Stüeler habe bereits vor dem bekannten Zeitabschnitt der Jahre 1629–1649 seine tagebuchartigen Aufzeichnungen geführt und diese auch bis zu seinem Tod im November 1656 fortgesetzt.[3] Insofern sei lediglich noch der mittlere Teil von Stüelers „Gedenkbuch“ erhalten und der heute verlorene Rest in die unedierte Chronik eingeflossen (S. 39 und 46ff.). An dieser Stelle hätte der Argumentationsgang sicherlich von tiefergehenden Ausführungen (mit illustrativen Belegen) profitiert, die für das Gesamtverständnis der Quelle tendenziell wichtiger erscheinen als die sehr detaillierte, vorwiegend bau- und kunsthistorisch orientierte Beschreibung von Stüelers Heimat- und Wohnort.

Der thematische Berichtshorizont des Graupeners war überaus breit, wie der Blick in die Edition seiner Tagesnotizen offenbart: Neben der Beschreibung der verheerenden Kriegseinwirkungen dieser Zeit im Erzgebirge, die Stüeler eher in knappen Bemerkungen und nicht in eindringlichen Klagen mitteilt, hielt er vor allem Informationen ökonomischer Art fest. Da Stüeler brauberechtigter Bürger war und zudem Weingartenbesitzer, vermerkte er nicht nur den Preis des Bieres und Weines, sondern notierte auch den Lohn der Brauer und Weinarbeiter, die Ernteerträge, die Witterungsverhältnisse, die Getreidepreise und ihre Schwankungen. Zu den aufzeichnungswürdigen Ereignissen in und um Graupen gehörten für ihn ebenso die Hochzeiten und der Tod von Bekannten, die Geburt und Taufe ihrer Kinder, Unglücksfälle, Gewaltverbrechen, Hausbrände, Einbrüche und natürlich die von ihm qua Amt zu ahndenden Fälle von Holzdiebstahl.

Bemerkenswerterweise vermögen die kurzen, unmittelbaren und mannigfaltigen Eintragungen den Leser sogar partiell in das Alltags- und Privatleben des Michel Stüeler zu entführen. Wir erfahren, wann der Graupener, der insgesamt dreimal verheiratet und mehrfacher Vater war, sein Bettstroh wechselte, wann er sich neue Strümpfe, Stiefel oder Hosen kaufte, wann er kränkelte und sogar wann und was er nachts träumte. Privat wird es auch dann, wenn er vermerkt: „Habe früe gehuschert mein Weib“ (S. 284) oder wenn er gestehen muss, dass er seiner Ehefrau in betrunkenem Zustand Maulschellen gegeben habe (S. 213). Allerdings sind derartige Bemerkungen zu Sexualität und Alkoholismus äußerst marginal und bei weitem nicht so prominent vertreten, wie es der Rückentext des Buches vielleicht suggerieren mag.

Bei der Benutzung des Bandes fällt im Editionsteil rasch die separate Seitenzählung auf, von welcher angenommen werden darf, dass sie der Zählung der von Rudolf Knott hinterlassenen Abschrift entspricht. Ausschließlich auf diese Separatzählung nehmen die Einträge in dem beigegebenen, umfangreichen Personen- und Ortsregister Bezug. Mit großer Akribie gelang es Jan Kilián, rund 930 der bei Michel Stüeler erwähnten Personen namentlich zu identifizieren, was nicht zuletzt für weitere prosopographische und biographische Untersuchungen eine gute Ausgangslage bietet. Der wissenschaftliche Anmerkungsapparat enthält im Wesentlichen die Aufschlüsselung von Namen, Datierungen und manchen dem modernen Leser unverständlichen Ausdrücken. In der dergestalt gut erschlossenen Quelle werden Agrar-, Wirtschafts- und Militärhistoriker ebenso fündig wie an der Geschichte des Bergbaus oder des Wetters Interessierte. Abschließend sei mit Blick auf die editorische Leistung des tschechischen Historikers Jan Kilián eine kleine Spekulation erlaubt: Rudolf Knott hätte gewiss seine Freude an der Veröffentlichung von Stüelers schriftlichen Hinterlassenschaften gehabt. Nun bleibt dem Werk nur noch die gebührende Aufmerksamkeit der Forschung zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Einen wertvollen inhaltlichen Abriss des Stüelerschen Werkes veröffentliche Rudolf Knott im Vorfeld der von ihm geplanten Edition: Rudolf Knott, Michel Stüeler. Ein Lebens- und Sittenbild aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Teplitz-Schönau [ca. 1898].
[2] Das Referenzwerk schlechthin ist hier Benigna von Krusenstjern, Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Beschreibendes Verzeichnis, Berlin 1997.
[3] Dagegen nahm Knott (wie Anm. 1), S. 4 und S. 36, noch an, dass Stüeler das 1629 begonnene Tagebuch 1649 beendet habe.

Zitation
Anja Schumann: Rezension zu: Kilián, Jan (Hrsg.): Michel Stüelers Gedenkbuch (1629–1649). Alltagsleben in Böhmen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Göttingen 2014 , in: H-Soz-Kult, 21.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24069>.
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Veröffentlicht am
21.07.2015
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