Titel
Ivan Pavlov. A Russian Life in Science


Autor(en)
Todes, Daniel
Erschienen
Umfang
880 S.
Preis
£ 25.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Schnickmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Daniel P. Todes, Professor am Institut für Medizingeschichte der Johns Hopkins Universität Baltimore, hat ein Buch über Iwan Pawlow geschrieben, den russischen Physiologen, der Hunden ihre Verdauungssäfte entnommen und vom Neuen Menschen geträumt hat. Nach beinahe 25-jähriger Forschung konnte Todes seine Biographie fertigstellen und 2014 bei Oxford University Press veröffentlichen. Seinen Erfolg mag dieses Buch der Tatsache zu verdanken haben, das selbst im langen und für die russische Geschichte durchaus fruchtbaren Zeitraum seiner Genese – abgesehen etwa von der geistesgeschichtlich-diskursanalytische Studie Torsten Rütings aus dem Jahr 2002[1] – kaum Substantielles zu Iwan Pawlow, seinen spezifischen Kontexten und Wissensformationen gesagt werden konnte. Dies hat sich nun auf eine literarisch durchaus angenehme Weise geändert.

Tatsächlich weiß Todes „A Russian Life in Science“ zu erzählen. Der Großteil eines Jahrhunderts russischer und sowjetischer Geschichte lässt sich hier am Leben eines Wissenschaftlers ablesen, der den rationalen Erkenntniszugang der Naturwissenschaft zur leitenden Struktur seines Handelns machte. Die Repressionen der zaristischen Wissenschaftspolitik, die Revolutionen, der Bürgerkrieg und sein Münden in den Stalinismus werden bei Todes zu einem Konflikt zwischen dem Chaos einer unkontrollierbaren Außenwelt und Pawlows asketischem, sich aus Orthodoxie und transzendentem Szientismus der 1860er-Jahre speisenden Streben nach Disziplin und absoluter Rationalität. Für Pawlow galt es, aus der christlichen Transzendenz säkularisierte dostoinstwo (Würde) immerfort zu schaffen; slutschajnost (Unfall, Zufall, Unregelmäßigkeit) sollte mit prawilnost (Korrektheit, Regelmäßigkeit) begegnet werden. Diese charakterliche Obsession des Physiologen nutzt Todes als leitende Struktur seiner Biographie, die ihre Erzählung konturiert und jedes Ereignis wieder auf ihren Protagonisten rückbezieht. Allenfalls in den ersten Kapiteln, wenn Sozialisation und Kontext der notwendige Platz eingeräumt wird, verschwindet Pawlow zuweilen aus dem Text; eine – angesichts des Umfangs der Biographie – durchaus verzeihliche Entscheidung, die ihren Grund auch in der Quellenlage haben mag.

Was der Autor bereits in früheren Arbeiten anlegte,[2] lässt sich hier in der historiographischen Form der Biographie konsequent vollführen: Eine Epistemologie, die von der metaphorischen Verfasstheit menschlichen Denkens ausgeht, die entgegen aller postmodernen Krisen und Wirrungen der Wissenschaftsgeschichte ihr Sujet radikal vom Subjekt, seinen Handlungs- und Erfahrungsweisen her versteht. Gewiss, auch Todes spricht von den Kräften des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, die sich dem menschlichen Zugriff zu entziehen, den in Verruf gekommenen zentralen Akteur des Wissenschaftlers zu übersteigen scheinen. Der technische Raum des Labors entwickelt Dynamiken – Todes begreift sie als fordistische Produktivkräfte – denen sich menschliche wie nichtmenschliche Akteure, den Hunden allein kommt ein Kapitel zu, ausgesetzt sehen. Doch bildet immer die symbolische Sinnstiftung des Wissenschaftlers und Labormanagers Pawlow den Knotenpunkt der Erzählung; etwa wenn das physiologische Labor zur konkreten Heterotopie der prawilnost inmitten bolschewistischer slutschajnost wird oder der Physiologe das von der gewünschten Ordnung abweichende Verhalten einiger Hunde anthropomorphistisch durch die Galensche Humoralpathologie zu erklären versucht.

Für all dies muss sich Todes kein „Theoriekapitel“ einräumen, sein Ansatz entwächst ganz organisch der Geschichte, die sich ihm aus dem Leben Pawlows zuneigt. Stattdessen weiß er dank des beeindruckenden Studiums auch obskurer Quellen Neuigkeiten zu berichten, die ein Umdenken über Pawlow nicht nur innerhalb der vom Autor adressierten „broad audience“ (S. xviii), sondern auch in der wissenschaftlichen Fachwelt anstoßen müssen. Fernab der als Marketing aufbereiteten Erkenntnis, dass Pawlow natürlich keine Glocken – wie das Klischee glaubhaft machen will – sondern präzisere konditionale Stimuli verwendete, wird besonders die Bedeutung der Psyche als zu entschlüsselnde Entität des Bewusstseins in der späten Pawlowschen Forschung unterstrichen. Der große Physiologe Pawlow schien ein sehr viel ambivalenteres Verhältnis zum empirischen Naturalismus zu unterhalten, als weithin angenommen werden konnte. Diese Einsicht Todes stellt die behavioristische Pawlowrezeption vor wichtige Fragen, lässt sie gar fragwürdig erscheinen.

Wer sich für russische Wissenschaftsgeschichte auf über 731 Seiten begeistern kann, sollte dieses Buch lesen; wer selbst zu Pawlow oder dem Umfeld seiner Labore arbeitet, wird in den kommenden Jahren ohnehin keine andere Wahl haben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Torsten Rüting, Pavlov und der Neue Mensch. Diskurse über Disziplinierung in Sowjetrussland, München 2002.
[2] Vgl. Daniel P. Todes, Darwin without Malthus. The Struggle for Existence in Russian Evolutionary Thought, Oxford 1989.

Zitation
Alexander Schnickmann: Rezension zu: Todes, Daniel: Ivan Pavlov. A Russian Life in Science. New York 2014 , in: H-Soz-Kult, 09.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24155>.
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09.10.2017
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