D. Yntema: The Archaeology of South-East Italy

Cover
Titel
The Archaeology of South-East Italy in the First Millennium BC. Greek and Native societies of Apulia and Lucania between the 10th and the 1st century BC


Autor(en)
Yntema, Douwe
Reihe
Amsterdam Archaeological Studies 20
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 304 S.
Preis
€ 94,72
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Heitz, Institut für Archäologien, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Die archäologische Erforschung Süditaliens hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht, insbesondere was die Berücksichtigung auch vorrömischer und nichtgriechischer Elemente betrifft. Mit seiner Arbeit legt Douwe Yntema, einer der besten Kenner der Region, eine Synthese des Materials und Forschungsstandes in englischer Sprache vor, die bisher ein schmerzhaftes Desiderat darstellte.

Das Buch ist in sieben Abschnitte gegliedert. Während das erste eine kurze Einführung in das Thema bietet (S. 1–8), werden im zweiten Kapitel (S. 9–28) die Grundlagen dargelegt, auf denen sich die Gemeinschaften des 1. Jahrtausends v.Chr. entwickeln. Yntema betont die schon in der ausgehenden Bronzezeit engen Kontakte des süditalischen Raumes zu Balkan und bronzezeitlich-ägäischer Welt, die sich nicht nur in zahlreichen Keramikimporten und der lokalen Fertigung der Waren (zum Beispiel dolii) in Süditalien manifestieren, sondern auch in ähnlichen architektonischen Strukturen (zum Beispiel Torre Castelluccia). Wie im Ostmittelmeerraum lassen sich aber auch in Süditalien am Ende der Bronzezeit starke Veränderungen fassen, die auf einen Zusammenbruch der vorherigen Zustände hindeuten. Scheibengedrehte Keramik verschwindet, gesiedelt wird wieder in kleinen, weit verstreuten Dörfern. Immer noch über weite Strecken verhandelte Keramik deutet allerdings darauf hin, dass weiterhin interregionale Austauschnetzwerke funktionierten.

Im dritten Kapitel (S. 29–44) gibt Yntema den gesamten Untersuchungszeitraum betreffende Informationen zu den geographischen, geologischen und klimatischen Verhältnissen der Region. Yntema geht auch auf deren wirtschaftliche Möglichkeiten für Ackerbau und Viehzucht ein. Lage und Verlauf der Verkehrsverbindungen in der Region werden diskutiert (S. 35f.), wobei gerade für die Frühzeit diese kaum sicher zu rekonstruieren sind und angenommen werden muss, dass sie bereits späteren Routen folgten. Sehr hilfreich ist die Vorstellung von in der gesamten Arbeit immer wieder genutzten Regions- und Stammesnamen (S. 37–44). Yntema setzt sich kritisch mit dieser Praxis auseinander und schlägt eine statt durch literarische eine durch archäologische Kriterien geleitete Unterteilung des Untersuchungsraums vor, die mittels einer Karte (Abbildung 3.8) verdeutlicht werden soll – wobei jedoch unglücklich erscheint, dass die jeweiligen Benennungen in Text und Karte nicht übereinstimmen und auch nicht angegeben wird, wie die Regionen jeweils von anderen Forschern benannt wurden.

In den folgenden chronologisch-thematischen Kapiteln vier bis sieben wird ein umfassender Überblick zur jeweiligen Epoche geboten. Alle Kapitel sind etwa gleich groß und ähnlich strukturiert: mit Abschnitten zu Siedlung und Landschaft, Bevölkerung, Wirtschaft und Handel sowie Bestattungswesen, Religion und Geisteswelt und jeweils durch eine kurze Zusammenfassung abgeschlossen.

Das vierte Kapitel behandelt die Zeitspanne von der frühen Eisenzeit bis in die Archaik, circa 1000–600 v.Chr. (S. 45–100). Yntema stellt fest, dass sich der ideelle Bruch zur späten Bronzezeit auch darin manifestiert, dass an den weithin sichtbaren bronzezeitlichen Monumenten wie Tumuli und Dolmen in dieser Zeit keinerlei Spuren von Aktivitäten mehr festgestellt werden können. Generell steigt im 9./8. Jahrhundert v.Chr. die Anzahl identifizierbarer Siedlungsspuren an. Meist weisen die neuen Siedlungen nur eine Größe von wenigen Hütten auf, was auf weit verstreute, kaum über wenige Kernfamilien bzw. -haushalte hinausgehende Gemeinschaften hindeutet.1 In dieser Zeit werden zunehmend vorher unbewohnte Gebiete erschlossen – Yntema verwendet hierfür, nach Ansicht des Rezensenten missverständlich, wiederholt die Begriffe „kolonisieren“ bzw. „Kolonisation“. Ab dem 8. Jahrhundert v.Chr. kommt es zur Wiederaufnahme überregionaler und vor allem auch überseeischer Kontakte. Im Salentogebiet findet sich in zunehmender Menge korinthische Keramik, ab dem 7./6. Jahrhundert v.Chr. statt den traditionellen Hütten auch rechteckige Hausarchitektur mit Steinsockeln. Weitere Veränderungen betreffen die Anlage von Nekropolen, die vermehrt regelhaft außerhalb des Siedlungsbereiches angelegt werden. In diesem Zusammenhang kommt Yntema ausführlich auf die sogenannte „Griechische Kolonisation“ zu sprechen (S. 61–65), wobei er für neutralere Benennungen wie „Migration“ plädiert. Die Rolle, die auch Bewohner mit einheimischen Wurzeln bei der späteren Entwicklung der großen „griechischen“ Küstenstädte spielten, wird nach Yntemas Meinung (der sich auch der Rezensent anschließen kann) bisher deutlich unterschätzt (S. 64) – zumal Phänomene wie „intermarriage“ eine Rolle gespielt haben dürften.2 Durch Grabanalysen kann eine zunehmende soziale Stratifizierung aufgezeigt werden, die sich auch in den wenigen zeitgenössischen ikonographischen Zeugnissen widerspiegelt, unter denen die sogenannten ‚daunischen Stelen‘ besonders hervorstechen (S. 72–86). Anhand der Keramik wird eine zunehmende Regionalisierung der Gemeinschaften des Untersuchungsgebietes nachvollziehbar gemacht. In einigen Passagen kann der Rezensent dem Autor nicht unbedingt folgen, etwa wenn er ohne Nachweise behauptet, dass Griechen die italischen Küsten plünderten oder dass die oinotrischen Frauen durch exotische Tätowierungen besondere Anziehungskraft auf Neuankömmlinge ausübten (S. 65).3

Im fünften Kapitel (S. 101–164) zur archaisch-klassischen Epoche (circa 600–370 v.Chr.) liegt ein Schwerpunkt auf den sich nun voll entwickelnden „griechischen Poleis“ an der Küste. Yntema zeichnet den Weg zur vollständigen „Urbanisierung“ dieser Stätten nach und beleuchtet ihre wirtschaftliche Organisation, die durch die Untersuchung umliegender Bauernhöfe nachvollziehbar ist (er bezeichnet die Koloniestädte explizit als „territorial farmer states“, S. 115). Auch die indigenen Siedlungen und ihre Auseinandersetzung mit den neuen griechischen Kultureinflüssen werden diskutiert: An Stätten wie Serra di Vaglio und Torre di Satriano können konstruktions- und dekorationstechnische Anleihen an griechische Vorbilder und die Mitwirkung griechischer Spezialisten an den Bauten vor Ort nachgewiesen werden, ebenso wie sich durch die zunehmende Inkorporation griechischer Objekte (besonders solcher eher lifestyle-gebundener wie alabastra und strigiles) in reichen Gräbern eine gewisse Annäherung der einheimischen Eliten an ihre städtischen Nachbarn andeutet (S. 130–137).

Das sechste Kapitel (S. 165–236) behandelt die Zeit von circa 370–230 v.Chr. (von ihm als „frühhellenistisch“ bezeichnet). In diesem Abschnitt wird vor allem das Erscheinen der Lukanier als „neue“ Volksgruppe diskutiert. Wie andere Forscher4 spricht Yntema sich nicht für eine große Einwanderungsbewegung aus, die die älteren Bewohner des Gebietes verdrängte, sondern eher für die Bildung eines neuen ethnisch-politischen Gebildes (vorstellbar als Konföderation), das unter diesem Namen firmierte und neue Impulse in die soziale und politische Landschaft des Untersuchungsraumes brachte, insbesondere als Bedrohung der großen Poleis – was unter anderem möglicherweise auch in dem Phänomen des verstärkten Baus von Siedlungsmauern resultierte, die Yntema aber nicht nur als Verteidigungsanlagen, sondern auch als generelle und identitätsstiftende Gemeinschaftsarbeiten sieht, die die Stadtbevölkerung vom Umland abgrenzten (S. 174–176; hier und an anderen Stellen weist Yntema zum wiederholten Male auf die Besonderheit der Region Daunien hin, in der sich ansonsten über weite Strecken sichtbaren Phänomene nur schwach widerspiegeln).
In der Zeitspanne von circa 230–80 v.Chr., die Thema des siebten und letzten Kapitels ist (S. 237–276), wird die Region als Teil des römischen Imperiums von völlig neuen politischen Voraussetzungen geprägt. Yntema kann zeigen, dass immer noch teils stammesbasierte Gemeinwesen die Sozialstruktur prägen – wobei deren Eliten spätestens zu dieser Zeit in Städten ansässige Großgrundbesitzer werden. In der Herstellung von handwerklichen Produkten (etwa Keramik) sind eine zunehmende Zentralisierung, Normierung und Internationalisierung festzustellen, die von teilweise sehr großen und isoliert gelegenen spezialisierten Betrieben (im Sinne von Manufakturen oder gar Fabriken) gefertigt werden. Damit und mit einer kritischen Betrachtung bisheriger Forschungstraditionen präsentiert Yntema gute Argumente gegen die verbreitete Auffassung vom krisenhaften Zustand der Region in der Zeit nach den hannibalischen Kriegen.

Die Arbeit ist in ihrer angelegten zeitlichen Tiefe und thematischen Breite deutlich zu umfangreich, um in diesem Rahmen in jedem Detail besprochen werden zu können. Festzuhalten ist jedoch, dass Yntema alle wichtigen Probleme des Themenfeldes nicht nur anspricht, sondern auch diskutiert – zum Beispiel die historische Glaubwürdigkeit von Gründungsmythen und -kulten der Koloniestädte (S. 149–152) und die interessante Frage, ob sich die indigenen Bewohner in legitimatorischer Konkurrenz mit den Griechenstädten selbst eine mythische „griechische“ Genealogie zulegen (S. 156–159). Dabei bieten einige seiner Ansichten (etwa zur Indifferenz der Indigenen betreffs der Vasenbilder; S. 219) durchaus Stoff für kontroverse Diskussion. Dass seine Ausführungen im Bereich von Kult und Religion, insbesondere was den indigenen Bereich betrifft, weitgehend spekulativ bleiben, spiegelt jedoch nur den bisherigen Wissensstand wider.

Bedauerlich ist die etwas nachlässige Redaktion des Textes – neben relativ vielen Schreibfehlern zeigt sich dies auch an Abbildungen und Tafeln. Mitunter verhindern zu knappe Bilderläuterungen die klare Lesbarkeit von Diagrammen (zum Beispiel Abbildung 4.3 und Abbildung 6.27). In Abbildung 4.15a wird auf Gräber verwiesen, die dort nicht angegeben sind. In Abbildung 4.22 bleibt die Unterscheidung zwischen indigenen und griechischen Dekorationselementen (so sie sich denn wirklich klar trennen lassen) vage, und in Tabelle 5.2 sind Brenntemperaturen bis zu 10.000 Grad Celsius (statt 1.000 Grad Celsius) angegeben.
Insgesamt ist Yntemas Arbeit sehr zu begrüßen und stellt einen wichtigen und fundierten Überblick über die Region dar. Insbesondere sein ganzheitlicher Ansatz, der (in der Forschung lange ungewöhnlich) eine Balance zwischen einheimischen Gemeinschaften und „Neuankömmlingen“ in der Region (id est Griechen und Römer) und eine gleichberechtigte und ausgewogene Betrachtung aller Bevölkerungsgruppen und ihrer Interaktionen anstrebt, macht das Werk spannend und gewinnbringend zu lesen. So wird die Arbeit sicherlich grundlegendes Arbeitsmaterial für alle sein, die sich mit dieser Region und Zeit in der Zukunft beschäftigen wollen. Dabei eignet sich das Werk nicht nur als Einstieg, sondern bietet in seiner Breite auch dem erfahrenen Leser neue Einblicke.

Anmerkungen:
1 Zu dieser Grundstruktur der eisenzeitlich-archaischen Gemeinschaften und möglichen diachronen Veränderungen siehe demnächst Christian Heitz, Von "ganzen Häusern" zu großen Männern?, in: Bulletin Antieke Beschaving (im Druck).
2 Zu diesem Phänomen siehe zum Beispiel Tamar Hodos, Intermarriage in the Western Greek Colonies, in: Oxford Journal of Archaeology 18/1 (1999), S. 61–78; Yntema kommt selbst in der Kapitelzusammenfassung (S. 98) kurz auf diesen Punkt zu sprechen.
3 Dass es solche Formen von Körperschmuck im antiken Süditalien gab, hat kürzlich Camilla Norman, The Tribal Tattooing of Daunian Women, in: European Journal of Archaeology 14 (2011), S. 133–157 anhand des Beispiels der daunischen Stelen wahrscheinlich gemacht – Yntema gibt jedoch keinen entsprechenden Nachweis an.
4 Vergleiche Agnes Henning, Lucania in the 4th and 3rd Century BC. Articulation of a New Self-Awareness Instead of a Migration Theory, Kongressbericht der AIAC, Rom 2008, in: <http://www.bollettinodiarcheologiaonline.beniculturali.it/documenti/generale/2_HENNING.pdf> (09.07.2015).

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