Sammelrezension: Architektur und Geschichte im postsowjetischen Raum

Meuser, Philipp (Hrsg.): Taschkent. Architekturführer. Berlin : DOM Publishers 2012 ISBN 978-3-86922-165-6, 368 S. € 28,00.

Reklaite, Julija; Leitanaite, Ruta (Hrsg.): Architekturführer Vilnius. Bauten ab 1900 bis heute. Berlin : DOM Publishers 2015 ISBN 978-3-86922-356-8, 252 S. € 28,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Ackermann, Europa Fellows, Collegium Polonicum

Die von Philipp Meuser initiierte Reihe von Architekturführern aus dem Hause DOM Publishers hat sich zur Aufgabe gemacht, ehemals sowjetische Städte für interessierte Zeitgenossen auf Deutsch zu erschließen. Das Verdienst dieser Reihe ist, dass sie Wissen über ehemalige Hauptstädte sozialistischer Sowjetrepubliken zugänglich macht, die seit 1991 Hauptstädte von Nationalstaaten sind. Das Wissen über sie ist oft nur in Sprachen vorhanden, die im Westen Europas von wenigen beherrscht werden. Um die Lücke zwischen diesen Wissensmassiven über die Geschichte des Städtebaus und der Architektur im östlichen Europa sowie in Zentralasien und dem deutschen Leser zu schließen, greift der Verleger Meuser auf unterschiedliche Methoden zurück.

In dem 2012 erschienen Führer über Taschkent wird das Ergebnis eines Workshops von deutschen Stadthistorikern, Soziologen und Architekten mit usbekischen Studierenden so aufbereitet, dass die Publikation als veritabler Reisebegleiter funktioniert, der Taschkent zwischen „Tradition und Moderne“ verortet. Dieser Architekturführer vereinigt so Informationen über die historischen Städte in Usbekistan und die Anfänge der Kolonisierung Zentralasiens mit einer Darstellung von Bauwerken der sowjetischen Moderne und den neusten architektonischen Repräsentationen der gegenwärtigen Staatsdiktatur in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Der Leser erhält in den Beiträgen von Torsten Lorenz und Götz Burggraf eine breite Einführung in den historischen Kontext der Stadt. Und für Besucher ist der ausführliche Teil mit Informationen zu einzelnen Bauwerken von Ansgar Oswald und Maryna Demydovets ein besonderer Gewinn. Es ist ein großes Verdienst dieses Bandes, dass hier auch Texte usbekischer Autoren enthalten sind, die die Geschichte Taschkents anders erzählen und kontextualisieren als die deutschen Kollegen. Dadurch werden zwar bestimmte Informationen dupliziert, aber die Einwohner der Stadt kommen ebenfalls zu Wort. In einem auf Oral History-Interviews basierenden Teil wird die Transformation der historischen Mahalla (Stadtviertel mit institutionalisierter Selbstverwaltung ) von einem traditionell organisierten Stadtteil hin zu sowjetisch geprägten Neubauten thematisiert und gezeigt, dass auch in den industriell gefertigten Neubauten zunächst einige soziale Raumordnungsprinzipien wie die gemeinsame Nutzung eines Gusar als Zentrum einer Mahalla erhalten blieben. Das war historisch ein kleiner Basar, um den Handel, Dienstleistungen und Religionsausübung organisiert waren. Ein großer Teil dieser Funktionen fiel in der sowjetischen Stadt weg, dadurch verloren Mahalla und Gusar auch die Funktion als Kommunikationsraum einer Gemeinschaft.

Diese ganz unterschiedlichen Teile aus Text, Fotographie und Infografik machen den Architekturführer zu einem Wissensspeicher, zeigen aber auch die Grenzen seiner wissenschaftlichen Nutzbarkeit auf. Dennoch kann die Bedeutung der Taschkent-Publikation kaum überbewertet werden, auch weil zentrale Thesen der deutschsprachigen Texte am Ende auf Russisch vorliegen, was die Rezeption in Usbekistan und darüber hinaus ermöglicht. Dass eine solche eigenständige Interpretation von den Machthabern in Usbekistan selbst nicht erwünscht ist, zeigten die negativen Konsequenzen für die Projektteilnehmer. Das Buch steht bis heute auf einem Index. Deutsche Autoren erhalten seit dem Erscheinen keine Visa mehr für das Land.

Im Fall von Wilna verfuhr der Verleger Meuser anders: Hier griff er auf einen 2011 von Julija Reklaite und Ruta Leitanaite herausgegebenen litauischen Architekturführer zurück, in dem ein Kollektiv von Wilnaer Architekten und Kunsthistorikern einen Bogen von 1900 bis 2011 spannte. Damit wurde zum ersten Mal eine moderne Architekturgeschichte der eher für ihre barocke Altstadt berühmten litauischen Hauptstadt vorgelegt. Sie wurde mit Unterstützung des Litauischen Kulturministeriums von Saskia Drude exzellent ins Deutsche übertragen und so 2015 eine litauische Interpretation der Stadtgeschichte dem deutschen Leser zugänglich gemacht. Beginnend mit dem Jugendstil im späten Zarenreich über die Moderne der polnischen Zwischenkriegszeit und sowjetischen Nachkriegszeit werden Verbindungslinien zwischen europäischen und globalen Tendenzen und der Architektur in Wilna aufgezeigt, die bis in die Gegenwart reichen. Die Grundannahme tritt deutlich zum Vorschein: Wilna war und ist eine moderne Stadt und die Moderne hat hier ein ganz eigenes, litauisches Antlitz. Im Klappentext heißt es dazu: „Ungeachtet der wechselnden politischen Verhältnisse waren die in Vilnius bauenden Architekten stets bestrebt, eine eigene, unverwechselbar litauische Baukunst zu schaffen, indem sie traditionelle Motive mit internationalen Einflüssen verbanden und haben damit zu einem individuellen städtischen Bild mit spannungsreichen Beziehungen zwischen Alt und Neu beigetragen.“ Der hier vermerkte litauische Charakter wird a priori für alle Phasen angenommen und nur in einigen der begleitenden Texte exemplarisch gemacht. Dabei erfahren die Leser außer den Namen wenig über die Architekten und ebenso wenig über die Bewohner der sonst gut dokumentierten Bauwerke. Damit ist der Stadtführer Ausdruck einer in Litauen verfolgten Strategie, die moderne Geschichte einer multikonfessionellen und multiethnischen Stadt zu schreiben, ohne näher auf ihre Einwohner einzugehen. Sie lässt sich entlang von Bauwerken, Straßen und ganzen Wohngebieten einfacher und unproblematischer verfassen. Kontinuitäten jenseits „der Kriege“ werden so stärker sichtbar und die Folgen von „politischen Umbrüchen“ für Bauherren, Architekten und Einwohner müssen nicht explizit gemacht werden. So lässt der 2015 auf Deutsch erschienenen Architekturführer durch das moderne Vilnius zwar anhand der Namen deutlich erkennen, dass vor dem Zweiten Weltkrieg vor allem Juden und Polen das Antlitz Wilnas prägten, aber der Leser erfährt nichts über den Mord an den Juden und die Aussiedlung der Polen nach Ende des Krieges, weil die Artefakte, die sie hinterließen, alles überstanden. Der Fokus auf Gebäuden und die damit einhergehende vollständige Ausblendung ihrer Bewohner wird in der Einleitung zur städtebaulichen Geschichte Wilnas von Tomas Grunskis auf den Punkt gebracht. Auf Seite 11 wird der Mord an annähernd einem Drittel der Einwohner sowie die Aussiedlung einer weiteren großen Einwohnergruppe so zusammengefasst: „Zu allen Zeiten haben Kriege die städtische Entwicklung von Vilnius stark beeinfluss – so auch der Zweite Weltkrieg mit seinen immensen Zerstörungen“. An dieser Stelle werden die Schwächen der verlegerischen Entscheidung für eine unbearbeitete Übersetzung des litauischen Originals deutlich: Für einen deutschen Leser wäre insbesondere der Hinweis auf die Auswirkungen deutscher Besatzungspolitik auf die städtische Entwicklung wünschenswert. So wird etwa auf Seite 56 auf darauf verwiesen, dass das konstruktivistische Wohnhaus in der Kalinausko gatve 3 wahrscheinlich von Isaak Smorgonski errichtet wurde und die Gestapo beherbergte. Aber die Folgen der Herrschaft der Gestapo für den Architekten des Hauses sowie seine Bewohner werden nicht benannt.

Auch jenseits der Ausblendung des Nationalsozialismus gibt es empfindliche Folgen der direkten, nicht redaktionell überarbeiteten Übersetzung aus dem Litauischen. Auf Seite 124 wird der Neubau des zentralen Standesamtes als erster weltlicher Hochzeitspalast in der litauischen Sowjetrepublik vorgestellt und auf seinen besonders rhythmischen Baukörper verwiesen, der auch mit dem umgebenden Park harmoniere. Es ist in Wilna kein Geheimnis, dass es sich bei diesem „alten Park“ um einen ehemaligen evangelischen Friedhof handelt, der erst wenige Jahre vor dem Bau von sowjetischen Behörden eingeebnet wurde. Der deutschsprachige Leser würde wahrscheinlich das Standesamt und den es umgebenden Park anders betrachten, erführe er, dass die Bäume der Alleen zu den wenigen Überresten des evangelischen Friedhofs gehören.

Der eleganten Lituanisierung von Stadtgeschichte durch ausgelassene Kontextualisierung nichtlitauischer Bewohner, die zum Beginn des Zweiten Weltkriegs die übergroße Mehrheit der Stadt ausmachten, wird im Teil über die sowjetische Nachkriegsmoderne noch eine weitere Nationalisierungsform zur Seite gestellt: Eine besondere Leistung des Bandes liegt dabei in der systematischen Typisierung und Katalogisierung von Beispielen sowjetischer Architektur – sowohl der herausragenden als auch durchschnittlichen, aber charakteristischen Bauten. Diese Werke werden im Rahmen sowjetischer Planwirtschaft verständlich kontextualisiert. Die starke Verwobenheit der ersten Generation von litauischen Nachkriegsarchitekten mit dem sowjetischen System wird aber ausgeblendet. Stattdessen erfährt der Leser vom besonderen „nationalen Charakter“ von Werken wie dem Hotel Neringa sowie dem Stadtviertel Lazdynai. Zwar wird dabei der in Moskau vergebene Leninpreis von 1972 als Beweis für die hohe Qualität des städtebaulichen Projekts von Lazdynai angeführt, aber der noch zu sowjetischen Zeiten einsetzenden Selbstmythologisierung der litauischen Architekten, die nach 1991 nahe legten, sie hätten mit ihren modernen Bauwerken nationalen Widerstand geleistet, wird in den Einzeldarstellungen keine durchgehend kritische Perspektive entgegengestellt. Wahrscheinlich führte ein solcher Anspruch auch über die kompakte Darstellungsform des Architekturführers hinaus.

Dem architekturhistorisch interessierten Besucher Wilnas dient der Architekturführer auch mit diesen diskursiven Unschärfen zur vorzüglichen Orientierung und zur Entdeckung des Erbes der russischen, polnischen, sowjetischen und litauischen Architektur-Moderne mit all ihren bemerkenswerten Akteuren. Dazu tragen die genauen Karten, Grundrisse, Infografiken sowie aktuelle Photos von Bauten bei, deren Überblick auch Werke umfasst, die erst 2011 entstanden. Damit ist die Publikation nicht nur ein historischer Stadtführer, sondern auch ein Begleiter in die Gegenwart. In dieser Gegenwart stärken vor allem die Kontinuitäten und Verbindungen zwischen Wilna und dem Westen die Selbstverständigung der Litauer über ihre Hauptstadt.

Das ambitionierte Unterfangen des Verlagshauses DOM hat damit zwei außergewöhnliche Bände hervorgebracht, die auf unterschiedliche Weise auf Deutsch neues Wissen zugänglich machen und sowohl Taschkent als auch Wilna für den deutschsprachigen Leser erschließen. Zu Städten in der ehemaligen Sowjetunion liegen außerdem Bände über Astana, Bischkek, Kaunas, Kiew, Moskau, Riga, St. Petersburg und die letzte sowjetische Planstadt Slawutitsch vor, die für die Opfer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl errichtet wurde. Ihnen gemein ist die anspruchsvolle graphische Aufbereitung. Sie unterscheiden sich aufgrund der Entstehung des Textes aber jeweils stark in ihrem Vermögen, das lokale Wissen über Architektur und Stadtgeschichte zu kontextualisieren.

Zitation
Felix Ackermann: Rezension zu: Meuser, Philipp (Hrsg.): Taschkent. Architekturführer. Berlin 2012 / Reklaite, Julija; Leitanaite, Ruta (Hrsg.): Architekturführer Vilnius. Bauten ab 1900 bis heute. Berlin 2015 , in: H-Soz-Kult, 15.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24551>.